• Marvin van der Grinten
  • Marvin van der Grinten

Transafrika Westroute

Une aventure de 335 jours par Marvin En savoir plus
  • Tag 73, 0 Km/11848 Km

    10 novembre 2024, Guinée ⋅ ☀️ 32 °C

    Hassan hat für mich heute noch ein Spezialprogramm. Mit seinem Neffen Asalam soll es bin runter ins Tal und wieder rauf gehen. Eigentlich wollte ich mittlerweile längst weitergefahren sein, aber die Region im Hochland ist zu schön, um hier nur ein paar Tage zu verbringen. Etwas zweifelnd willige ich also ein und wir starten früh, da der Weg länger als 20 Kilometer ist. Die ersten zwei Stunden geht es auf einem schmalen Pfad, der direkt am Fels entlangführt, konstant steil bergab. Wir erreichen das Tal, als auf dem Weg plötzlich jemand steht. Er trägt eine Machete, ein Gewehr liegt vor ihm auf dem Boden. Während Asalam drei Sätze mit ihm wechselt und wir an ihm vorbeigehen, schultert er das Gewehr und folgt uns. Nach rund 10 Minuten verlassen wir den Pfad, biegen weglos ins Gelände ab, der Kerl weiterhin hinter uns. Asalam blickt sich jetzt immer wieder um, ist sichtlich nervös. Er legt noch einen Schritt zu, ich kann gehend kaum mehr mithalten. Als wir nach rund einer halben Stunde an einen Fluss kommen, der einige Sekunden zum überqueren dauert, schaffen wir es auf der anderen Seite im Gewirr des Dickichts unseren Begleiter abzuhängen. Es gab schon ein paar Mal solche Situationen, in denen ich nicht nachvollziehen kann, warum die andere Person gerade so handelt, so auch hier. Im besten Fall war es nur Neugier, was der Weiße hier in diesem Tal zu suchen hat.
    Wir laufen eine weitere Stunde durch das Dickicht des Waldes, ich stürze zweimal über die dicken Wurzeln am Boden, die aufgrund des Bewuchses nicht zu sehen sind. Plötzlich höre ich ein Trommeln von der Seite, gefolgt von Schreien. Asamal stockt und blickt in den Wald. "Das sind Schimpansen" sagt er. Die Schreie kommen nicht von weit weg und auf eine Begegnung mit wilden Schimpansen im Wald können wir beide verzichten, also überspringen wir die mittlerweile längst überfällige Pause. Wir kommen an einen Fluss, wo Asalam sagt, dass die Schimpansen hier zum Trinken herkommen. "Wenn wir denen hier begegnen, ist das nicht gut. Wir sollten weiter." sagt er.
    Es geht nun langsam Bergauf und wir sind so nah an der Felskante, dass ich keinen Himmel mehr sehen kann, als Asalam plötzlich hektisch umdreht. Er hat eine Schlange auf dem Weg liegen sehen, kennt den Namen der Schlange nicht im französischen, sagt mir aber, dass die Schlange sehr gefährlich ist. "Wenn die uns beißt, war es das." Da es zum Teil auf allen Vieren über dicht bewachsene Steine geht, ist mir auf der weiteren Strecke unwohl, plötzlich in eine Schlange zu greifen. Geschieht zum Glück nicht.
    Die Felswand bricht an einer Stelle in einer Felsscharte auf, hier befindet sich der Rückweg. "Es gibt Leitern, an denen wir durch die Felsspalte nach oben klettern" sagt Asalam. Die 'Leitern' sind mehrere Holzstämme, mit Lianen zusammengebunden und an die Felsen gelehnt. Mit dem Wasserfall, der die Felsscharte herunterläuft, ist der Rückweg spektakulär. Nach insgesamt 7 Stunden kommen wir am Gipfel an und machen unsere erste Pause. Nach 4 Wandertagen bin ich ziemlich platt. Es geht auf einen letzten Anstieg, der es noch einmal in sich hat, anschließend über Felder rund eine weitere Stunde zurück zum Camp. Hassan freut sich, als wir zurückkommen. "Für morgen hab ich schon etwas schönes für dich rausgesucht." sagt er. In Ordnung, dann bleibe ich halt noch einen weiteren Tag.
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  • Tag 74, 0 Km/11848 Km

    11 novembre 2024, Guinée ⋅ ⛅ 28 °C

    Der letzte Tag bei Hassan beginnt. Wir starten am Vormittag gemeinsam in einen Talabschnitt, in dem Hassan selber schon lange nicht mehr war. "3 Stunden, nicht länger." sagt er als wir starten und ich habe keine Hoffnung, dass das stimmt. Auf dem Weg durch das Dorf besuchen wir das Krankenhaus, es gibt drei kleine Zimmer zum stationären Aufenthalt, sowie einen Behandlungsraum. Der einzige 'Arzt' der hier arbeitet hat eine Ausbildung als Krankenpfleger und hat außer einem Blutdruckmessgerät und einem Stethoskop eigentlich kein Equipment. Leider habe ich keine Medikamente übrig, die ich hier lassen kann.
    Wir verlassen die Klinik und biegen auf einen Pfad in das Tal ab, welcher bald endet. Kurze Zeit später verlaufen wir uns im Dickicht auf dem Weg nach unten. Der Wald ich so dicht, dass wir keine Möglichkeit zur Orientierung haben. Vier Stunden dauert es, bis wir endlich den richtigen Pfad gefunden haben und im Tal sind. Hier gibt es einen kleinen Wasserfall, der über eine Kante fließt. Hinter dem Wasserfall ist eine Höhle, wo man von unten schwimmend durch den Wasserfall schauen kann. Mit dem Lärmpegel, den der Wasserfall in der Höhle erzeugt halte ich es in dem eiskalten Wasser nicht lange aus. Hassan pflückt eine Pflanze, an deren Wurzeln Erdnüsse hängen. Die Erdnüsse sind reif und schmecken auch ungeröstet gut, auch wenn die Konsistenz eher weich als knackig ist.
    Der Rückweg ist einfacher, wir verlaufen uns nicht und sind nach insgesamt 6 Stunden zurück am Camp. Ich nutze den Nachmittag um das Auto für die Weiterreise vorzubereiten, zum Abschied sticht mich dann noch eine von Hassans Bienen in die Hand. Ich werde versuchen, in den kommenden zwei Tagen bis nach Conakry, der Hauptstadt von Guinea zu reisen. Leider führt kein Weg um Conakry herum, da ich zum Einen die Botschaft der Elfenbeinküste aufsuchen, zum Anderen meine Fingerabdrücke bei der Einwanderungsbehörde abgeben muss. Normalerweise geschieht dies direkt bei der Einreise, an der Grenze hatten sie jedoch kein passendes Gerät. Für die Abgabe der Fingerabdrücke habe ich eigentlich nur 5 Tage Zeit, somit hoffe ich, dass dies an keinem der kommenden Checkpoint auffällt.
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  • Tag 75, 296 Km/12144 Km

    12 novembre 2024, Guinée ⋅ ☁️ 32 °C

    Ich verabschiede mich am Morgen von Hassans Familie, welche mich fast eine Woche als Gast empfangen haben. Er selber möchte von mir bis in die nächste größere Stadt mitgenommen werden, er muss einen Brief schreiben und dazu in ein Cybercafé. Hätte er mal gefragt, hätte ich ihm meinen Laptop geliehen. Die Stadt ist leider nur über eine üble Offroadpiste erreichbar, auf Teilen davon bin ich schon auf dem Hinweg gefahren. Hassan kennt auch hier eine Abkürzung, wir sparen eine Stunde Fahrzeit, die Straße ist dafür an der Grenze zu unbefahrbar. Steil und mit viel Geröll, dazu ordentliche Schräglage mit genügend Stellen, an denen das Fahrzeug potenziell zur Seite kippen kann. Die Straße ist bei keinem Navigationsdienst, den ich nutze eingezeichnet. Für die 15 Kilometer brauchen wir genau 2 Stunden. Hassan zeigt mir in der Stadt noch die örtlichen Webereien, hier werden Stoffe für den Weiterverkauf von Hand produziert. Ohne Hassan geht es weiter über die großen Städte Dalaba und Mamou bis zum Tagesziel Kindia. Es gibt rund 10 Checkpoints auf dem Weg, bei Dreien werde ich angehalten, alle sind freundlich. Beim letzten Stopp werde ich freundlich gefragt, ob ich ein Geschenk aus Deutschland mitgebracht hätte, der Polizist bekommt von mir einen Stift, worüber er sich sehr freut. Als er seinem Chef den Stift zeigt, rennt dieser zu meinem Auto und möchte auch einen, ist ein bisschen wie als würde man Kindern Süßigkeiten geben. Ich gebe ihm ebenfalls einen und sehe beim Davonfahren im Rückspiegel, wie beide ihren tollen neuen Stift ansehen.
    In Kindia finde ich nach langer Zeit eine Tankstelle, bei der ich mich traue zu tanken. Seit Marokko tanke ich nur bei großen Ketten wie Shell oder Total und versuche die kleinen Tankstellen aufgrund der schlechten Dieselqualität möglichst zu meiden. Ich möchte 50 Liter, werde aber zunächst gefragt ob ich auch Geld habe. Anschließend wird zu viert über mehrere Minuten diskutiert, wie viel 50 Liter denn kosten und wie viel Wechselgeld ich zurückbekomme, bis ich ihnen schließlich 400.000 Franc (einen Bündel, der aufgrund der Inflation so dick ist, dass er kaum in meine Hand passt) gebe und sage, dass ich Diesel für 400.000 Franc haben will. Jetzt rechnet man aus, wie viele Liter das denn dann sind, bis schließlich für 385.000 Franc getankt wird und ich 15.000 Franc zurückbekomme. Als ich von der Tankstelle fahre, sind alle verwirrt, mich eingeschlossen.
    Ich finde einen kleinen unspektakulären Wasserfall mit angeschlossenem Hotel, für 20€ lässt man mich auf dem Hof parken. Ich esse überraschend gutes Hühnchen mit Pommes und Kochbananen am Abend und bekomme zum ersten Mal ein Bier aus Guinea angeboten, eine Seltenheit in der sonst überwiegend islamischen Republik.
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  • Tag 76, 118 Km/12232 Km

    13 novembre 2024, Guinée ⋅ ☁️ 30 °C

    Auf geht's nach Conakry. Als ich losfahre, bin ich mir noch unsicher, ob ich mir das wirklich antun will. Ich könnte an der Grenze einen Beamten schmieren, damit er darüber hinwegsieht, dass ich keine Fingerabdrücke abgegeben hab und keinen offiziellen Visasticker im Pass habe und alle weiteren Behördengänge in Freetown, Sierra Leone machen, allerdings läuft mein Sierra Leone Visum erst ab dem 20.11. und somit muss ich so oder so einige Tage noch in Guinea verbringen. Also geht es tatsächlich los in die Hauptstadt. Nachdem die schlechte Offroad Strecke irgendwann endlich geteert ist, sehe ich auf dem letzten Stück vor Conakry immer wieder Schlachter, die Rinder und Ziegen am Straßenrand ausnehmen. Das Leder wird nach dem Schlachten blutüberströmt am Seitenstreifen aufgehängt. Dann beginnt das Chaos. Conakry ist ein Moloch, was schon Kilometerweit vor dem eigentlichen Stadtkern beginnt. Wirklich ganz ganz übel. Der Straßenverkehr ist das heftigste, was ich in meinem Leben jemals gefahren bin, kein Vergleich zu Nouakchott oder Dakar. Es riecht nach verbranntem Plastik, Holz oder nicht richtig verbranntem Diesel, Erbrochenem. Bettler, Händler und Kinder stehen an jeder Straße und greifen ins Auto, sodass ich bei 35 Grad ohne Klimaanlage die Fenster schließen muss, die Luft ist diesig aufgrund der Verschmutzung, fast alle Fahrzeuge stoßen tiefschwarzen oder weißen Rauch aus. Der Verkehr ist unfassbar, ich sehe mehrere Verkehrsunfälle trotz massiver Polizeipräsenz an den Kreuzungen. Die Polizei trägt Schlagstöcke und nutzt diese zum direkten Bestrafen bei Vergehen, seltener um die Richtung zu zeigen. Ich sehe ein Motorradtaxi, dessen Fahrer trotz Haltesignal weiterfährt und vom Polizisten als Strafe mit dem Stock im Vorbeifahren eins Übergezogen bekommt. So vorsichtig ich auch fahre, der Verkehr kommt von allen Seiten, auch bei rot, besonders im Kreisverkehr. Es fängt plötzlich an zu regnen, was die Luftfeuchtigkeit explodieren lässt. Ohne Unfall schaffe ich es nach Stunden in einen der Vororte vom Stadtkern, wo ich bereits gestern über AirBNB ein Zimmer mit Bad für 35€ die Nacht gemietet habe. An Schlafen im Auto ist für mich aktuell nicht mal ansatzweise zu denken. Das Zimmer ist okay und nach afrikanischem Maßstab sauber, es gibt einen Parkplatz mit hoher Mauer und Stacheldraht.
    Ich muss mich am Nachmittag etwas sputen, da ich unbedingt noch heute den Stempel und den Visumssticker bei der Einwanderungsbehörde abholen muss und dort meine Fingerabdrücke abgeben soll. Ich nehme am Nachmittag also ein Mototaxi, welches mich für 3€ pro Strecke zum Flughafen bringt. Fingerabdrücke, Stempel und Sticker bekomme ich dort. Der Flughafen ist maximal gesichert, es geht durch 5 Kontrollen und bei jeder muss ich erklären, was ich möchte. Dass jemand ohne Sticker auf dem Landweg eingereist ist, haben viele noch nie oder zumindest schon lange nicht mehr gehört. Im Behördenbüro geht alles reibungslos, nach 15 Minuten ist alles erledigt. Ich rufe den Fahrer vom Mototaxi an, 5 Minuten später ist er wieder da und bringt mich zum Ausgangspunkt zurück.
    Am Abend finde ich ein Restaurant, welches seit dem Betreten des afrikanischen Kontinents zum ersten Mal Speisen anbietet, die wir auch bei uns in Europa finden. Da ich mich einige Tage hier aufhalten werde und das Restaurant 15 Minuten zu Fuß vom Appartement entfernt ist, wird dies sicherlich nicht der letzte Besuch in diesem Restaurant sein.
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  • Tag 77, 0 Km/12232 Km

    14 novembre 2024, Guinée ⋅ 🌩️ 31 °C

    Es geht in das Gewühl von Conakry. Zwei Dinge stehen für heute auf dem Plan: Zur Botschaft der Elfenbeinküste und im Anschluss in das Generalkonsulat der Republik Kongo. Ich nehme wieder ein Mototaxi, mit einem normalen Taxi würde die Fahrt bis ganz an die Südspitze der Halbinsel mehrere Stunden dauern. Der Fahrer hält nach 30 Minuten an und erklärt mir, dass ich ein weiteres Mototaxi nehmen muss. Ganz im Zipfel der Halbinsel befinden sich die Regierungsgebäude und nach dem Putsch möchte er nicht weiterfahren. Es gibt Mototaxifahrer, die die Gegend gut kennen und genau wissen, welche Straßen man nehmen darf und welche nicht. Ich steige also um und fahre das letzte Stück mit einem anderen Fahrer. Je weiter wir fahren, umso mehr Militärfahrzeuge, schwer bewaffnet und gepanzert, Flugabwehr, Panzersperren. Die letzten 300 Meter zur Botschaft kann auch das Motorrad aufgrund von Straßensperren nicht mehr fahren, ich muss also bis zur Botschaft laufen.
    In der Botschaft der Elfenbeinküste sagt mir der Verantwortliche, dass Visa aktuell nicht ausgestellt werden. "Wieso?" frage ich. "Das Büro wird gerade geputzt. Erst danach wieder." Ich warte 45 Minuten bis alles sauber ist und darf dann eintreten, meine dreckigen Schuhe bleiben zum Glück an. Der Botschafter ist ziemlich unfreundlich, spricht sehr leise und nuschelt, ich muss bei jedem Satz 3x nachfragen, was er denn will. Es wird wieder alles mögliche kopiert und notiert, das Visum kann ich am nächsten Tag nachmittags abholen, was bedeutet, dass ich den gleichen Weg noch einmal auf mich nehmen muss. Wäre ja auch zu viel verlangt und zu stressig, den Sticker eben auszudrucken und einzukleben. Der Mototaxifahrer bringt mich wieder die halbe Strecke zurück und ich wechsle wieder den Fahrer. Es geht nun einmal quer durch das Verkehrschaos auf die andere Seite der Stadt. Nur einmal in meinem Leben habe ich mit Dhaka, Bangladesch eine Stadt gesehen, die in Puncto Hektik, Stau und Lärm vergleichbar ist. Hupe und Bremsen müssen funktionieren, der Rest ist optional.
    Im Konsulat der Republik Kongo sitzt ein einzelner Herr in einem Wohnhaus an einem tristen Schreibtisch, das Visum wird direkt vor Ort erstellt. Ich soll 1.8 Millionen Franc zahlen (150€), es wird keine andere Währung akzeptiert. Da es keine Bank und keine Wechselstube weit und breit gibt, frage ich mich auf der Straße durch, ob jemand Geld tauschen kann, was nach einigen Anläufen in einem kleinen Shop auch gelingt. Der Batzen Geld, den ich für 150€ bekomme ist ordentlich dick. Für das Ausfüllen der wenigen Zeilen auf dem Visasticker braucht der Konsul 30 Minuten, dafür ist alles in erstklassiger Schrift niedergeschrieben.
    Nun wieder auf das Mototaxi und zurück zum Appartement, die komplette Aktion dauert fast 4 Stunden.
    Ich nutze den Nachmittag zum Einkaufen, gehe ein Sandwich essen und repariere mal wieder das Auto. Der rechte Scheinwerfer hat sich durch die Vibrationen gelöst und der Lichtkegel strahlt mittlerweile von oben nach unten statt von links nach rechts. Gestört hat das bisher niemanden, Scheinwerfer sind - wie gesagt - optional.
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  • Tag 78, 0 Km/12232 Km

    15 novembre 2024, Guinée ⋅ ☁️ 29 °C

    Am Morgen habe ich etwas Zeit, bevor ich das Visum der Elfenbeinküste am Nachmittag abholen kann. Ich versuche also noch zwei weitere Visa zu organisieren, Togo und Benin, beides glücklicherweise e-Visa, ein Besuch in der Botschaft ist nicht notwendig. Für Togo fülle ich das Online-Formular aus, zahle und erhalte 30 Minuten später eine Absage. Es fehlt eine Hotelbuchung, im Antrag stand diese zuvor als Optional. Also alles noch einmal, diesmal mit Hotelreservierung. Das Hotel storniere ich direkt 5 Minuten später wieder, so möchte man es halt.
    Beim Antrag für das Visum von Benin klappt die Zahlung nicht, alle Karten werden abgewiesen, im 6. Anlauf mit der 3. Kreditkarte klappt es dann, warum auch immer. Mein Telefon klingelt, eine Telefonnummer aus Guinea, der Gastgeber des AirBNB. Es gab einen Fehler bei der Reservierung, ich muss das Zimmer morgen verlassen. Eigentlich wollte ich bis Dienstag bleiben. Ich frage ihn, ob es in Ordnung ist, wenn ich auf seinem Hof im Auto schlafe. Ausnahmsweise kein Problem. Der Lärm der Stadt ist im Zimmer sowieso zu hören, im Auto gibt es keine Kakerlaken und auch keinen Stromausfall, wie 5x in den letzten 3 Tagen. Also werde ich morgen ins Auto umziehen, endlich wieder.
    Ich mache mich auf den Weg zur Botschaft der Elfenbeinküste, gleicher Weg, wieder mit zwei verschiedenen Mototaxi. Der unfreundliche Herr in der Botschaft ist wieder anwesend, das Visum ist noch nicht fertig. "In zwei Stunden" sagt er, ich warte also vor seinem Büro, bis er nach 90 Minuten ein Herz für den wartenden Weißen auf dem Gang hat und sich aufraffen kann, das Visum auszufüllen und einzukleben.
    Als ich die Botschaft verlasse, ist Gebetszeit. Ausgerechnet an einem Freitag. Aus diversen Reisen in den nahen Osten weiß ich, dass in der Zeit gar nichts geht. Alle sind in den Moscheen und da diese derart überfüllt sind, beten die Leute zu Tausenden auf den Straßen, die Predigt wird mit Lautsprechern übertragen. Ich finde natürlich jetzt kein Mototaxi, also warte ich rund eine halbe Stunde auf einem Plastikstuhl im Schatten in einer der Seitenstraßen von der Botschaft, bis ich irgendwann einen Taxifahrer finde. Die Straßen sind noch wie leergefegt, Autos stehen am Straßenrand, die Fahrer betend daneben. Zurück zum Punkt, wo ich das Mototaxi wieder wechseln muss, auch hier warten bis die Messe gelesen ist und dann in den innerhalb von Sekunden wieder explodierenden Verkehr, es geht zurück zum Appartement. Nach drei Tagen ist alles Organisatorische erledigt und ich kann den kommenden Tag dazu nutzen, endlich andere Dinge von Conakry zu sehen als die ortsansässigen Behörden.
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  • Tag 79, 0 Km/12232 Km

    16 novembre 2024, Guinée ⋅ ☀️ 29 °C

    Ich packe früh am Morgen alles vom Zimmer ins Auto, anschließend geht es zum Sightseeing in den Luftkurort Conakry. Ich habe über Hassan einen Fahrer organisiert, der mich zu allen interessanten Plätze der Stadt führen wird. Im schwer bewachten Stadtkern muss heute glücklicherweise das Fahrzeug nicht gewechselt werden, der Fahrer ist jedoch aufgrund der massiven Militärpräsenz etwas angespannt. Fotografieren soll ich nur an ausgewählten Orten, alles andere ist zu gefährlich. Ein falsches Foto kann hier ernste Konsequenzen haben, die Militärregierung igelt sich mit Waffen so gut ein wie sie kann, um nicht durch andere bewaffnete Gruppen gestürzt zu werden. Wir besichtigen die Zentralmoschee, die Kirche und den Markt im Stadtkern, Fotos sind hier möglich aber jedes Mal mit Diskussion verbunden. Die Atmosphäre auf dem Markt ist intensiv, gleicht optisch den vielen anderen Märkten in Westafrika. Es geht weiter bis zur Südspitze der Stadt und in den Hafen. Fisch wird hier auf einem kleinen Markt herangebracht und verkauft, ich sehe Fische die größer sind als ich. Ich bin heilfroh, einen Fahrer zu haben der hier im Gewusel die Orientierung behält. Als wir versuchen den Markt wieder zu verlassen, legt das vor uns fahrende Fahrzeug plötzlich den Rückwärtsgang ein und donnert uns vorne rein. Beide Fahrer steigen aus, begutachten den Schaden, steigen schulterzuckend ein und fahren weiter. Auf meinen Satz: "Der ist uns gerade reingefahren" antwortet der Fahrer gleichgültig mit "Ja" und setzt seine Tour wie geplant fort. Das Auto ist sowieso schon rundum kaputt, der Kilometerzähler vor Jahren bei 350.000 Km stehen geblieben, da kommt es nun auf eine geknickte Stoßstange samt Motorhaube auch nicht mehr an.
    Nach dem Mittagessen beenden wir die Tour, Hektik und Luftfeuchtigkeit machen mir heute derart zu schaffen, dass ich froh bin am Nachmittag am Auto etwas Ruhe zu finden.
    Auch wenn mein Visum für Sierra Leone erst in 4 Tagen startet, werde ich versuchen morgen die Grenze zu passieren. Es besteht die Chance, dass ich aus Guinea ausreise und in Sierra Leone noch nicht einreisen darf. In diesem Fall wäre ich 3 Tage im Niemandsland zwischen den Grenzen gestrandet, der Weg zurück nach Guinea ist nach der Ausreise aufgrund des dann ungültigen Visums nicht mehr möglich. Auch wenn mir Conakry sehr gut gefallen hat, möchte ich nicht noch drei weitere Tage in der Hauptstadt abhängen und nehme das Risiko, temporär zwischen den Grenzen zu stranden in Kauf.
    Guinea verlasse ich mit einem sehr guten Gefühl. Auch wenn ich nur rund zwei Wochen im Land war und sicherlich nur einen winzigen Teil gesehen habe, haben mich die Landschaft und die Freundlichkeit der Menschen beeindruckt. Hoffentlich komme ich eines Tages wieder zurück.
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  • Tag 80, 313 Km/12545 Km

    17 novembre 2024, Sierra Leone ⋅ ☁️ 29 °C

    Die Nacht ist leider sehr unruhig, Guinea hat gegen Kongo Fußball gespielt und in der Nachspielzeit das 1:0 geschossen und gewonnen, entsprechend ist die Stimmung auf den Straßen bis tief in die Nacht. Ich starte am frühen Morgen trotzdem wie geplant, wenn auch müde und verlasse Conakry. Es ist Sonntag, ich hoffe auf leere Straßen, die Realität ist jedoch eine Andere. Die Fahrt raus aus der Stadt dauert noch etwas länger als die Fahrt hinein, mehrere Stunden stehe ich immer wieder im Stau. Auf dem Weg zur Grenze nach Sierra Leone gibt es mehrere Stellen, wo Einheimische mit Palmenblättern demonstrativ die Straße fegen und für diese Farce Geld möchten. Die Streckenabschnitte sind durch Palmenblätter, die von ihren selbstgebastelten Besen abgebrochen sind derart dreckig, dass ich mich dazu entscheide ohne Zahlung durchzufahren. Kommt nicht gut an, außer wildes Gebrülle passiert jedoch nichts.
    Ich komme am Vormittag an der Grenze an. Der Pass ist innerhalb von Minuten gestempelt, nur noch zum Zoll denke ich. An der Zollabfertigung sitzt ein in Tarnuniform gekleideter Beamte barfuß. Es sind schließlich 35 Grad, da braucht man Tarnuniform, Pistole, Schlagstock aber sicherlich keine Schuhe. "LKW-Fahrer oder Tourist" fragt er. "Tourist" antworte ich. Ich werde allen anderen wartenden LKW-Fahrern vorgezogen und direkt zum Oberzöllner geführt. Die LKW-Fahrer liegen auf dem Boden, warten bereits Stunden auf ihre Abfertigung. Der Oberzöllner, rote Mütze, kräftig gebaut, als einziger in blauer Uniform, sitzt vor seinem Büro und lässt sich von einem ungefähr 12 Jahre alten Mädchen gerade eine Orange schälen. Er bekommt meine Papiere und ist unglaublich freundlich, nimmt mich mit in sein Büro und plaudert über meine Reise und darüber, dass er schon in Europa war. "Möchtest du einen Kaffee?" Fragt er plötzlich. "Äh, ja wieso nicht." antworte ich. Er holt eine Hightech-Akkukaffeemaschine aus seinem Schrank und nach meiner Wahl ob Espresso oder Café-Creme bereitet er mir einen wunderbaren Espresso zu. Die Tür geht zaghaft auf und das kleine Mädchen fragt, was mit seiner Orange ist. Er blafft zurück: "Ich bin gerade beschäftigt. Schäl einen ganzen Sack!" Nach weiterem Small-Talk verlasse ich schließlich sein Büro und damit auch Guinea mit gestempelten Dokumenten, einem halb ausgetrunkenem Espresso und einem ganzen Sack voll geschälter Orangen.
    Auf der Seite von Sierra Leone geht es auf Englisch weiter, ich werde den ganzen Tag brauchen um mich in der Denkweise der Sprache umzustellen. Dem Zöller an der Passkontrolle fällt es nicht auf, dass mein Visum noch nicht gültig ist, das Geräusch des Stempels, der in meinen Pass gehämmert wird gleicht dem Geräusch welches der Stein macht, der mir in diesem Moment vom Herzen fällt. Nachdem der übliche Kram zügig erledigt ist, geht's zuletzt noch ins Büro vom Straßenverkehrsamt. Hier muss Straßenmaut gezahlt werden. Der Beamte mit Bauchtasche, Unterhemd und Sonnenbrille sitzt in einem kitschig eingerichteten Büro und heißt mich in seinem wunderschönen Land herzliche Willkommen. "Sogar Tiger gibt es!" erzählt er mir. Ich lasse ihn in dem Glauben, dass es in Afrika Tiger gibt, vielleicht meinte er auch einfach Löwen.
    Es geht über einen erstklassigen Highway, der die Straßenmaut von 25€ absolut wert ist bis nach Freetown. Es gibt wieder diverse Checkpoints, deren Polizisten vor Begeisterung kaum wissen, was sie fragen oder welche Dokumente sie verlangen sollen. Nach vielen Jahren Bürgerkrieg ist Sierra Leone mittlerweile wieder zur Normalität zurückgekehrt und Touristen, wenn auch bislang nur vereinzelt, bestätigen dies. Kurz vor Freetown fährt vor mir ein Sammeltaxi, der Fahrer fährt rechts ran um Fahrgäste abzusetzen. Eine Situation, die es bereits hundertfach gegeben hat und die für mich das Signal zum Überholen ist. In dem Moment, als ich überhole, sehe ich, dass keine Fahrgäste abgesetzt werden, sondern dass aufgrund einer Polizeikontrolle angehalten wird. Der Polizist ist außer sich und brüllt schon, bevor ich überhaupt stehe. Ich rechne fest damit, jetzt zahlen zu müssen, schaffe es aber irgendwie aus dieser Situation raus und werde nach rund 5 Minuten intensiver Vorwürfe plötzlich weitergeschickt. Puh, nochmal gut gegangen.
    Das Stadtzentrum von Freetown taucht auf, unterscheidet sich optisch deutlich von Conakry. Die Stadt ist sehr hügelig, die Häuser am Berg gebaut. Der Verkehr ist jedoch 1:1 der gleiche wie am frühen Morgen. Ich fahre bis tief ins Stadtzentrum und finde einen Platz zum Campen im Hof eines Gästehauses. Ich bin der einzige Gast und die Besitzerin hat keine Ahnung, was sie für eine Nacht im Auto verlangen kann. Ich biete ihr 15€, was sie mit "Das ist mehr als genug." kommentiert.
    Mit dem Erreichen von Sierra Leone bereise ich gleichzeitig auch meinen insgesamt 100. Staat. Welch ein Meilenstein.
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  • Tag 81, 62 Km/12607 Km

    18 novembre 2024, Sierra Leone ⋅ ⛅ 29 °C

    In der Nacht regnet es heftig. Ich freue mich über die kurzzeitig angenehmen Temperaturen, die Freude hält am Morgen nicht an, da die Kombination aus Luftfeuchtigkeit und Hitze mir ordentlich zu schaffen macht. Jeder Handgriff ist anstrengend und wird mit Herzrasen und Schweißausbrüchen begleitet.
    Leider muss ich mich auch heute wieder mit einer Behörde rumschlagen. Ich brauche noch ein letztes Visum, Ghana. Wenn ich Glück habe, ist das also der letzte Behördengang. Das Visum für Ghana ist eigentlich nur im Heimatland erhältlich, Freetown ist der einzige Ort, an dem das Visum noch verfügbar ist. Der Konsul hat einen Teil seiner Familie in Deutschland und drückt bei Deutschen gerne ein Auge zu. Ich bereite also alle Unterlagen vor, lasse alles in einem kleinen Copyshop an der Straße ausdrucken und fahre zur Botschaft. Wieder einmal muss das Geld bei einer Bank eingezahlt werden. Die Frau am Empfang in der Botschaft nennt mir die Adresse der Bank, diese ist 5 Minuten entfernt, also kein Problem denke ich. Die Odyssee beginnt, ich weiß es nur noch nicht: An der angegebenen Adresse gibt es keine Bank.
    Ich suche also eine andere Bank mit dem gleichen Namen übers Internet, fahre quer durch die Stadt. Der Name der Bank steht dran, es gibt jedoch nur einen Geldautomaten. Geld auf ein Konto einzahlen geht nicht. Ich Frage mich durch, fahre links/rechts/hoch/runter durch eine Gegend, die durchaus auch in einer Favela in Rio de Janeiro sein könnte bis ich endlich eine passende Bank finde. Im gesamten Viertel liegen Leute auf der Straße. Obdachlos, Heroinabhängig, ohne Hose. Ich Frage zwei Straßenpolizisten, ob sie auf mein Auto aufpassen, während ich in der Bank bin. Machen sie. In der Bank totales Chaos, Müll auf dem Boden, zig Leute gleichzeitig an den Schaltern. Nach 20 Minuten habe ich mich bis vorne durchgeschlagen und gebe der Dame an der Kasse Kontonummer und das Geld. Diese zählt und es fehlen 35 Leone, umgerechnet 1,50€. Ich habe nirgendwo mehr Bargeld, muss also welches abheben. Am einzigen Automaten der nicht defekt ist wieder eine Schlange. Als ich endlich dran bin, werden alle drei Kreditkarten die ich habe abgewiesen. Es gibt noch einen anderen Geldautomaten 500 Meter weiter die Straße runter, also zu Fuß durch das Slum vorbei an Bettlern und schrägen Typen. Mehrfach werde ich auf dem Weg angesprochen. "Gib mir dein Portemonnaie", "Gib mir Geld" "Hey Weißer" gilt es zu ignorieren. Zum ersten Mal fühle ich mich auf der Reise berechtigt unsicher. Ich bekomme endlich Geld, laufe zurück, mache die Einzahlung, steige ins gut bewachte Auto. "Where is my lunch?" sagt die Polizistin. Den Kugelschreiber den ich ihr fürs Aufpassen auf das Auto schenke, kann sie zwar nicht essen, sie freut sich aber trotzdem. Schnell weg von hier und zurück zur Botschaft. Alle Unterlagen sind da und werden geprüft. Die Hotelreservierung, die ich brauche, ist in Deutsch. "Die muss auf Englisch sein". Also Sprache bei 'Booking.com' auf Englisch umstellen, neue Bestätigung runterladen, auf den Laptop ziehen, dann auf den USB-Stick und dann glücklicherweise in der Botschaft ausdrucken.
    Der Konsul macht einen Check meiner Unterlagen und zitiert mich in sein Büro. 10 cm tiefer an seinem Mahagonischreibtisch sitzend als er, fragt er mich, wieso ich ein Irak-Visum im Pass habe. Das gefällt ihm nicht. Ich erkläre ihm glaubhaft, was ich dort gemacht habe und werde nach kurzem Small-Talk über seine Familie in Deutschland entlassen. 3 Tage dauert das Visum, ich werde angerufen, wenn es fertig ist. Das mit dem Anruf klappt ganz bestimmt.
    Es ist zwar mittlerweile schon später Nachmittag, ich besichtige dennoch das Kriegsmuseum, welches den Bürgerkrieg thematisiert. Keine leichte Kost. Der Rundgang wird durch einen Museumsführer geleitet, drei Stunden dauern die Erklärungen. Die schlimmsten Fotos vom Krieg sind mit schwarzen Vorhängen verhangen und können angesehen werden, wenn einem nach Fotos von abgeschnittenen Köpfen oder verbrannten Kindern ist.
    In der Kantine der benachbarten Universität kann ich mittendrin etwas essen. Ich darf aber niemandem verraten, dass ich kein Student bin, sagt der Museumsführer. Zum Glück fällt meine weiße Hautfarbe nicht auf, also bekomme ich als 'Jurastudent für einen Nachmittag' für 2€ Reis mit Salat und Zwiebeln.
    Als ich am Nachmittag wieder zum Stellplatz zurückkehre, treffe ich zufällig zwei Reisende, mit denen ich schon mehrfach zusammen gereist bin. Ein erneuter Beweis dafür, wie klein die Welt ist. Ohne Wertsachen ziehen wir abends gemeinsam durch Freetown, trinken Bier in einer Bar. Manchmal reicht die Anwesenheit zweier weiterer Europäer gepaart mit mehreren Flaschen Bier um sich ein Stück wie zu Hause zu fühlen.
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  • Tag 82, 31 Km/12648 Km

    19 novembre 2024, Sierra Leone ⋅ ☀️ 27 °C

    Ich fahre am Morgen ein Stück raus aus Freetown in den auf der Halbinsel gelegenen Nationalpark. Auf dem Weg versuche ich zu tanken, fahre aktuell schon auf Reserve. An allen Tankstellen im Zentrum das absolute Chaos, ich werde schon von weitem von den Angestellten weitergewunken. Das es zwar reichlich Tankstellen aber so gut wie keinen Diesel im Land gibt, wird mir erst jetzt klar. Vor den Tankstellen floriert der Schwarzmarkt, es stehen Fässer und Flaschen bereit um den Bedarf zu decken. Durch die Seitenscheibe bietet man mir roten Diesel für den doppelten Preis an, ich verzichte aber erst einmal und hoffe, auf dem Weg in den Nationalpark eine funktionierende Tankstelle zu finden. Auf dem Hinweg gelingt mir das leider nicht.
    Im Nationalpark gibt es ein Schimpansenschutzgebiet welches ich ansteuere. Schimpansen werden hier aufgezogen und ausgewildert. Die Schreie der wilden Schimpansen zu hören, die sich rund um das Lager aufhalten ist wieder einmal großartig. Auf dem Rückweg nach Freetown finde ich glücklicherweise eine kleine heruntergekommene Tankstelle und auch wenn ich mich hier eigentlich sonst nicht trauen würde zu tanken habe ich aktuell keine andere Wahl. Ich frage den Tankwart, wie die Dieselqualität ist. "Super! Guck wie schön gelb der Diesel ist!" sagt er während er den Tankstutzen etwas aus dem Tank zieht. Wenn der Tankwart das sagt, muss das stimmen! Also rein damit! Zumindest stimmt die Farbe.
    Leider gibt es noch keine Rückmeldung von der Botschaft Ghanas, ich muss also weiter auf Pass und Visum warten. Ich werde voraussichtlich morgen trotzdem die Stadt verlassen und mir einen Ort zum Übernachten suchen, der etwas ruhiger ist als das Stadtzentrum von Freetown.
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  • Tag 83, 57 Km/12705 Km

    20 novembre 2024, Sierra Leone ⋅ ⛅ 29 °C

    Ich packe am Morgen zusammen und möchte eigentlich gerade starten, sitze sogar schon im Auto als mein Handy klingelt. Das Visum von Ghana ist fertig und kann abgeholt werden. Es hätte keinen besseren Zeitpunkt geben können, so kann ich Freetown tatsächlich final verlassen und muss mich nicht noch einmal durch den Verkehr quälen. Ich fahre zur Botschaft, Pass und Visum liegen bereit. Bis ich die Botschaft verlassen kann, dauert es trotzdem noch 30 Minuten, es muss noch alles mögliche ausgefüllt werden, Quittung, alle Daten in ein Buch (wozu??), Unterschrift hier, Unterschrift da.
    Ich fahre anschließend zu einem der Aussichtspunkte auf einem der Berge und schließlich endlich raus aus der Stadt. Verkehr, Luftverschmutzung, Lärm, Hektik und Armut lassen kein anderes Wort als 'heftig' im Gesamteindruck zu. Die Kindersoldaten, die vor 20 Jahren im Krieg abhängig von Drogen wurden, sind es zum Großteil heute noch. Abhängige habe ich in den letzten drei Tagen zu Tausenden gesehen. Daneben gibt es eigentlich keinen Ort in der Stadt, der nicht schwer bewacht wird. Selbst vor dem Supermarkt, den ich auf dem Weg ansteuere, stehen drei Männer mit Maschinengewehr. Im Supermarkt gibt es zum ersten Mal seit Senegal alles was man sich vorstellen kann. Ich finde sogar einen Schokoriegel. Ich kann mein Glück kaum fassen und kaufe sogar gleich zwei!
    Die Strände rund um die Halbinsel sollen sehr schön sein, also fahre ich rund eine Stunde weiter in den Süden bis der Trubel nicht mehr zu spüren ist. Am Nachmittag finde ich einen Stellplatz direkt am Meer, die Wasserkante ist bei Flut 3 Meter entfernt. In einem kleinen Restaurant gibt es gebratenen Kalamar mit Pommes, der von einem der Fischer am frühen Morgen direkt in der Bucht gefangen wurde. Welch ein Kontrast zu den letzten Tagen in den beiden großen Städten Conakry und Freetown.
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  • Tag 84, 0 Km/12705 Km

    21 novembre 2024, Sierra Leone ⋅ ☀️ 29 °C

    Ich beschäftige mich den ganzen Tag mit Nichtstun. Einen solchen Tag hat es seit vielen Wochen nicht mehr gegeben. Zugegeben, es gibt Schlechteres als dies hier an diesem Ort zu tun. In der ganzen Bucht gibt es kein Hotel und keine Menschen, lediglich ein kleines Restaurant welches von einer einheimischen Familie betrieben wird. Der Regenwald zieht sich den Berg herunter bis an den Strand. Zwischen Baden im Meer und Sitzen im Schatten raffe ich mich tatsächlich mittags auf um im Restaurant zu essen. Die 100 Meter zum Restaurant werden das Weiteste sein, was ich an diesem Tag laufe, ich schaffe den ganzen Weg ohne Pause!
    Auch wenn die Erholung sehr gut tut, geht es morgen weiter in den Osten von Sierra Leone.
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  • Tag 85, 352 Km/13057 Km

    22 novembre 2024, Sierra Leone ⋅ 🌙 26 °C

    Am Morgen startet Heiner mal wieder nicht. Dieses Phänomen ist zuletzt vor einigen Wochen im Senegal aufgetreten. Ich hoffe, dass er bis Ghana durchhält, dort muss ich ein paar Tage für diverse Reparaturen einplanen. Ich habe aktuell den Verdacht, dass im kalten Zustand nicht alle Düsen im Motor weit genug öffnen und somit nicht genug Diesel eingespritzt wird. Ich werde in Ghana also den Kabelbaum der Düsen tauschen.
    Nachdem der Motor dann läuft, verlasse ich den schönen Strand im Süden Freetowns und mache mich auf den Weg nach Kenema, einer Stadt im Osten von Sierra Leone. Ich versuche in der Stadt im Hauptquartier des Gola Nationalparks die Freigabe zur Besichtigung des angrenzenden Regenwaldes zu bekommen. Telefonisch und per Mail gab es leider keine Reaktion. Zuerst müssen dazu über 300 Kilometer zurückgelegt werden, glücklicherweise auf einer gut ausgebauten Straße. Am ersten Checkpoint kurz hinter Freetown steht ein einzelner Herr, vermummt, Kalaschnikow in der Hand. Er stoppt mich, fragt mich wo ich hinfahre. Auf meine Antwort "Kenema" sagt er: "Kennst du den Weg dorthin?" "Ääh, ja... Ich hab ein Navigationssystem..." Mit derart guter Ortskenntniss darf ich passieren.
    Nach rund einer Stunde finde ich mehrere Obstverkäufer am Straßenrand. Ich stoppe um eine Papaya zu kaufen, werde sofort von rund 30 Verkäufern am Fenster belagert, alle schreien durcheinander, werfen Obst und Gemüse in mein Fenster und wollen Geld dafür. Ich kann gar nicht so schnell alles wieder zurückgeben, weiß sowieso nicht, wer hier was hineingeworfen hat. Ich erspähe einen Jungen mit einer einzelnen Papaya in zweiter Reihe und schaffe es durch den immer lauter werdenden Mob die Papaya zu ergattern. Mehrere Verkäufer halten mich gleichzeitig am Arm fest und greifen durch die offene Scheibe. Für diesen Fall, jedoch auch für Polizeikontrollen, binde ich seit mehreren Wochen den Zündschlüssel morgens mit einem Seil ans Lenkrad fest. Zu groß ist das Risiko, dass jemand den Zündschlüssel abzieht, das Zündschloss ist beim Defender links. Ich lasse den Motor aufheulen, sodass einige der Verkäufer wegspringen und ich aus dem Mob herausfahren kann. Immerhin habe ich jetzt eine Papaya.
    In einer Kurve kommt mir im Gegenverkehr ein Kleinbus entgegen. Viel zu schnell rast er durch die Kurve, kann die Spur nicht halten und bricht in meine Spur aus. Ich reiße das Lenkrad nach rechts und er rauscht im Abstand von Millimetern an mir vorbei. Nach wie vor ist der Straßenverkehr das größte aller Risiken. Viel zu schnell sind die total kaputten Autos zum Teil auf den schlechten Straßen unterwegs, was diese Situation mal wieder beweist.
    Ich fahre durch die Stadt Bo, muss hier wieder tanken. Auch hier Chaos an den Tankstellen, ich finde schließlich eine an der nur Motorräder stehen. Ich bin nach einer kurzen Wartezeit dran, verlange 35 Liter. Einer der beiden Angestellten stellt sich verdächtig vor die Zapfsäule und ich merke sofort, dass etwas faul ist. Ich rufe noch "Stopp!" aber der zweite Typ fummelt schnell den Tankstutzen hinein und startet den Tankvorgang. Laut Zapfsäule sind schon 5 Liter eingefüllt. Total unwissend zucken sie unschuldig mit den Schultern als ich die beiden zur Rede stelle. "Die 5 Liter wären schon bei mir im Tank" sagt einer der beiden. Ich kann leider den Diesel nicht mehr zurücksaugen und im Tank sind sowieso mehr als 5 Liter, also nehme ich 30 Liter Diesel zähneknirschend für den Preis von 35. Tatsächlich kann ich es den beiden nicht übel nehmen, jeder kämpft hier irgendwie ums Überleben. Für die 7€, um die sie mich bringen, darf ich wenigstens noch kostenfrei auf die Toilette.
    Ich komme schließlich in Kenema an, fahre zum Hauptquartier des Nationalparks und erhalte eine Stunde später die Freigabe in den Nationalpark zu dürfen. Telefonisch sorgt man dafür, dass in dem einzigen kleinen Dorf, in dem ich übernachten kann, jemand für mich kocht. "Die Straße ist nicht gut. Viel Glück" sagt der Chef vom Nationalpark. Er wird recht behalten. Mittlerweile weiß ich, was mit dem Auto geht und was nicht, vor 6 Wochen wäre ich nach der Hälfte umgedreht. Es gibt eine Stelle, an der die 'Straße' in der Mitte tief ausgewaschen ist. Ich muss mit den rechten Reifen oben und mit den linken unten in der Waschkuhle fahren und weiß eigentlich vorher schon, dass das nicht klappt. Ich schätze den Versatz auf rund 1.50 Meter. So langsam ich kann rolle ich vorwärts und denke mittendrin, ich verliere das Auto, bin mir eigentlich sicher jetzt zur Seite zu kippen. Irgendwie schaffe ich es ohne umkippen durch diese Stelle und bereue es seitdem, in den Nationalpark gefahren zu sein, schließlich muss ich die Strecke in 3 Tagen wieder zurück. Die Spurrillen sind zum Teil so tief, dass ich mehrfach trotz der Bodenfreiheit des Fahrzeugs aufsetze. Bevor ich zurückfahre muss ich in den nächsten Tagen unbedingt die Mechanik unter dem Fahrzeug prüfen.
    Ich komme nach 4 Stunden kurz vor Einbruch der Dunkelheit in dem kleinen Dorf an, kann kostenfrei am Dorfrand übernachten. Auch wenn das Risiko bis hierhin zu fahren groß war, werde ich in den nächsten Tagen vermutlich belohnt. Die Schreie diverser Tiere bereits am Abend kündigen es zumindest schon einmal an.
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  • Tag 86, 0 Km/13057 Km

    23 novembre 2024, Sierra Leone ⋅ ⛅ 32 °C

    Weit vor Sonnenaufgang geht es los. Mustafa, einer der Männer aus dem kleinen Dorf, bringt mich um 6 Uhr am Morgen auf einem Pfad durch den Regenwald zu einer Lichtung. Bis auf den Lichtkegel der Taschenlampe ist rundherum nichts zu sehen. Überall raschelt es, ich höre diverse Laute von Tieren die Mustafa alle beim Namen kennt und deren Namen ich größtenteils noch nie gehört habe. Ich trete im Dunkeln offenbar in eine Ameisenstraße, die Ameisen krabbeln mir die Beine hoch und beißen zu. Selbst an den Händen und im Nacken ziehe ich Ameisen aus der Haut.
    Kurz vor Sonnenaufgang kommen wir auf einen kleinen Hügel. Dichter Nebel rundherum, der sich laut Mustafa gleich verziehen wird. Genauso kommt es. Die Sonne lässt den Nebel verschwinden und lässt einen unglaublichen Ausblick auf den Regenwald zu. Einzelne Nebelschwaden halten sich länger und sorgen zwischen den Bäumen im Tal für eine tolle Atmosphäre. Im Hellen geht es zurück zum Dorf, ich frühstücke erst einmal. Mustafa schenkt mir eine Papaya, die er gerade gepflückt hat. Wie gut, dass ich gestern noch eine auf dem Markt gekauft habe...
    Ich begleite ihn am Mittag eine Runde durch das Dorf. Es gibt eine Kakaoplantage, die mehr eine Ansammlung von einzelnen Kakaobäumen im Wald ist. Er pflückt eine der Früche, die ich später aufknacke und unfermentiert probiere. Schmeckt tatsächlich auch schon roh, wenn auch nicht nach Kakao sondern fruchtig.
    Wir starten am Abend zu einer weiteren Tour in den Regenwald. Es gibt eine Kolonie von Picathartes-Vögeln, welche endemisch in Westafrika sind. Wir laufen rund eine Stunde zu der Kolonie, warten auf die Vögel. Ich sitze auf einem Stein und beobachte die Nester, als ich merke, dass mir etwas den Rücken hochkrabbelt. Als ich danach greife, ist es schon zu spät. Ich werde gestochen. Der Schmerz ist heftig, reflexartig werfe ich das Insekt weg, welches schwarz und centstückgroß ist. Mustafa sieht sich den Stich an, meint es wäre nicht schlimm. Immerhin zeigen sich die Vögel kurz danach. Auf dem Rückweg ist es bereits dunkel, Hitze und Luftfeuchtigkeit weiterhin extrem, dazu schmerzt mein Rücken von dem Stich. Duschen, Abendessen, genug Natur für heute.
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  • Tag 87, 0 Km/13057 Km

    24 novembre 2024, Sierra Leone ⋅ ☀️ 32 °C

    Mustafa möchte, dass wir um 04:00 auf einen Pfad in den Regenwald starten. Vor einigen Wochen hätte ich sicherlich eingewilligt, nach den letzten Wochen physischer Anstrengung schlage ich stattdessen 10:00 Uhr vor. Tief im Wald gibt es einen alten Friedhof, den wir besichtigen. Einst gab es einen Kampf zwischen zwei benachbarten Dörfern, die Toten aus diesem Konflikt sind auf dem Friedhof begraben. Der Weg dorthin dauert 3 Stunden, auf dem Weg steht ein Baum, der wandern kann. Mit langen Wurzeln oberhalb der Erde bewegt er sich langsam vorwärts, schlägt neue Wurzeln und stößt die alten ab. Ich wusste nicht, dass Bäume dazu fähig sind. Auf dem Weg gibt es rundherum immer wieder Affen in den Bäumen. Die Gräber sind dafür leider unspektakulär, vielleicht war meine Erwartung auch zu hoch.
    Ich prüfe am Nachmittag das Auto, es gibt zwei Stellen an denen ich auf der schlechten Piste aufgesetzt habe, beide Stellen sind nicht dramatisch, kein Riss, nichts ist gebrochen.
    Am Nachmittag laufe ich zu einer kleinen Lichtung rund 15 Minuten zu Fuß. Zu diesem Ort kommen die Einheimischen um gutes Internet zu haben. Tatsächlich ist die Verbindung deutlich besser als im Dorf. Auf der Lichtung sitzend kommen plötzlich 6 einheimische Jugendliche mit gesammeltem Holz vorbei. Sie grüßen zunächst freundlich, kehren aber nach 10 Minuten mit Macheten zurück und sagen mir etwas in einer Sprache, die ich nicht spreche. Ich werde auf dem gesamten Weg zurück zum Dorf belagert und begleitet, erst einer der Dorfbewohner kann die Gruppe verscheuchen. Dieses Phänomen ist mir schon öfter begegnet, hauptsächlich in Dörfern. Sobald die Einheimischen einen entdecken, wird man bedrängt, in der Regel wird dann nach allem Möglichen, hauptsächlich nach Geld verlangt.
    Kurz vor Sonnenuntergang geht es mit Mustafa noch ein letztes Mal in den Wald. Die Atmosphäre auf der Lichtung vom Vortag ist in der Abenddämmerung noch einmal eine vollkommen andere.
    Auch wenn der Regenwald mit den Tieren toll ist, werde ich das Dorf morgen verlassen. Luftfeuchtigkeit, Hitze und Insekten haben mir die letzten zwei Tage ordentlich zugesetzt. Es ist für mich unvorstellbar, wie man es schafft an einem solchen Ort dauerhaft zu leben, so wie es Mustafa tut. Ich werde versuchen, ohne umzukippen morgen über die schlechte Piste zurückzufahren und mit Tiwai Island, ein weiterer Nationalpark noch etwas weiter im Süden, das letzte Ziel in Sierra Leone anzusteuern.
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  • Tag 88, 196 Km/13253 Km

    25 novembre 2024, Sierra Leone ⋅ ⛅ 27 °C

    Am Morgen regnet es. Etwas gestresst starte ich dadurch auf die schlechte Piste zurück nach Kenema und hoffe, dass der Regen schnell aufhört. Glücklicherweise ist das auch so, die Straße bleibt so weiterhin befahrbar. Es gibt eine Abkürzung nach Tiwai Island, mein Tagesziel für heute. Auch wenn die Straße 'Highway' genannt wird, ist sie alles andere als das. Mehrfach wird mir empfohlen nicht den Highway zu fahren, die Straße ist zu schlecht. Ich muss somit einen Umweg von über 100 Kilometern machen um nach Tiwai zu kommen.
    Rund um die Stadt Bo suche ich noch einmal eine Tankstelle die Diesel anbietet. Die nächste Tankstelle gibt es erst wieder in rund 400 Kilometern. Erst bei der dritten großen Tankstelle kann ich tanken, bei den ersten beiden bekomme ich "Diesel is finished" zugerufen. Das letzte Stück nach Tiwai ist wieder eine Piste, jedoch kein Vergleich zur Piste am Vormittag. Auf dem letzten Stück sehe ich plötzlich ein Fahrzeug mit deutschem Kennzeichen vor mir fahren. Es ist eigentlich vollkommen egal, in welcher abgelegenen Gegend der Welt man sich gerade befindet, man wird einen Deutschen dort finden. So auch hier. Ich reise also in der nächsten Zeit wieder in Gesellschaft.
    Tiwai Island ist eine Insel ohne Zugang für Fahrzeuge, also frage ich in einem der Dörfer am Flussufer, ob ich dort übernachten kann. Nach kurzer Rücksprache mit dem Dorfchef lässt man mich und später auch das zweite Fahrzeug aus Deutschland für 5€ auf einer kleinen Lichtung übernachten. Natürlich sind wieder alle Kinder aus dem Dorf anwesend und belagern mich rund um das Auto. Es gibt keine Möglichkeit die Kinder zu verscheuchen, als ich mich hinsetze umringt mich die Traube von 50 Kindern rund um den Stuhl, Abstand: 20 Zentimeter. Die ersten dreimal 'Hello' beantworte ich noch, die restlichen 5000 nicht. Konstantes Ignorieren führt nach einer halben Stunde schließlich zum Erfolg. Nachdem alles aufgebaut ist, kommt einer der Älteren aus den Dorf zu uns. Es gibt am Abend ein Festival auf dem Dorfplatz, man hat sich dazu eine Bassbox ausgeliehen. Die Party geht um 20:00 Uhr los und endet gegen 05:00 Uhr am Morgen. Um sicher zu gehen, dass ich schon nachmittags weiß, dass ich in der Nacht kein Auge zutun werde, dreht man am Mittag die Musik schon einmal probeweise auf.
    Ich bekomme am Nachmittag die Möglichkeit mit einem Einbaum, also einem ausgehöhlten Baumstamm über den Fluss zu fahren. Der Bootsführer Bobo benutzt dazu eine 5 Meter lange Stange, mit der er das Boot nach vorne schiebt. Flussabwärts ist das für ihn noch ganz nett, flussaufwärts muss er ordentlich arbeiten. Weiter flussabwärts gibt es Stromschnellen, die wir in beide Richtungen durchfahren und auch wenn Bobo immer wieder sagt, dass wir nicht umkippen glaube ich das erst, als wir wieder zurück sind. Die Party startet am Abend zuerst nicht und ich verabschiede mich schon von allen Anwesenden, als es dann um 23:00 Uhr so richtig losgeht, brauche ich nicht mal mehr aufzustehen um gefühlt mitten drin zu sein.
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  • Tag 89, 0 Km/13253 Km

    26 novembre 2024, Sierra Leone ⋅ ☁️ 27 °C

    Glücklicherweise ging die Party in der Nacht statt bis 05:00 Uhr nur bis 01:00 Uhr, sodass ich am Morgen um 06:00 Uhr aufstehen und zur eigentlichen Insel fahren kann. Ich steige aus dem Auto und trete erneut in ein Ameisennest, werde sofort angegriffen und brauche 30 Minuten bis ich die letzte Ameise aus meinem Körper gezogen habe. Gestärkt durch das Ameisengift kann der Tag beginnen!
    Wir haben im Dorf ein Motorboot organisiert, welches uns auf die Insel bringen soll. Ein Boot steht tatsächlich auch bereit, allerdings gibt es keinen Motor. Dieser ist 'zufällig' in der Nacht kaputt gegangen, sagt man uns. Muss wohl der starke Bass gewesen sein...So wird also gepaddelt.
    Drei Stunden wandern wir über die wunderschöne Insel, dichter Urwald wie aus dem Schulbuch damals in der Grundschule. Wurzeln, die zum Teil Meterhoch aus dem Boden wachsen, Lianen, Affen in den Bäumen. Anschließend wieder zurück ins Speedboot und ran an die Paddel. Die Dorfkinder erwarten uns bereits und erfreuen sich daran, uns beim Frühstück keine Sekunde Ruhe zu gönnen. Nach 2 Stunden konstanter Belagerung ziehe ich mich kurz ins Auto zurück, rufe laut "Bye, bye". Die Kinder verschwinden, tauchen aber sofort wieder auf, wenn ich aus dem Auto komme. Bobo zeigt mir am Nachmittag sein Dorf und seine Farm, er ist zwar nicht der Dorfchef aber einer der Älteren. Seine Führung durch das Dorf ist hochinteressant, im Dorf gibt es keinen Shop, kein fließendes Wasser, kein Strom, kein Internet. Lediglich ein Generator für wichtige Dinge wie Party bis tief in die Nacht steht bei Bedarf bereit. Die 300 Einwohner versorgen sich ausschließlich selbst, alles wird geerntet oder gejagt.
    Nach insgesamt 4 Tagen einfachster Dorfatmosphäre ist es für mich an der Zeit wieder etwas anderes zu sehen.
    Ich werde vermutlich morgen die letzten Kilometer in Sierra Leone zurücklegen und die Grenze nach Liberia übertreten. Sierra Leone zerreißt mich ein bisschen. Zum Einen gibt es tolle Dinge zu besichtigen, zum Anderen muss man mit lauter Musik, Hundegebell, Hühnern und Ziegen in der Nacht, Kindern, Insekten, Hitze und Luftfeuchtigkeit am Tag dafür einen hohen Preis zahlen. Politische und gesellschaftliche Unsicherheiten sorgen für den Rest. Es gäbe viel Potential für ein touristisches Traumziel, davon ist man allerdings noch Jahrzehnte, vielleicht Jahrhunderte entfernt.
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  • Tag 90, 182 Km/13435 Km

    27 novembre 2024, Libéria ⋅ ☀️ 29 °C

    Am Abend regnet es heftig. Nein, es schüttet regelrecht. Donner, Blitz, das volle Programm. Mit jeder Minute Starkregen schwindet meine Hoffnung, die Piste am nächsten Morgen problemlos zurückfahren zu können. Am Morgen tröpfelt es noch immer und meine beiden Reisebegleitungen brechen mit dem ersten Licht auf um mehr Zeit für die Piste zu haben. Aktuell habe ich keinen Zeitdruck und denke sogar darüber nach noch einen Tag zu bleiben und besseres Wetter abzuwarten, starte dann aber schließlich doch, immerhin sind die beiden noch nicht schlammbesudelt zu Fuß zurück gekommen. Mittlerweile ist auch die Sonne da und die Piste angetrocknet, für den Defender ist der Lehm tatsächlich kein Problem. Fahrtechnisch ziehe ich noch längst nicht alle Register, erreiche die Asphaltstraße und mache mich auf den Weg nach Liberia.
    Bei der Ausreise aus Sierra Leone läuft alles vollkommen entspannt, einer der Zöllner spricht deutsch, wurde in Deutschland ausgebildet. Er weicht nicht von meiner Seite bis seine Kollegen alles gestempelt haben, übt mit mir währenddessen deutsch. Es wird das Carnet gestempelt, meine Daten in ein Buch geschrieben. Dann der Pass, meine Daten werden in ein Buch geschrieben. Dann Kontrolle der Gelbfieberimpfung, meine Daten werden in ein Buch geschrieben. Anschließend muss ich in ein Büro, in dem man mir zeigt, wie man richtig hustet und wie man sich die Hände desinfiziert, meine Daten werden in ein Buch geschrieben. Zuletzt gibt es ein weiteres Büro, wo zum Abschluss ohne weiteren Grund meine Daten in ein Buch geschrieben werden. "Wer schreibt, der bleibt" sagt mein halbdeutscher Zöllner - ich darf jedoch ausreisen.
    Die Grenze auf liberianischer Seite ist deutlich hektischer, es ist viel Betrieb. Im ersten Büro guckt ein Beamter Tarzan auf einem Laptop und schreibt die Daten meiner Gelbfieberimpfung in ein Buch, während er seinen Blick kaum vom Bildschirm lassen kann. Entsprechend sieht sein Geschmiere in dem Buch aus. Zweites Büro, auch hier noch einmal Kontrolle der Impfung, wieder gibt es ein Buch, hier jedoch ohne Tarzan. Doppelt hält ja bekanntlich auch besser! Es gibt hier extra ein Buch 'für Leute wie mich', also für Weiße. Ich frage mich an der Stelle nicht zum ersten Mal, was mit den Büchern passiert. Es muss ganze Zimmer voll davon geben.
    Beim Einstempeln frage ich den Oberzöllner, der gerade Fußball auf einem XXL-Flachbildschirm schaut, ob ich ein Zertifikat für meinen Feuerlöscher benötige. Andere Reisende haben berichtet, dass es ohne dieses Zertifikat zu Problemen kommen kann, einer davon wurde sogar zur Strafe an einem Checkpoint am Kragen gepackt und geschüttelt. Es gibt tatsächlich ein offizielles Büro für die Prüfung des Feuerlöschers und obwohl meiner brandneu und in der EU zugelassen ist, benötige ich das Prüfzertifikat. Der Prüfer ist derart fähig, dass er den Feuerlöscher prüfen kann ohne ihn zu sehen. Die Prüfung besteht darin, mich zu fragen, ob ich einen Feuerlöscher habe. Ja = Prüfung bestanden. Das Zertifikat kostet 15€, mehr als der Feuerlöscher bei Amazon. Nach bestandener Prüfung fühle ich mich mit dem frisch geprüften Feuerlöscher deutlich sicherer als vorher und kann endlich einreisen. Ich kaufe eine SIM-Karte, 2 Gigabyte kosten 700 Liberian Dollar. Ich brauche 4 Gigabyte, der Verkäufer sagt mir, um das auszurechnen müssen wir erst zu jemandem gehen der rechnen kann. In einem Holzverschlag sitzt einer auf einem Plastikstuhl, für ein paar Cent kann man von ihm das Gewünschte im Kopf ausrechnen lassen. 2x700=1400 Liberian Dollar sind nun also für das Datenvolumen zu zahlen.
    Ich fahre in den Ort Robertsport, finde einen Platz neben einer kleinen Lodge direkt am Meer. Es gibt eine Bar und ein Restaurant, ich bestelle Abendessen für 18:00. Als sich kurz vor 18:00 noch nichts tut, frage ich nochmal nach. "Das Essen wird gerade gekocht, ist gleich fertig!" sagt man mir. "Kann ich etwas zu trinken bekommen?" "Leider nicht, der Schlüssel von der Bar ist weg." 3 Minuten später kommt einer der Herren aus dem Restaurant zu mir: "Es gibt auch kein Essen. Es hat niemand eingekauft". Willkommen in Liberia.
    Ich könnte zwar selber kochen, hab aber kaum mehr etwas verfügbar, der letzte Supermarkt war in Freetown. Also gehe ich zum Strand, frage einen der Fischer, mit dem ich am Nachmittag kurz gesprochen habe, ob er mir etwas kochen kann. Er braucht erst Geld, um einzukaufen. "Das Essen ist in einer Stunde fertig." Als er mir nach 30 Minuten Reis mit Hühnchen bis ans Auto bringt, kann ich es kaum glauben und bestelle direkt für den nächsten Tag vor. Liberia kann offenbar auch anders.
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  • Tag 91, 0 Km/13435 Km

    28 novembre 2024, Libéria ⋅ ☀️ 28 °C

    Ich lese am Morgen im Internet, dass es in der Stadt eine Bäckerei geben soll, die frisches Brot und Zimtschnecken backt. Die Chance auf Zimtschnecken hat es schon sehr lange nicht mehr gegeben, also laufe ich die 20 Minuten bis zur Bäckerei. Die Bäckerei gibt es, es gibt auch eine Verkäuferin, aber leider weder Brot noch Zimtschnecken. Alle Regale sind leer. Als ich die Verkäuferin frage, ob sie irgendetwas hat, sagte sie: "Nein, es hat niemand gebacken." Die Frage, wieso der Laden überhaupt geöffnet ist, stelle ich mir noch. Die Frage, wieso niemand gebacken hat eigentlich nicht mehr. Immerhin finde ich trockenes Stangenbrot in einem kleinen Straßenshop auf dem Weg zurück.
    Ich kümmere mich am Vormittag um das Visum für Kamerun, immerhin ein e-Visum ohne Botschaftsbesuch. Die Seite funktioniert genauso gut wie die Lebensmittelversorgung in Liberia und nach etlichen Anläufen und plötzlichen Fehlern klappt der Antrag. Immerhin sitze ich währenddessen direkt am Strand und kann den Fischern bei der Arbeit zusehen. Es wird ein hunderte Meter langes Netz mit Ruderbooten ins Meer gelassen und dann von Hand eingezogen. Die Ausbeute ist entsprechend mager. Ist ein großer Fisch im Netz, wird laut gejubelt. Kleinen Fischen wird - knack - der Kopf abgebissen und der Fisch direkt roh verspeist. Pünktlich und wie besprochen bekomme ich von einem der Fischer wieder Essen gebracht. Es gibt Fischköpfe mit verkochtem Gemüse. Die Fischköpfe sind immerhin nicht diejenigen, die am Strand abgebissen wurden, sondern andere und das Essen schmeckt besser als es sich anhört.
    Am Nachmittag starten wir zu dritt zu einem Schiffswrack, was rund eine Stunde zu Fuß entfernt ist. Auf einem kurzen Stück durch den Urwald beißt mir ein großes schwarzes Insekt ein kleines Stück aus dem Oberarm. Immerhin ist die Varianz der Insekten die mich stechen größer als die Varianz beim Essen.
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  • Tag 92, 0 Km/13435 Km

    29 novembre 2024, Libéria ⋅ ☀️ 30 °C

    Leider verläuft die Nacht nicht gut. Der Stich von gestern Nachmittag entzündet sich und ich bin mehr mit kühlen und kratzen beschäftigt als mit schlafen. Am Morgen nehme ich zum ersten Mal auf der Reise Antibiotika. Einer der Einheimischen sagt mir, dass mich eine Tsetse-Fliege gestochen hat. Leider kann das Insekt auch richtig fiese Krankheiten übertragen, das sehe ich dann ggf. in ein paar Tagen. Ich laufe am Nachmittag etwas durch die Stadt Robertsport, früher die wichtigste Stadt in ganz Afrika für Surftourismus. Nach Bürgerkrieg und Ebola kommt heute so gut wie kein Tourist mehr. Viele Gebäude und Hotels stehen seit Jahrzehnten leer, es ist total spannend durch die verfallenen Gebäude zu laufen. Auf meinem Rundgang komme ich zufällig wieder an der kleinen Bäckerei vorbei und heute, ein kleines Wunder: jemand hat gebacken! Ich setze mich zu den Herren, wir schauen zusammen einen Bollywood-Film auf maximaler Lautstärke im Fernsehen und ich bekomme eine trockene, verbrannte aber trotzdem großartige Zimtschnecke.
    Es ist heute Feiertag in Liberia, man gedenkt dem verstorbenen Präsidenten. Der Strand ist am Nachmittag voller alkoholisierter Leute, ähnlich wie bei uns im Rheinland zu Karneval. Ich gehe in eine der Strandbuden, die eher an eine Gefängniskantine erinnert als an eine Bar, bestelle ein Bier, plaudere ein wenig mit den Einheimischen. Einen Sonnenuntergang gibt es natürlich auch. Was für eine Atmosphäre.
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  • Tag 93, 161 Km/13596 Km

    30 novembre 2024, Libéria ⋅ ☀️ 32 °C

    Ich breche auf nach Monrovia, die "Stadt der Hoffnung" - zumindest für mich persönlich. Ich hoffe darauf, hier tanken zu können, habe fast nichts mehr an Lebensmitteln, hoffe somit auch auf einen Supermarkt. Und ich hoffe auf einen Arzt oder eine geöffnete Apotheke. Die Entzündung ist leider deutlich schlimmer geworden, der linke Arm ist von der Achselhöhle bis zum Handgelenk entzündet. Zusätzlich ist die Einstichstelle vereitert. Ich wäre also bereit für ein orales Antibiotikum zusätzlich zur antibiotischen Salbe. Notfalls muss ich das Breitbandantibiotikum einnehmen, welches ich dabei habe.
    Der Weg nach Monrovia ist leider schlechter als gedacht. Die Straße ist alles andere als gut, es gibt mal wieder viele Schlaglöcher. Die Sonne knallt auf die Frontscheibe, was der Infektion nicht gerade gut tut. Mit Einfahrt in die Stadt beginnt das Chaos. Monrovia ist leider nicht umfahrbar, also quäle ich mich durch den Stau, das Chaos und die Hitze. Ich finde eine Tankstelle die mich mit Karte zahlen lässt, so etwas hat es schon lange nicht mehr gegeben. Im Stau stehend sehe ich außerdem eine gut sortierte Apotheke. Ich zeige einer der Apothekerinnen meinen Arm und sie reagiert mit dem Wort "Oh", holt mir wortlos eine antibiotische Salbe, eine Penicillin-Antibiotikakombination und ein Anti-Pilzmittel. Das Anti-Pilzmittel ist seit einigen Jahren in der EU verboten und eigentlich brauche ich das Mittel nicht, die Apothekerin sagt aber, die Kombination mit dem Antibiotika wirkt Wunder. Für insgesamt 4€ nehme ich alles drei, lasse das Anti-Pilzmittel aber erstmal weg. Es muss ja auch noch Luft nach oben geben.
    In einem Supermarkt im Zentrum finde ich 80% der Sachen die ich benötige. Seit dem Senegal ist leider alles mit Anstrengung verbunden, auch das Einkaufen. Wenn man überhaupt einen Supermarkt findet, sind die Regale oft leer oder es gibt generell nicht alles was man braucht. Fleisch gibt es nur in Ausnahmen, Milchprodukte wie Käse findet man fast nie. Obst und Gemüse gibt es generell nur am Straßenrand. Während ich im Supermarkt einkaufe, fällt sieben Mal der Strom aus. Immerhin gibt es neben dem Supermarkt einen libanesischen Imbiss mit Kebab und Shawarma, eine tolle Abwechslung zum Reis mit Fisch der letzten Wochen.
    Rund um Monrovia gibt es leider keine Möglichkeit zum Übernachten, also frage ich an der Straße bei einer Farm, ob ich mich in den Hof stellen kann. Die Chefin bietet mir an, ich könnte in einem der Zimmer übernachten, welches eigentlich für die Farmer ist. Tatsächlich könnte das Zimmer auch in einem 3*-Hotel in Europa sein, ist unglaublich sauber und nach 2 Wochen im Auto ist ein richtiges Bett eine schöne Abwechslung.
    Das Antibiotikum riecht nach Krankenhaus, hat dadurch schon einen psychologischen Effekt, bevor ich die Salbe überhaupt auftrage.
    Die Kombination wirkt bereits am Abend, die Entzündung geht glücklicherweise zurück.
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  • Tag 94, 0 Km/13596 Km

    1 décembre 2024, Libéria ⋅ ☀️ 30 °C

    Die Antibiotika, die ich noch am Abend nehme zeigen glücklicherweise Wirkung. Die Entzündung geht deutlich zurück. Leider sind Wirkung und Nebenwirkung auf gleichem Level, gut geht es mir also nicht. Also bleibe ich einen weiteren Tag im klimatisierten Zimmer der Farm anstatt 300 Kilometer mit dem unklimatisierten Auto zurückzulegen. Die Farmer schließen um 10:00 Uhr morgens das Tor und alle Türen ab, kommen erst um 17:00 Uhr zurück. Auch wenn ich dadurch eingeschlossen bin, komme ich so wenigstens nicht auf dumme Gedanken doch zu starten. Sicherheitshalber mache ich am Nachmittag einen Malariaschnelltest, ggf. unterdrückt das Antibiotikum ein mögliches Fieber. Auch wenn das Ergebnis nicht sehr genau sein soll, ist der Test immerhin negativ. Die Entscheidung, ob es morgen weiter geht, kann somit aktuell noch nicht getroffen werden.En savoir plus

  • Tag 95, 228 Km/13824 Km

    2 décembre 2024, Libéria ⋅ ☀️ 33 °C

    Auch wenn es mir nicht gut geht, starte ich am Morgen. Ich fahre die 200 Kilometer bis in die Stadt Ganta, werde mal wieder mehrfach angehalten, von der Polizei nach Pass, Geld oder Geschenken gefragt. Ich muss mehrfach aus dem Auto aussteigen und in irgendein Büro, damit irgendwelche Dinge in irgendwelche Bücher geschrieben werden. So richtig in Stimmung bin ich in meinem Zustand heute dafür nicht.
    In Ganta angekommen fahre ich zum Krankenhaus. Bevor ich die nächsten Tage im Nationalpark verbringe und der nächste Arzt kilometerweit weg ist, soll im Krankenhaus nochmal jemand prüfen, ob die Infektion und die Medikamente zusammenpassen. Außerdem steht bald die Elfenbeinküste an und ich fühle mich sprachlich doch etwas sicherer, dem Arzt meine Beschwerden in Englisch zu beschreiben.
    Im Krankenhaus muss ich mich zuerst an einem Schalter registrieren, dann zur Kasse und 5€ für den Arztbesuch zahlen. Der Arzt entscheidet, einen Bluttest zu machen, die Symptome könnten tatsächlich auch auf Malaria hindeuten, trotz der Prophylaxe. Also wieder zur Kasse und 10€ für das große Blutbild zahlen. Dann zur Blutabnahme und schließlich nochmal zum Arzt. Die stundenlange Wartezeit überbrücke ich immerhin mit Maisbrot, welches eine der Damen den Wartenden verkauft. Leider ist der Bluttest nicht nur positiv auf eine Entzündung, sondern auch auf Typhus. Die Typhusimpfung, die ich habe, stellt leider keinen hundertprozentigen Schutz dar, somit bekomme ich noch ein weiteres Antibiotikum verschrieben. Heißt für mich: Malariaprophylaxe plus Antibiotikum gegen die Entzündung plus antibiotische Salbe plus Antibiotikum gegen den Typhus. Im Krankenhaus gibt es eine Apotheke, diese hat das Typhus-Antibiotikum nicht. Ich soll in der Stadt in eine Apotheke gehen und dort das Mittel besorgen. Also mit dem Auto ins Stadtzentrum, Parkplatz suchen, in die erste Apotheke. Der Apotheker muss erstmal mit seinem Handy nachschauen, was das überhaupt für ein Mittel ist, ruft dann noch jemanden an. "Das Mittel gibt es in ganz Ganta nicht. Der Arzt soll etwas anderes verschreiben." sagt er mir. Also wieder zum Krankenhaus, anmelden, wieder zum Arzt. "Ach, da hab ich mich verschrieben!" statt Ciprofloxacin hat er Profloxacin geschrieben. Neuer Anlauf in der krankenhauseigenen Apotheke, hier schreibt man einen Preis auf das Rezept (3€). Dann rüber zur ersten Kasse, hier wird das bepreiste Rezept von Hand in eine Rechnung umgewandelt. Mit der Rechnung dann zur Kasse, da wird die Rechnung dann von Hand in einen Bezahlschein umgewandelt. Mit diesem Bezahlschein zur Apotheke, kurz warten, tada - hier Ihr Antibiotikum! Während ich warte, schieben vier Ärzte mit Ganzkörper-Schutzanzug und FFP2 Maske eine in Plastik eingewickelte Leiche durch den Gang. Der letzte Ebolafall ist immerhin 9 Jahre her. Als ich das Krankenhaus final verlasse, fliegen rund um die Bäume vor dem Krankenhaus hunderte Flughunde. Immerhin ein Wermutstropfen nach der langen Warterei.
    Nachdem die ganze Aktion vier Stunden gedauert hat, suche ich mir einen Schlafplatz in der Umgebung. Es gibt eine christliche Universität, ich frage eine der Angestellten, ob ich im Hof im Auto schlafen darf. Sie hat mit ihrem Mann ein Haus direkt auf dem Universitätsgelände und lässt mich die Nacht in ihrem Garten verbringen. Zahlen muss ich dafür nicht. Als ich ihr erzähle, dass ich heute Vormittag im Krankenhaus war, sagt sie, dass sie dazu nur abraten kann. Tatsächlich ist die Erfahrung einen Bluttest in einem Provinzkrankenhaus in Liberia zu machen eine Sache, die ich vermutlich niemals wieder vergessen werde.
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  • Tag 96, 83 Km/13907 Km

    3 décembre 2024, Libéria ⋅ ☀️ 28 °C

    Der Hausherr Bill kommt am frühen Morgen zu mir und fragt mich, ob ich an seiner Morgenmesse teilnehmen möchte. Dass es eine Messe am Morgen gibt, überrascht mich nicht, schließlich bin ich in einer christlichen Universität. Bill ist Amerikaner, sieht aus wie Arnold Schwarzenegger vor 40 Jahren und ist unglaublich charismatisch. Er hält eine mitreißende Rede über Sünde, Tod und Trauer. Rund 20 Studenten sind anwesend, um ihm zu lauschen. Plötzlich kommt er auf die Idee, "Hey, unser deutscher Gast kann uns doch etwas über Gott erzählen!" 42 Augen blicken mich an und mein letzter Kirchenbesuch war zur Kommunion vor 30 Jahren. Ich erzähle also drauf los über die Reise und das Vermissen von Familie, Freunden, Gewohnheiten. John ist begeistert. Halleluja! "Zum Abschluss musst du uns noch dein Auto zeigen!" Jetzt sind auch die Studenten begeistert. "Müsste mal gewaschen werden" sagt Bill, womit er Recht hat. Zum Abschied bekomme ich von Bill noch eine Mischung Frühstücksflocken aus Amerika geschenkt. Tatsächlich eine schöne Abwechslung zu den Haferflocken, dem einzigen Müsli welches ich sporadisch im Supermarkt finde.
    Gesundheitlich geht es mir vollgepumpt mit Antibiotika gut genug um aufzubrechen, also geht es los in Richtung Nationalpark Nimbaberge. Vor dem Bürgerkrieg war der Nationalpark eine wichtige Bergbauregion, mittlerweile ist die Region größtenteils verlassen. Die einzige Möglichkeit in den Nationalpark zu kommen ist in der einzigen Lodge im Park zu übernachten. Die Lodge ist über eine 40 Km lange Staubpiste mit Wellblechpassagen erreichbar. Zum Glück hab ich Bills Rat noch nicht befolgt und das Auto nicht gewaschen. Die Lodge ist wunderschön gelegen, hat westlichen Standard, eine Bar, ein Restaurant und für mich persönlich die erste warme Dusche seit genau 88 Tagen. Nur die Touristen fehlen. Neben dem Personal ist niemand anwesend. Ich frage den Manager, ob ich auf dem Parkplatz übernachten kann. Er stimmt zu, stören tut das sowieso niemanden, ist ja schließlich niemand da. Der Blick vom Parkplatz auf die Berge ist großartig. Am Nachmittag mache ich eine meinem Zustand entsprechende kurze Wanderung. Direkt am Berg gibt es eine alte Mine, in der bis vor 30 Jahren Eisenerz abgebaut wurde. Alle Gebäude die hier noch stehen, sind im Begriff zu verfallen. Einer der Arbeiter von der Lodge kommt zu mir, sagt mir, dass eines der Gebäude der Mine nun Fledermaushöhle genannt wird. Ich höre die Fledermäuse schon in den Tiefen. Er wirft einen Stein tief in die Bergbauanlage, was dazu führt das hunderte, vielleicht tausende Fledermäuse herausfliegen. Was ein einmaliger Ort!
    Im wirklichen guten Restaurant der Lodge gibt es am Abend Pizza. Auf der Margherita liegen neben dem Käse und der Tomatensoße auch Tomatenstücke sowie Gurkenscheiben (???). Die Kombination aus Salat und Pizza schmeckt so komisch wie sie sich anhört. Einen Vorteil sehe ich jedoch: einen Beilagensalat zu bestellen kann ich mir so sparen.
    Leider wird dies voraussichtlich meine letzte Nacht in Liberia sein. Liberia hat mich trotz meiner gesundheitlichen Probleme beeindruckt. Andere Reisende hatten mich vor Liberia gewarnt, es sei hier nicht sicher. Dies konnte ich zu keinem Zeitpunkt feststellen. Viel eher hatte ich das Gefühl, dass nach vielen Jahren Bürgerkrieg niemand auch nur im Ansatz noch einmal ähnliches erleben möchte. Somit habe ich in all den Reisetagen keine einzige Situation erlebt, in der ich mich unwohl gefühlt habe. Auch wenn ich die Region rund um Guinea, Sierra Leone und Liberia morgen nach insgesamt 30 Tagen verlasse und dies rückblickend mit einem sehr guten Gefühl tue, freue ich mich ab morgen wieder auf eine hoffentlich bessere Infrastruktur und ein vermutlich besser entwickeltes Land, der Elfenbeinküste.
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  • Tag 97, 195 Km/14102 Km

    4 décembre 2024, Côte d’Ivoire ⋅ ☀️ 32 °C

    Bei der Abfahrt am frühen Morgen spüre ich es zum ersten Mal, der Defender hat keine richtige Leistung mehr. Ein Phänomen, was sporadisch seit Jahren immer mal auftritt und nach einigen Sekunden verschwindet, so nur leider heute nicht. Heiner kommt kaum den Berg hoch. Wurde auch mal wieder Zeit, dass was am Auto kaputt geht. Das Problem tritt glücklicherweise nur bei hoher Leistung auf, somit kann ich erstmal in Richtung Elfenbeinküste starten. Die Grenze ist schnell erreicht und mittlerweile stressen mich Grenzübergänge auch nicht mehr. Ich weiß nach 10 Grenzübertritten in Afrika genau, wann ich charmant und wann ich bestimmend sein muss. Die liberianische Seite ist vollkommen entspannt, was meinen positiven Eindruck des Landes noch einmal bekräftigt. Dann geht es rüber auf die andere Seite. Es läuft alles recht schleppend, der Pass wird in Zeitlupengeschwindigkeit gestempelt. Als ich beim Zoll ankomme, wo ein ähnliches Tempo herrscht, kommen plötzlich die Beamten von der liberianischen Seite dazu. Einer hat einen Sack voller Schuhe, dieser wird auf dem Vorhof vom Zollbüro ausgekippt und alle Anwesenden beider Seiten der Grenze dürfen sich neue Schuhe aussuchen. Natürlich will der Beamte, der gerade mein Carnet ausfüllt auch Schuhe, also bin ich 20 Sekunden später plötzlich fertig und darf einreisen. Die Elfenbeinküste begrüßt mich mit einer schlechten Offroadpiste, die glücklicherweise später zu Asphalt wird. Landschaftlich unterscheidet sich die Elfenbeinküste nicht von Liberia, volle Städte, dazwischen dichter Urwald. Die Tankstellen haben immerhin hier eine elektronische Preisanzeige. Ich fahre bis in die Stadt Man, besorge eine SIM, finde nach Wochen endlich einen Geldautomaten der funktioniert und tanke, dank der elektronischen Anzeige kenne ich den Preis sogar jetzt schon vorher!
    Ich treffe auf zwei bekannte Reisende auf dem Parkplatz vom städtischen Krankenhaus, wo wir übernachten. Direkt neben dem Stellplatz gibt es einen Fußballplatz der am Abend voller Jugendlicher ist, niemanden stört jedoch unsere Anwesenheit, selbst dann nicht, als wir den Grill rausholen und Würstchen und Dosenfleisch grillen. Typisch Deutsch geht auch in der Elfenbeinküste.
    Ich reinige am Abend die Luftansaugung vom Turbolader, in der Hoffnung, dass der Leistungsverlust darin begründet ist. Leider stelle ich zusätzlich fest, dass durch die schlechten Straßen beide Sensoren für den Füllstand der Bremsflüssigkeit abgerissen sind. Eine weitere Sache, die ich in den kommenden Tagen reparieren muss.
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