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- Day 2–3
- March 1, 2025 at 9:24 AM - March 2, 2025
- 1 night
- ☁️ 3 °C
- Altitude: 38 m
GermanySalzhausen53°13’17” N 10°10’41” E
Salzhausen

3.169 TAGE AUF UNSERER
LEBENSREISE IM BLAUEN BUS (Fahrtstrecke 52 km/ Gesamt 384.957 km / Ø121,47 km)
Wohnmobilstellplatz (frei)
Salzhausen
Deutschland
Reichlich erstaunt blicke ich morgens um halb sechs aufs Display, das mir anzeigt, ich habe drei kW Strom dadurch verbraucht, dass ich ein Handy geladen habe, und einmal Wasser kochen konnte. Wenn überhaupt, dann sind das einer, aber nicht drei. So schaue ich jetzt voll Sorgen auf die Zahlen in der Hoffnung, dass die Batterien so geladen sind, dass es für eine Kanne heißes Wasser reicht.
Puh, geschafft. Mit dem Rest Wasser kann ich mich warm waschen, und langsam anziehen. Gestern war das Fußbad dran, heute müssen die dicken Zehen erneut gepflastert werden, um den unangenehmen Anstossschmerzpunkt zu verringern. Die hohen, kahlen Bäume schälen sich aus dem Grau des Himmels, der Morgen erhellt sein Antlitz, es ist der erste März.
Unglaublich, wie die Tage vergehen, war nicht gestern noch Weihnachten. Und ich nutze doch die Tage voll aus, die uns manchmal fast zu lange erscheinen. Als unser Nachbar am Mittag abfährt, haben wir den ganzen Platz für uns alleine, sodass Hilde mal richtig ausgiebig rumflitzen kann, während ich einen kleinen Stock für sie werfe, der von der winterlichen Feuchtigkeit noch nicht so zersetzt ist, das er sich in seine Einzelteile auflöst. Nein, an dem können wir von zwei Seiten mit aller Kraft ziehen, ohne dass einer gewinnt.
In den Häusern unserer Nachbarschaft sind die Fenster noch dunkel, es ist Wochenende, wir hören christliche Musik von Will Morrison, dessen Stimme in einem angenehmen Kontrast zum Klavier steht, sodass es sich anhört, als würde er irgendwo unter den Bäumen singen. Von der Straße dahinter dringen Straßenlaternen zwischen den glatten, dunklen Stämmen herüber. Hilde schaut zu ihnen hin und legt sich wieder schlafen.
Die Sonne fehlt uns Beiden, gestern fahren wir im leichten Regen nach Wriedel zum NP, der pfandfreie Wasserflaschen mit fünf Litern verkauft. Immer noch ist das Wasser auf den meisten Plätzen abgestellt. Ich finde noch grüne Bananen und den Nektar in Flaschen, mittlerweile habe ich mich daran gewöhnt, im wöchentlichen Wechsel, den dickflüssigen Bananenpürree zu trinken, bin aber auch froh über die Zeiten, in denen ich ihn meiden kann.
Der Däne, der noch spät am Abend neben uns geparkt hat, steht schräg und ziemlich nahe beim Nachbarn, der eigentlich sonst noch in dieser Zeit in Spanien wäre, wenn nicht die Mutter gestorben wäre, und er sich erstmal um den Vater hätte kümmern müssen, der das aber alleine auch gut hinbekommt.
Als wir am Friedhof bei Amelinghausen parken, um am Feld gegenüber spazieren zu gehen, fährt ein Sohn in Arbeitsbekleidung mit seiner weisshaarigen Mutter vor, um zum Grab des verstorbenen Vaters zu gehen. Die Blumen richten, das Unkraut auszupfen, die Blätter aufsammeln, einige Worte zu teilen. Er hört vielleicht still zu, während sie ihm sagt, dass ihr der Mann fehlt. Dann schweigen sie, und erst als sie abfahren, wendet er sich wieder im Gespräch an sie, während sie an uns vorbeifahren.
Wenn jemand abends neben uns parken will, dann hält ihn Hilde mit wütendem Gebell davon ab, uns zu nahe zu kommen. Ich öffne die Tür einen Spalt, um ihr Gebell nicht im Bus festzuhalten. Meist hat es Erfolg, ggf muss ich sonst noch ein paar Worte dazu sagen. Aber wer will schon Nachbarn, die einem ins Fenster lugen.
Hinter Eimke halten wir an der Wacholderheide, die mir in ihrem Februarkleid auch gut gefällt. Auf der einsamen Landstraße fahren einzelne Fahrzeuge an uns vorbei, als wir das riesige Gelände von Rheinmetall in Unterlüß passieren, ist grade Schichtwechsel, die Männer mit den überraschend ernsten Gesichter wollen sicher schnell nachhause, ins friedliche, familiäre Miteinander glückseliger Zwei- und Mehrsamkeit.
Mir fällt ein, dass ich als Kind und Jugendlicher sehr viel alleine war, weil die Eltern arbeiten mussten. Damals war die Einsamkeit ein Freund von mir, das hat sich nie geändert, und heute weiß ich, dass ich es gut gelernt habe, mit dem Alleinsein umzugehen. Natürlich ist Hilde da, aber mir fehlt kein Mensch, der den Raum mit mir teilt.
Punktuelle Begegnungen sind gut, vielleicht auch mal eine mitmenschliche Begleitung über ein paar Tage, aber dann falle ich in kein emotionales Tief trauriger Einsamkeit. Das ist vielleicht die Lehre der Jugend, die sich im Alter auszahlt, eine Kraft, die der Melancholie und Depression entgegen wirken kann.
Morgens entzünde ich gerne ein kleines Kerzenlicht, wenn die Nacht noch dunkel ist, und lasse es leuchten, bis wir spazieren gehen. Abends auf dem Spaziergang schleift sie Leine durch eine klebrige, weiße Masse, die jemand an der Seite vom Stellplatz hingeworfen hat. Später habe ich sie überall an den Händen und meiner Bekleidung, und muss mich erstmal im Bus umziehen und grundreinigen. Da kann ich auch gleich ein Fußbad anschließen, dem heute das Haare waschen folgen wird. Dann bin ich wieder runderneuert.
In den Bäumen zwitschert es vielstimmig, ein Specht kündigt dem Tag sein Kommen an, Fetzen vom Blau durchsetzen das Grau der Wolken, eine zarte Sonne lugt kurz herüber. Morgens gehe ich wie ein Elch, der unbeholfen durchs Unterholz mit seinen langen Beinen stapft, zum Glück weidet Hilde wie eine Ziege durchs Gras, und wir bleiben oft stehen.
Gestern schreibt mir ein Leser zu Bruce Springsteen, er würde mich eher mit dem Song der Beatles 'A Day in the Life' von dem legendären Sergeant Peppers Album verorten, was ich so nicht teile. Aber es weckt eine Erinnerung. Im Jahr 1967 war ich zu einem Schüleraustausch in einem englischen Internat und habe die Prügelstrafe wiedergetroffen, die seit meiner Volksschulzeit mir nicht mehr begegnet ist.
Später in Newcastle-upon-Tyne, wo die Brüder gelebt haben, kam dieses Album dann eines Tages auf den Plattenteller, was ich ebenso nicht verstanden habe, wie das merkwürdige, fettreiche Frühstück, das mir allmorgendlich serviert wurde. Die Beatles gehörten nie zu meiner Musik, lediglich an so kleinen Ausreißern wie 'Let it be' fand ich Gefallen. Aber man konnte ja nicht der Musik entweichen, die überall im Rundfunk ausgestrahlt wurde.
Musikalisch war ich eher in Amerika über den Soldatensender AFN verortet, der mir auch die seelenvolle Countrymusik damals ins Herz gelegt hatte, an sie sich nahtlos die Rockmusik der 60er Jahre angeschlossen hat. Und so schließt sich wieder ein Kreis.Read more
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- Day 3–4
- March 2, 2025 at 11:53 AM - March 3, 2025
- 1 night
- ☀️ 6 °C
- Altitude: 38 m
GermanySalzhausen53°13’18” N 10°10’42” E
Salzhausen (2)

3.170 TAGE AUF UNSERER
LEBENSREISE IM BLAUEN BUS (Fahrtstrecke 33 km/ Gesamt 384.990 km / Ø121,44 km)
Wohnmobilstellplatz (frei)
Salzhausen
Deutschland
Als wir zur Hundewiese in Salzhausen kommen, stockt mir der Atem. Auf der Bank hockt ein schüchterner, junger Mann mit seinem Hund im Arm, der Platz ist eine unregelmäßige Lehmfläche mit einem Erleichterungsgrasstreifen seitlich hinter einigen Container.
Fünfzehn Uhr, Highlight einer Gruppe von Hundebesitzern, die ihre Tiere zum Spielen freilassen. Unser Versuch endet schnell mit einem Hund, der Hilde's unmissverständliche Sprache nicht deuten kann, und ihr nachrennt, was diese wiederum nicht akzeptiert. Der eine versteckt sich bei Frauchen hinter der Bank, sie erlauben mir auf dem Platz mit Hilde alleine rumzulaufen, während sie vorsorglich jeden Neuankommenden warnen.
Ich will es nicht übertreiben und bedanke mich höflich, schaue aber ein bisschen traurig zurück auf die sich nun auflösende Gesellschaft, in der die Hunde genauso wie die Menschen wirken. Einer rennt am Zaun auf und ab, andere suchen auf der nackten Erde herum, die Menschen lösen sich von der Bank, bleiben aber auf Abstand zueinander.
Ein Sinnbild von Gesellschaft, geht mir durch den Kopf, in der Einsamkeit sich nach Gemeinschaft sehnt, die wir über Tiere herstellen wollen, die selber sprachgestört sind. Ich möchte nicht so verstanden werden, als würde ich abwertend über diese Menschen sprechen. Ganz im Gegenteil bin ich froh, dass sie einen Ort gefunden haben, auf dem sie wenigstens jeden Nachmittag sich nicht alleine fühlen.
Und natürlich sind auch wir in einer Weise sprachgestört, denn für den Aufenthalt in einer größeren Gemeinschaft sind wir nicht geeignet. Jemand fragte letztens, ob Hilde irgendwelche Allergien hat, worauf ich Hunde antworte. Das stimmt natürlich so nicht ganz, mit einzelnen Hunden klappt das schon, oder am Strand, wo sie ihnen aus dem Weg gehen kann.
Aber grundsätzlich sind wir gerne alleine oder begegnen lieber Menschen in kleinen Gruppen von ein bis drei Personen. Das verwundert Andere des öfteren schon, hat man doch den Eindruck, Weltoffenheit müsse sich in Menschenlust multiplizieren.
Das wäre vielleicht ein Wunschtraum, für dessen Umsetzung mir die Luft auszugehen scheint. Und so fahren wir fort, über kleine Dörfer im Sonnenschein. Von der Windmühle in einem Garten in Salzhausen, zum Funkturm bei Garlstorf, über die alte Kirche in Egestorf, zu dieser Bank zwischen Evendorf und Döhle, wo wir einen Spaziergang machen.
Letztendlich kommen wir nach Raven, wo die Friedhof liebevoll im Tal zwischen Häusern und Kirche liegt, sodass die Erinnerungen lebendig bleiben. Als wir den Abzweig nach Salzhausen einschlagen, wird der Himmel dunkel, und hebt sich in ganz anderer Weise von den Birken ab, die die Straße säumen.
Noch eine Nacht in Salzhausen, der Platz kann einem schon ans Herz wachsen, mit seinen unmittelbaren Nachbarn, deren Leben sich uns in einer Weise öffnet. Da sind die Jogger und Radfahrer, die Hilde anbellt, die Zeit auf ein freundliches Wort haben. Und der Parkplatz vom Wildbad, das jetzt geschlossen ist, zu dem ein Weg zwischen Zäunen zu einem Feld führt, auf dem sich heute morgen noch der Frost ausbreitet.
Der kleine Junge, vielleicht so alt wie mein Enkelzwerg, auf dem Arm des Vaters, der selber noch jung wirkt trotz des Schnäuzers unter der Nase. Sie erzählen sich ihre kleine Samstagswelt, und am Abend müssen sie sich für eine weitere Woche trennen. Eine Szene, deren äußerliche Stille nicht im Einklang steht mit den aufwühlenden Gedanken, die sie auslöst, bei mir, bei ihm, bei den Müttern und Vätern in dieser schwierigen Welt, in der uns die gemeinsame Sprache auszugehen scheint.
Eine Welt der Verlierer. Und das betrifft nicht nur das gemeine Volk und seine Kinder, die sich dort irgendwie zurechtfinden müssen, um ihre Zukunft zu bauen. Nein, der fehlende Respekt zwischen Menschen verursacht fast unheilbare Wunden auf beiden Seiten. Der Stock, den du hebst, trifft dich auch, so sagt man doch.
Vögel zwitschern in den kahlen Ästen, die sich der Sonne entgegen recken. Wir sind umgeben von dem Blau des Himmels, der andere Camper ist weg, die Sonne scheint zwischen den Stämmen hindurch, die Luft ist eisig. Sunday morning, singen Velvet Underground schon seit 1967. Da war ich sechzehn Jahre alt und hatte schon genug gesehen, um zu verstehen.
"Sunday morning, brings the dawn in
It's just a restless feeling by my side
Early dawning, Sunday morning
It's just the wasted years so close behind..."
https://youtu.be/Xhbyj8pqUao?si=mSW2CR58eHh08B1URead more
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- Day 4–5
- March 3, 2025 at 11:42 AM - March 4, 2025
- 1 night
- ☀️ 7 °C
- Altitude: 40 m
GermanySalzhausen53°13’20” N 10°10’45” E
Salzhausen (3)

3.171 TAGE AUF UNSERER
LEBENSREISE IM BLAUEN BUS (Fahrtstrecke 86 km/ Gesamt 385.076 km / Ø121,43 km)
Wohnmobilstellplatz (frei)
Salzhausen
Deutschland
Als wir abends nach Salzhausen zurückkehren, ist nur noch ein Platz neben einem riesigen Lastwagencamper frei. Hilde bellt wie verrückt, und im Dunkeln hätte ich beim Rückwärtsfahren fast den Husky übersehen, der seelenruhig an der Treppe des Lasters ruht.
Sein Besitzer holt ihn glücklicherweise rein, am Morgen fahren wir früh weg, weil die Batterien leer sind, und ich nur beim Fahren das Wasser für den Tee kochen kann. Zurück stellen wir uns so günstig auf den Pkw-Parkplatz nebenan, dass uns die aufgehende Sonne durchs Seitenfenster grüßen kann.
Wir sind mit Britti in Scharnebeck verabredet. In den Wintermonaten verdient sie sich das nötige Geld an Land, um mit ihrem Freund Thomi auf dem Segelboot reisen zu können. Sie haben einen Internet-Account, auf den ich gestoßen bin, so ist der Kontakt zustande gekommen. Hier sind die Links:
https://www.arche-de-noe.de
https://www.instagram.com/arche_de_noe_sailing?…
https://youtube.com/@arche-de-noe-sailing?si=8i…
Langsames Reisen auf dem Wasser und offenherzig, fröhliche Menschen mit durchaus sachlich kompetenten Geschichten übers Meer hinweg, ist eine gute Kombination, an der ich Freude habe. Und so ist auch unsere Begegnung an Land. Ein Nachmittag voller Genüsse. Sie hat leckeren Kuchen mitgebracht, und was für Hilde's Gaumen. Wir haben gute Gespräche zwischen ernsten und lustigen Themen, die Spaß auf mehr machen. Und vielleicht sehen wir uns ja mal irgendwann tatsächlich am Meer, denn ihre Reiseroute kommt mir durchaus entgegen.
Und wenn du noch nicht weißt, wo du Urlaub machst in diesem Sommer, die "Arche" bietet interessante Törns an. Einfach mal nachfragen. Ob Hilde und ich da mal mitfahren, steht ebenso in den Sternen, wie die nächste Begegnung. Das ist das Schöne am Leben, dass es unberechenbar ist, was sich ja durchaus auch ins Gegenteil verkehren kann.
So denke ich oft an diejenigen, deren Lebensinhalt sich gerade viel um Gesundheit dreht. Die ihre ganze Kraft aufbringen müssen, um zu überleben, um die Krankheit zu überwinden. Da ist die Kälte des Winters nicht unbedingt der beste Freund, aber wir als Mitmenschen können manchmal wie ein Anker auf hoher See sein.
Hilde schläft noch, die Sonne liegt in Streifen auf dem Asphalt, so wie sie durch die Baumstämme hindurchscheinen kann. Eine schwarzweiße Katze quert geruhsam die Seitenstraße, ihr folgt eine Frau im dunklen Mantel mit weißen Turnschuhen.
Letzter Morgen in Salzhausen, ein empfehlenswerter Stellplatz, der dazu noch kostenlos ist. Im Sommer aber während der Öffnungszeiten des Waldbades sicher sehr unruhig werden kann. Im Ort gibt es fussläufig das Café & Köstlich, wo vor zwei Jahren im Garten mal eine Lesung mit uns stattgefunden hat. https://www.cafeundkoestlich.de/
Ob es nochmal irgendwo eine Lesung mit uns geben wird, ist genauso ungewiss wie vieles andere in unserem Leben. Aber das hat ja durchaus auch seinen Reiz, nicht über den Tellerrand schauen zu können. Britti sind ein paar schöne Bilder von Hilde und mir gelungen, die füge ich mal dem Text bei.Read more
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- Day 5–6
- March 4, 2025 at 11:37 AM - March 5, 2025
- 1 night
- ☀️ 8 °C
- Altitude: 53 m
GermanyKleiner Eutiner See54°7’44” N 10°35’33” E
Eutin

3.172 TAGE AUF UNSERER
LEBENSREISE IM BLAUEN BUS (Fahrtstrecke 127 km/ Gesamt 385.203 km / Ø121,43 km)
Landvergnügenhof
Ahrensbök
Deutschland
"Beweisen lässt es sich nicht, und trotzdem glaube ich da dran: An manchen Orten der Welt erhält auf geheimnisvolle Weise die eigene Ankunft durch die Empfindungen all jener eine besondere Intensität, die hier früher einmal angekommen sind." So steht es in etwa im Anfang eines Buches von Cees Nooteboom, das ich in einem Bücherschrank an diesem Morgen gefunden habe, der mit einem lauten Schmerzensschrei angefangen hat, als Hilde die fünfzehn Meter ihrer Leine überdehnen wollte.
Wir sind vom Hof gefahren, um am Wegesrand zu parken, damit sie sich erleichtern kann. Ein kurzes Vergnügen, dann gehen wir auf die Suche nach einen schöneren Ort, um zu frühstücken. Der Frost des frühen Tages, als die Temperatur nochmal auf ein Grad abfällt, macht die möglichen Parkplätze in ihrer lehmigen Grundstruktur zu Rutschbahnen, sodass wir ihnen entfliehen müssen.
Überraschend taucht rechterhand ein Waldparkplatz auf, an dessen Rand Schneeglöckchen dort blühen, wo jemand seinen Gartenanfall hinterlegt hat. Unglücklicherweise fährt unmittelbar nach uns ein weiteres Fahrzeug mit Hund vor, den Hilde solange fixiert, bis er sich entscheidet, doch lieber im Kofferraum zu bleiben.
Erst als wir weit genug weg sind, traut er sich hervor, seine Besitzerin lässt sich überzeugen, den talwärts führenden Abzweig zu nehmen, und nicht uns zu folgen. Der Wald ist voller Hundegebell, das nicht näher zu kommen scheint, der Weg ist zum Teil festgefahren, die Sonne lugt zwischen den Bäumen hevor, und für einen Moment meint man, Frühlingsgefühle lägen in der Luft.
Dann kommt der kleine Ort mit dem offenen Bücherschrank in einer Bushaltestelle, wo mir Cees begegnet. Gut sortiert scheint man hier vieles zu lesen, nur keine Reisebücher. Und Cees parkt dementsprechend auch zwischen den großen Romanen belletristischer Ausflüge in die Welt von Romantik und Liebesschmerz. In diesem kleinen Ort an der Landstraße im Hinterland des Ostseestrandes findet sich weniger die sonst übliche Lektüre von all dem Hinterlistigen und Kriminellen dieser Welt.
Ich nehme sie mit, die Nootebooms und Exupérys der Bücherschränke, damit sie nicht dort verkünmern müssen, um sie weiterzugeben an den Menschen, für den sie bestimmt sind. Ich hatte mal einen Betreuten, der hat sein ganzes Geld dafür ausgegeben, dass er alle Hemden auf den Flohmärkten gekauft hat, weil er empfunden hat, sie seien seine verlorenen Kinder.
Ganz so ausgeprägt ist meine Sammelleidenschaft nicht, und grundsätzlich denke ich auch immer, das könntest du ja auch noch lesen. Aber ich brauche lange für die einzelnen Bücher, gerade versuche ich jeden Tag ein Kapitel von Matthiesens Kranichen zu lesen, was mir nicht immer gelingt.
Letztendlich biegen wir am Ende des Seestraße in Eutin in einen Parkplatz ein, der neben einem Gebäude sich befindet, in dem man sich mit Kirchengeschichte beschäftigt, und aus den hinteren Fenstern auf einen Friedhof blickt. Wir fühlen uns sofort wohl, das ist auch Hilde's entspanntem Gesichtsausdruck zu entnehmen.
Unmittelbar unterhalb einer Straße und Häusern ist es überraschend ruhig, die Sonne scheint durch die schmutzigen Fensterscheiben, wir haben gefrühstückt, ich schreibe eine Geschichte, Hilde schläft, nachdem sie lange die Umgebung beobachtet hat.
Wir waren in Salzhausen nochmal auf dem Hundeplatz, dessen Tür offen stand, sodass wir wussten, wir sind alleine. Schnüffeln und Ballspielen, bis sie zum Bus zurück will. Dann verlassen wir den Ort, fahren nordwärts über Winsen an der Luhe und Geesthacht, am Schmetterlingspark vorbei und durch Aumühlen, nach Trittau, Reinfeld und Ahrensbök.
Beim Bauern Steffens waren wir schon mal im dunklen Winter, aber heute ist alles grünbunt geschmückt. Der Stellplatz nach hinten raus ist ruhig, wir schlafen gut in der Nacht, in der der Mond hell am Himmel steht, obwohl er nur als Sichel zu sehen ist, nachdem der Abend mit einem Potpourri aus dunklen Farben schlafen gegangen ist.
Der Morgen wacht auf, während die Sonne über die Mauer lugt, und Hilde dem erschöpften Schlafapnoegerät noch ein bisschen Gesellschaft leistet. Dann beginnt unser Tag.
"Wo einst die Meseta lag, tobt jetzt ein Meer, das Getöse ist ohrenbetäubend, und dann, auf einmal, als stünde die Zeit still, ist es vorbei, der Reisende hört seine Schritte auf den großen Steinplatten, er sieht das Mondlicht auf den Türmen und den strengen Palästen und weiß, dass hinter diesen Verschanzungen der Vergangenheit ein anderes Spanien liegen muss, das das Seine vielleicht nicht mehr kennen will oder nicht mehr erkennen kann. Sein Umweg ist hier zu Ende. Seine Spanienreise ist vorbei." (Cees Nooteboom 'Der Umweg nach Santiago")Read more
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- Day 6–7
- March 5, 2025 at 11:44 AM - March 6, 2025
- 1 night
- 🌬 9 °C
- Altitude: 13 m
GermanyPelzerhaken54°5’20” N 10°52’21” E
Pelzerhaken

3.173 TAGE AUF UNSERER
LEBENSREISE IM BLAUEN BUS (Fahrtstrecke 76 km/ Gesamt 385.279 km / Ø121,42 km)
Wohnmobilstellplatz
Pelzerhaken
Deutschland
"Drei Tage am Meer
Und ich weiß wieder, wer ich bin..." singt Henning May.
https://youtu.be/Sx4IdDT-Miw?si=Kxk5DVIFwrGWoqNQ
Ganz so voller Verlust meiner Selbst bin ich nicht, aber die Einsamkeit des Meeresstrandes gibt mir schon die Möglichkeit, in mir aufzuräumen. Lange habe ich mir nicht vorstellen können, einmal mit kürzeren Haaren weiter zu reisen, weil ich dachte, dass ich es brauche, es ein Teil von mir ist. Wir haben schon geflunkert, dass mein Sohn sie abschneiden kann, bevor ich den letzten Weg antreten werde.
Aber in den vergangenen Monaten arbeiten die Gedanken in mir, es entsteht eine Unruhe, die ich noch nicht wirklich erfassen kann, ich mache relativ spontan einen Friseurtermin Ende März mit G., die mir zusichert, sich gute Gedanken zu machen.
Heute morgen am Strand ist mir klar geworden, was mich bewegt. Es ist das Alter. Nein, nicht so wie du denkst. Aber die langen Haaren gehören zu einem Jahrzehnt des Aufbruchs, der Menschwerdung auf der Straße, der weite Sprung in eine andere Welt, nach der ich mich immer gesehnt habe. On the Road again!
Aber. Das Leichtfüßige ist vorbei. Ich wußte schon immer, dass 75 nochmal ein Schnitt im Leben ist. Ein tiefer Cut, eine Veränderung, die auch äußerlich zu sehen ist. Die Schritte müssen deutlich mehr erkämpft werden, und das bezieht sich nicht nur auf das reine Gehen. Es ist eher lebensumfänglich. Ohne genau zu wissen, was dies letztendlich bedeutet, weil es in den nächsten fünf Jahren überhaupt von mir erfasst werden muss.
Und in diese Zeit der Veränderung passt es gut, mich von den langen Haaren zu verabschieden. Mehr ist es erst einmal nicht, mein Wesen, mein Sein, mein Verstand und meine Freude am Leben werden sich dadurch nicht ändern. Im Gegenteil bin ich voller Vorfreude auf jeden einzelnen Tag, der auf mich wartet.
Dieses Jahr wird ein Begegnungsjahr, ein Jahr des Wiedersehen, ein Jahr des Kennenlernens, und ein weiteres Jahr an den Küsten verschiedener Meere. Jetzt also die Ostsee. Eine Woche vom Gut Brodau bis Lübeck, dann der wichtige Kardiologentermin im Harz, und zurück ans Meer auf Fehmarn. Soweit die Theorie, solltest du praktisch in der Gegend sein und Lust haben, uns kennenzulernen, schick mir eine persönliche Nachricht.
Gestern sind wir verabredet in Pelzerhaken, haben uns fünf Jahre nicht gesehen, ihr Hund Emma ist grau geworden, der kleine menschliche Spielkamerad ist doch für einen Hund sehr anstrengend. Wir gehen zusammen ans Meer. Der Sandstrand ist noch nicht aufgeräumt, das Meer darf noch einen Monat all seinen Kram an Land werfen, den es los werden will. Hilde ist glücklich, und ich bin befreit. Jeder macht seinen Weg und fühlt sich wohl, obwohl Hilde seit gestern manchmal humpelt, und am Ende des Spaziergangs auch froh zu sein scheint, als wir wieder am Bus ankommen. Aber heute morgen ist alles kein Problem mehr.
Unsere Besucherin hat leckere Muffins gebacken, lässt mir noch einige für den nächsten Tag da. Wir verstehen uns gut, ist viel passiert in diesen Jahren, es wäre schön, wenn bis zum nächsten Mal nicht wieder soviel Zeit ins Land ginge. Wir verabschieden uns und hoffen mal, dass das möglich sein wird.
Wir fahren an der Küste entlang, waren vorher schon in Rettin und schauen noch kurz nach der Seebrücke von Neustadt. Der Parkplatz ist bevölkert von Schulkindern und Lehrern, es ist 18 Uhr, eine ziemlich ungewöhnliche Zeit. Dann beginnt es Abend zu werden, der Stellplatz am Binnenwasser liegt dunkel und leer, sodass ich mich entscheide, auf den teuren Platz am Meer zurückzufahren, von dem wir nur einem kurzen Weg zum Strand am Morgen haben.
Fast sind wir alleine, wenn nicht die Vögel und die Sonne gewesen wären, und ein paar Hunde und ihre Menschen, denen wir weitestgehend aus dem Weg gehen nach einer kurzen Begrüßung. Nur ein junger Huskyverschnitt mit einer unachtsamen Besitzerin sorgt für einige Momente unnützer Andrenalinausschüttung.
Nach einer Stunde am Meer haben wir Hunger und freuen uns auf ein Frühstück. Das Leben will gelernt sein, immer gibt es unvorhersehbare Momente. Vielleicht ist das aber auch das Gute, denn wer will schon immer alles wissen, was passieren könnte. Jetzt ruhen wir erstmal ein wenig aus.Read more
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- Day 7–8
- March 6, 2025 at 12:44 PM - March 7, 2025
- 1 night
- ☀️ 13 °C
- Altitude: 39 m
GermanyGrell Berg53°59’37” N 10°42’31” E
Scharbeutz

3.174 TAGE AUF UNSERER
LEBENSREISE IM BLAUEN BUS (Fahrtstrecke 22 km/ Gesamt 385.301 km / Ø121,39 km)
Wohnmobilstellplatz
Scharbeutz
Deutschland
Als ich am frühen Morgen ein Geräusch an der Fensterscheibe höre, schaue ich aus der Seitentür und sehe, dass die Raben den Müllbeutel aufgepickt haben, der am Spiegel hängt, und dabei sind, meinen Müll überall zu verteilen. Unter dem ärgerlicher Gekrächze der schwarzen Gesellen sammele ich alles auf, und stell den Sack wieder in den Bus.
Die Sonne geht auf. Es ist sehr kalt geworden, lediglich ein Grad ist uns noch geblieben. Doch die Sonne ist schon aufgegangen, es ist windstill und soll heiß werden.
In Pelzerhaken machen wir am Nachmittag noch einen Strandspaziergang. Die Sonne scheint, und ich freue mich, dass es einigermaßen schmerzfrei geht. Wegen dem Blutverdünner darf ich nur ganz selten mal Ibu nehmen, ich habe eine Achthunderter halbiert, aber es hat gereicht, um die Situation in meinen Gelenken zu entschärfen.
Solange die Sonne scheint, und Hilde am Strand frei laufen kann, ist erstmal alles gut. Unterwegs komme ich mit interessanten Menschen ins Gespräch. Auf der Suche nach veränderten Lebensinhalten ist so mancher, oft fehlt es an den Umsetzungsmöglichkeiten, denn das Leben lehrt den Menschen vieles, aber selten wie man geordnete Bahnen verlassen kann, ohne auf krumme Wege zu gelangen.
Es ist schon 16 Uhr, als wir den Stellplatz verlassen, und im kleinen Hafen von Neustadt in Holstein uns umschauen. Der Verkehr quält sich langsam aus dem kleinen Zentrum heraus, doch als wir nach Sierksdorf abbiegen, sind wir fast alleine. Winter im Hansa-Park, ich mag diese Atmosphäre von stillstehenden Fahrgeschäften und unbelebten Gassen auf dem Gelände. Die Uhr ist vermutlich auch sonst stehen geblieben, aber jetzt wirkt es so, als habe an einem Nachmittag kurz nach halb fünf die Räderwelt eine Auszeit genommen.
Von Sierksdorf bis nach Scharbeutz hinein gibt es eine Straße zwischen dem Strand und den Häusern, die weiße Wohnmasse, auf die Hilde schaut, liegt zwischen Park und Meer. Ein des Schreibens vielleicht nicht unkundiger Rabe sitzt auf einer Mauer und stört sich nicht an uns, während wir ihm zuschauen.
Er erinnert mich an das Buch von Bernd Heinrich 'Ein Jahr in den Wäldern von Maine', das es nur noch Second Hand gibt. Eins der interessantesten Bücher, die ich gelesen habe, das auch durch seine detailgetreuen, botanischen Zeichnungen besticht. Er zieht einen kleinen Raben auf, mit dem ihm so etwas wie eine Freundschaft verbindet.
Sein Leben dort in einer einsamen Hütte ist so etwas wie ein Traum, den sich so mancher wünscht und selber nicht umsetzen kann. Mit dem Autor lässt es sich zumindest erahnen, welche Möglichkeiten sich hier öffnen.
Von Sierksdorf nach Haffkrug, dann kommt Scharbeutz, die einzelnen Orte lassen keinen Freiraum zwischen sich, allerdings wird es touristischer und menschenvoller. Es ist kurz vor sechs Uhr am Abend, wir biegen in die Straße zum Stellplatz ein, der recht idyllisch zwischen hohen Bäumen uns einen Platz für die Nacht anbietet.
Hilde will nur mal kurz rumschnüffeln und allen ihre Hundemarke da lassen. Dann haben wir einen ruhigen Abend im blauen Bus, dem sich eine lange Nacht anschließt, weil ich nicht einschlafen kann. Das Leben ist bewegt und viele Gedanken nutzen die Stille des Dunklen, um sich auszubreiten. "Dankbares Leben ist ein Weg zum Heilwerden der Welt", sagt Anselm Grün in einem Text.
Das ist nicht leicht, wenn ich so um mich schaue, aber es geht um meine persönliche Verantwortung, dass ich diese Lebenshaltung pflege, obwohl die Gefühle karusellschlagen, und um mich herum Menschen ums Leben kämpfen, denen ich beistehen möchte mit meinen Gedanken, mit meinen Gebeten, meinem Vertrauen in Gott.
Am Morgen geht die Sonne auf. Wie in jenem Lied von Udo Jürgens. "Denn immer, immer wieder geht die Sonne auf
Und wieder bringt ein Tag für uns ein Licht
Ja, immer, immer wieder geht die Sonne auf
Denn Dunkelheit für immer gibt es nicht
Die gibt es nicht, die gibt es nicht..."
https://youtu.be/WHr46pyUa50?si=O0h9lbyjX8CEnH1FRead more
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- ☀️ 13 °C
- Altitude: 18 m
GermanyAalbeek53°59’25” N 10°48’45” E
Niendorf

3.175 TAGE AUF UNSERER
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Niendorf
Deutschland
Ich muss das Wasser rationieren. Gestern hätte ich etwas kaufen können, heute sehe ich, dass es knapp wird. Fast ein Liter für mich, der Rest ist für Hilde. Das macht eine Tasse Tee, das Getränk für die Medizin, heißes Wasser fürs Porridge, und der Rest dient dem Waschlappen für die Körperpflege. Die Sonne scheint, und es wird wieder richtig warm. Da will ich Hilde nicht im Bus alleine lassen, es sei denn, dass sich ein kühler Schattenplatz findet. Oder wir warten bis zum Abend. Denn auch ein paar andere Kleinigkeiten könnte ich mal wieder kaufen.
Und dann finde ich, oh Wunder, noch einen Liter Ayran im Kühlschrank, an den ich nicht mehr gedacht habe. Also gibt es fürs zweite Frühstück ein Joghurtgetränk zum Ziegenfrischkäse.
Gestern morgen im Scharbeutz aufgewacht, schleppen sich die zweihundert Meter mit einem eiligen Hund und einem schmerzenden Rücken doch ziemlich lang, ehe ich Hilde laufen lassen kann. Eigentlich hatte ich gedacht, mal wieder eine Woche hier zu bleiben, so wie vor einigen Jahren in dem Apartmenthaus auf dem Bild, aber die Gelenke machen das wohl nicht zu so einer lustigen Erfahrung.
Heute sind wir fünf Minuten gefahren, bis halb zehn kann man umsonst an der Straße parken, wenn man ein Halbstundenticket zieht. Alles im Blick, kann ich Hilde aus dem Bus an den Strand laufen lassen. Das wäre die bessere Lösung, falls sich nicht bis im nächsten Winter eine andere Tür öffnet.
Wir sind lange am Strand, doch zum Frühstück möchte ich nicht auf dem Stellplatz bleiben, wo es zu unruhig ist. Wir gehen die Scharbeutzer Heide suchen, die sich aber gut versteckt hat, sodass wir dann einen Abstecher nach Friedrichsberg machen. Eine Waldstrasse, auf der uns der Postbote entgegen kommt, und ein Ort mit wenigen Häusern zwischen den Bäumen, aber einer einspurigen Bahnlinie, auf der wir tatsächlich vor der Schranke warten müssen, um auf der anderen Seite vor dem geschlossenen Eisentor eines großen Gehöftes stehen.
Scharbeutz geht nahtlos in Timmendorfer Strand über. Und während ich versuche, dem Meer so nahe wie möglich zu kommen, durchqueren wir den Ort voller Menschen im Sonnenschein, als mir eine Erinnerung einfällt. Mit dem Schotten Kenny bin ich 1980 nach Skandinavien getrampt, und an einem verregneten kühlen Sommertag in diesem Ort hängen geblieben. Ein bisschen außerhalb haben wir auf einem halbwegs geschützten Waldweg unsere Schlafsäcke ausgerollt und die Nacht ungestört genießen können.
Heute entfährt mir gerne ein glucksendes Lachen, wenn ich an diese unbekümmerten Tage denke. Später in Lehnsan, als uns völlig durchnässte Gestalten keiner mitnehmen wollte, haben wir an einer stillgelegten Tankstelle aus alten Holzbrettern ein wärmendes Lagerfeuer entzündet. Davon gibt es sogar noch ein Photo.
Nach dem Timmendorfer Strand kommt Niendorf mit seinem Vogelpark und einem Stellplatz für Wohnmobilstelle, getrennt von der Landstraße durch eine Reihe alter Bäume. Strom für die Nacht, aber vorher noch ein Spaziergang an eben jenem Strand, wo wir heute morgen auch waren.
Der Sand lässt sich nicht so einfach gehen, heute morgen schiebt ein Trecker die Massen hin und her, seine Spuren führen nahe am Wasser entlang, das seicht und fast wellenlos ankommt. Hilde ist auch wenig begeistert heute vormittag, es gibt kaum was zu entdecken, und andere Hunde schlafen wohl noch. Leicht humpelnd kommt uns eine Spaziergängerin entgegen, die hoch zu den Dünen ausweicht, und später beim DLRG Häuschen auf den Treppen sitzt, den Kopf in die Hände gestützt, als wäre sie traurig.
Hilde schaut fragend zu ihr hinüber, und ich spreche sie an, ob alles okay ist. So kommen wir ins Gespräch und schnell findet sich, dass sie davon träumt, endlich auf Reisen zu gehen. Noch ein paar Monate, vielleicht ein halbes Jahr, dann würde sie auf eine spanische Insel ziehen, wo die Tochter lebt, um erstmal Abstand zu gewinnen vom kalten Norden und dem aufregenden Beruf. Ein großer Schritt, eine wichtige Wendung, um das Leben nochmal in anderer Weise auf Fahrt zu bringen.
Wir bleiben in Kontakt, solche Begegnungen sind das Salz in der Suppe auf meinem Lebenstisch, für die ich sehr dankbar bin. Wir fahren zurück zum Stellplatz, und als ich auf die Karte schaue, sehe ich, dass die Ostseeküste auf meiner Route bald zuende geht.
Travemünde, der Hafen mit den großen Fähren aus Finnland & Co, und die Trave runter nach Lübeck. Vielleicht teile ich das, um noch einen Sonnenaufgang über dem Wasser zu sehen, bevor ich dann die Küstenreise für einen Arzttermin unterbrechen werde.Read more
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- Day 9
- Saturday, March 8, 2025 at 11:36 AM
- ☀️ 13 °C
- Altitude: 35 m
GermanyZarpen53°51’34” N 10°32’23” E
Fliegenfelde

3.176 TAGE AUF UNSERER
LEBENSREISE IM BLAUEN BUS (Fahrtstrecke 78 km/ Gesamt 385.436 km / Ø121,35 km)
Lehmparkplatz
Kreuzung mit Abzweig
Nach Fliegenfelde
Deutschland
Manchmal ist das Leben eine Verkettung unglücklicher Ereignisse, und steht dabei konträr zu den schönen Bildern, die uns der Tag geschenkt hat.
Gestern beenden wir diesen Küstenabschnitt in Dänischburg, einem Stadtteil von Lübeck, nicht weit vom Fluß Trave entfernt, der bei Travemünde genau das tut, was der Name sagt.
Ein Ort voller Widersprüche zwischen der Beschaulichkeit eines kleinen Ortes am Meer und der Hafenstadt fernsüchtiger Reisender. Mitten im Ort die Fähre hinüber ins mecklenburgische Priwall, am Skandinavienkai die Versammlung hunderter Lastwagen in nordöstlichen Windrichtung.
Auf einer großen Wiese in unmittelbarer Nähe zur Strandpromenade ragt ein einzelnes Hochhaus in den leeren Himmel, während im Zentrum die Kirche nicht weit vom Kommerz ist. Menschen überall. Flanierend an Wasser und Geschäften, deren Auslagen auch hier sich an der Nähe zur Ostsee ausrichten.
Cafés, Bar, Eis und Heißgetränke, Alkohol wird gerade für die Veranstaltungen des Wochenendes in Fässern und Kisten in Ausschankwagen getragen. Die Sonne scheint, ich kann mir trotzdem nicht vorstellen, hier zu bleiben, sodass wir in der Nähe des Flusses vorbei an vielen industriellen Anlagen und Firmen Richtung Lübeck fahren.
Travemünde ist ein großes Warenumschlaglager mit rückwärtigem Wohnraum, das sich bis Dänischburg ausdehnt. Der Fluß liegt verborgen hinter großen Zäunen, durch deren kleine Vierecke ich Fetzen von blauem Wasser sehen kann.
Mein Abschied von der Ostsee allerdings wäre unvollkommen, wenn ich nicht noch einen Sonnenaufgang überm Wasser erleben könnte.
Also wieder Schwenk nach Norden, ein wunderschöner Nachmittagsspaziergang in Scharbeutz am Strand. Im nächsten Getränkemarkt kaufe ich dann das dringend benötigte Wasser, und wir fahren nach Niendorf auf den Stellplatz zurück, der bis zur Nacht reichlich gefüllt ist. Aber immerhin nicht so, wie die anderen Plätze in Scharbeutz und Travemünde.
Um halb sechs klingelt der Wecker, um halb sieben fahren wir los. Durch einen stillen Morgen mit Rauhreifwiesen und glucksenden Bächen. Am Meer angekommen, sehe ich, dass die Sonne schon eine Handbreit überm Wasser steht. Ich mache ein zwei Bilder, will dann auf den Trottoir treten, merke, ich habe trotz Bandage keinen Halt im rechten Bein, und stürze längs auf den Asphalt, rechte Schulter.
Für einen Moment bleibe ich liegen, dann ziehe ich mich zum Bus und an ihm hoch, lasse Hilde raus, die wie wild gebellt hat, und nun zum Strand läuft, während ich mit dem Stock langsam hinterher komme.
Ein traumhafter Morgen, ein wunderschöner Abschiedsspaziergang am Meer. Ich gehe langsam, und Hilde passt sich meinem Tempo an. Der Arm schmerzt, ich fühle mich leicht benommen, reagiere aber adäquat auf meine Umgebung. Bewegungen mit dem Arm fallen mir schwer, und irgendwie ist mein rechter Fuß geschwollen, sodass ich kurz drüber nachdenke, ob ich vielleicht umgeknickt sein könnte.
Wir steigen in den blauen Bus, fahren durch einen aufwachenden Morgen bis nach Fliegenfelde, wo wir neben einem Lastwagen parken. Motorradfahrer, Menschen mit Kinderwagen, Läufer, Radfahrer, Autos. Jemand sammelt Müll am Fußweg, die Sonne knallt, wir frühstücken.Read more
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- Day 10–11
- March 9, 2025 at 11:20 AM - March 10, 2025
- 1 night
- ☀️ 10 °C
- Altitude: 43 m
GermanyLössewitz52°24’36” N 11°18’50” E
Berenbrock

https://youtu.be/tnfF5tMYRIE?si=eA0BsNdjgfiKkC5d
Der erste Teil der Ostseetour ist ziemlich spektakulär zuende gegangen, aber ich habe in diesem Video noch einige besondere Aufnahmen aus diesen Tagen mitnehmen können.
Ich hoffe, Dir gefällt das Video auch, nimm Dir ein paar Minuten Zeit, es lohnt sich! DANKERead more
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- Day 14
- Thursday, March 13, 2025 at 11:06 AM
- ⛅ 5 °C
- Altitude: 58 m
GermanyOster-Berg52°39’26” N 10°8’16” E
Lachtehausen

3.181 TAGE AUF UNSERER
LEBENSREISE IM BLAUEN BUS (Fahrtstrecke 190 km/ Gesamt 386.355 km / Ø121,45 km)
Wohnmobilstellplatz (frei)
Nienhagen
Deutschland
Das Beste kommt zum Schluß, so sagt man gerne mal so lapidar, ohne sich über die Folgen im Klaren zu sein. Nach der fünf Tage dauernden Odyssee habe ich schon geglaubt, dass ich sie unbeschadet überstanden hätte, doch beim abendlichen Blutdruckmessen spüre ich, wie sich der Herzschlag verändert. Es ist fast ähnlich, wie wenn man eine Decke über den Kopf zieht dass alles gedämpft wirkt, ich leicht weggetreten wirke.
Vorhofflimmern ist da, just zwölf Stunden vor dem nächsten Betablocker, den mir der Kardiologe wieder verschrieben hat. Ab morgen wäre ich wieder geschützt gewesen. Nun ja, am nächsten Tag ist die Sinuskurve wieder regelmäßig, die Anspannung läßt nach, wir wachen spät in Nienhagen auf, die Sonne ruht schon in den Ästen.
Da lag sie ja auch an jenem Samstagmorgen, als ich auf dem Gehsteig umgefallen bin. An einer Wegkreuzung schreibe ich die letzte Geschichte im warmen Sonnenschein, dann kommt mir die gute Idee, übers Wochenende zu meiner Tochter zu fahren, weil ich da die nächste Nacht mal in einem Bett schlafen und Hilde mit den anderen Hunden übers Feld laufen kann, und immer ein Mensch da ist, der sie ggf an die Leine nehmen kann. Denn jede falsche Bewegung läßt einen heftigen Schmerz mir durch den Körper ziehen. Fast wie ein elektrischer Schlag.
Die Nacht auf einer weicheren Matratze ist gut für den Rücken und die Gelenke, aber mehr Bequemlichkeit würde sich gleich ins Gegenteil schlagen. Sonntag abend in Braunschweig, bringen wir früh den Enkelzwerg zur Tagesmutter, geht mein Sohn mit Hilde spazieren, während ich in meinen Möglichkeiten hinterher kommen.
Mittags ist ein Orthopädietermin in der Innenstadt von Hannover, den ich kurzfristig bekommen kann. Eine Freundin setzt sich zu Hilde in den Bus, diese bekommt einen Knochen und ist vollends beschäftigt, sodass ich die neunhundert Meter Asphalt unter meine Schuhe nehmen kann.
Alleine der Wanderstock verändert den Eindruck von mir in einer Stadt, wo die Eile der Ruhe ihre Kraft genommen hat. Wenn Blicke erfolgen, sind sie abschätzig, fast gleichgültig, es geht mir auch niemand aus dem Weg. Stattdessen muss ich den jungen Menschen Vortritt lassen, ggf stehen bleiben.
Zu gewohnt ist der Anblick von Pennern, dass Menschen ihr gleichgültiges Handeln hinterfragen könnten. Ich bin ein Niemand, von dem sie sich nicht aufhalten lassen. Und selbst, wenn sie bemerken würden, dass mir das Gehen schwerfällt, lassen sie es sich nicht anmerken. Das betrifft nicht nur junge Menschen, das ist gesellschaftsübergreifend.
Und übrigens in der Eins-zu-Eins-Situation bei der Reifenreparatur ganz anders. Oder soll ich es so ausdrücken, mit dem blauen Bus und unserer Reisegeschichte, verändert sich meine Stellung in der Gesellschaft. Der Orthopäde meint, ich hätte mir beim Sturz nichts gebrochen, für die Knie schlägt er eine Operation vor, also natürlich zwei Eingriffe, die jeweils zur Folge haben würden, dass ich danach mindestens ein halbes Jahr intensivstes Training machen müsste, um bei meinem Gesundheitszustand (fett, träge, muskelschwach) wieder fit zu werden.
Also zwei Jahre mal den VW Bus in die Ecke stellen, um danach wieder mehr Lebensqualität gewonnen zu haben. Die kaputten Fussgelenke, die verschlissen sind, so wie er sich ausdrückt, behalte ich natürlich. Das erinnert mich fatal an diese Geschichte vom Fischer, der nur so viele Fische fängt, wie er braucht, um seinen Lebensunterhalt sicher zu stellen, darüber hinaus aber sein Leben genießt.
Der Tourist, der ihm vorschlägt, sein Unternehmen zu erweitern, um dann wieder sich auf seinen "Lorbeeren" auszuruhen, hat ihn genausowenig verstanden, wie der Orthopäde mich. Der Aufwand ( finanziell und logistisch, um Hilde adäquat versorgen zu können), den eine solche Veränderung für uns mit sich bringt, steht in keinem Verhältnis zum Ergebnis. Und zweitens sind die Einschränkungen derzeit nicht so wesentlich, dass es diesen Aufwand lohnt. Wer weiß denn schon, was in zwei Jahren ist.
So beiß ich lieber die Zähne zusammen und schluck hin und wieder eine Ibu, dafür habe ich, so wie der Arzt sagt, die Freiheit, von a nach b zu fahren, die er naturgemäß nicht so hoch einschätzt wie neue Kniegelenke. Also verabschieden wir uns, ich befreie die Freundin von Hilde, und wir fahren zurück nach Braunschweig.
Die Nächte sind weiterhin sehr kalt, sodass die Wiesen im Rauhreif liegen, während der Sohn mit Hilde auf dem Weg ist, sich die Beine zu vertreten. Am Dienstag müssen wir für den Kardiologentermin in den Harz fahren, allerdings stelle ich fest, dass einer der neuen Reifen Luft verliert. Perfekt
Aber erstmal besuchen wir Freunde über Nacht. Das sind die mit dem bequemen Gästebett und der Dusche für mich, sowie dem umzäunten Garten für Hilde. Ein Abend voller Gespräche, ein reich gedeckter Tisch mit einer leckeren, heißen Suppe, eine ruhige Nacht voll erholsamem Schlaf.
Am nächsten Morgen verlassen wir wie Diebe das Haus früh durch die Seitentür, um niemanden zu wecken. In der Nacht hat es geregnet, wir parken an einem Seitenstreifen der Waldstrasse, um zu frühstücken. Das Laub wartet getrocknet auf das Verrotten, die kahlen Bäumen wirken anklagend unterm grauen Himmel. Im Ort fahren die Menschen zur Arbeit, ich bin um viertel nach acht bei meinem Termin, der zufriedenstellend verläuft.
Mittags eine Verabredung beim Reifenhändler, an einer kleinen Stelle hat der Mitarbeiter einen Hauch Rost an der Felge übersehen, der der Verursacher für den Luftverlust ist. Ein kleines Dankeschön in die Kaffeekasse für die kompetente und freundliche Behandlung, dann können wir endlich wieder nordwärts fahren, der Kälte entgegen.
Denn die Prognose für Fehmarn klingt nicht so vielversprechend wie am letzten Wochenende. Temperaturen zwischen null und acht Grad sind durchaus als frisch zu verstehen. In Nienhagen stehen wir gerne, weil dort ein Park sich den Stellplätzen anschließt, ich habe ein nettes Gespräch mit einem Ehepaar, das seine Kinder besucht, und für die Zeit dazwischen, ein Buch von uns erwirbt.
Dann messe ich den Blutdruck, und bin nicht wenig begeistert. So also beginnt der nächste Reiseabschnitt. Nach dem Spaziergang fahren wir ein Stückchen weiter auf einen kleinen Parkplatz bei einem Friedhof am Ortsrand von Lachtehausen.
"'Aber so ein Ort ist mehr als eine Anlage mit Gräbern. Es ist ein Stück Ortsgeschichte, die von den Menschen erzählt, die dort gelebt und gearbeitet haben – und in heimatlicher Erde bestattet wurden', meint Annegret Pfützner, stellvertretende Ortsbürgermeisterin von Lachtehausen. Ein Gang über den Friedhof macht das deutlich: kaum eine Grabstelle, zu der Annegret Pfützner nichts zu sagen weiß. Dort liegen Honoratioren aus dem Dorf, Menschen, die 'n der Welt' was geworden sind, und doch zumindest zum Ende ihres Lebens wieder nach Hause gekommen, neben Landwirten und Handwerkern, die nie weit weg von der heimatlichen Scholle gewesen sind.
Auch ein paar eindrucksvolle Bauerngräber finden sich auf der Anlage. Das sind große Familiengräber – oft nach dem landwirt- schaftlichen Hof und Familienname benannt –, meist mit einer kleinen Mauer oder Hecken- umfriedung begrenzt, in denen ganze Generationen zur letzten Ruhe gebettet werden... Auf dem Gelände, vor den Stufen zum Friedhof, steht – auf einem großen Findling, von Findlingen umgeben und geschickt bepflanzt, ein Denkmal für die Kriegsgefallenen aus dem Ort."
https://www.cz.de/lokales/celle-lk/celle/friedh…Read more
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- Day 15–16
- March 14, 2025 at 1:51 PM - March 15, 2025
- 1 night
- ☁️ 4 °C
- Altitude: 15 m
GermanyBrodten53°59’17” N 10°49’57” E
Niendorf/Ostsee

3.182 TAGE AUF UNSERER
LEBENSREISE IM BLAUEN BUS (Fahrtstrecke 220 km/ Gesamt 386.575 km / Ø121,48 km)
Wohnmobilstellplatz
Niendorf/Ostsee
Deutschland
Im Alltäglichen liegt der Reiz des Besonderen. Auf dem Morgenspaziergang über den fast leeren Stellplatz sehe ich eine gelbe Jacke und denke gleich an Timo, aber der ist ja im Zentralmassiv von den Schneemassen eingeschlossen.
https://www.instagram.com/timo.schaper?igsh=MTN…
https://youtube.com/@timo.schaper?si=QodphzxI64…
Nein, tatsächlich ist das der Dennis mit seinem Hund Blue, der im Anhänger sitzt, der aus Carbon gebaut ist, und einen Schlafplatz für Mensch und Hund bietet. Sie sind nicht sesshaft wie wir und auch Timo, und jeder versucht, sich der Welt auf seine Art zu nähern.
Dennis hat noch keinen Internetauftritt, das hier ist eine Probefahrt, jetzt müssen noch einige Verbesserungen durchgeführt werden, dafür gibt ihm seine Mutter Raum und Zeit. Dann möchte er Skandinavien erobern, mit der Rad, dem Hund, und der Angel, die ihnen gute Ernährung bringen soll.
Ein aufgeschlossener junger Mann, der die alten Geschichten hinter sich lassen möchte, um eine ganz neue Geschichte zu schreiben. Seine Geschichte. Das nennt man Lebensmut.
Als ich gestern auf dem Parkstreifen am Meer in Scharbeutz anhalte, schaue ich kurz auf den Asphalt, auf den ich am Samstag gestürzt bin, als gäbe es dort noch meinen Abdruck. Zum Glück sind alle Spuren beseitigt, und auch wir können neuen Geschichten schreiben.
Wir gehen an den Strand, das Meer ist ostseeruhig, glatt wie eine Scheibe, nur ganz am Rand gibt es einen kleinen Wellenschlag, als würde es sagen wollen, hier bin ich. Der Himmel spiegelt sich im Wasser, oder vielleicht ist es auch umgekehrt, manchmal verdrehen sich halt die Welten um uns herum, das ist so üblich im Paradies.
Am Friedhof machen wir einen kleinen Abschiedsspaziergang, dabei finde ich den einzelnen Krokus und die gelben Blüten vor dem blauen Himmel. Dabei überkommt mich der Gedanke, es wäre schön, jetzt einfach am Meer spazieren zu gehen, wo Hilde frei laufen kann.
Wir fahren nach Soltau, nehmen die Autobahn, wenden uns kurz vor Hamburg nach rechts, und biegen nördlich von Lübeck ab zum Timmendorfer Strand. Spaziergang am Meer. Und nachts auf den Stellplatz. Zwei kleine Gespräche mit den beiden Nachbarn, denn kaum ist es wieder kalt, bleibt mancher lieber am warmen Ofen sitzen, also sind die Plätze und die Strände wie leergefegt. Einzig die Therme ist gut besucht, so wie der Friedhof an manchen Tagen.
Mein Sohn hat uns ein Tütchen Markknochen mitgegeben, frisch riechen tun sie nicht mehr, aber Hilde bearbeitet jeden Tag eins, bis der Knochen sauber geleckt übrig bleibt. Und dann auch geruchsfrei ist. Sie ist happy. Das sehe ich auch daran, dass sie nicht haart, keine langen Stresshaare aus ihrem Fell abspringen, sie fröhlich und entspannt ist, ganz besonders gehorsam am Strand auf jede Reaktion von mir wartet.
Auf dem Platz gibt einen Raben, der jedes Fahrzeug besucht, ob da was Gutes für ihn abfällt. Wenn sich ein Mensch entsprechend regt, kommen sofort ein paar Kumpels von den Bäumen runtergeflogen. Und manchmal bleibt noch ein zweiter Rabe auf der Erde. Ich liebe ihre unaufdringliche Aktivität, ihre unglaubliche Ausdauer, und ihre zurückhaltende Rücksichtnahme. Raben sind schon interessante Wesen, ich schaue ihnen lange zu.
Am Morgen geht die Sonne auf, wie jeden Tag, zeigt sich dieses Mal hinter den Bäumen zwischen den grauen Wolken, die aber bald den Himmel komplett bedecken. Grade mal fünf Grad Celsius, und manchmal fallen ein paar Tropfen Regen. Hilde schläft, ich koche eine zweite Kanne Tee, wir haben Strom, es ist windstill.
Morgen treffen wir eine liebe Freundin mit ihrem T4 Bus, wollen zusammen Fehmarn umrunden, danach folge ich noch dem letzten Stück Ostsee bis Rerik, und wäre dann auch in der Lage, nette Menschen um Hamburg herum zu treffen, die Lust darauf haben, uns kennenzulernen oder wiederzusehen.
Wenn du dazu gehörst, dann schicke mir einfach eine private Nachricht. Ich freue mich drauf, und Hilde sowieso. Die Einladung gilt natürlich auch auf unserer aktuellen Route.Read more
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- Day 16–17
- March 15, 2025 at 9:17 AM - March 16, 2025
- 1 night
- ☁️ 3 °C
- Altitude: 15 m
GermanyBuchholz54°19’8” N 10°40’31” E
Hohwacht

3.183 TAGE AUF UNSERER
LEBENSREISE IM BLAUEN BUS (Fahrtstrecke 72 km/ Gesamt 386.647 km / Ø121,47 km)
Parkplatz
Hohwachter Bucht
Deutschland
Heute morgen ist mir nach alter Musik. Bob Dylan in Budokan. Da waren wir noch alle jung. Und die meisten waren auch schlank, vital und lebenshungrig. Manches davon habe ich mir behalten können, aber wenn es morgens um sieben Uhr noch zwei Grad hat, dann mag ich erstmal nur einen kleinen Morgenspaziergang, was Hilde gar nicht gefällt.
Aber ich verspreche ihr einen schönen Abschiedsspaziergang, wie gestern morgen in Scharbeutz. Auf dem Weg beginnt es zu regnen, und ich schaue kurz gedanklich zu meinen Sandalen runter, ob die Socken wohl wasserdicht sind. Dann fängt es an zu schneien. Und als wir am Meer sind, hat sich der Himmel entspannt.
Einige Spaziergänger, eine handvoll Hunde, deren männliche Spezies Hilde gut in Erinnerung behält, weil ihre Läufigkeit sie gerade auszeichnet. Wir laufen bis runter zur Therme, die an diesem, für viele, ungemütlichen Tag gut besucht ist. Dann winken wir Good-Bye, ich drehe die Nase vom Bus Richtung Norden, weil wir uns heute Abend schon mit Ute in Hohwacht treffen. Sie kommt von Berlin über Kiel, wo sie einen Termin hat, während Schnee das Land belegt, zu uns. Bis zuletzt habe ich noch vermutet, dass sie die kleine Reise mit uns absagen würde, weil die Temperaturen einfach ziemlich unwirtlich sind, was ich gut verstehen würde.
Als die Landstraße bei dem Uhu rechts in den Wald abbiegt und sich deutlich verkleinert, liegt Schnee. Wir sind auf der Nordsüdroute von Kiel angelangt, und hier ist dann auch Winter. Also eigentlich war es ja auch vorher so, nur die weiße Schicht skizziert die Situation überdeutlich.
Am Abzweig nach Hohwacht ist alles wieder normal, in der Ferne liegt die dunkle Masse Wasser zum Horizont hin, die sich deutlich vom Land abgrenzt. Während wir auf dem Parkplatz auf Ute warten, klart der Himmel auf und lässt seine Schäfchen über das blaue Firmament laufen.
Ute ist durchgefroren, weil sie für ihren Termin schon zwei Stunden draußen verbracht hat. Für unseren Abendspaziergang zieht sie sich gleich mehrere Schichten Bekleidung an, während ich nur einen dickeren Pullover über den Tagespullover ziehe, für Hilde reicht ihr kurzes, aber dickes Fell aus. Es macht einfach einen großen Unterschied, ob man dauernd draußen lebt, oder nur mal sporadisch.
Aber das rechne ich ihr hoch an, dass sie mal wieder ein paar Tage mit uns unterwegs ist, denn wir reisen doch etwas anders. Hilde freut sich diebisch, dass wir spazieren gehen und auch ganz alleine am Strand unterwegs sind, während die Wellen wild sich überschlagen.
Es ist windig geworden und draußen auf dem Meer wird sich der Bruder noch ein bisschen mehr aufgefrischt haben. Der Himmel ein Gedicht in Farben und Bildern, wir haben uns viel zu erzählen, sehen wir uns doch nur ein oder zweimal im Jahr. Hilde hält Kontakt, auf dem Rückweg nimmt Ute mir die Leine ab, denn der Rücken schmerzt, wenn Hilde zieht. Und in der Dämmerung zuckt das ein oder andere Kaninchen aus seinem Versteck im grünen Gras.
Ute hat zuhause eine scharf und gut gewürzte Suppe für uns vorbereitet, die sie jetzt aufkocht, und in den blauen Bus mitbringt. Wir sitzen noch lange zusammen, Hilde hat sich zusammengerollt, der nächste kleine Markknochen ist sauber ausgeleckt, ist immer ein kleines Fest an Gerüchen und Geschmack.
In der Nacht wandert der Mond. Als ich einmal rausschaue, ist der Himmel voller Stern, später sind Wolken aufgezogen, am Morgen haucht im Osten ein zartes Licht über die Dächer der Häuser, ein neuer Tag beginnt. Ich habe eine dunkelrote Kerze angezündet, die sich gut zum grauen Tag macht.Read more
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- Day 17
- Sunday, March 16, 2025 at 10:19 AM
- 🌬 4 °C
- Altitude: 5 m
GermanyPüttsee54°27’54” N 11°0’37” E
Püttsee Strand

3.184 TAGE AUF UNSERER
LEBENSREISE IM BLAUEN BUS (Fahrtstrecke 96 km/ Gesamt 386.743 km / Ø121,46 km)
Parkplatz
Burg/Fehmarn
Deutschland
Vor meinem Fenster auf der Wiese wandert ein Paar Fasane. Während einer im Gras nach Futter sucht, sichert der andere die Umgebung. Über die freie Fläche des Himmels fliegen in unterschiedlichen Gruppen verschiedene Vögel zum Meer, das just ein paar Sprünge über den Deich entfernt ist.
Ich habe das Seitenfenster geöffnet, höre Musik, sehe die Flamme der Kerzen sich leicht im Wind bewegen. Eine Ente hebt sich über die Tannenspitzen, Hilde liegt hinten im Bus und schläft. Früh am Morgen, kurz nach einem kleinen Spaziergang über den Parkplatz, wo wir mitten in Burg übernachtet haben, fahren wir im herrlichen Sonnenschein an weißgefrorenen Wiesen vorbei, die noch im Schatten liegen.
Wir waren gestern Nachmittag schon einmal an diesem schönen Strand in Püttsee, endlich mal kein Parkplatz, bei dem Geld gedruckt wird. Nicht weit von hier entfernt ist ein Gedenkstein besonderer Art.
"Hendrix' letzter großer Open-Air-Auftritt
Das Love-and-Peace -Festival war ein Musikfestival mit insgesamt etwa 25.000 Besuchern, das vom 4. bis 6. September 1970 auf der Insel Fehmarn beim Leuchtturm Flügge stattfand. Auf dem Festival hatte Jimi Hendrix seinen letzten großen Open-Air-Auftritt. Der Gedenkstein in der Nähe vom Campingplatz Flügger Strand erinnert daran."
https://www.fehmarn.de/poi/jimi-hendrix-gedenks…
Gestern sind wir zwar weit den Strand runter spaziert, aber da wußte ich noch nichts von dem Stein, aber wir hatten ja das blaue Meer und den stillen Strand, hinter dem die Dünen wachsen und Schilfgras den Himmel verkleinert, von Strandhäusern lediglich das Dach zeigt.
Dort findet Hilde einen alten Fußball, der schon ganz schlapp ist, sodass sie ihn mit ihrem Kopf hin- und herschleudert, bis er ganz wirr ist und ins Wasser rollt. Sie rettet ihn ein paarmal und legt ihn schlussendlich hoch auf den Strand. Ein schlaues Hundemädchen.
Püttsee ist der Endpunkt des ersten Tages unserer Rundreise um Fehmarn an einem klaren, hellsonnigen Samstag, an dem wir noch einen schönen Abschiedsspaziergang am Strand der Hohwachter Bucht gemacht haben. Mit Ute treffen wir uns nahe dem Aussichtspunkt unterhalb der Fehmarnbrücke wieder, wo eine Frau ihr zwanzig Jahre altes schwarzes Pferd spazieren führt, und ihm die Gegend zeigt, weil es das Tier entspannen würde.
Die Strandstrasse darf nur mit Sondergenehmigung befahren werden, und weil der Leuchtturm Strukkamphuk vom Campingplatz verdeckt wird, bin ich unangenehm an andere Küsten erinnert, wo aus all den großen und kleinen Besonderheiten eine Geldquelle generiert wird. Zum Naturstrand 'Gold' geht der Weg nur über einen gebührenpflichtigen Parkplatz, hier bleibt die Ute dann erstmal. Die Hünengräber lassen sich nur mit Fahrzeugen besichtigen, die niedriger als 1,90 Meter hoch sind. Die Botschaft ist deutlich, denn auch zum Parkplatz Püttsee kommt kein Wohnmobil.
Erst über Westerberg Ort kommen wir endlich ans Wasser und zum Hafenbecken in Lemkenhafen, das still vor sich hinplätschert, die Segelsaison hat noch nicht begonnen. Lemkendorf und Petersdorf liegen wieder abseits der Küste, die wir erst am Hafen Orth wiedersehen, der erste Ort an den ich mich erinnere, hier schon mal vorbeigekommen zu sein. Das Kopfsteinpflaster ist immer noch nervtötend, während der Bus langsam darüber schwingt.
Cafés haben geöffnet, das erste Fischbrötchen in Mantel, Schal und Mütze, einen Kaffee mit Kuchen gleich nebenan. Der Leuchtturm Flügge bleibt für mich in der Ferne nur sichtbar, der Parkplatz soll zwar nur einen Euro kosten, aber der Weg ist mir zu weit und nicht wert genug.
Aber so kommen wir über Sulsdorf zum Püttsee, eine Sackgasse hinterm Deich, der zu einem großen Parkplatz führt, der in der Hauptsaison sicher kostenpflichtig ist. Dort treffen wir auch heute morgen wieder Ute, nachdem wir zusammen in Burg übernachtet haben.
Cohen singt von der Gypsy Lady, Ute trägt eine farbig mit dem Tag, meiner Kerze, und dem schönen Song abgestimmten, Decke als Rock in dunkel und hell roten Batikfarben, vielleicht auch eingedenk der nahen Erinnerung an ein Konzert, das stattfand, als sie vielleicht gerade geboren wurde, und ich fast erwachsen war. Jetzt reisen wir ein paar Tage zusammen. So verändern sich die Zeiten. Der Himmel trägt weiße Schlieren, Hilde's Fell wird sommerblond im Schein der Sonne, die die eisigkalte Luft nur minimal aufwärmt.Read more
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- Day 18–19
- March 17, 2025 at 11:09 AM - March 18, 2025
- 1 night
- ☀️ 3 °C
- Altitude: 8 m
GermanyPuttgardenriff54°31’17” N 11°9’18” E
Niobe - Denkmal

3.185 TAGE AUF UNSERER
LEBENSREISE IM BLAUEN BUS (Fahrtstrecke 66 km/ Gesamt 386.809 km / Ø121,44 km)
Wohnmobilstellplatz
Niobe-Denkmal
Deutschland
Das Meer tobt, der Himmel ist dunkel bewölkt, es ist kalt. Sonntag morgen am Strand von Püttsee auf dem Spaziergang zum Hendrix - Denkmal. "Wir schreiben den 6. Sept. 1970
Gegen 11:00 Uhr trafen dann Hendrix und seine Gefolgschaft auf dem Festivalgelände ein, wo er sich zunächst in einen bereitgestellten Wohnwagen zurückzog. Um 12:56 Uhr war es dann endlich soweit: Hendrix betrat unter dem Jubel, aber auch Pfiffen und Buhrufen des Publikums die Bühne und spielte mit seiner Begleitband (Mitch Mitchell und Billy Cox) Hits wie Hey Joe, Purple Haze und Voodoo Child. Sein Auftritt wirkte eher uninspiriert, lustlos routiniert. Sei es wegen der äußeren Umstände, sei es wegen seiner angeschlagenen seelischen Verfassung. Nach dem Auftritt verließ Hendrix sofort das Gelände und brach nach London auf, wo er wenige Tage später am 18. September 1970 verstarb."
Soweit Wikipedia, wobei ich empfehle, den ganzen Text zu lesen, denn das gewünschte "Love-and-Peace-Festival" hatte noch andere, nicht sehr erfreuliche Umstände. Es war auch nicht das letzte Konzert von Jimi, der kurz vor seinem Tod am 16.9. mit Eric Burdon in London auftrat.
Und wenn die Ostsee tobt, dann ist das eher so wie der Atlantik an einem windstillen Tag sich der Küste nähert. Aber die Kälte fühlt sich ohne Sonne noch unangenehmer an, besonders wenn Wind aufkommt. Nicht weit vom Meer entfernt ist das Denkmal. Ein großer Felsbrocken, eine Gitarre, ein sachlicher Text.
Mittlerweile gibt es über einen Scan einen Audiobeitrag zum Hintergrund des Denkmals. Wir stehen zusammen mit einem Ehepaar, das aus dem Münsterland nach Fehmarn umgezogen ist. Ich bin der Einzige, der vom Alter her, Zeitzeuge sein könnte. Aber Fehmarn war damals für mich ähnlich weit weg wie Amerika.
Dafür war ich 1972 auf dem großen Festival auf der Halbinsel am Rhein in Germersheim, wo die Rocker nicht so eine gravierende Rolle gespielt haben, wie auf Fehmarn. Aber chaotisch war es durchaus.
Zurück zur Gegenwart. Wir fahren um das Naturschutzgebiet Wallnau herum bis zum Nabu-Haus, nicht weit von der Küste entfernt. Ein paar Besucher betreten das Gelände durch den Seiteneingang, wir fahren weiter, und kommen zum alten Leuchtturm in Westermarkelsdorf.
"Der Leuchtturm von Westermarkelsdorf wurde 1881 an der Nordwest-Ecke der Insel Fehmarn hinter dem Deich errichtet und weist bis 2021 der Schifffahrt als Orientierungs- und Warnfeuer den Weg in den Fehmarnbelt. Als aufgrund der Baustelle für den Fehmarnbelttunnel der Schiffsverkehr deutlich zunimmt und modernere Technik benötigt wird, entsteht neben dem alten Westermarkelsdorfer Leuchtturm ein zweiter, neuer Leuchtturm - 26 Meter hoch und ausgestattet mit der Leuchtfeueroptik des alten Turmes, aber auch mit Radarantenne und Funkpeiler. Nebenan befinden sich noch weitere Einrichtungen der Schifffahrt und der Meteorologie."
https://www.fehmarn.de/poi/leuchtturm-westermar…
Eine knappe, nüchterne Beschreibung, mit der meine Gefühle nicht einher gehen. Sehe ich doch ein leeres Haus ohne Gardinen, einen umzäunten Garten ohne Leben, eine verschlossene Garage. Hier hat über die jahrhunderte hinweg das Leben Einzug gehalten, die Arbeit gab einer Familie die Lebensgrundlage, Kinder im Garten, ein Hund, der Spaziergänger anbellt, eine Frau, die das Obst von den Bäumen pflückt, im sorgfältig gepflegten Beet wächst Gemüse.
Jetzt ein Lost Place, denn der neue Turm bedarf nur der technischen Wartung, die Bedienung ist computergesteuert. Natürlich, das ist die Entwicklung, die Zukunft in dieser hochtechnisierten Welt. Und letztendlich bin ich ein Träumer, ein "Ausderzeitgefallener" Reisender. Aber gerade deshalb viel empfindlicher, viel sentimentaler.
Das Meer ist sehr fischreich, ein Hamburger begegnet uns, der einen langen Fischkörper an den Kiemen trägt. Keine dreißig Meter vom Ufer entfernt hat er die Meeresforelle gefangen, zwei, drei Stunden Sport am Wasser, der Erfolg des Tages.
An der Nordküste liegen Campingplätze, die noch geschlossen sind, sodass wir durch das grüne Hinterküstenland hoppeln, wo die Bauern schon fleißig dabei sind, das Land zu bearbeiten. Sonntag und Ruhetag. Keine Zeit. Hinterm Niobe-Denkmal liegt ein kleiner Stellplatz unter hohen Kiefern neben einem großen Spielplatz, auf dem nachts kleine Karnickel rumflitzen. Strom ist im Preis inbegriffen, das ist sehr spendabel bei einem Winterpreis von neun Euro.
Neben uns parken Ute und Matthias auf beiden Seiten, er hätte mich fast übern Haufen gefahren, weil er so schnell wie möglich zum Platz wollte, während ich unschlüssig noch mal weggefahren bin. So kommen wir später gut ins Gespräch. Der tiefe, steinige Sandstrand läßt sich schlecht laufen. Wir spazieren zum Denkmal, das an ein Geschehen hier vor der Küste erinnert, das bald hundert Jahre her ist.
"Am 26. Juli 1932 kenterte die Niobe im Fehmarnbelt auf der Position 54° 35′ 42″ N, 11° 11′ 12″ O in einer nicht vorhersehbaren Gewitterbö (siehe Weiße Bö) und sank in wenigen Minuten. 69 Menschen kamen dabei ums Leben, 40 wurden von einem Feuerschiff und dem Dampfschiff Therese Ruß gerettet. Unter den Geretteten war auch der Kommandant Kapitänleutnant Heinrich Ruhfus. Er wurde später nach einem Kriegsgerichtsverfahren durch das Gericht von der Anklage der Fahrlässigkeit am 10. November 1932 freigesprochen. Ursache für das rasche Sinken war unter anderem der Umstand, dass zu diesem Zeitpunkt auf Grund des guten Wetters alle Luken und Bullaugen geöffnet waren."
(Wikipedia)
Abends sind wir mit Ute, die heute getrennt von uns unterwegs war, aber eine ähnliche Route gefahren ist, im blauen Bus erzählend zusammen. Morgens kommt die Sonne raus, aber es bleibt bitterkalt. Hilde ist ungeduldig und will schon früh raus, was eigentlich gut ist, weil noch keine anderen Hunde unterwegs sind.
Die linke Hälfte der Insel haben wir fast geschafft, hinterm Grünen Brink liegt der Fährhafen für die Schiffe nach Dänemark in Puttgarden. Von unserem Spaziergang gestern konnte ich eins der Schiffe bei der Einfahrt entdecken.Read more
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- Day 19–20
- March 18, 2025 at 1:51 PM - March 19, 2025
- 1 night
- ☀️ 6 °C
- Altitude: 20 m
GermanySütel54°19’27” N 11°3’51” E
Niobe-Denkmal

3.186 TAGE AUF UNSERER
LEBENSREISE IM BLAUEN BUS (Fahrtstrecke 77 km/ Gesamt 386.886 km / Ø121,43 km)
Wohnmobilstellplatz
Niobe-Denkmal
Deutschland
Noch gestern abend dachte ich, morgen mach ich einen gemütlichen, langen Vormittag am Stellplatz unter den hohen Bäumen im Schatten. Doch als wir dem Meer einen letzten Spaziergang geschenkt haben, wird schnell klar, dass ich hier weg will. Die Idee heißt Sonnenschein und weite Blicke, vorzugsweise aufs blaue Meer.
Denn gestern habe ich Fehmarn rund gemacht, was am Ende ziemlich zügig ging, weil der Südosten fest in der Hand des Tourismus ist, und Puttgarden sich dem Wahn des Bauwesens hingegeben hat. Vielleicht, so denke ich, sind wir gerade noch rechtzeitig über die Insel gefahren, denn wie schon auf anderen Küstenabschnitten verändert sich auch dieses Land auf rasante, negative Weise. Und das nicht nur im Sinne der Reisenden.
Drei Bereiche würde ich gerne im Rahmen MEINES Fazits nochmal anreißen, und möchte extra betonen, dass es hier um keine feststehende Aussage sich handelt, sondern um meinen persönlichen Eindruck. Und natürlich habe ich viele schöne Erlebnisse gehabt, und auch auf unseren Übernachtungsplätzen gut und günstig geschlafen.
Gerade gestern und heute morgen haben wir schöne Spaziergänge gehabt in Klausdorf beim Campingplatz, und am Strand zum Niobe-Denkmal. Der Püttsee-Strand war mein persönliches Highlight, auch weil es dort und hier möglich ist, tagsüber kostenlos zu parken.
Und da bin ich schon bei Punkt eins, dem Land der offenen Hand. Es erinnert mich penetrant an den Süden von Norwegen, wo jedes flache Fleckchen Erde einen Bezahlstatus gehabt hat. Das ist hier ähnlich. Und dabei handelt es sich nicht unbedingt um schön und geschmackvoll angelegte Grundstücke, nein für den Tourismus reicht der festgestampfte Lehmboden.
Den Höhepunkt habe ich heute morgen an der Wulfener Steilküste. Privatgelände mit der digitalen Erfassung meines Kennzeichens bei Ein- und Ausfahrt, ohne dass von außen sichtbar ist, welcher Preis verlangt wird. Wie oft wird jemand - das blaue Meer im Blick - dort unbedacht hineingebogen sein. Nur mit Mühe kann ich durch das offene Hoftor des gegenüber wohnenden Bauern den Bus drehen, sonst hätten wir einige hundert Meter bergab rückwärts die schmale Straße zurück in den Ort fahren müssen.
Am Campingplatz in Klausdorf dagegen kann ich kostenlos parken und auch übers Gelände am Strand entlang spazieren, wo die Küste mehr Sand als Steine hat. Da war ich allerdings vom anderen Weg außerhalb schon müde, der uns aber gut gefallen hat.
Überzogene Parkgebühren und das Niedersächsische Naturschutzgesetz. Die Parkplätze mit einer einmaligen Übernachtungsmöglichkeit (meist für 12 Euro) sind laut anderen Campern abgebaut, bei Zuwiderhandlung kassiert die Polizei hundert Euro Strafe. Bleiben werden die teuren Stellplätze und die Campingplätze, die überall auf der Insel verteilt, mit hohen Kosten eine Übernachtung ermöglichen. Das ist die Gelegenheit für private Grundstücksbesitzer, Stellplätze anzubieten, denn der Bedarf dürfte weiterhin sehr hoch sein, wenngleich ja schon jedes dritte Haus Zimmer oder Wohnungen für Gäste anbietet.
Aber egal, in welchen Garten du schaust, die Umgebung fast jeden Eigentums ist schlicht gehalten, schmucklos, phantasiegesenkt. Wenn Blumen blühen, dann weil der Wind die Samen fast willkürlich verweht hat. Ich schaue immer in Gärten, bin neugierig darauf, wie die Menschen wohnen, wie geschmackvoll sie ihre Lebensumgebung gestalten.
Natürlich stehen Tisch und Stühle im Garten, bereichern Buchsbaum und Koniferen neben kleinen, weißen Steinen den kurzgeschnittenen, möglichst eingerahmten Grasbestand. Und ab und an hat sich ein rostiger Stelzvogel in den Eingangsbereich geschlichen, der da eher verloren wirkt, und traurig zu den Spatzen hinüberschaut, die fröhlich im Futterhäuschen schlemmen.
Wer auch immer die Botschaft ins Land getragen hat, das Feriengäste wegen dem Meer kommen und nicht wegen einer bunten Blumenwiese vor dem Küchenfenster, hat ganze Arbeit geleistet. Nun magst du ja sagen, im Winter ist das immer so, dann kann ich dir antworten, dass das in vielen anderen Gegenden nicht so ist.
Aber in einem Land, wo der Bauwut keine Grenzen gesetzt sind, und auch die Häuser in den Orten nicht irgendwelchen Stilgesetzen unterworfen sind, außer dem schmucklosen Backstein, da wundert mich das nicht.
Das neueste Bauprojekt ist der Fehmarnbelttunnel. Auf der Webseite findest du alles Aktuelle, Geplante und Zukünftige zu diesem Projekt, mit Livekameras an den wichtigsten Baustellen und mit GoPros an den Helmen der Mitarbeiter, deren Namensschilder ein europäisch-weltweites Potpourri an Herkunftsländer für dich bereithält.
https://femern.com/de/bauarbeiten/der-bau-des-f…
Noch ein paar Fakten aus Wikipedia. "Der Fehmarnbelttunnel (dänisch Femern Bælt-tunnelen) ist ein im Bau befindlicher, 18,1 Kilometer langer Straßen- und Eisenbahntunnel unter der Ostsee zwischen der deutschen Insel Fehmarn und der dänischen Insel Lolland zur Querung des Fehmarnbelts als Teil der sogenannten Vogelfluglinie, einer direkten Bahn- und Straßenverbindung zwischen den Großräumen Kopenhagen und Hamburg. Nach der Fertigstellung des in dieser Dimension als Absenktunnel beispiellosen Bauwerks könnte die feste Fehmarnbeltquerung der längste und tiefste kombinierte Straßen- und Eisenbahntunnel der Welt werden. Die derzeitige 45-minütige Reisezeit zur Überquerung des Fehmarnbelts mittels Fähre würde sich laut Angaben der Planer durch die unterirdische und wetterunabhängige Passage auf etwa zehn Minuten reine Fahrzeit reduzieren...
Durch die vier Tunnelröhren sollen sowohl Straßenfahrzeuge als auch Züge für jede Richtung getrennt verkehren können. Besonders die separaten Richtungsfahrbahnen der Straße sollen die Sicherheit im Tunnel erhöhen. Jede Richtungsfahrbahn wird zudem mit zwei Fahrstreifen und einem vollwertigen Standstreifen ausgestattet sein. Die Höchstgeschwindigkeit für Pkw soll 110 km/h betragen. Die Röhren für den Zugverkehr sollen Geschwindigkeiten bis zu 200 km/h erlauben."
Ergänzend ist es interessant, die detaillierte Bauweise eines Absenktunnels mal bei Wikipedia sich anzuschauen. Ist schon wirklich toll, was technisch alles möglich ist. Ob das auch alles Bestand hat, während die Welt sich verändert, und das Klima mehr und mehr unbändig zu werden scheint.
Da die denkmalgeschützte Fehmarnsundbrücke den zukünftigen Belastungen nicht standhalten wird, kommt ein weiterer Tunnel in Betracht, der Fehmarnsundtunnel mit 1700 Meter Länge, der zeitgleich mit seinem großen Bruder 2029 fertiggestellt werden soll.
Tatsächlich wird mich das alles nicht mehr tangieren. Fehmarn ist abgehakt, die Ostseeküste um Scharbeutz dürfte mich auch in Zukunft ab und zu im Frühjahr sehen. Und wenn wir nach Skandinavien fahren, nehmen wir die Brücke und die Fähre.
Aber um dir trotz all dem technischen Fortschritt noch einen Hoffnungsschimmer ins Herz zu legen, schenke ich dir ein Gedicht, das ich Anfang der Siebziger Jahre geschrieben habe.
STRASSENDIEBE
Da
wo
gestern noch
der Asphalt sich
seinen Weg bahnte
wachsen
heute
bunte
Blumen.Read more
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- Day 20–21
- March 19, 2025 at 9:05 AM - March 20, 2025
- 1 night
- ☀️ 3 °C
- Altitude: 21 m
GermanyHeringsdorf54°17’30” N 11°0’55” E
Gut Goertz

3.187 TAGE AUF UNSERER
LEBENSREISE IM BLAUEN BUS (Fahrtstrecke 102 km/ Gesamt 386.988 km / Ø121,42 km)
Landvergnügenhof
Heringsdorf
Deutschland
"Immer, wenn du denkst, es geht nicht mehr, kommt von irgendwo ein Lichtlein her."
Fast jeder hat in seiner Familie eine Oma, vorzugsweise eine, die aus dem alten Jahrhundert stammt, also noch die ein oder andere weltenbewegende Erfahrung gemacht hat, und die voller Weisheiten steckt.
Aktuell hat das gerade Marlo Grosshardt gesungen, ein junger Mann, der gegen die Zustände im Land aufsteht.
"Hallo, Oma, ich wollte dich nicht stör'n
Doch ich habe gerade so große Angst wie nie
Du hast dich ja immer zu uns an den Küchentisch gesetzt
Und mir gesagt: 'Nie wieder, das war jetzt'"
https://youtu.be/Q9BU8RC6KSI?si=_tdaAcFuKdV0c7iV
Meine Oma stammte aus dem Ende des 18.Jahrhunderts, hat Anfang des nächsten ihren Mann verloren, und blieb danach in Schwarz, ihr Leben lang. Bis auf die helle Schürze, die sie trug, wenn sie im Haushalt war, mich als kleines Kind versorgte, Essen kochte, weil die beide Eltern arbeiten mussten, um uns den Lebensunterhalt Anfang der Fünfziger Jahre zu sichern.
Sie redete nicht viel in meiner Erinnerung, aber wenn, dann waren es solche Lebensgrundsätze, von denen mir heute noch manche in den Sinn kommen.
Die lange Suche nach dem Frühstücksplatz, am Ende kommt Ute vorbei, und ich seh ihrem Gesicht an, dass sie mit der Reise fertig ist. Die nächtliche Kälte, der eisige Wind am Morgen, der trotz des Sonnenscheins zwischen alle Kleiderschichten fegt. Sie will noch eine Familienerinnerung in Kellenhusen ausgraben, und dann vermutlich nachhause fahren. Wir verabschieden uns vorsorglich jetzt schon mal.
Hilde und ich reisen die Küste entlang. Am Yachthafen von Großenbrode liegen vereinzelt Boote im blauen Wasser. Ich denke an Matthias, den wir grade am Niobe-Denkmal kennengelernt haben, der hier sein Boot liegen hat, fest eingemottet für den Winter. Ich habe ihm ein altes Segelbuch geschenkt, das ich seit Jahren mit mir rumtrage, weil ich jemanden gesucht haben, für den es geeignet ist.
Eine alte Familienerinnerung an eine Reise mit meiner kleinen, dreijährigen Tochter. Mit dem Auto unterwegs, dem Fahrrad am Dortmund-Ems-Kanal entlang, in einfachen Pensionen übernachtet. Meine Tochter, die Hündin Tosca, und ich lese in dem Buch "Wir schenken uns ein Stückchen Zeit" von Gaby Scheurer über eine Segeltour mit Familie von Großenbrode bis Port-Saint-Louis. Eine Menge Träume und ein paar Bedenken, so steht es zum Anfang des Buches, die jetzt vielleicht Matthias mit in sein weiteres Leben genommen hat.
Wir versuchen die Küste entlang zu fahren. Wenn da ein Strandhinweis ist, liegt das nächste Campingplatzschild gleich daneben. Und auch wenn es meist einen freien Parkplatz gibt, der natürlich kostenpflichtig ist, dann ist das Meer für mich zu weit entfernt. Und so tingeln wir bis nach Dahmeshoved am Leuchtturm, wo Julia wohnt, die aber nicht zuhause ist.
In Dahme telefoniere ich nochmal mit Ute, die gerade unterhalb von unserem Platz vom Meer Abschied nimmt. Der steile Weg an einen kleinen Sandstrand über große Steine spricht mir nicht zu, obwohl Hilde das gar nicht so problematisch sieht. Ute kommt zu Bus, wir sagen Tschüss bis zum nächsten Mal.
Ich bin ganz verzweifelt, um einen gangbaren Weg ans Meer zu finden, und fahre unterhalb des Deiches nordwärts aus dem Ort heraus. Links Campingplätze, davor ein parkbarer Grünstreifen ohne Preisschild, ein Bus aus Hannover, deren Besitzer grade mit Hund vom Deich runterkommen.
Über den Deich und einen Streifen Niemandsland, wo die Schafe weiden, durch zwei Tore, die wir öffnen, stehen wir am leeren Hundestrand, unser Paradies, das Lichtlein aus dem Nichts. Wir wandern am Wasser entlang, ein paar Spaziergänger, der Sonnenschein, die goldgelben Dünen, Vogelflug unter klarem Himmel. Bis Hilde glücklich und müde ist.
Zurück am Bus kann ich einen Schlafplatz in einem nahegelegenen Landvergnügenhof ausmachen. Das Gut Görtz bildet einen eigenen Ortsteil von Heringsdorf, wir übernachten auf einer Wiese zwischen Bäumen und einer kleinen Herde wuscheliger Galloways auf einer Weide, über der der Mond aufgeht, während ein Mitarbeiter des Hofes noch in schwarzer Nacht das Feld bearbeitet.
Es wird sehr kalt, in den Morgenstunden sind es minus vier Grad, der Himmel wacht im goldenen Licht auf, zwischen den Bäumen scheint die Sonne hindurch. Die Gallos futtern am Heuballen, eine älteres Tier beobachtet das Treiben der Kälber aus seiner nächtlichen Schlafposition. heraus.
Die Sonne ist über den Bäumen, der Verkehr auf der Straße nimmt zu, Hilde schaut sich das gemütliche Treiben auf der Weide an, ich trinke Tee, es ist halb acht. In der Ferne rufem Kraniche übers Feld. Eins der Kälber hat ein braunes Fell, die anderen waren sicher mal ganz weiß, als sie auf die Welt gekommen sind. So ist das halt im Leben mit den Farben in und um herum. Im Licht wirkt alles sanfter.Read more
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- Day 21–22
- March 20, 2025 at 10:44 AM - March 21, 2025
- 1 night
- ☀️ 9 °C
- Altitude: 15 m
GermanyAalbeek53°59’26” N 10°48’46” E
Niendorf

3.188 TAGE AUF UNSERER
LEBENSREISE IM BLAUEN BUS (Fahrtstrecke 90 km/ Gesamt 387.078 km / Ø121,41 km)
Wohnmobilstellplatz
Niendorf
Deutschland
Hilde hat Bauch und ich habe Rücken. Und vorzugsweise werden wir oft genug früh am Morgen auf dieses Art an die Vergänglichkeit des Leibes erinnert. Vielleicht auch deshalb entzünde ich, gleich nachdem ich aufgestanden bin, zwei Kerzen. Eine große dunkelrote und eine kleine weiße Kerze. Nicht am Abend, wenn die Nacht kommt, also nur selten, nein im aufgehenden Licht der Sonne entzünde ich unsere Lichter im Bus. An der Flamme eines kleinen Streichholzes, das zwischen meinen Fingern verglüht zu Asche.
Das ist kein bewusstes Ritual, das hat sich im Laufe der Reise entwickelt, wie so manch andere Seltsamkeit, für die wir gut sind. Dazu gehören auch die unterschiedlichsten Begegnungen mit Menschen und Tieren. Erst als wir von unserem Morgenspaziergang zurückkommen, sehe ich das Grab hinter dem Felsbrocken am Ende des Parkplatzes. Da gegenüber haben Dennis und sein Hund Blue vor einer Woche übernachtet, die bald zu ihrer großen Reise aufbrechen werden. Skandinavien möchten sie, die Weite und Einsamkeit hat so manchen Reisenden in den Bann gezogen und nicht wieder losgelassen.
Eigentlich sehe ich die Ansammlung der kleinen blühenden Frühlingsboten, bunte Krokusse, ein einzelnes Schneeglöckchen, ein Ensemble blauer Blütenköpfe im Schutze des Rauhreifs. Dann sehe ich die Kerze, an den Felsen gelehnt, und die ausgeschnittene Papierbiene im Gras. Kurz bin ich geneigt, auch sie an den Felsen zu lehnen, dann erinnere ich mich meiner Handlungsstränge, dass ich nicht lebe, um eine Situation zu verändern, sondern um sie in ihrer Form und ihrer Weise anzunehmen.
Das mag missverständlich klingen, aber im Laufe meines Berufslebens als Sozialarbeiter und alleinerziehender Vater, habe ich sehr wohl gemerkt, dass wirkliche Veränderung nur in den Menschen stattfinden kann, wenn sie Annahme ihrer selbst erfahren. Dann können sie, auch manchmal mit meiner Unterstützung, ihre Lebenssituation bewusst und langfristig verändern.
Der Weg der kleinen Schritte ist auch unser Pfad durchs Leben, jetzt noch mehr bedingt durch unser zunehmendes Alter, das uns allerdings kaum einer ansieht. Nur der Bauch und der Rücken kennen uns zu gut.
Wir starten in den letzten Tag auf unserer Ostseeküstentour erst spät am Mittag, während die Galloways sich zur Siesta zurückgezogen haben. In Kellenhusen hat meine Frau vor der Heirat gearbeitet, wir waren jung verliebt, und ich habe sie öfter besucht. Es gibt schöne Bilder in der Erinnerung und manche habe ich mir aufgehoben. Erst viel später beruhigt sich die aufgewühlte See der Scheidung, und im Nachhinein öffnen sich die schönen Bilder einer alten Liebe. Vermutlich musst du dafür alt werden und alleine leben, dann haben Herz und Seele Raum und Zeit, die Wogen zu glätten.
Ich denke wieder an meine Oma, die immer den jungen Mann an ihrer Seite gesehen hat, bevor er in den Krieg zog und nicht wieder gekommen. Ihr Leben lang ist dieser junge Mann an ihrer Seite, selbst als sie alt ist und auf ihr Sterben zugeht. Ihn hat sie nie verlassen, was für mich unvorstellbar ist.
An der Seebrücke kommt ein Mann mit seinem Pferd vom Wasser zurück. Es geht ruhig über die Brücke, vielleicht hat er ihm den Horizont gezeigt, und die Möwen, die überm Meer ihre Pirouetten drehen. Zwischen der Käserei und Klosterseeschleuse machen wir einen stillen Spaziergang zwischen den Feldern. Die Nacht war so kalt, dass das Wasser in den tiefen Gräben noch eine Eisschicht trägt, dort wo die Sonne nicht hingekommen ist. Die Kirche in Cismar, nebenan wohnt jemand, an dessen Hauswand Kunstwerke lehnen, die an den schlanken Bau des Gebäude erinnern.
Dann kommt unser Auftritt in Lensterstrand. Am Piratenkeller vorbei liegt der Parkplatz keine fünfzig Meter vom Wasser entfernt. Ich jubele zu früh, denn kaum ist Hilde in Strandnähe angekommen, drehen die vierbeinigen Jungs am Rad. Unsere läufige Hundedame ist der Hit, da vergisst mancher seiner gute Erziehung.
Gegen den Willen aller und mit Hilfe meines Stocks, der mir Halt gibt, kämpfen wir uns zum Bus zurück. Hilde ist völlig erschöpft, als wäre sie den Hundestrand zehnmal auf und ab gerannt, konnte ja keiner ahnen, dass wir gerade die Rushhour erwischt haben. Das war es dann mit Meer und Strand, jetzt sind die einsamen, aber auch schönen Wiesenspaziergänge
wieder dran.
Nächster Halt am Strand dürfte leider erst Ende Mai/Anfang Juni in Helsingborg, Schweden sein. Da fehlt mir noch das Stück bis Porsgrunn in Norwegen. Aber erstmal Grömitz und dann durchs Hinterland bis auf die Höhe von Rettin, wo wir uns dem Gut Brodau von der anderen Seite nähern, die mit den Seen den schöneren Anblick bietet.
Wasser kaufen in Scharbeutz, Tanken in Pansdorf, Spaziergang in Niendorf. Als wir zum Bezahlen des Stellplatzes vorne zum Automaten fahren, kommt eine gemischte Gruppe ordentlich gekleideter Damen und Herren Richtung der Toiletten geeilt, von einem dringenden Bedürfnis beflügelt, ihre Ordnung verlierend.
Erst als sie wieder ins Licht der Laterne treten, die Kleidung nachträglich richten, sehen sie uns. So kommen wir ins Gespräch. Deutschlandweit seien sie hergekommen, um einen ortsansässigen Freund zu beerdigen, der auf seiner letzten Reise in der Ostsee bestattet werden wollte.
Sie sind höchstens Mitte Fünfzig, tendenziell etwas jünger, und in ihrem Aussehen und Auftreten sehr unterschiedlich, obwohl sie sich gut zu kennen scheinen. Der Tod glättet alle Unterschiede und Differenzen, kommt mir in den Sinn. So traurig der Anlass ist, so froh ist jeder, wieder in sein Leben zurückgehen zu können.
Es wäre interessant, einzelnen Personen später mal wieder zu begegnen, in ihrem persönlichen Umfeld oder unterwegs auf Reisen, losgelöst von der Situation und der Gruppe. So umgibt uns hier eine wohlwollende, kleine Menschenmenge, die mir in der Freundlichkeit ihres eigenen Glücks ein Buch abkaufen.
So rundet sich dieser Tag auf eine besondere Weise mit dem Morgenspaziergang, während die Kronen der noch kahlen Bäume still in den blauen Himmel schauen. Es sei ein Kommen und Gehen auf dieser Welt, so sagt man leichtfüßig, wenn der Abstand groß genug ist, und nachdenklich, wenn sich die Spanne verringert. Und hoffentlich eines Tages dann auch mit einer tiefen, inneren Zufriedenheit.Read more
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- Day 22
- Friday, March 21, 2025 at 8:16 PM
- 🌙 10 °C
- Altitude: 11 m
GermanyWischhafener Süderelbe53°47’15” N 9°20’32” E
Fährhafen

3.189 TAGE AUF UNSERER
LEBENSREISE IM BLAUEN BUS (Fahrtstrecke 127 km/ Gesamt 387.205 km / Ø121,41 km)
Wohnmobilstellpl. (Spende)
Wischhafen
Deutschland
Heute gibt es keine Geschichte. Wir haben Besuch gehabt und fahren jetzt ein Stück weiter. Ich möchte die Gelegenheit nutzen, unsere nächsten Deutschland - Reise - Pläne vorzustellen.
Es ist die Gelegenheit, uns wieder zu treffen oder uns kennenzulernen! Dafür braucht es lediglich Deine Antwort und wir kommen ins Gespräch.
25.03.2025 - 03.04.2025
Braunschweig
Wolfsburg
Helmstedt
Calvörde
04./05.04.2025
Leipzig
Danach sind die Termine noch vage, unsere Route ist geplant über
Dresden
Elbsandsteingebirge
Bayreuth
Fürth/Nürnberg
Heilbronn
Speyer
Und alle Orte, die nordwärts dieser gedachten Linie bis auf die Höhe von Frankfurt/Main liegen.
Also ich fahre gerne Umwege, um Dich zu treffen, und auch deswegen ist unsere Reiseroute flexibel!Read more
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- Day 23
- Saturday, March 22, 2025 at 8:10 AM
- 🌬 8 °C
- Altitude: 54 m
GermanyBötersen53°8’32” N 9°18’10” E
Morgengruss

Bötersen bei Rotenburg an der Wümme
- Show trip
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- Day 23–24
- March 22, 2025 at 9:23 AM - March 23, 2025
- 1 night
- 🌬 10 °C
- Altitude: 53 m
GermanyBötersen53°8’33” N 9°18’10” E
Bötersen

3.190 TAGE AUF UNSERER
LEBENSREISE IM BLAUEN BUS (Fahrtstrecke 92 km/ Gesamt 387.297 km / Ø121,40 km)
Landvergnügenhof
Bötersen
Deutschland
Ich hatte schon lange überlegt, wie ich morgens früh heißes Wasser für den Körper und den ersten Tee hinbekommen kann, ohne die Nachbarschaft mit fünf Minuten laufendem Motor aufzuhetzen. Jetzt habe ich die Lösung. Bei den kurzen Strecken, die wir fahren, lädt sich nicht genügend Energie auf die Batterien auf, selbst das Solar macht da keinen großen Fuß. Aber wenn ich abends Wasser koche für eine Thermoskanne, dann reicht die Energie für alles andere auch bis in den Morgen hinein.
Beginnen tue ich den Tag gerne um fünf Uhr. Ein erster Blick hinaus, im Bauernhof ist schon Licht, dafür ist es im Legehennenmobil noch dunkel. Blutdruckmessung, Stützstrümpfe anziehen, Fitline mit Wasser auffüllen, Medikamente einnehmen. Körper waschen, Tee trinken. Meist höre ich früh meine beiden christlichen Podcasts, gegebenenfalls ne Predigt hinten drauf. Oder ich mag es still wie heute und schreibe früh meine Geschichte.
Kurz nach sechs Uhr gelbt der Himmel hinter den Tannen, die sich schwer im einem Wind bewegen, der uns nicht erreicht. Unter den hohen Eichen, im Laub des letzten Herbst, ist es ganz still. Hilde träumt, ihr Atem rennt gerade über eine Wiese, dann ist es wieder still, nur den Wind meine ich zu hören.
Ich ziehe mich zwischendurch an, irgendwo kräht ein Hahn, Vogelgezwitscher löst sich unter den Federn hervor, so hat jeder sein Ritual. Gestern dachte ich, dass ich mit einen kleinen Video früh beim ersten Spaziergang unseren Schlafplatz lüfte, falls jemand in der Gegend ist, der Lust auf eine spontane Begegnung hat, denn die Geschichte kommt ja oft erst im Laufe des Tages online. Aber dann war der Edmond schon wach und ist mit uns spazieren gegangen, hat sich zum Frühstück an den Bus gesetzt, und wir haben miteinander geredet.
Als klar war, wir übernachten in Wischhafen, habe ich mich bei ihm gemeldet, und er ist spontan mit seinem Camper eine Stunde rüber gefahren. Vorne auf dem Platz steht ein Wohnmobilstell aus Hamburg, das Ehepaar lebt und reist schon seit Jahren in kleinen Schritten durch Europa. Die nächsten Tage ein Zwischenstop bei der Tochter, die die Post macht, dann Dänemark und Schweden. Ohne Plan, Zeitlimit, Zielfahndung. Aber mit der nötigen Demut und Dankbarkeit, dass sie dort reisen dürfen.
Am Morgen vor zwei Tagen sind wir noch in Niendorf an der Ostsee aufgewacht. Nachdem klar ist, dass wir wegen Hilde's Läufigkeit nicht mehr an den Strand können, queren wir am Nachmittag das Land weit genug oberhalb von Hamburg nach Glückstadt rüber zur Fähre, wo es die ersten Bilder gibt, denn Hilde merkt sehr schnell, dass in dem Laster neben uns große Schweine transportiert werden.
Rechts das Wasser, vorne die Sonne, links die Schweine. Aber das, was am Anfang noch lustig wirkt, nimmt auf der zwanzigminütigen Fahrt an emotionalem Stress bei mir deutlich zu. Denn was da auf der Ladefläche im abgetrennten Teilbereich mit einer Handvoll wohlgenährter Schweine passiert, ist nicht mehr spaßig. Um sich bewegen zu können, müssen sie sich gegeneinander durchsetzen, sodass es ein Schnaufen, Quieken und Grunzen gibt, bis ein anderes Schwein mal kurz an die Luftschlitze kommt.
Eine emotionale Achterbahn für mich, empfinde ich doch hier nicht nur die Schweine, sondern denke an all die Lebewesen, die solche Positionskämpfe oft viel schweigsamer und unbeachteter erleben. Das typische Sozialarbeiterdilemma der Vermischung langjähriger Erfahrungen mit plötzlichen Ereignissen.
Edmond's Besuch bringt mich auf andere Gedanken, vor seiner Abreise schenkt er mir ein paar Hosenträger, die zwar knapp sitzen, aber meine Kleiderordnung positiv beeinflussen.
Wir fahren ein Stück die Elbe runter und biegen bei Bützfleth rechts ab, Richtung Zeven. Zwischendurch ein schöner Spaziergang im Sonnenschein mit lebhaftem Wind an Feldern vorbei, in denen Rabenatrappen die anderen Vögel davon abhalten sollen, die Saat auszugraben.
An einem Ort begleiten Osterglocken kilometerweit die Landstraße goldgelb und grün. Da kommt mir die Erinnerung an die junge Araberin im langen, schwarzen Kleid mit Kopfbedeckung in den Sinn, die mir in Großenbrode begegnet ist. Ein junges Mädchen von der Schule nach Hause gehend mit der ganzen Ernsthaftigkeit einer Religion im Gesicht, aber den goldgelben Osterglocken in der Hand, ein Symbol des christlichen Abendlandes.
Und just in dem Moment, wo ich das schreibe, kommt die Sonne zwischen den Bäumen hervor, und scheint allen Menschen ins Gesicht, egal welcher Nationalität, und welche religiösen Zugehörigkeit sie für sich annehmen. Gegen die Sonne sind wir chancenlos.
Vor ihrem Untergang kommen wir zum Bauernhof in Bötensen. Landvergnügen sei das schon lange nicht mehr, meint der Landwirt. Nachdem ihm der Krebs das Leben erschwert, wird ihm bewusst, dass er den Kampf gegen die bürokratischen Windmühlen nicht mehr erleben will. Es muss eine andere Lösung geben, als permanent mit dem Rücken an die Wand gedrückt zu werden.
Ich kaufe Joghurt und Leberwurst im Hofladen ein, die großen Gläser mit vollständigen Mahlzeiten für eine Familie muss ich leider stehen lassen, die Fleischportionen zum Angrillen auch. Die Nacht ist ruhig, wir träumen viel, es ist mäßig kalt. Mit dem Temperaturanstieg des Tages nimmt auch der Wind an Intensität zu, mal schauen, was uns heute begegnen wird.Read more
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- Day 24
- Sunday, March 23, 2025 at 8:52 AM
- ☀️ 9 °C
- Altitude: 57 m
GermanyVisselhövede52°59’7” N 9°34’40” E
MORGENGRUSS

Einen Guten Morgen aus Visselhövede!
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- Day 24–25
- March 23, 2025 at 12:46 PM - March 24, 2025
- 1 night
- ☁️ 14 °C
- Altitude: 50 m
GermanyWalsrode Bird Park52°53’4” N 9°35’51” E
Visselhövede

3.191 TAGE AUF UNSERER
LEBENSREISE IM BLAUEN BUS (Fahrtstrecke 94 km/ Gesamt 387.391 km / Ø121,40 km)
Wohnmobilstellplatz (frei)
Visselhövede
Deutschland
Manchmal ist die Stille im blauen Bus zuviel für mich, aber just, wo ich das schreibe, öffnet der Nachbar gegenüber seine Tür und zwei kleine Hunde kommen raus. Hilde, die grade noch auf meiner Bettdecke geschlafen hat, jumped hoch auf die Küchenablage, wo sie keinen festen Halt mit den Pfoten hat, sodass ich aufpassen muss, dass sie nicht in die brennenden Kerzen gerät, äußert ihr Mißfallen lautstark, bevor sie sich wieder zum Schlafen einrollt.
Aus den verschiedenen Grautönen des Himmels hat sich ein buntes Gemisch aus hellen Farben von Gelb bis Blau entwickelt, aus denen vermutlich hinter dem Gestrüpp im Garten nebenan demnächst die Sonne hochkommt. Der Wind hat sich beruhigt, im Schwimmbad gegenüber sind die Lichter der Nacht gelöscht, aber in der Hellung der roten Wandfarbe sehe ich schon das Licht der aufgehenden Sonne, die jetzt auch sich zwischen den Ästen hindurchquetscht, während die Taube oberhalb vom blauen Bus einen langen Monolog hält.
Als wir am späten Vormittag vom Bauernhof aufbrechen, merke ich schnell, dass es ratsam ist, den Bus nicht unter den alten Bäumen zu parken, um spazieren zu gehen, weil der Wind mit fünfzig Stundenkilometern schon eine ziemliche Unordnung in den hohen Kronen verursacht.
Hinterm Dorf spazieren wir übers Feld, Hilde's Mausbegehung führt allerdings den ganzen Tag nicht zum Erfolg. Seitdem ich über einhundert Gigabyte verfüge, die ich nie verbrauche, habe ich angefangen, hin und wieder Sport über livestream zu sehen. Gut sortiert, mal Radfahren, Fussball oder wie aktuell Biathlon.
Ich frage mich seitdem, was habe ich acht Jahre lang sonst mit meiner Zeit gemacht, dass ich gar nicht auf die Idee gekommen bin, so was anzuschauen. Mehr gelesen, längere Spaziergänge, ne Flasche Wein geöffnet. Es ist mir ein Rätsel. Tatsächlich schaue ich immer noch keine Filme auf dem Handy, und Sport ist gut dosiert auf wirkliche Highlights. Bergetappen in den Pyrenäen und Alpen, mal ein Länderspiel, das übertragen wird, oder eben die entscheidenden Biathlonrennen um die Siegertrophäen.
Und so verdunkele ich den Bus auf einem Parkplatz und lass mich in die Spannung eines Wettkampfes verführen. Ist das der richtige Ausgleich für mein beschauliches Leben ohne besondere Höhepunkte, das Entfliehen aus dem Alltag der Gewohnheiten, denn an so einem Reisetag ist der emotionale Höhepunkt Hilde's kurzes abendliches Toben mit mir, wenn wir Platz genommen haben.
Als wir durch Kirchwalsede fahren, fällt mir die Schafherde in den Blick, die sich zwischen Osterglocken um ein rotes Schild der nahen Bank gruppiert hat.
"Im Rahmen einer europaweiten Ausstellungstour macht eine große Herde blauer Schafe aus Polyesterharz Station in Städten, die sich am Projekt beteiligen wollen. Ihr brillantes, ultramarinblaues Fell erinnert an die Arbeiten von Yves Klein.
Auf grüner Wiese erwecken sie die Illusion einer lebendigen, friedlich weidenden Schafsherde, mit all ihren sympathischen Assoziationen.
Das unübersehbare, leuchtende Blau der Herde fesselt den Blick des Betrachters und lässt ihn erst bei genauerem Hinsehen erkennen, dass es sich bei den einzelnen Herdenmitgliedern immer um ein und die gleiche Figur handelt, nur in unterschiedlicher Postionierung.
Diese Erkenntnis, verknüpft mit der Symbolik der Herde für menschliches Miteinander, wird zur zentralen Botschaft des Kunstprojektes.
Alle sind gleich – jeder ist wichtig.
Jenseits aller ethnologischen, religiösen oder kulturellen Unterschiede und mit ihrem ganz speziellen Charme möchten die Blauschafe Denkanstöße geben, auf das Verbindende hinweisen und für friedliches Miteinander und Toleranz werben, auf der Basis von Wertschätzung des Anderen.
Als Signalfarbe steht Blau symbolisch für das Verbindende. Es ist die Farbe der EU, der UNO sowie von Unesco und Unicef. Sie ist auch die Farbe der europäischen Friedensbewegung und somit für das Projekt bestens geeignet. Hier steht sie symbolisch für die Verbindung aller Menschen miteinander und natürlich auch für den Städteverbund.
Ein Teil der Blauschafzucht erfolgt in den »Duisburger Werkstätten für Menschen mit Behinderungen (wfbm gGmbH)».
https://www.der-blauschaefer.de/
Die alte Kirche in Wittorf am Friedhof, wo die Grabsteine den Besuchern erstmal den Rücken zuwenden, bietet einen Kontrast zu den Schafen, obwohl auch sie eine Botschafterin des Friedens und der Gleichberechtigung ist.
Am Stellplatz geht die Sonne hinter dem blauen Bus unter, wir machen noch einen Abendspaziergang, ich werde schnell müde, lange bevor der Himmel sich verdunkelt, habe ich mich ausgestreckt. Hilde legt sich an meine Seite und schläft sofort ein, während mich noch lange Gedanken beschäftigen, die mich in die Träume begleiten.
Während ich mich morgens anziehe, bekomme ich Druck auf die Innenfläche der linken Hand, die sofort schmerzt. Gestern morgen zieht mich Hilde unter überhängenden Tannenwedeln hindurch, sodass ich für einen Moment nicht auf den Weg achte und ins Stolpern gerate, mich gerade so mit der linken Hand an einem Pfosten halten kann, über dem ein Stacheldraht gespannt ist. Sehenden Auges versuche ich den Aufprall zu verhindern, in dem ich die Hand zu einer Höhle forme, trotzdem hat es gepiekt, und Blut rinnt aus der Wunde, die nicht tief ist, aber an einer unangenehmen Stelle liegt.
Morgenrunde um den Teich im Sonnenschein, Frühstück im blauen Bus, dann macht Hilde ein zweites Schläfchen, während ich versuche, mein Kranichbuch von Peter Matthiessen zuende zu lesen. Vorne im Umschlag steht, dass ich es Anfang 2019 zu lesen begonnen habe, aber dann ist es irgendwann in einer meiner Bücherkisten verschwunden.
Schon 1827 hat John Clare folgendes geschrieben. "Dort am Rand des fernen Himmels
Fegt der Hagelsturm hinab
Weit darüber schwebt der Kranich
Allein im eisfreie Gefilde
Mit immer gleichem schrillen Schrei
Auf wilder Fahrt durchs graue Einerlei."
(The Shepherd's Calender)Read more
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- Day 25
- Monday, March 24, 2025 at 6:13 AM
- ⛅ 3 °C
- Altitude: 45 m
GermanyNienhagen (Landkreis Celle)52°33’24” N 10°6’27” E
Morgengruss aus dem blauen Bus

Nienhagen bei Celle
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- Day 25–26
- March 24, 2025 at 11:42 AM - March 25, 2025
- 1 night
- ⛅ 14 °C
- Altitude: 49 m
GermanyPapenhorst52°32’48” N 10°7’14” E
Nienhagen

3.192 TAGE AUF UNSERER
LEBENSREISE IM BLAUEN BUS (Fahrtstrecke 84 km/ Gesamt 387.475 km / Ø121,38 km)
Wohnmobilstellpl. (Spende)
Nienhagen
Deutschland
Vor dem Sonnenaufgang steht ein Camper, sodass ich nur die Ausläufer des Spektakels links hinter seinem Heck sehen kann. Hilde schläft wieder, ich trinke meinen ersten Tee mit Kerzenlicht. Bis auf zwei Grad Celsius geht die Temperatur nachts noch runter, da fühlen sich sechzehn Grad am Tag immer noch leicht wie mit einem Kühlfilter angehaucht an.
Unser Leben ist unspektakulär, kleine Wege, längere Pausen, seltene fotografische Highlights, einsame Straßen. Ich freue mich immer sehr, wenn mir etwas Besonderes vor die Augen kommt. Oft sind es Kirchen. Das hat nichts mit meinem Glauben an Gott zu tun, sondern liegt an der Art, wie sie gebaut sind, in welcher Weise sie sich den Menschen präsentieren.
Natürlich liegt es auch an ihrer Größe, welchen Raum sie einnehmen, wie sie sich vor der himmlischen Kulisse darstellen. Kirchen gibt es auf unseren Wegen überall, manchmal erfüllen sie nicht mehr den ursprünglichen Sinn, oft genug stehen die Türen offen zu einer Einladung.
Gäbe es Kaffee und Kuchen, würde man ein, zwei Parkplätze zu Wohnmobilstellplätzen umwandeln, würde der Pastor Reisende in seinen Garten einladen, wer weiß, wie belebt dann mancher dieser Gebäude wieder wäre.
Tatsächlich gibt es diesen Versuch schon seit einiger Zeit, und ich bin schon versucht, mal beim Pastor im Evessen anzuklopfen, weil das nicht weit von Braunschweig entfernt ist. Im Ort gibt es Ziegenkäse & Co zu kaufen, zudem hat es einen Biobäcker, und es wohnt noch ein lieber Mensch dort, den ich schon länger nicht gesehen habe. Bei der Vorbereitung der Tage in Braunschweig habe ich daran gar nicht gedacht, aber ich erinnere mich, dass es ungefähr die gleiche Jahreszeit war, als ich die Freundin das letzte Mal besucht habe, standen doch Osterglocken und Tulpen im Raum.
Aber für jemanden, der sich für diese Form des Kirchenasyls interessiert, füge ich einen interessanten Link bei.
https://www.evangelische-zeitung.de/uebernachte…
Mein Kopf ist grade anders besetzt, verändere ich doch aktuell meine Internetpräsentation. Ende des Monats wird die Veröffentlichung von Beiträgen auf Instagram eingestellt, Ende Juni erfolgt die Schließung der Facebookseite "Spaziergänge mit Hilde".
Es bleibt mein persönlicher Facebook-Account und FindPenguins, die Versendung der Texte per Mail oder ggf über die sozialen Netzwerke. Back to the Roots könnte man die Bewegung nennen, denn zu Anfang unserer Reise gab es genau diese Form der Veröffentlichung meiner Beiträge.
Mein Ausflug in die weite Welt des Internets ist beendet, ich verkaufe noch die restlichen Bücher der "365 Spaziergänge mit Hilde", die es dann in beiden Bänden nur noch als PDF geben wird, und werde mich wieder verstärkt mit den kleinen, den inneren und äußeren Wegen beschäftigen.
Wenn du noch ein Exemplar des 2. Bandes unseres Buches erwerben willst, schreibe mir eine persönliche Nachricht. Im Preis von 30 Euro plus Porto für knapp 800 Seiten mit ca. 110 Photos ist auch die PDF des ersten Bandes enthalten.
Natürlich hat sich in den neun Jahren viel geändert, viel zum Positiven gewandelt. Und selbstverständlich möchte ich nicht zurück zu den Anfängen unserer Reise, aber dennoch wünsche ich mir eine Hinkehr zu den Besonderheiten, die unser Leben ausmacht. Die verbleibende Zeit sinnvoll für uns nutzen. Und dabei ein bisschen davon zu erzählen.
In diese Entwicklung kommt die Geschichte mit den langen Haaren, von denen ich mich vorerst nicht trennen werde, auch wenn die Identifikation nicht mehr so gegeben ist. Aber dieser Cut ist einfach so gravierend, dass er mich aktuell überfordern würde. Es bleibt also beim Jahrestag der Beendigung des 10. Reisejahres.
Wir spazieren über die Wiese und durch den kleinen Sinnesgarten hinterm Altersheim, wo sich heute die Kinder des Gartens treffen, um den Frühling zu begrüßen. Am Bus kommen wir mit unseren Nachbarn ins Gespräch, deren Traum es ist, so bald wie möglich in ihrem Camper vollzeit zu reisen. Auch sie haben eine interessante Geschichte, ich höre gerne zu, wie andere Menschen sich dem Leben stellen. Und denk mir öfter, an der Geschichte mit dem Alter und den Mutigen ist viel Wahres dran.
Vor uns liegen einige Tage mit Familie und Ärzten, da gibt es weniger Zeit, um zu schreiben, trotzdem möchte ich versuchen, dich mit Bildern und kleinen Videos auf dem aktuellen Stand zu halten.Read more
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- Day 26
- Tuesday, March 25, 2025 at 10:25 AM
- ☁️ 7 °C
- Altitude: 57 m
GermanyIse52°29’15” N 10°32’44” E
Mühlenmuseum Gifhorn

3.193 TAGE AUF UNSERER
LEBENSREISE IM BLAUEN BUS (Fahrtstrecke 126 km/ Gesamt 387.601km / Ø121,39 km)
Seitenstrasse
Braunschweig
Deutschland
Wenn ich in irgendeiner Stadt nachts im Dunklen zwischen den Fahrzeugen parke, um dort zu schlafen, schleiche ich mich meist im ersten Licht wieder raus, bevor die Unruhe auf dem Bürgersteig beginnt, Menschen zur Arbeit eilen, und Hilde ärgerlich bellt.
Dabei gibt es sehr lustige Erlebnisse wie einst in Schweden, wo beim Aufwachen alle parkenden Fahrzeuge vor und hinter uns weggefahren waren, wir sozusagen auf dem Präsentierteller standen. In der Schweiz nickten uns die Nachbarn freundlich wissend zu, und in Würzburg stand neben uns ein zweispuriger Stau, die jungen Mitarbeiter einer Baufirma grinsten durchs Seitenfenster.
In Braunschweig ist es noch dunkel und kalt, die gelbe Straßenlaterne wirft ihr Licht über uns, ich starte den Bus und starre durch die nasse Windschutzscheibe auf die dunkle Straße. Die Ampeln sind noch auf Blinklicht geschaltet, und auf dem Mittellandkanal kommt uns seitlich ein Frachter in voller Beleuchtung entgegen.
An der Autobahnauffahrt ist ein Parkplatz, auf dem wir oft stehen, wenn wir Wartezeiten in der Stadt überbrücken wollen, weil es in der Nähe einen ruhigen Spazierweg gibt, über den die früheren Wandervögel fliegen, um in den Rieselfeldern zu landen, wo sie mittlerweile ganzjährig wohnen.
Wartezeiten habe ich sonst nur selten, aber in diese Stadt komme ich wegen den Kindern und meinen Arztterminen. Der Lebensrythmus der Familie ist vom Arbeiten geprägt, da müssen wir gucken, wann gemeinsame Zeit möglich ist. Und die anderen Termine erklären sich von selbst.
Im Vorfeld versuche ich die Termine aneinanderzureihen, um möglichst an einem langen Vormittag alles erledigen zu können, während Hilde eine Freundin besucht, mit deren Terminen wir leider nicht immer konform gehen. Dann kann ich nur hoffen, dass mein Sohn, der meist nachmittags arbeitet sich zu Hilde in den Bus setzt. Denn die schlechteste Lösung ist, die Fenster vom Bus weitestgehend zu bedecken, damit Hilde von außen nicht gesehen wird.
Bedauerlicherweise kann sie eine Seite selbst öffnen und kommentiert von dort lautstark Passanten. Das geht mal in der Seitenstrasse, aber nicht mitten in der Stadt. Und bevor ein militanter Tierschützer das Fenster einschlägt, um den armen Hund zu retten, suche ich nach einer anderen Möglichkeit.
Während das Wetter für Hilde's morgendliche Bedürfnislage keine Rolle spielt, ist feuchtkalt mit dem Beginn blühenden Grases in all meinen Körperteilen spürbar. Und so schniefe ich mich mühsam den Weg entlang, wo die elf Spargelhügel noch im Winterschlaf zu leben scheinen. Hilde bearbeitet den Rand des Feldes mit ihren Pfoten und ergänzt die Arbeit des Bauern, dessen Pflug nicht in diese Winkel gekommen ist.
In den Bäumen an der Landstraße lacht derweil ein Vogel lang anhaltend, während ein gelber Lastwagen den Tag erhellt und die Post in die Stadt bringt wie früher die Postkutschen, denke ich naiv und sehne die leichtfüßige Jugend herbei. Wobei mich die Erinnerungen schon dahingehend lehrt, dass die Zeit der Pferdefuhrwerke in einem längst vergessenen Jahrhundert angesiedelt war, über die eher die Großväter etwas hätten sagen können, wenn sie denn heute noch leben würden. Also sie müssten schon das biblische Alter der Anfangszeiten erreicht haben, denn meine Eltern alleine wären jetzt schon in ihrem 117. Lebensjahr.
Solche Spielereien lassen mir immer kurz den Atem stocken, weil mir bewußt wird, wie die Zeit auch in meinem Leben vergeht, von dem ich hoffe, Gott würde mir noch ein Dutzend Jahre oder mehr schenken. Aber da man nichts Genaues weiß, ist es wichtig, dass Jetzt mit dankbarem Leben zu füllen. Egal wie das Wetter ist.
Auf dem Weg von Nienhagen nach Braunschweig machen wir einen Abstecher nach Wolfsburg, wo der liebe Thomas in mühevoller Kleinarbeit den Verschluss des Seitenfensters repariert, wofür ich ihm sehr dankbar bin. Vorher haben wir einen Spaziergang am Mühlenmuseum in Gifhorn gemacht. Die Sonne scheint, übern See hinweg schaut die russisch-orthodoxe Kirche zu uns herüber.
Unser Mühlenbesuch ist sicher zwanzig Jahre her, der übliche Sonntagsausflug mit den Kindern vom Braunschweiger Land her, wo wir gewohnt haben. Ich erinnere mich noch, dass man frisch gebackenes Bauernbrot kaufen konnte, und in einem Teil des nahegelegenen Schlosses war vor bald vierzig ein offener Strafvollzug untergebracht, wo Menschen lebten, die ihren Unterhalt nicht bezahlt haben, oder in einen Unfall mit Personenschaden unter Alkoholeinfluss verwickelt waren, und ebenfalls die Geldstrafe noch schuldig waren.
Wenn sie dann noch eine Pflegschaft oder Vormundschaft hatten, kam ich u.a. ins Spiel. In diesen alten Zeiten wurdest du noch wegen Trunksucht entmündigt, heute gar nicht mehr denkbar, wer da alles unter einen solchen Schutz gestellt würde.
Ach ja, die guten, alten Zeiten, ich denke immer mal wieder an so manche lustige Geschichte aus meiner beruflichen Tätigkeit als Sozialarbeiter. Im Nachhinein bekommen ja oft die traurigen Episoden einen lächelnden Rahmen, trotzdem vergesse ich den Menschen und sein Leben dahinter nicht. Das wünsche ich mir auch für meinen Nachruf.Read more