Gwangju
6 maj, Sydkorea ⋅ ☀️ 22 °C
Arnd:
Gwangju ist eine besondere Stadt, weil hier ab dem 18. Mai 1980 das Gwangju Massaker stattgefunden hat. Die Militärdiktatur hat vor allem von Studenten getragene Demonstrationen für Demokratie und gegen die Diktatur brutal und mit vielen Opfern mit Hilfe des Militärs niedergeschlagen. Das hat das Bewusstsein der Menschen hier geprägt.
Anschließend haben sie versucht, die Vorgänge zu vertuschen und haben alles bestritten. Deshalb hat es hier eine sehr lange akribische Aufarbeitung gegeben. Dabei ging es vor allem auch um harte physische Beweise. Z.B. hat man in einem mehrjährigen Forschungsprojekt eine Gewehrkugel in einem Baum gefunden, genau lokalisiert und dann baumschonend aus dem Gingkobaum herausoperiert. Einschusslöcher am Rathaus und einem gegenüberliegenden Gebäude wurden identifiziert und weithin sichtbar markiert.
Demonstrationen hatte es zu der Zeit auch anderswo gegeben, aber in Gwangju waren sie besonders stark. Ein Grund dafür war wohl, dass die Region nicht zu der die Geschicke des Landes steuernden Mehrheitsregion gehört und deshalb ökonomisch benachteiligt wurde.
Für uns war es das erste Mal hier. Hea-Jee hat auch hier Freunde, ein junges Paar, sie Koreanerin, er Franzose, die sich in Berlin kennengelernt haben und jetzt in Gwangju leben. Sie sprechen beide gut Deutsch, weshalb ich hier gut in die Gespräche eingebunden war, sehr schön! Die beiden haben uns einiges gezeigt und wir hatten eine sehr interessante Zeit. Gwangju hat uns außerordentlich gut gefallen.
An dem zentralen Platz der Stadt, das auch damals das Zentrum der Demonstrationen war, steht das Rathaus. Dahinter hat man ein riesiges Asian Culture Center gebaut. Es ist in einer Vertiefung gebaut, so dass es das Rathaus nicht überragt. Es ist ein sehr schöner Bau. Darin befinden sich u.a. etliche Ausstellungssäle.
Die aktuell laufende Hauptausstellung zeigte polnische Filmplakate der 1950er Jahre. Die hat ein Koreaner in großem Umfang gesammelt und zeigt sie ständig in einem eigenen Museum irgendwo im Osten von Seoul. In Gwangju wurde hier ein kleiner Ausschnitt gezeigt, was immer noch eine große Ausstellung war.
Dieses Genre war für Künstler in Polen zu der Zeit ein nicht so streng ideologisch überwachter Bereich. Interessanterweise waren unter den Filmen auch deutsche und Hollywoodproduktionen.
Wir haben dann noch eine zweite Ausstellung über asiatische Videokünstler angeschaut. Ich finde Videokunst immer ein bisschen schwierig anzuschauen. Während man ein Bild schnell erfassen kann, muss man bei einem Film eigentlich immer länger zuschauen. Wenn man zu einem Film kommt, läuft der meist gerade und man fängt irgendwo in der Mitte an und versteht in der Regel gar nichts. Trotzdem haben wir es hier lange ausgehalten.
Ein Teil der Ausstellung thematisierte die Gegenwehr gegen zwei Bauprojekte in Seoul, wo in größerem Umfang Menschen ihre Wohnung und/oder ihre Tätigkeit verloren haben, weil viele Gebäude abgerissen wurden.
Das eine Projekt war die Umgestaltung der Cheongyecheon Straße, wo eine Schnellstraße, die auf zwei Ebenen mitten durch die Stadt verlief, durch einen tiefer gelegten künstlichen Bach in eine Art langen Park verwandelt worden ist. Ich hatte das immer als ein sehr gutes Projekt gesehen, das nicht nur diese extrem hässliche Straße komplett beseitigt hat, sondern erstmals mitten in der Stadt einen öffentlichen Raum mit hoher Aufenthaltsqualität geschaffen hat. Es ist mittlerweile international bekannt für einen erfolgreichen Rückbau von Auto-Infrastruktur. Aber klar, so ein großes Projekt mitten in der Stadt hat auch Verlierer.
Was uns noch an Gwangju gut gefallen hat, war ein größeres Viertel, das ein Einkaufsbereich in einer Füßgängerzone war. Es war dort tagsüber auch ziemlich voll. Leider hatten wir vergessen, davon ein Foto zu machen. Das haben wir am Morgen unserer Abfahrt nachgeholt. Da waren aber nicht viele Menschen zu sehen.Läs mer
Seoraksan 1
10 maj, Sydkorea ⋅ ☁️ 22 °C
Hea-Jee:
Eine Freundin lud uns für drei Tage in das Delpino-Resort ein, von dem aus man direkt auf den Ulsanbawi-Felsen im Seoraksan blicken konnte. Da ich das koreanische System mit Ferienresorts nicht kannte, verstand ich ihre Einladung zunächst so, dass wir einfach allein hinfahren und dort übernachten sollten. Also reservierte ich Bustickets für den Expressbus – bis ich erfuhr, dass wir gemeinsam mit der Freundin in ihrem Auto fahren würden.
Meine Freundin ist eigentlich ein sehr beschäftigter Mensch, und ich fragte mich, ob wir ihr damit nicht zu viel Umstände machten. Doch wie immer tat sie meine vorsichtige Zurückhaltung mit einem leichten Lächeln ab und nahm uns einfach mit Richtung Seoraksan.
Unterwegs machten wir in Wonju Halt und besuchten das von Tadao Ando entworfene Museum SAN. Das Gebäude war zugleich fein, schlicht und wunderschön. Wahrscheinlich hatte der Bauherr dem Architekten große Freiheit gelassen, und Ando selbst schien seiner Fantasie und seinem Können freien Lauf gegeben zu haben. Ich stellte mir vor, wie viel Freude ihm dieses Projekt wohl bereitet haben musste.
Dort lief gerade eine Ausstellung des koreanischen Künstlers Lee Bae, der hauptsächlich in Frankreich arbeitet. Seine großformatigen Werke waren ebenso kühn wie präzise – und standen der Architektur des Museums in nichts nach. Die Ausstellung hatte eine unglaubliche Sogwirkung; sie zog die Besucher vollkommen in ihren Bann. Für mich war sie einer der absoluten Höhepunkte aller Ausstellungen, die wir auf unserer Weltreise gesehen hatten. Dank der Fotos, die meine Freundin von uns machte, bekamen wir gleich mehrere coole Fotos von uns beiden zusammen.
Das Delpino Resort war groß und bot viel Service. Auch die Landschaft rund um das Resort war beeindruckend. Durch das Fenster unseres Hotelzimmers füllte der Ulsanbawi-Felsen beinahe das gesamte Blickfeld. Man konnte ihn sowohl vom Wohnzimmer aus sehen als auch vom Bett aus. Bei Sonnenaufgang und Sonnenuntergang veränderte der Felsen leicht seine Farbe.
Nachdem wir unser Gepäck im Hotel abgestellt hatten, machten wir uns auf den Weg in ein Tofudorf unweit des Resorts. Zwischen den zahlreichen Tofurestaurants fand meine Freundin erstaunlicherweise genau das richtige Lokal, sodass wir köstliches Chodang-Sundubu essen konnten. In Deutschland esse ich sonst meistens abgepackten Tofu, der oft monatelang haltbar ist. Deshalb schmeckte der frische Tofu, der erst an diesem Morgen hergestellt worden war, besonders aromatisch und nussig.
Am nächsten Morgen brachen wir auf, um Sokcho zu besichtigen. Wir besuchten den Naksansa-Tempel, der auf einem Hügel direkt am Meer erbaut wurde. Die traditionellen Tempelbauten mit ihren prächtigen, farbenfrohen Dancheong-Malereien unter den schweren grauen Dächern waren – wie immer – wunderschön anzusehen. Früher war es nur besonderen Bauten wie Palästen und Tempeln erlaubt, diese kunstvollen Verzierungen zu verwenden.
Auf dem Gelände des Naksansa standen mehrere elegante Pavillons, die scheinbar leicht über den bizarren Felsenklippen hingen, die aus dem Meer emporragen. Das Prinzip der koreanischen der Architektur, an einer besonders schönen Stelle ein Pavillon zu errichten, um die Schönheit der Natur zu vollenden, war im Naksansa immer wieder zu erkennen.
Auf dem Dach des Hotels gab es einen Infinity-Pool. Obwohl das Wetter eher kühl war, gingen wir hinauf, weil es dort warmes Thermalwasser geben sollte. Beim Schwimmen fühlte es sich an, als würde man direkt den übereinandergeschichteten Gipfeln des Seoraksan entgegen schwimmen. Das Wasser im Pool war angenehm temperiert, sodass man nicht fror. Daneben gab es einen Jacuzzi mit heißem Thermalwasser, das den Körper sanft kitzelte. Diesen Moment werde ich vermutlich nie vergessen.
Am meisten begeistert war Arnd wahrscheinlich vom Hotelfrühstück. In Korea hatte meistens ich die Hotels ausgesucht – streng nach Preis-Leistungs-Verhältnis. In günstigen koreanischen Hotels oder Motels ist das Frühstück oft sehr schlicht oder fehlt ganz. Deshalb hatte Arnd lange geglaubt, Koreaner interessierten sich einfach nicht besonders für Frühstück. Erst als wir auf Jeju zufällig einmal ein richtig gutes Frühstück bekamen, begann er zu ahnen, dass gute Hotels vielleicht doch hervorragendes Frühstück servieren könnten. Und in diesem Resort erwartete uns schließlich ein Frühstück der Spitzenklasse – eines der luxuriösesten unserer gesamten Weltreise.
Arnd sagte: „Na also! Koreaner, die so gut kochen können, können unmöglich schlechtes Frühstück machen. Ab heute suche ich die Hotels aus, du geizige Ehefrau!“
Meine Freundin reiste einen Tag früher ab. Kaum war sie weg, vermisste ich sie. Ich hatte ein schlechtes Gewissen wegen all ihrer Mühe gehabt, die sie für uns machte. Aber gerade dadurch ergaben sich unterwegs viele Gelegenheiten für herzliche Gespräche. Ich bin eigentlich jemand, der sich eher zurückhält, um anderen bloß nicht zur Last zu fallen. Doch auf dieser Reise habe ich gelernt, dass Nähe manchmal genau dadurch entsteht, dass man einander auch ein wenig zur Last fällt und sich aneinander festhält.Läs mer
Seoraksan 2
12 maj, Sydkorea ⋅ ⛅ 20 °C
Hea-Jee:
Nach zwei entspannten Tagen im Condo fuhren wir weiter nach Naeseorak. Diesmal war Arnd außergewöhnlich engagiert: Er suchte selbst ein Hotel aus und buchte es sofort. Das dem Seoraksan-Nationalpark am nächsten gelegene Kensington Hotel Seorak war ein gehobenes Hotel im britischen Stil, das für sein gutes Frühstück bekannt ist.
Normalerweise ist der Check-in im Hotel erst am Nachmittag möglich, deshalb wollten wir morgens nur unser Gepäck abgeben, zuerst in die Berge gehen und später einchecken. Doch der Mitarbeiter an der Rezeption überraschte uns völlig: Ohne dass wir danach gefragt hatten, upgradete er unser Zimmer kostenlos, damit wir sofort einchecken konnten. Es war eine Gastfreundschaft, die alles übertraf, was wir bisher in Hotels erlebt hatten. Man sagt ja, dass man auf langen Reisen die unterschiedlichsten Dinge erlebt – aber eine so großzügige Freundlichkeit, ganz ohne Anlass, hat uns wirklich tief berührt.
Arnd:
Nach dem Einchecken gingen wir in den Nationalpark. Dort kommt man zuerst bei der Seilbahn auf den Gwongeumseong vorbei. Von da oben hat man eine schöne Aussicht. Da es erstaunlicherweise nicht sehr teuer war, sind wir hochgefahren. Wir verbinden diese Seilbahn mit einer Erinnerung. Als wir vor 40 Jahren das erste Mal hochgefahren sind, war da ein junger Koreaner mit Bart in der Gondel. Damals hatten zwar viele alte Männer einen Bart, aber dies war der einzige junge Mann mit Bart, den wir gesehen hatten. Hea-Jee war beeindruckt. Später in Deutschland haben wir das einer anderen Koreanerin erzählt und sie hatte den dort auch auch schon gesehen. Als wir nun unten weitergegangen sind, stand da ein älterer Koreaner mit einem Plakat am Weg. Er demonstrierte gegen Pläne, eine weitere Seilbahn zu errichten. Und er hatte einen Bart und das ist heute noch seltener als damals. Deshalb hat Hea-Jee ihn angesprochen und gefragt, ob er zufälligerweise der Mann von damals war. Er war es wohl nicht, aber er meinte, das könnte der Hüttenwirt gewesen sein, der leider vor ein paar Jahren gestorben ist.
Hea-Jee:
Wir besuchten den Sinheungsa Tempel. Mit diesem Tempel verbinden wir besondere Erinnerungen: Als wir vor vierzig Jahren mit dem Rucksack unterwegs waren, kauften wir dort in einem Tempel-Laden sechs grüne Teetassen, die wir bis heute benutzen.
Zur Vorbereitung auf Buddhas Geburtstag hingen unzählige wunderschöne Laternen über dem großen Hof. Wie uns meine Freundin am Vortag geraten hatte, kauften auch wir eine kleine Laterne für Finn und hängten sie auf. Der Gedanke, dass sich mitten in diesem Meer aus leuchtenden Blumenlaternen auch seine kleine Laterne befand, machte uns stolz und glücklich.
Als wir den Wackelfelsen (Heundeulbawi) erreicht hatten, merkte ich, dass mir die Kraft fehlte und ich nicht mehr bis zum Gipfel des Ulsanbawi weitergehen wollte. Also machte sich Arnd allein auf den Weg nach oben. Ich ging währenddessen in die kleine Einsiedelei nebenan, um Buddha zu begrüßen. Dort war niemand, und es war vollkommen still. So ruhte ich mich aus, machte 108 Niederwerfungen und meditierte länger.
Von oben schickte mir Arnd eine Nachricht, dass die Aussicht wunderschön sei. Vielleicht weil ich nicht dabei war und er dadurch schnell gehen konnte, kam er erstaunlich schnell wieder herunter. Danach gingen wir Abendessen und kehrten schließlich ins Hotel zurück.Läs mer
Edison Museen in Gangneung
13 maj, Sydkorea ⋅ ☀️ 24 °C
Arnd:
Gangneung liegt an der Ostküste etwas weiter südlich als Sokcho. In Gangneung enden mehrere Eisenbahnlinien. Wir wollten von dort einen Erlebniszug nehmen, der vormittags abfuhr. Das konnten wir am selben Tag von unserem Hotel in Seoraksan nicht erreichen und so mussten wir uns einen halben Tag dort beschäftigen.
Hea-Jees Freundin hatte was von einem Museum erzählt und das habe ich dann auf meiner Karte auch gefunden. Es ist privat und wird wieder mal von einem Sammler betrieben, der seine Sammlung zu seinem Lebenswerk gemacht hat. Er hat wohl früh als Kind ein Grammophon bekommen und als es mal kaputt war, hat er es selbst repariert. Danach war seine Begeisterung nicht mehr zu bremsen.
Und diese Begeisterung weitete sich aus auf alles, was mit Thomas Alva Edison zu tun hatte. Nachdem ich das jetzt im Nachgang etwas recherchiert habe, ist das merkwürdig, denn Edison hat das Grammophon gar nicht erfunden. Er hat den Vorgänger erfunden, den Phonographen, der Töne auf Walzen aufzeichnet. Das war sozusagen die Grundlagenerfindung der Tonaufzeichnung und -wiedergabe.
Anfangs war gar nicht klar, was der Hauptverwendungszweck für so ein Gerät sein würde. Man konnte die Walzen nicht so einfach vervielfältigen. Die Massenproduktion von Walzen mit Musikaufnahmen war schwierig. Edison selbst sah im Phonographen eher ein Diktiergerät. Und so gab es auch ein Foto von einem Bürosaal mit vielen Arbeitsplätzen, an denen Frauen Phonographenaufnahmen abhörten und aufschrieben.
Trotz der Schwierigkeiten hat sich ein gewisser Markt für Musikaufnahmen entwickelt und Edison hat ihn bedient. Aber er hat z.B. verhindert, dass die Namen der Musiker auf den Walzen oder der Verpackung standen.Tja, auch ein begnadeter Erfinder kann mal voll daneben liegen. Vor allem, wenn es was mit Menschen zu tun hat.
Die Weiterentwicklung zum Grammophon hat Emil Berliner erfunden, ein Deutscher, der zeitweise in den USA und zeitweise in Deutschland gelebt hat. Die Idee zur Verwendung einer Scheibe mit einer Spiralrille statt der Walze hat er in den USA entwickelt. Das brachte Vorteile beim Klang. Das reichte aber nicht, um den Phonographen zu verdrängen, der Erfolg blieb zunächst aus. Es brauchte noch zwei weitere Entwicklungen.
Zum einen hat eine deutsche Firma für ihn das Problem gelöst, die Aufnahmen auf eine Metallplatte zu übertragen, mit der man neue Platten „pressen“, die Aufnahme also billig vervielfältigen konnte, Zum anderen hat ein amerikanischer Ingenieur für ihn einen Antrieb entwickelt, der per Kurbel aufgezogen wurde und dann die Platte mit gleichmäßiger Geschwindigkeit gedreht hat. Mit diesen beiden Erfindungen begann dann der Siegeszug des Grammophons und die Ausstellung in Gangneung zeigte deutlich die enorme Vielfalt, die dann im Laufe der Zeit entstanden ist.
Wie gesagt hat der Sammler sich für alles begeistert, was mit Edison zu tun hat und der hat nebem dem Phonographen auch noch andere Erfindungen hervorgebracht. Bedeutsam waren die Glühlampe und die Filmprojektion, wobei letzteres eigentlich ein Mitarbeiter von Edison erfunden hat. Für das Thema Filmprojektion gab es in dem Museum ein zweites Gebäude. Die Sammlungen waren extrem umfangreich und man wünschte sich eine gute museale Aufarbeitung. Es war sehr eindrucksvoll und ich hoffe, dass diese Sammlung irgendwann ein wirklich würdiges Zuhause findet.Läs mer
Erlebniseisenbahnen in Korea
14 maj, Sydkorea ⋅ ☁️ 17 °C
Hea-Jee:
Heute wollten wir einen ganzen Tag lang mit den Zügen die Ostküste und das Taebaek-Gebirge bereisen. Das war etwas, das ich schon lange einmal zusammen mit Arnd machen wollte. In Gangneung stiegen wir in den Donghae-Santa-Zug mit seinen riesigen Fenstern ein. Über Jeongdongjin und Donghae fuhr der Zug meistens entlang der Küste, und ich fand es erstaunlich, das Meer aus dem Zug heraus so nah zu sehen. Irgendwann stieg die Strecke dann hinauf in die Berge des Taebaek-Gebirges, der Zug fuhr durch Tunnel und nach langer Fahrt stiegen wir schließlich in Cheoram aus.
Dort aßen wir regionale Spezialitäten, schauten uns die alte Bergbaustadt an und besuchten auch ein Museum, in dem wir mit großem Interesse vieles lernten. Danach ruhten wir uns in einem Café am Fluss aus, bevor wir etwa drei Stunden später in den Schluchtenzug einstiegen, der auch V-Zug genannt wird. Direkt vor den großen Fenstern standen die Sitze längs nebeneinander – allein dieses Reisegefühl war schon etwas Besonderes. Die Landschaft draußen veränderte sich ständig. Dabei wurde mir bewusst, wie fleißig koreanische Bauern sind: Selbst die kleinsten Stücke Land werden als Reisfelder oder Äcker bewirtschaftet und sorgfältig gepflegt.
Zum ersten Mal erfuhr ich auf dieser Reise, dass der große Nakdonggang im Gebiet von Taebaek entspringt. Lange Zeit fuhren wir mit dem Zug durch eine Schlucht, in der der noch schmale Nakdong-Fluss mit erstaunlicher Entschlossenheit dahinströmte – klein aber stolz, Nakdonggang zu sein!
Es schien keinen Toilettenwagen im Zug zu geben. Deshalb hielt der Zug gelegentlich für ein paar Minuten an kleineren Bahnhöfen, und per Lautsprecher wurde durchgesagt, dass diejenigen, die wollten, jetzt schnell die Toilette benutzen sollten.
Und dann tauchte mitten tief im hohen Taebaek-Gebirge plötzlich ein Dorf mit leuchtend roten Dächern auf – Buncheon, das heute als „Weihnachtsmann-Dorf“ bekannt ist. Statt kitschig wirkte es auf mich eher so, als verstünden die Menschen dort einfach, wie man mit Freude und Humor lebt.
Es war wirklich eine Reise, die glücklich machte. Ich glaube, so eine Reise könnte man auch gut allein unternehmen und sich unheimlich erfüllt fühlen.
Arnd:
Das Museum in Cheoram ist eine kleine Erinnerungsstätte für die Koreaner, die als Kohle-Bergleute in den 1960er und 70er Jahren als „Gastarbeiter“ nach Deutschland gegangen sind. In Deutschland herrschte zu der Zeit Arbeitskräftemangel und man suchte nach Menschen, die zum Arbeiten herkommen wollten. So kamen nicht nur Italiener und Türken, sondern auch koreanische Bergleute und Krankenschwestern. In Korea gab es eine große Arbeitslosigkeit und das Land brauchte Devisen für seine wirtschaftliche Entwicklung. Es war also eine Win-Win Situation.
Und für die Menschen, die kamen? Das waren in Korea keine Bergleute, sondern einfach junge Menschen, die eine Chance sahen. Der Verdienst in Deutschland war anfangs geringer, als der der deutschen Kollegen, aber viel höher, als zu der Zeit selbst gut gebildete Arbeitskräfte in Korea verdient haben. Sie betrachteten es daher als Glück, wenn sie ausgewählt wurden, denn es haben sich viel mehr Menschen beworben, als es Plätze gab.
Die Arbeit war hart. Koreaner waren zu der Zeit meist deutlich kleiner und damit auch nicht so kräftig, wie Deutsche. Ihr Vertrag lief wohl nur für 3 Jahre. Manche sind danach woanders hin gegangen, z.B. wurde Chicago genannt, aber auch Australien. Die Kohlefirmen konnten aber wohl bei der Regierung eine Verlängerung durchsetzen, weil die Leute nach 3 Jahren gerade erst richtig produktiv geworden waren. Und so sind viele geblieben. Aber viele haben auch noch eine Ausbildung oder ein Studium gemacht und sind in bessere Berufe gewechselt.
Alles in allem wurde die Geschichte in diesem Museum als Erfolg für alle Seiten dargestellt.Läs mer
Muju
16 maj, Sydkorea ⋅ ☀️ 27 °C
Hea-Jee:
<Landhaus in Muju Chasan>
Meine Freundin Hyungyu, die ich seit der ersten Klasse der Highschool kenne, lud uns in ihr Landhaus in Chasan in Muju ein. Das aus dem Haus ihres Großvaters umgebaute Haus wirkt es auf den ersten Blick wie ein traditionelles koreanisches Hanok, doch bei genauerem Hinsehen zeigt sich ein klar gestaltetes modernes Gebäude. Die Decke bewahrt den alten Charme des ursprünglichen Hauses, während die Fenster – ganz nach Wunsch der Bauherren – großzügig nach vorne und hinten geöffnet wurden, um Transparenz zu betonen.
Trotz dieser ungewöhnlichen Architektur wirken Altes und Neues erstaunlich harmonisch miteinander. Vielleicht liegt das daran, dass auf überflüssige Verzierungen und jede Form von Effekthascherei verzichtet wurde. Eine bescheidene Architektur, die sich nicht gegen die Gesetze der Statik stellt, zeigt sich in harmonischen Proportionen – und diese vermitteln ein Gefühl von Geborgenheit, Ruhe und Wärme. Als Hyungyu mir erzählte, dass er das Haus »Anonjae« genannt hatte, musste ich sofort zustimmend nicken. Es bedeutet: Ein gemütliches, warmes Haus. Es ist wirklich ein passender Name.
Wie es sich für das Haus eines angesehenen Familienältesten in einem Clan-Dorf gehört, lag es an einem Ort mit weitem Blick auf Berge und Landschaft. Arnd und ich genossen die Aussicht aus dem Fenster, während wir aßen und schrieben. Als Hyungyu beiläufig ein Gästebuch hervorholte, kamen mir sofort unzählige Gedanken in den Sinn.
»Der Name Anonjae ist wirklich gut gewählt. Denn hier strahlen der Ort, das Gebäude, die Möbel und sogar der Gastgeber selbst Ruhe und Geborgenheit aus.
Anonjae prahlt nicht. Es liegt hoch oben an einem Ort mit viel Sonne und schöner Aussicht auf die Berge, und doch fügt es sich so harmonisch in die Umgebung ein, dass es beinahe wirkt, als wäre es gar nicht da. Manchmal sieht es aus wie ein gut erhaltenes Hanok, manchmal wie ein klassisch modernes Gebäude mit ausgewogenen Proportionen.
Durch die gewagte und doch stimmige Anordnung der Fenster erinnert Anonjae an ein Aquarium. Ein leuchtendes Aquarium, in das ich als Kind hineinschaute und dabei von Märchen träumte. In Anonjae möchte ich ein Goldfisch sein. Eigentlich möchte ich einfach hier leben.
Ich frage mich, ob der künstlerische Wert eines Gebäudes eher aus der Inspiration des Architekten entsteht oder aus der gewissenhaften Sorgfalt, mit der jedes Detail bedacht wurde. Ich hoffe, meine Freundin Hyungyu wird es herausfinden, indem sie dort lebt, und es mir irgendwann erzählen.«
<Muju Gucheondong>
Gucheondong in Muju, das für seine Schönheit berühmt ist, wollte ich schon lange einmal besuchen, und diesmal bot sich endlich die Gelegenheit. Während wir dem Tal von Gucheondong hinauf folgten, bewunderten wir das wechselnde Zusammenspiel aus großen Felsen und kristallklarem Wasser.
Früher gab es an schönen Tälern oft Freizeitanlagen, aber heutzutage scheint das nicht mehr so zu sein. Das Tal wurde in seinem natürlichen Zustand sauber erhalten, und die Wanderwege waren vielfältig und gut angelegt.
Zur Mittagszeit gingen wir in ein Restaurant, das angeblich schon von Präsidenten besucht worden war. Die Wände waren über und über mit gerahmten Autogrammen bekannter Persönlichkeiten bedeckt. Dort aßen wir Feuertopf mit Matsutake-Pilzen. Da Matsutake-Gerichte auffallend teuer waren, zögerte ich zunächst, aber Hyungyu bestellte es, nachdem sie gehört hatte, dass ich sie noch nie probiert hatte. Der Duft der Matsutake-Pilze war wirklich intensiv – der eindrucksvollste Pilzgeschmack, den ich bisher erlebt habe. Einen anderen Pilz werde ich allerdings wegen seines Aussehens nie vergessen, auch wenn ich seinen Geschmack längst vergessen habe: den Igelstachelbart-Pilz, auf Koreanisch Reh-Hintern-Pilz genannt. Koreaner geben Dingen wirklich kreative Namen.
<Seoul>
Nach zwei Tagen in Muju fuhren wir mit Hyungyus Auto nach Seoul und blieben noch zwei weitere Tage in ihrer Wohnung. Als Hyungyu mich fragte, worauf ich am Abend Lust hätte, sagte ich, dass ich Ramen am Han-Fluss essen wolle. Also gingen wir zu Fuß zum Fluss. Der Weg entlang des Bulgwang-Fluss bis zum Han-Fluss war schön gestaltet. Überall blühten Blumen, und viele Menschen joggten oder machten Sport.
In einem kleinen Laden am Han-Fluss kauften wir Ramen und bereiteten sie direkt vor Ort zu. Die Verkäuferin half uns ausgesprochen freundlich. Die Maschine zum Kochen der Ramen war erstaunlich praktisch – sie erfüllte ihre Aufgabe so zuverlässig, dass ich selbst eine haben wollte. Während wir die Ramen zubereiteten, hatte Arnd draußen bereits einen Platz auf einer Bank reserviert. Die Ramen schmeckten herrlich mit dem Wind vom Fluss im Gesicht.
Eigentlich hatte ich geplant, überhaupt nur eine Nacht bei Hyungyu zu bleiben. Sie hatte sich am Rücken verletzt, und ich machte mir Sorgen, dass sie sich beim Bewirten ihrer Gäste überanstrengen könnte. Eine Nacht wollte ich wenigstens bleiben – auch als eine Art Alibi, damit sie später nicht sagen könnte, ich hätte sie nie besucht. Doch dann freute ich mich so sehr über die Einladung nach Muju, blieb zwei Nächte auf dem Land, und weil es so schön war, Zeit miteinander zu verbringen, blieb ich in Seoul noch einmal zwei Nächte. So wurden aus einer geplanten Nacht insgesamt vier Tage. Auf dieser Reise habe ich etwas Wichtiges erkannt: Man kann sich auch dadurch näherkommen, dass man die Gastfreundschaft eines anderen annimmt.
Arnd:
Zurück in Seoul hatten meine beiden koreanischen Damen einen speziellen Wunsch: Einmal am Hangang Ramen essen. Also sind wir gegen Abend zu Fuss losgegangen Richtung Hangang. Hangang ist der riesige Han-Fluss, der durch Seoul fließt.
Ich hatte das schon an anderen Orten in Seoul gesehen, und hier war es wieder so: Es gibt etliche kleinere Flüsse und Bäche, die in den Hangang fließen. Zum Teil waren die früher sicher überbaut. Die werden jetzt offen gelegt, das Wasser gereinigt und rechts und links werden Fuß- und Radwege gebaut und es wird begrünt. Sie liegen in ihrem Tal etwas tiefer und so entsteht ein durchaus attraktiver Ort.
Auf den Radwegen dort auch Radfahrer, im Gegensatz zu den Radwegen in der Stadt, und weil diese Bäche viele Kilometer durch die Stadt zurücklegen, kann man dort auch weitere Strecken Rad fahren. Am Ende landet man dann immer am Hangang und dort gibt es auch durchgehend auf beiden Seiten einen Radweg. Allerdings gibt es auch auf beiden Seiten Schnellstraßen. Wo die aber etwas Platz am Ufer gelassen haben, sind Parks entstanden. So auch dort, wo unser Abendspaziergang endete.
In diesen Parks findet man dann auch bald einen Convenience Store und der hat natürlich Ramen, die koreanischen Instantnudeln. Außerdem hat er Automaten, die diese Nudeln zubereiten. Und bei soviel Fürsorge bekommen Koreaner warme Herzen und fühlen sich wohl.
Am Tag vor unserer Abreise haben wir noch ein Paket nach Hause geschickt mit all den Sachen, die wir unterwegs angeschafft oder bekommen haben und die wir auf der Fahrt nicht brauchen. In manchen Postfilialen gibt es einen Packdienst. Man bringt nur seine Sachen dahin und ein Mitarbeiter packt sie dann professionell ein und hilft auch beim Ausfüllen der Dokumente. Wir hatten etwas Pech, weil wir genau zur Mittagszeit da waren und da war nur ein Mitarbeiter anwesend und wir mussten selber packen. Aber er hat das Paket für uns vorbereitet und macht es am Ende auch zu. Das Foto zeigt den Tisch, an dem man Formulare ausfüllen kann. Zum Service gehören dort auch Lesebrillen. Als Hea-Jee sich am Ende herzlich bedankt hat, war der Mitarbeiter sehr erstaunt, schließlich hatte seine Firma doch gerade Geld verdient.
An der Kreuzung draußen vor der Postfiliale habe ich noch das Foto vom Sonnenschirm an der Fußgängerampel gemacht. Manche Dinge sind in Korea wirklich freundlich.Läs mer
Wieder unterwegs
19 maj, Sydkorea ⋅ ☁️ 20 °C
Heute Abend wird unser Schiff nach China ablegen. In China haben wir nur noch zwei touristische Ziele. Deshalb wird es recht schnell Richtung Westen gehen und wir werden nicht allzuviel berichten können.
Hea-Jee wird noch einen Footprint zu unseren letzten Tagen in Muju schreiben. Der erscheint dann möglicherweise unter diesem.Läs mer
Überfahrt nach China
19 maj, Sydkorea ⋅ ☁️ 20 °C
Hea-Hee:
Trotz der frühzeitigen Reservierung einer Zweibettkabine auf dem Schiff nach China machte sich Arnd Sorgen, dass wir vielleicht doch in getrennten Kabinen untergebracht werden könnten. Wir hatten zwar reserviert, aber noch nicht bezahlt und auch keine feste Zuteilung der Kabine erhalten, sodass seine Sorge gerechtfertigt war. Deshalb gingen wir bereits zwei Stunden früher als die angegebene Zeit, also um 13 Uhr, zum internationalen Passagierterminal in Songdo. Wir bekamen problemlos die Tickets für eine gemeinsame Zweibettkabine. Als unsere letzte Mahlzeit in Korea kauften wir im Convenience Store eine Sahnepasta und Reis mit gebratenem Schweinefleisch und Chili, da es im Terminal keine Restaurants gab.
Wir verbrachten sehr lange Zeit in der Wartehalle des Terminals. Obwohl es noch früh war, war die Halle voller Menschen. Die meisten waren chinesische Frauen, die sehr viel Gepäck hatten. Häufig sah man goldene Taschen mit rotem Rand. Bei genauerem Hinsehen stand darauf „Taucherinnen Gim“. Es schien, als handele es sich um Händler, die Seetang aus Korea mitnahmen. Auch Menschen mit großen Olive-Young-Taschen waren zu sehen (eine große Drogeriekette), ebenso viele rote Taschen von Songga-Ne.
Schon bevor wir das Schiff bestiegen, hatte ich das Gefühl, bereits in China zu sein. Alle waren laut, und alle drängelten sich vor. Jemand zwängte sich sogar zwischen mich und meinen Koffer. Solange ich meinen Koffer nicht zurückließ, waren wir beide blockiert. Als ich die Person leicht mit dem Koffer wegdrückte, ging sie ohne Widerstand wieder zurück. Trotz des Chaos und der Lautstärke wirkte niemand wirklich gereizt oder aggressiv. Vielleicht sind die Chinesen einfach gelassener? Im Vergleich dazu wirken die Koreaner deutlich temperamentvoller.
Es war wohl ausgebucht, sodass das Boarding recht lange dauerte. Auf dem Schiff freuten wir uns über das schöne Zimmer mit einem kleinen Teetisch am Fester nur für uns zwei. Es gab zwar einen Crewmitarbeiter, der gut Koreanisch sprach, aber alle Durchsagen waren nur auf Chinesisch, sodass wir die Hinweise zum Abendessen nicht verstanden. Wir gingen einfach intuitiv ins Restaurant und sahen bereits eine lange Schlange. Dann kam eine Stewardess, schaute unsere Tickets an und führte uns in den VIP-Bereich. So saßen wir nicht an den einfachen Mensa-Tischen, sondern an kleineren Tischen zum Abendessen. Das Essen war dasselbe wie in der Economy, aber als Buffet angerichtet, sodass man sich selbst nehmen konnte. Es war für koreanische Geschmäcker ganz in Ordnung. Nur das Frühstück am nächsten Tag war komplett chinesisch: drei Sorten gedämpfter Teigtaschen, und statt Tee oder Kaffee gab es etwas wie Reissuppe. Ich mochte die Reissuppe, aber für Arnd war es vermutlich schwierig, da es für ihn nichts zu trinken gab.
Am Abend sah es sehr schön aus, wie sich die Chinesen in kleinen Gruppen zum Spielen trafen. In den Fluren spielten viele Karten- und chinesische Brettspiele. Solche Szenen gibt es kaum noch im Zeitalter der Smartphones, weder in Deutschland noch in Korea.
Auf der Hochsee ohne Internet saßen Arnd und ich nebeneinander und starrten lange auf die Wellen. Auf der Oberfläche der Wellen sah man weißen Schaum, und das Meer war durch große und kleine Wellen unruhig, fast wie kochende Bohnensuppe. Obwohl die See recht bewegt war, fuhr das Schiff ruhig und stabil, sodass mir beim Arbeiten am Laptop nicht übel wurde.
Als wir in Incheon abgefahren waren, hatte sich das Schiff um mehr als zwei Stunden verspätet, sodass ich mir Sorgen machte, ob wir in Yantai zu spät ankommen würden, da wir um 15 Uhr einen Zug nach Taiyuan nehmen mussten. Doch das Schiff kam überraschenderweise früher an. Selbst wenn es früher ankam, dauerte das Aussteigen wegen der vielen Menschen lange, sodass wir dennoch pünktlich von Bord gingen.
Diesmal war die Einreisekontrolle streng. Sie fragten uns genau, warum wir viermal nach China einreisen, über welche Stationen wir reisen und wohin wir unterwegs sind, obwohl die Kommunikation schwierig war. Arnd und ich wurden getrennt befragt. Vielleicht lag es daran, dass Arnd Taiyuan immer wieder wie Taiwan aussprach. Als ich ihn fragte, warum er das ständig sage, meinte er, er habe es selbst nicht bemerkt. Für ihn klangen die beiden Wörter offenbar gleich. Da das Thema Taiwan ohnehin politisch sensibel ist, machte es uns vermutlich verdächtig, dass wir so oft über China reisten, um dorthin zu gelangen. Außerdem war auch unser letztes Ziel in China Urumqi in Xinjiang verdächtig, da wir nur bis dorthin Hotels und Transport gebucht hatten. Die Beamten wollten einen Nachweis sehen, dass wir nicht in Urumqi untertauchen würden, etwa ein Flugticket. Erst als wir ein Ticket von Almaty in Kasachstan vorzeigten, waren sie überzeugt.
Auch konnten sie nicht verstehen, warum wir diese Reise überhaupt machten. Warum wir ausgerechnet über China nach Korea reisten und warum wir überhaupt nach Australien wollten. Da sie „nicht fliegen wollen“ als „nicht fliegen können“ verstanden, wurde alles noch verwirrender, als wir antworteten, dass wir zwischen Bali und Darwin sehr wohl geflogen waren. Schließlich fragten sie nach Kindern und Wohnort, und als wir sagten, dass unsere Tochter in Australien lebt, bekamen sie schließlich einen mitfühlenden Blick. Die jungen Grenzbeamten fragten zwar gründlich, bis sie zufrieden waren, blieben aber freundlich und wohlwollend. Auch wenn wir erschöpft waren vom Erklären, war niemand wirklich verärgert.Läs mer
Pingyao
21 maj, Kina ⋅ ☁️ 24 °C
Arnd:
In unserem Reiseführer habe ich beim durchblättern einen Ort mit zwei Sternen entdeckt, der für uns interessant aussah, Pingyao. Mehr als zwei Sterne gibt es nicht im Reiseführer. Es ist eine sehr gut erhaltene alte Stadt, die die Kulturrevolution und die Moderne überstanden hat. Der Reiseführer sagt, sie wurde schlicht vergessen. Wohl eher nicht, denn sie war früher eine bedeutende Stadt. Der Ort ist schon seit Jahrtausenden besiedelt, aber die Gebäude stammen eher aus dem letzten und vorletzten Jahrhundert, bis zum Ende der letzten Dynastie.
Um hierhin zu kommen, haben wir einen kleinen Umweg gemacht. Am Tag der Ankunft unserer Fähre sind wir nachmittags noch knapp 6 Stunden mit dem Zug nach Taiyuan gefahren, wieder so eine Millionenstadt, von der wir noch nie gehört hatten. Sie liegt auf der Eisenbahnstrecke von Peking nach Xi‘an und in Xi‘an startet die lange Eisenbahnstrecke, die uns ganz in den Nordwesten von China bringen wird. Und von Taiyuan aus kann man in einer Stunde nach Pingyao fahren.
Wir haben also in Taiyuan zweimal übernachtet und sind an dem freien Tag nach Pingyao und abends zurück gefahren. Das Hotel in Taiyuan habe ich so ausgesucht, dass man vom Bahnhof aus bequem zu Fuß hingehen kann. Leider habe ich ein Detail übersehen: Ich habe kein Frühstück mit bestellt und wie sich dann herausstellte, wurde auch keines angeboten. Mist! Zum Glück hatten wir in Korea etwas Instant Kaffee gekauft und noch ein paar Kekse dabei. Abends sind wir auf der anderen Seite des Bahnhofs in eine Mall zum Abendessen gegangen und da gab es einen Verkaufsstand, bei dem wir Croissants kaufen konnten.
Pingyao lebt heute vom Tourismus und kann so in seiner Form weiter bestehen. Es gibt einen zentralen Bereich, in den keine Autos und sogar keine Motorräder hineinkommen. Dort ist ein Geschäft neben dem anderen und dazwischen einige „Museen“. Außerhalb dieser Zone gibt es dagegen einigen Verkehr und man muss ständig an den Straßenrand, weil es keine Bürgersteige gibt. Unter den Fahrzeugen sind vor allem offene elektrische Kleinbusse für die Touristen und viele elektrische Kleinmotorräder.
Eine der Hauptattraktionen ist ein ehemaliges Bankgebäude. Hier hat sich wohl das chinesische Banksystem entwickelt. Ein wichtiges Geschäft bestand im Transfer von Werten wie Silber. Es gab im Land viele Filialen. Man konnte sein Silber irgendwo abgeben und bekam dafür ein Papier, mit dem man in einer anderen Filiale wieder dieselbe Menge an Silber bekam. So war man nicht gezwungen, größere Mengen davon zu transportieren und war nicht der Gefahr des Diebstahls ausgesetzt.
Außerdem waren wir noch im Sitz der Regierung und im ältesten in China erhaltenen Konfuziustempel.
Man kann auch für mehrere Tage hierher kommen, es gibt etliche Hotels in den alten Gebäuden, was wohl ganz schön ist, und dann kann man die Stadt auch bei Dunkelheit sehen. Soviel Zeit wollten wir uns aber nicht lassen.
Als wir uns nachmittags wieder auf den Weg zum Bahnhof machten, kamen wir durch einen Park. Dort waren viele Senioren, die sich gemeinsam die Zeit vertrieben.
Hea-Jee:
In Pingyao kann man kostenlos innerhalb der Altstadt durch die Straßen spazieren. Wenn man jedoch die historischen Gebäude betreten möchte, die als Museen ausgewiesen sind, muss man ein Kombiticket für 125 Yuan kaufen.
Vor der Kasse fragte mich Arnd, ob ich nach einer Ermäßigung für Senioren fragen würde. Also fragte ich, ob es einen Seniorentarif gäbe – und tatsächlich war der Eintritt kostenlos. Plötzlich wurde Arnd wütend auf mich. Es störe ihn, sagte er, dass wir, die genug Geld hätten, in einem armen China kostenlos Kulturgüter besichtigen würden. Außerdem meinte er, die Mitarbeiterinnen an der Kasse wirkten genervt darüber, dass wir gratis hineingingen. Weil Arnd wütend wurde, verdarb sich auch meine Stimmung.
„Du hast doch gesagt, ich soll fragen?“
„Wann denn? Ich habe das gesagt, damit du nicht fragst.“
„Dann hättest du sagen sollen, dass ich nicht fragen soll. Ich dachte, du bittest mich darum.“
„Du kennst mich doch gut genug?“
„Woher soll ich wissen, was du gerade denkst? Menschen können ihre Meinung ändern.“
Wir schwiegen beide, aber selbst während wir die Sehenswürdigkeiten besichtigten, war die Stimmung ziemlich gedrückt. Innerlich sagte ich mir wie ein Mantra: „Gut, du hast das Recht, wütend zu sein, und ich habe das Recht, mich nicht schlecht zu fühlen“, um meine Stimmung wieder zu ändern.
Vor dem nächsten Museum sagte Arnd mit ernstem Gesichtsausdruck zu mir:
„Ich werde jetzt ein Eintrittsticket kaufen.“
„Ja, gut.“
Als Arnd an der Kasse um zwei Eintrittskarten bat, bat die junge Frau dort darum, unsere Pässe zu sehen. Sie schaute hinein, lächelte strahlend und sagte, wir seien beide über 65 Jahre alt und hätten daher freien Eintritt. Wir setzten unseren Rundgang fort und vermieden darüber zu sprechen.
Eigentlich mag ich die Aufrichtigkeit von Arnd. Aber China ist auch großes altes Land mit Würde. Daran ändert auch Armut nichts und wir sollten ihre Fürsorgen für die Alten dankend annehmen.Läs mer
Nachtrag 1: Gedanken in Korea
21 maj, Sydkorea ⋅ ☁️ 17 °C
Hea-Jee:
Auf meiner zweiten Korea-Reise habe ich vieles erlebt und empfunden. Die Dinge, die ich wegen Zeitmangels nicht niederschreiben konnte, habe ich nun nachträglich zusammengefasst. Es ist wichtig zu wissen, welche Gedanken wir in dem Ort gehabt haben, wenn wir später unseren Reisebericht lesen.
Als wegen des USA- Iran-Krieges die Flugrouten im Nahen Osten allmählich gesperrt wurden, befanden wir uns gerade in Melbourne in Australien. Freunde in Deutschland machten sich Sorgen um unsere Sicherheit. Sie rieten uns, wir sollten schnell nach Deutschland zurückkehren, bevor sich der Krieg weiter verschlimmere und wir irgendwo festsitzen würden.
Uns war es ohnehin etwas unangenehm zu reisen, während überall Aufregung und Chaos herrschten. Außerdem waren wir von der flangen Reise inzwischen erschöpft. Deshalb diskutierten wir ernsthaft darüber, wie wir die Reise verkürzen könnten.
Vorschlag von Arnd: Eine Option wäre, auf dem Rückweg Korea auszulassen und damit die Reise abzukürzen.
Da wir von Anfang an die Möglichkeit offengelassen hatten, auf dem Rückweg vielleicht nicht noch einmal nach Korea zu kommen, war das ein naheliegender Vorschlag.
Mein Vorschlag: In Korea vorbeischauen und dann mit dem Flugzeug von Korea nach Deutschland zurückfliegen.
Vielleicht weil ich von der Reise müde geworden war, vermisste ich Korea – wo ich die Sprache verstand und das Essen vertraut war – noch stärker und wollte Korea nicht auslassen.
Wir haben erstmal unseren Freund Jörg gefragt, der sich mit der Flugzeugbranche gut auskennt. Von ihm keinerlei Panik und der Rat, unseren ursprünglichen Plan weiter zu verfolgen: Über Korea und dann auf dem Landweg weiter.
Als wir uns entschieden hatten, nach Korea zu gehen, hatten wir uns plötzlich eilig. Nicht nur ich – auch Arnd wurde ungeduldig und wollte möglichst schnell in Korea ankommen. Für Arnd ist Korea ebenfalls Ausland, und koreanisches Essen ist auch nicht das Essen seiner Kindheit. Trotzdem sagte Arnd, Korea sei für ihn angenehmer als jedes andere fremde Land.
Eigentlich hatten wir Südostasien auf dem Hinweg nicht ausreichend genießen können, weil wir zu Weihnachten in Melbourne ankommen wollten, und hatten geplant, auf dem Rückweg alles langsam anzuschauen. Diesmal hatten wir es jedoch wieder eilig und zogen noch schneller hindurch Richtung Norden. Dabei sagten wir: „Man kann im Leben sowieso nicht alles sehen, was auf der Erde schön ist.“
Es gab noch weitere Gründe, warum ich noch einmal nach Korea wollte. Der wichtigste Grund waren Menschen. Unter den Menschen, die ich beim letzten Mal wegen Zeitmangels nicht treffen konnte, gab es einige, die mir sehr im Herzen lagen. Ich dachte: Menschen, die man sehen möchte, sollte man sofort treffen, wenn sich eine Gelegenheit ergibt. Sonst kann es passieren, dass man sie im ganzen Leben nie wieder sieht.
Außerdem musste ich Coupang - den größten Lieferdienst in Korea - kündigen. Denn die Einzigen, die Unternehmen ihre schlechten Machenschaft austreiben können, sind die Verbraucher. Coupang hat gegen nationales Recht verstoßen, indem sie Kundendaten veruntreut haben, und wollten durch Lobbyarbeit in der amerikanischen Politik Druck auf die koreanische Regierung ausüben. Um zu kündigen, brauchte ich eine koreanische Telefonnummer, deshalb musste ich mir in Korea eine Mobilfunkkarte mit einer koreanischen Telefonnummer besorgen.
Außerdem gab es noch einige Dinge, die ich in Korea erledigen wollte: Krankenversicherung, Steuern, Brille, Arztbesuche und anderes mehr. Und wenn es die Zeit erlauben würde, wollte ich zusammen mit Arnd wenigstens einige Orte noch einmal besuchen, die wir vor vierzig Jahren während einer Rucksackreise durch viele Regionen Koreas gesehen hatten.
Um gleich zum Ergebnis zu kommen: Wir blieben insgesamt sechs Wochen in Korea und erledigten alle Dinge, die ich oben aufgelistet hatte. Diesmal meldete ich mich absichtlich nicht bei Verwandten und Bekannten, die ich beim letzten Mal getroffen hatte. Ich traf nur diejenigen, die ich damals nicht hatte sehen können. Als wir uns wiedersahen, fühlte es sich zunächst etwas fremd an, weil wir uns zu lange nicht gesehen hatten. Aber wir konnten schnell spüren, dass wir uns eigentlich ziemlich nahestanden. Es wäre mir zu schade, diese Freunde wieder zu verlieren. Aus der Ferne werde ich ihnen ab und zu mal ein Lebenszeichen senden.Läs mer
Nachtrag 2: Gedanken in Seoul
21 maj, Sydkorea ⋅ ☁️ 18 °C
Hea-Jee:
In Seoul fanden wir über die Website 33m² eine Kurzzeitmiete für zwei Wochen. Einschließlich der Nebenkosten betrug der Gesamtpreis 1.240.000 Won (ca. 704 Euro). Die Wohnung befand sich im vierten Stock eines kleinen, alten Geschäftsgebäudes gegenüber dem Korea House am Namsan, und es gab keinen Aufzug. Das Innere der über 50 Quadratmeter großen Wohnung war jedoch renoviert und gut gepflegt. Sie war nicht besonders luxuriös, aber wir mochten diese Wohnung, von deren Schlafzimmerfenster aus man den Namsan-Turm sehen konnte.
Da gerade Kirschblütenzeit war, gingen wir jeden Tag auf den Namsan hinauf, der eigentlich unser Hausberg war. An manchen Tagen gingen wir sogar zweimal hin, morgens und abends. Die weißen Kirschblüten standen üppig entlang der Wege, und sobald der Wind wehte, sammelten sich die Blütenblätter auf den Straßen wie Schnee. Wir fuhren kaum in die Innenstadt und verbrachten die meiste Zeit in Pil-dong. Sobald man aus der Tür trat, reihten sich bekannte Restaurants aneinander. In einem Viertel, das viele Läden für Touristen hatte, entdeckten wir auch einen kleinen Laden, in den vermutlich eher Anwohner gingen. Dort kauften wir Obst und Gemüse.
In der Nähe unserer Wohnung gab es ein ruhiges und angenehmes Café, das schnell zu unserem Stammlokal wurde. Während Arnd das Frühstück vorbereitete, ging ich ins Café und holte uns Latte. Manchmal liefen wir etwas weiter zu einem Straßenstand, der schon im Morgengrauen öffnete. Dort kauften wir Toast, Gimbap und Odeng und aßen sie zum Frühstück. Im Erdgeschoss desselben Gebäudes gab es außerdem ein kleines koreanisches Restaurant namens Joseon Guisa. Wenn Freunde uns besuchten, aßen wir dort zu Mittag und tranken danach Kaffee in unserem Stammcafé. Erst später entdeckten wir auch einen Straßenstand, der Hotteok verkaufte – etwas, das ich unbedingt hatte essen wollen. Aber da wir gerade satt waren, kauften wir nur einen und teilten ihn uns. Nachhinein finde ich es schade, dass ich in Korea so wenig von diesen Hotteok gegessen habe.
Hier trafen wir Freunde und erledigten nach und nach die Dinge, die anstanden. Manchmal gingen wir zum Namdaemun-Markt oder machten einen Ausflug nach Biwon, aber die meiste Zeit verbrachten wir einfach hier in der Umgebung. Ich dachte, wenn wir einmal in Korea leben würden, dann vielleicht genau so. Ich weiß nicht warum, aber ich empfand große Vertrautheit und tiefe Zuneigung zu Arnd. Für mich ist diese Zeit als eine schöne Erinnerung geblieben – eine Zeit, in der ich mit Arnd still und friedlich den Alltag geteilt habe.Läs mer
Nachtrag 3: Gedanken in Daegu
21 maj, Sydkorea ⋅ ☁️ 17 °C
Hea-Jee:
Während dieses Korea-Besuchs haben wir die Hilfe und Gastfreundschaft vieler Menschen in Anspruch genommen. Ich bin eigentlich jemand, der es ungern hat, anderen zur Last zu fallen, und habe mein Leben lang eher vermieden, auf andere angewiesen zu sein. Dieses Mal aber wohnte ich bei anderen Menschen zu Hause, verursachte sicherlich allerlei Umstände und genoß dennoch die herzliche Gastfreundschaft.
Der Anlass dafür war das Wiedersehen mit meiner Cousine Mihye, die ich zuletzt vor 55 Jahren gesehen hatte. Meine Cousine und ich hatten unser ganzes Leben lang fast keinen Kontakt miteinander. Als sich nun die Gelegenheit ergab, nach Daegu zu fahren, konnte ich es nicht übers Herz bringen, einfach heimlich wieder abzureisen, ohne meiner Cousine in Daegu Bescheid zu geben. Also schrieb ich ihr vorsichtig eine Nachricht: Ich fahre nach Daegu. Wenn du Zeit hast, können wir vielleicht zusammen einen Tee trinken? Ich melde mich so plötzlich bei dir – wenn es zeitlich nicht passt und du absagen musst, verstehe ich das natürlich. Also bitte hab kein schlechtes Gewissen.
Die Antwort kam sofort. »Wo bist du? Ich hole dich ab. Buche bloß kein Hotel. Ich bin gerade auf einem Konzert, ich schreibe später mehr.« Kurz darauf rief sie an und sagte, wir sollten sofort zu ihr nach Hause kommen. Sie schimpfte sogar: »Musst du erst etwas zu tun haben, um nach Daegu zu kommen? Du solltest doch kommen, um mich zu sehen!« Also blieben wir zwei Tage bei meiner Cousine und wurden aufs Herzlichste umsorgt. Sie brachte uns auf den traditionellen Markt, ins Kunstmuseum und an alle schönen Orte, die sie kannte. Den ganzen Tag kümmerte sie sich hingebungsvoll um uns, und sobald Essenszeit war, stellte sie wie im Handumdrehen eine reich gedeckte Tafel auf.
Da ich es nicht gewohnt bin, mich verwöhnen zu lassen, tat es mir immer leid zu sehen, wie viel Mühe sie sich machte. Aber ich habe etwas erkannt: Wenn ich Menschen zu uns nach München einlade, selbst aber davor zurückschrecke, mich von anderen bewirten zu lassen – wie leer muss dann meine eigene Einladung klingen? Würde man wirklich Lust haben, ein Haus zu besuchen, in dem die Gastgeber pingliclh darauf achten, niemandem etwas schuldig zu sein?
Nachdem wir uns bei meiner Cousine und ihrem Mann ganz und gar hatten verwöhnen lassen, wurde unsere Beziehung plötzlich viel enger. Da wir weiterhin weit voneinander entfernt leben werden, wird sich das äußerlich nicht unbedingt zeigen. Aber mein Gefühl ihr gegenüber ist viel offener und wärmer geworden.
Jaekyung ist ein unglaublich beschäftigter Mensch, und ich dachte schon, es wäre ein Glück, wenn wir uns überhaupt kurz sehen könnten. Stattdessen verbrachten wir viel Zeit miteinander und spazierten langsam durch die Altstadt von Daegu. Während ich ihren Erklärungen zur Geschichte zuhörte, lernte ich die Altstadt mit ihren niedrigen Gebäuden auf eine vertraute Weise kennen. Sie erinnerte mich an Melbourne, das ich so mag. So wurde Daegu zu meiner Lieblingsstadt. Gemeinsam gingen wir in ein altmodisches Café und tranken traditionellen Ssanghwa-Tee. Wir baten sogar die elegant im koreanischen Hanbok gekleidete Besitzerin um ein gemeinsames Foto.
Dadurch, dass ich mich auf andere verließ, brach ein Damm in mir plötzlich auf. Als Nächstes stand Jejudo auf unserem Reiseplan, und ich fragte Jaekyung, ob sie nicht mitkommen wolle. Ich fragte Jo-An Hyejeong, bei der ich zu Gast sein würde, ob es in Ordnung wäre, wenn Jaekyung mitkäme. Sie sagte sofort ja, und Jaekyung schob sogar ihren vollen Terminplan um, um sich gleich zwei Tage freizunehmen. Dass ich andere Menschen meinetwegen solche Umstände machen ließ – selbst für mich war das eine erstaunliche Veränderung.Läs mer
Nachtrag 4: Gedanken in Jejudo & Gwangju
21 maj, Sydkorea ⋅ ⛅ 17 °C
Hea-Jee:
Die Byeopssi-Gemeinde in Seonheul auf Jejudo ist ein Ort, an dem sich eine ideale Form gemeinschaftlichen Lebens verwirklicht. Aus dem Gemeinschaftshaus zog gelegentlich der Duft köstlicher Speisen, und hin und wieder ergab sich die Gelegenheit, gemeinsam zu essen.
Am Tag der Erde nahmen sogar Schülerinnen und Schüler einer alternativen Schule aus einem Nachbardorf teil und zeigten mir eine Seite von Jugendlichen, die ich bisher noch nicht gesehen hatte. Die Schüler spielten voller Begeisterung selbst komponierte und getextete Musik, und das ganze Dorf tanzte dazu. In diesen Jugendlichen spürte ich etwas Lebendiges – eine frische, lebendige Kraft. Es war das Gefühl eines Wesens, das sich frei und voller Leben bewegt, statt von Normen eingelegt und zurechtgestutzt zu werden.
Ich hörte später, worüber in einer Gemeindeversammlung gesprochen worden war. Die älteste Bewohnerin hatte wohl gesagt, dass sie eines Tages, wenn sie ernsthaft krank würde, auf Nahrung verzichten wolle und die anderen dann bitte ihre Entscheidung unterstützen sollten. Darauf hätten die Bewohner geantwortet: »Ach so? Aber haben Sie denn schon einmal gefastet? Nein? Dann sollten wir wohl erst einmal gemeinsam das Fasten üben. Andererseits – bei so schöner Haut scheint noch genügend Zeit zu sein. Wir üben einfach ganz langsam.« Die Stimmung während der Besprechung, obwohl es um ein schweres Thema ging, soll die ganze Zeit heiter und herzlich gewesen sein.
Wie wäre das wohl in einer Familie gewesen? Wahrscheinlich hätte man weniger kommuniziert oder Lösungen gesucht und stattdessen eher emotional aufeinander reagiert. Manchmal sind Menschen, die eine gewisse Distanz wahren, angenehmer als Familienmitglieder, deren Beziehungen von einer langen Geschichte aus Liebe und Verletzungen geprägt sind.
Im Dorf Seonheul gab es mehrere kleine Galerien, die aus Lagerräumen privater Häuser umgebaut worden waren. Ob jemand anwesend war oder nicht – man öffnete einfach die Tür und trat ein. Es waren Galerien von Frauen weit über achtzig Jahren. Das Lager der landwirtschaftlichen Genossenschaft war in ein gemeinsames Atelier der Großmütter umgewandelt worden. Ein Huhn, das man irgendwo aufgelesen hatte, bewachte den Eingang. Die Arbeitsräume waren so eingerichtet, dass die Persönlichkeit jeder Künstlerin sichtbar wurde. Die alten Malerinnen drückten ihre eigene innere Welt mit ihrer ganz persönlichen Ausdrucksweise aus. Traumata und Neugier zeigten sie offen, ehrlich und ohne Verzierungen. Es wirkte wie etwas Lebendiges – frisch und selbstbewusst. Warum gibt es in diesem Dorf nur so viel Lebendiges?
Die Künstlerin Choi Soyeon, die als „Mallehrerin“ in den Herzen dieser Frauen eine Flamme der Begeisterung entzündet hat, scheint mir ein Mensch zu sein, der Wunder erschafft. Diese Frauen mit Durchschnittsalter von 87 hatten ihr Leben lang keine Bildung oder kulturelle Erfahrungen. Jo-An Hyejeong, die mit der Künstlerin zusammenlebt, sagte: »Jeder Mensch hat das Recht, sein Leben als Künstler zu beenden.« Das ist ein wunderbarer Satz. Gilt das wohl auch für mich?
Auf Jejudo traf ich noch einen weiteren Menschen, den ich sehr gern wiedersah: Professor Jeon Gilnam, den Ehemann von Jo-An Hyejeong. Er ist Informatiker und spielte eine zentrale Rolle bei der frühen Entwicklung des Internets sowie beim Aufbau der Grundlagen dafür, dass Korea sich zu einer führenden IT-Nation entwickeln konnte.
Als ich ihm sagte, dass er sich im Vergleich zu unserem Treffen vor über zehn Jahren kaum verändert habe, antwortete er, dass er noch immer täglich zwei Kilometer schwimme. Er wirkte erleichtert und zufrieden, weil er mit seinem Buch über die Geschichte des Internets in Asien nun alles niedergeschrieben habe, was er kommenden Generationen hinterlassen wollte.
Schon seit langer Zeit wollte ich ihm unbedingt etwas sagen. Ich wollte mich dafür bedanken, dass er eine Grundlage geschaffen hat, auf der K-Pop entstehen und wachsen konnte. Der Erfolg von K-Pop als Wegbereiter der koreanischen Welle im Ausland ist eng mit der frühen Entwicklung des Internets in Korea verbunden. K-Pop ist ein neues Genre, das in besonderer Weise auf die Kultur des Internets zugeschnitten ist. Meiner Ansicht nach wurde es zunächst im Inland intensiv konsumiert, wo sich Technologie und Kultur des Internets sehr früh entwickelt hatten. Und später, als auch im Ausland die Voraussetzungen für Video-, Streaming- und Social-Media-Konsum entstanden, gewann K-Pop explosionsartig an Popularität.
Eigentlich wollten wir nur drei Tage in der Byeopssi-Gemeinde bleiben, doch schließlich wurden daraus ganze zehn Tage, in denen wir die Fürsorge der vielbeschäftigten Jo-An Hyejeong genießen durften. Durch das, was ich dort sah, hörte und erlebte, und durch die Gespräche konnte ich meine langjährigen Fragen klären.
Nach koreanischer Zählweise werde ich übermorgen siebzig, und schon seit langer Zeit denke ich darüber nach, zu welcher Art von älterem Menschen ich werden möchte. Wenn möglich, wollte ich meinen Lebensabend in einer Weise verbringen, die der Gesellschaft nützt. Und ich wollte so leben, dass meine Abwesenheit später keine Lücke hinterlässt.
Ich beschloss: meinen Platz anderen überlassen, mich nicht in den Vordergrund drängen, im Hintergrund still dienen, damit die jüngere Generation sich frei entfalten kann. So hatte ich meinen Weg für mich festgelegt. Dadurch wurde ich jedoch mit meinen Worten und Texten immer zurückhaltender, und entsprechend nahm auch mein Nachdenken ab. Weil ich mich darauf beschränken wollte, im Stillen zu helfen, fehlten mir zugleich praktische Fähigkeiten und Kraft für alltägliche Dinge wie Kochen oder Autofahren. Ich, ohnehin eher zurückhaltend, spürte, wie ich immer zurückhaltender wurde
Als ich auf Jejudo die Art sah, wie Jo-An Hyejeong und andere Ältere ihr Leben gestalteten, änderte ich meine Meinung. Ich lernte, dass es auch ein Leben des Dienens geben kann, das auf der Erfahrung und Reife dessen aufbaut, was man sein ganzes Leben lang getan hat – und dass auch das der Welt helfen kann. Ich sah unmittelbar, dass man nicht automatisch zu einem belehrenden alten Menschen wird, nur weil man spricht und schreibt. Es gibt ältere Menschen, die Großzügigkeit und Offenheit selbst leben und durch angemessene Worte und Texte einer Gemeinschaft eine hilfreiche Richtung geben. Solche Menschen stärken die jungen Leute und beschützen sie.
Außerdem traf ich in Gwangju immer wieder mit Eojin und Hugo, und verbrachte viel Zeit mit ihnen. Dass ich so glücklich darüber war, die Zeit arbeitender Menschen derart in Anspruch zu nehmen – das hätte ich früher kaum gedacht. Durch ihre Führungen und Erzählungen lernten wir vieles in und über Gwangju kennen, und so wurde Gwangju zu Arnds Lieblingsstadt. Eojin und Hugo sind uns echte Freunde geworden. Wenn ich darüber nachdenke, gehören Eojin und Hugo zur Generation unserer Kinder.
So machte ich in Korea einige sehr intensive Erfahrungen. Wahrscheinlich habe ich mich dadurch ein wenig verändert – offener und gelassener. Und ich freue mich über diese Veränderung. Wenn die Reise endet und wir nach Deutschland zurückkehren, werden mein Leben und das von Arnd nicht mehr dieselben sein wie vor der Reise. Und das wünsche ich mir sehr.Läs mer
Xi‘an
22 maj, Kina ⋅ ☀️ 28 °C
Arnd:
Xi‘an zum zweiten. Weil wir zwei Tage später in Ürümqi ins Xinjiangmuseum gehen wollen und wir auf dem Hinweg am Montag vor verschlossenen Türen standen, bleiben wir hier nur einen Nachmittag.
Die Zugfahrt von Taiyuan führt kurz vor Xi‘an über den gelben Fluss. Das hatten wir nicht erwartet, aber die Breite des Flusses, den wir da plötzlich überquerten, sagte eindeutig, dass es ein besonderer Fluss sein muss. Hea-Jee hat ganz schnell ihr Smartphone gezückt und ich konnte nach der Brücke noch ein Bild zurück aufnehmen.
Unser Plan für Xi‘an ist, die Fahrradfahrt auf der Stadtmauer nachzuholen. Auf der Hinfahrt haben wir keinen Fahrradverleih gefunden. Aber das Internet ist sich ganz sicher, dass es das geben muss. Also sind wir nach dem Einchecken im Hotel per U-Bahn zum Südtor der alten Stadtmauer gefahren, haben nochmal Eintritt bezahlt und sind hochgeklettert. Oben haben wir nach kurzer Zeit einen Verleih gefunden. Zuerst muss man ein Ticket kaufen. „Passport“ sagte die junge Frau am Schalter und zeigte dann auf einen englischen Text vor sich: Verleih nur an Personen bis 65 Jahre. Hea-Jee ist älter. Auch wenn sie auf dem Rücksitz eines Tandems sitzt gilt die Regel. Und in China gibt es keine Ausnahmen.
Also ein bisschen Spazierengehen auf der Stadtmauer, aber das kannten wir schon und nach fünf Minute hat man alles gesehen.
Deshalb sind wir am nächsten Abstieg, beim Beilin, wieder runtergestiegen und durch die Touristenstraße mit Kunsthandwerkern gegangen. Einer der ersten Stände war ein Stempelverkäufer. In Ostasien hatte früher jeder seinen persönlichen quadratischen Stempel mit seinem chinesisch geschrieben Namen. Statt zu unterschreiben wie bei uns, hat man seinen Stempel mit roter Farbe benutzt. Unsere Eva hatte sich das wohl mal für Finn gewünscht und hier war die Möglichkeit, noch einen handgeschnitzten Stempel aus einem weichen Stein zu bekommen.
Als der Stempel fertig war, haben wir noch nach der Stempelfarbe gefragt. Die Unterhaltung geht hier immer mit einem Übersetzungsprogramm. Hea-Jee benutzt dazu ein koreanisches Programm. Die Antwort war unverständlich, es kam was mit Internet bestellen und was mit Indonesien drin vor. Also er hatte keine zu verkaufen, seine Kunden legen den Stempel wohl in die Vitrine. Wenn also Finn mal lesen kann und alt genug ist für seinen Stempel, muss man mal im Internet schauen. Ich habe mir in den 1980er Jahren auch mal so einen machen lassen und nie benutzt.
Schließlich kamen wir noch beim Glockenturm vorbei. Da waren wir auf der Hinfahrt nicht drin gewesen, weil der Reiseführer gesagt hatte, dass es sich nicht unbedingt lohnt. Neben dem Glockenturm gibt es nahebei auch noch einen Trommelturm und in Peking gibt es die auch beide nah beieinander. Dort fanden wir sie recht interessant und deshalb sind wir diesmal auch hier in den Glockenturm gegangen. Aber der Reiseführer hatte recht, kein Vergleich zu dem in Peking. Und die Aussicht von den Plattformen ist einfach nur deprimierend. Man sieht eine Autowüste und breite Straßen mit großen modernen Gebäuden. Und die Glocke? Ein Glöckchen in einer Ecke des Gebäudes draußen auf der Plattform.
Vor unserem Hotel mussten wir einmal eine breite Straße überqueren. Der Platz zum Warten auf die Fussgängerampel war ziemlich groß und ziemlich voll mit Elektrorollern. Die fahren hier ja oft auf dem Fussweg und manche jungen Männer fahren mit einem Stil, der sicher zu einer nicht unerheblichen Unfallgefahr führt.Läs mer
Fahrt nach Ürümqi
23 maj, Kina ⋅ ☁️ 26 °C
Arnd:
Wofür wir auf der Hinreise mit allen Stationen für Besichtigungen 9 Tage gebraucht haben, das machen wir heute an einem Tag. Geplante Fahrzeit 13 Stunden, Abfahrt um 8:00. Deshalb heute kein Frühstück im Hotel, sondern nur ein Instant Kaffee und etwas chinesische Backwaren.
Wenn man bei trip.com Bahnfahrkarten kauft, kann man sich wünschen, wo man sitzen möchte. Aber das ist nur ein Wunsch, und man weiß erst bei der Ticketausstellung, was man tatsächlich für Plätze bekommt. Unsere waren 33C und 35C. Wir erwarteten Großraumwagen und dann liegen diese Plätze in getrennten Sitzreihen. Tatsächlich waren sie aber in einem Abteil und wir saßen gegenüber, leider nicht an dem Tisch.
Anfangs geht die Fahrt ständig durch Tunnel. Erst wenn man schon recht weit im Nordwesten ist, kommt man in große Ebenen mit hohen Bergen am Rand und da lag oben tatsächlich noch Schnee. Noch etwas weiter wandelt sich die Landschaft in eine wüstenartige Steppe. Hier stehen die gigantischen Windparks. Ortschaften sind hier sehr dünn gesäht und außerhalb der Ortschaften lebt hier niemand, der sich daran stören könnte.
Unterwegs haben wir sehr viel an den Artikeln für den Pinguin und Hea-Jees koreanischem Blog gearbeitet, so dass die Zeit ziemlich schnell verging. Je weiter wir in die dünnbesiedelten Gebiete kamen, desto unzuverlässiger wurde aber der Mobilfunk. Wir konnten unsere Daten immer nur bei den Bahnhöfen hochladen.
Diese Zugfahrt war die erste, die nicht pünktlich ankam, wir hatten fast eine Stunde Verspätung. Keine Ahnung warum, auf den Strecken hier ist nicht viel los.
Eine beleuchtete Tiolettenschüssel hatten wir schon öfters. Einmal muss ich das ja zeigen. Nachts ist das ganz praktisch.Läs mer
Ürümqi
24 maj, Kina ⋅ ☀️ 23 °C
Arnd:
Der gigantische Bildschirm in der Eingangshalle des Xinjiangmuseums ist uns erst beim rausgehen aufgefallen. Unten in der Ecke konnte man „Windows“ lesen und das machte mich stutzig. Also mal das Übersetzungsprogramm drauf gerichtet: „Gehen sie zu "Einstellungen", um Windows zu aktivieren“. Das heißt, dieses Gerät ist zumindest unprofessionell eingerichtet, oder aber, sie haben die Windows Lizenz nicht mal bezahlt. Ich frage mich natürlich, warum man so etwas mit Windows machen will. Das ist einfach das falsche Produkt, Linux wäre hier richtig.
Aber von vorn. Diesmal hatte ich bei der Hotelauswahl besser aufgepasst, es gab ein Frühstück. Das Hotel lag zwar in einem Hochhaus, belegte aber wohl nur zwei Stockwerke mit Zimmern, also war es nicht sehr groß und das Frühstück nicht so umfangreich. Aber es war gut und hatte viel Salat, Gemüse und Obst im Angebot. Und fast gar kein Fleisch - erstaunlich.
Der Plan für heute war, das Xinjiangmuseum zu besuchen. Ich war vor einer Woche schonmal darauf gestoßen, dass man sein Ticket für das Museum vorab per WeChat besorgen muss. Der Grund ist, dass das Museum die Zahl der Besucher auf 14000 pro Tag begrenzt.
Gestern im Zug hatte ich versucht, das Ticket zu besorgen. Wie erwartet war das kompliziert. Zuerst musste man sich durch mehrere Seiten durchklicken. Die waren aber alle komplett chinesisch und WeChat kann das nicht übersetzen wie Alipay. Also habe ich von jeder Seite einen Screenshot gemacht und die Texte in einem anderen Programm mühsam übersetzt. Ah, hier ist der Knopf zur nächsten Seite. Dann musste man sich registrieren. WeChat hat automatisch alle Daten übertragen und die Antwort war, dass meine deutsche Telefonnummer nicht geht, man braucht eine chinesische.
Also das Internet befragt. Das Problem war bekannt. In solchen Fällen kann man vor Ort auch noch ein Ticket bekommen. Es war allerdings nicht klar, ob man auch eines bekommt, wenn die 14000 schon ausgeschöpft sind.
Wir sind mit dem Didi-Taxi hingefahren. Mehrere hundert Meter vor dem Museum begann ein Stau, weil so viele Leute dorthin wollten. Den Ticketschalter haben wir schnell gefunden und auch ein Ticket bekommen. Der Tag war gerettet. Dann mussten wir uns in einer langen Schlange vor der Sicherheitskontrolle anstellen.
Diese Sicherheitskontrollen mit Röntgenscanner fürs Gepäck und Metalldetektor und einer freundlichen Sicherheitsdame, die einen auch noch mit einem Handscanner absucht gibt es überall in China, z.B. an jedem U-Bahneingang. Das macht meist nicht den Eindruck, als ob das ernsthaft durchgeführt wird. Welch ein Scheißjob. Die Leute da wissen natürlich genau, dass das alles ziemlich sinnlos ist, China ist ein sehr sicheres Land.
Aber hier in diesem Museum kann ich mir vorstellen, dass das mehr Bedeutung hat. Xinjiang ist ja ein Konfliktgebiet und dieses Museum könnte tatsächlich ein lohnendes Ziel für einen Anschlag sein. Aber auch hier hatte ich nicht den Eindruck, das die Checks gründlicher durchgeführt werden.
Es gab 13 Ausstellungsäle, die aber nicht alle bespielt waren. Am Eingang jedes Saals gab es einen etwas längeren Text zum Thema und den hatten sie auch auf Englisch übersetzt. Meist stand da u.a., warum Präsident Xi das Thema wichtig findet. Ansonsten war das meiste nur chinesisch beschriftet und leider hörten unsere Übersetzungs Apps auf zu arbeiten. Wahrscheinlich waren hier zu viele Menschen und der Mobilfunk überlastet. Also habe ich manche Texte fotografiert, die interessant sein könnten, um sie später im Hotel zu übersetzen.
Ein Saal zeigte drei- bis viertausend Jahre alte natürliche Mumien, die chinesische Archäologen in der Wüste entdeckt hatten. Die Ausstellung war wohl ein Highlight des Museums, es war sehr voll. Ich wollte das aber eigentlich nicht so begaffen. Fotografieren war hier verboten und das wurde sogar überwacht. Später habe ich der Wikipedia gelesen, dass die ältesten dieser Mumien indoeuropäische Wurzeln haben, erstaunlich.
Die Fotos hier zeigen einfach ein paar Objekte, die uns wegen ihres Aussehens aufgefallen waren. Interessant war eine Karte mit den Wegen, die chinesische und einmal sogar koreanische Gelehrte im siebten und achten Jahrhundert genommen haben, um nach Indien zu kommen und dort buddhistische Texte zu holen. Das waren gefährliche Reisen von mehreren Jahren Dauer. Die Geografie hat auf diesem Weg viele fast unüberwindliche Hürden zu bieten und die Reisenden mussten einen riesigen Umweg über den Nordwesten Chinas und durchs heutige Pakistan machen. Nur dort gibt es einfachere Übergänge übers Gebirge.
Interessant war aber auch was fehlte. Erst nach dem Museum habe ich in der Wikipedia die Geschichte Xinjiangs nachgelesen. Ja, die Chinesen haben die Gegend etwa 100BC erobert. Das wurde hier ausgiebigst dargestellt: So lange war das hier schon unser Land. Aber danach gab es hier ein kommen und gehen der verschiedensten Herrschaftsvölker, inklusive großen Wanderungen. 1250 haben die Uiguren, die im 9. Jhdt. vom Baikal hier her umgesiedelt waren, den Islam angenommen. Sehr wahrscheinlich war danach die arabische Schrift hier dominierend. Um 1760 waren die Chinesen wieder da, es gab aber ständig Konfliktgegenden. Ende des 19. Jhds. hat das russische Zarenreich Teile des Gebiets übernommen und hat, wie später auch die Sowjetunion großen Einfluss gehabt. Erst seit 1949 herrschen die Chinesen hier durchgehend.
In diesem Museum gab es hier aber keine anderen Völker, als Chinesen, keine andere Schrift, als chinesisch und in der Teilausstellung über die Koexistenz verschiedener Religionen in dieser Gegend gab es nur den Buddhismus.
Zum Abendessen haben wir den Fußweg zum Bahnhof genommen und die Zeit gestoppt, weil wir am nächsten Morgen ganz wenig Zeit haben würden, Das Frühstück im Hotel gibt es hier erst ab 8:00. Das liegt wohl daran, dass hier auch die Pekingzeit gilt und die wirkliche Zeit dann wohl eher erst 6:00 ist.
Auf dem Bahnhofsvorplatz haben wir ein Nudelrestaurant gefunden. Nudelgerichte sind die Signaturegerichte von Xinjiang. Wir haben uns für die „Öligen Nudeln“ entschieden, so heißt das Gericht. Die Nudeln sind hier handgemacht und sehr lecker. An einer Wand entdeckte ich eine Wandmalerei, die den Weg der Nudeln zeigte. Am Ende war eine Familie, die mit großem Entzücken jeder seine Schüssel mit Nudeln verspeiste. Ich war auch ganz zufrieden mit mir.Läs mer
Von Ürümqi über Yining nach Almaty
26 maj, Kina ⋅ ☀️ 29 °C
Hea-Jee:
Wir verließen Ürümqi und reisten weiter nach Westen in Richtung Yining. Yining war die letzte Stadt, die wir in China besuchten. Die Zugfahrt dauerte ungefähr fünf Stunden, bei einer Durchschnittsgeschwindigkeit von etwa 160 km/h, was laut Arnd gar nicht besonders schnell sei. Hinter den weiten Ebenen erhob sich in der Ferne ein schneebedecktes Gebirge wie ein riesiger Wandschirm.
Der Zug fuhr zunächst mehrere Stunden am Fuß der Berge entlang. Dann drehte er nach Süden direkt Richtung Berge. Er gewann dann so schnell an Höhe, dass ich den Druck in meinen Ohren ausgleichen musste. Schließlich erreichte er eine Strecke mit unzähligen Tunneln. Kurze Tunnel folgten Schlag auf Schlag, und zwischen ihnen tauchten karge, baumlose Felsberge direkt vor unseren Augen auf, nur um sofort wieder zu verschwinden. Nachdem wir das Gebirge durchquert hatten, öffnete sich eine grüne Ebene. Bäume und Sträucher standen in Frühlingsblüte. Das blühende Frühlingsland habe ich bereits in Korea erlebt. Der Frühsommer hält überall Einzug und nun traf ich am Rande Chinas erneut auf eine Landschaft, in der gerade der Frühling begann. Ich fühlte mich beschenkt. Offenbar kommt der Frühling hier wegen der Höhenlage später.
Yining wirkte überhaupt nicht wie eine gewöhnliche chinesische Stadt. Die meisten Gebäude erinnerten an den Stil der ehemaligen Sowjetunion, und auch die Menschen sahen irgendwie anders aus. Vor allem aber klang die Sprache anders – sie erinnerte an eine Turksprache. Vom Bahnhof zum Hotel nahmen wir ein Taxi, und der Fahrer erklärte uns voller Stolz ungefragt, dass er ein kasachischer Chinese sei. Ich dachte, dass es für die chinesische Regierung sicher nicht einfach sein müsse, eine Region mit so ausgeprägter Eigenidentität nach chinesischem Vorbild zu verwalten.
Nachdem wir unser Gepäck im Hotel abgestellt hatten, gingen wir sofort zum Busbahnhof. Arnd machte sich große Sorgen um die Weiterreise über die Grenze nach Kasachstan. Es hieß zwar, dass es Busse von Yining nach Almaty gebe, aber da man die Tickets nicht im Voraus kaufen konnte, hatte Arnd sogar einen genauen Plan B vorbereitet. Da viele weitere Unterkünfte und Verkehrsmittel bereits reserviert waren, fürchtete er, dass wegen einer einzigen Ungewissheit die gesamte Reiseplanung durcheinandergeraten könnte. Doch am Busbahnhof konnten wir problemlos Fahrkarten für den nächsten Tag kaufen.
Erleichtert gingen wir danach Abend essen. Arnd freute sich darüber, dass sogar die Gerüche des Essens hier anders waren. In Yining war nicht nur aus den Speisen selbst, sondern sogar aus der Luft auf den Straßen der typische Duft chinesischer Gewürze verschwunden. Seit unserer Ankunft in China hatte alles Essen diesen leicht süßlichen, auf der Zunge prickelnden Eigengeschmack gehabt, und selbst geröstete Sonnenblumenkerne mit Schale hatten nach diesen Gewürzen gerochen, was uns fast überforderte. Doch in Yining hatten sich Küche und Grundgewürze bereits in Richtung Zentralasien verändert.
Die Nudelgerichte der uigurischen Region sind berühmt. Entlang der Straßen reihten sich kleine Nudelrestaurants aneinander, und überall hörte man das rhythmische Klatschen von Teig, der mit den Händen bearbeitet wurde. Wir bestellten ein Nudelgericht, und Geschmack sowie Konsistenz der elastischen und zugleich weichen Nudeln waren wirklich hervorragend. Es fühlte sich an, als wäre der Appetit aus den ersten Tagen der Reise zurückgekehrt. Anfangs war unsere Neugier auf neue Gerichte groß gewesen, doch jetzt, fast ein Jahr später, schien die Müdigkeit der langen Reise stärker zu werden, sodass die Angst vor unbekanntem Essen langsam überwog.
Satt und entspannt gingen wir früh ins Bett. Doch gegen Mitternacht weckte Arnd mich plötzlich. Schon seit einiger Zeit hatte es draußen an die Tür geklopft, und als er geöffnet hatte, standen chinesische Sicherheitsbeamte davor. Da die koreanische Übersetzungs-App Papago Gespräche zwischen Koreanisch und Chinesisch ziemlich gut übersetzte, war die Kommunikation in China meist meine Aufgabe gewesen. Also ging ich in kurzen Schlafhosen hinaus.
Drei Uniformierten sprachen auf mich ein, doch diesmal half selbst Papago kaum weiter. Die App spuckte nur seltsame Sätze aus, in denen immerhin das Wort „Foto“ vorkam. Ohne wirklich zu verstehen, fragte ich erst einmal nur: „Warum?“ Der Beamte erklärte daraufhin noch ausführlicher etwas, worauf Papago nur noch verwirrendere Übersetzungen produzierte, darunter Formulierungen wie „Wir handeln ausschließlich gesetzeskonform“, die leicht einschüchternd wirkten. Schließlich gab ich auf, alles verstehen zu wollen, und fragte Arnd, der hinter mir stand: „Ich glaube, sie wollen ein Foto von uns machen. Soll ich zustimmen?“ Arnd meinte sofort, ich solle es erlauben. Also sagte ich den Beamten zu. Einer von ihnen, offenbar der Vorgesetzte, murmelte noch etwas erklärend vor sich hin, stellte sich dann neben uns in Pose, und wir machten zu dritt ein gemeinsames Foto. Danach salutierten sie höflich und verschwanden wieder.
Ich hatte den Eindruck, dass die chinesische Regierung unsere Reiseroute aus irgendeinem Grund aufmerksam beobachtete – dass wir mit dem Schiff in Yantai eingereist waren, kaum touristische Ziele besucht hatten und stattdessen direkt in die abgelegene Region Xinjiang gereist waren. Schon bei der Einreise hatte man uns gefragt, warum unsere Hotel- und Transportbuchungen nur bis Ürümqi reichten. Damals hatten wir erklärt, dass wir über Yining weiter zur kasachischen Grenze reisen wollten. Vielleicht waren sie gekommen, um das zu überprüfen? Jedenfalls dachte ich später, dass das gemeinsame Foto mit den Beamten wohl als Beweis dienen sollte, dass wir an diesem Tag und zu dieser Uhrzeit tatsächlich im Hotel in Yining gewesen waren.
Am nächsten Morgen gingen wir zum Busbahnhof. Um halb elf fuhr der Bus von Yining in Richtung Almaty ab. Man sagte uns, dass die Fahrt fast den ganzen Tag dauern würde. Da wir keinerlei Informationen darüber hatten, ob es unterwegs Essenspausen geben würde, kauften wir uns genügend Snacks und Getränke für den ganzen Tag im Bus. Alle Durchsagen waren in einer Sprache, die nicht einmal Chinesisch war, also machten wir einfach nach, was die anderen taten. Im Nachhinein erinnere ich mich, dass der Bus zweimal für mehr als eine Stunde hielt – vermutlich waren das die Essenspausen gewesen. Wir hatten damals jedoch keine Ahnung und fragten uns, warum der Bus so lange stehen blieb.
Schließlich erreichten wir die Grenze. Für die Ausreise mussten wir mit unserem gesamten Gepäck aussteigen und Kontrollen über uns ergehen lassen. Dabei mussten wir ohne Übertreibung wohl zehnmal unsere Bustickets und Reisepässe vorzeigen oder gar abgeben. Die chinesischen Ausreiseformalitäten waren wirklich streng. Mehrere Beamte stellten uns immer wieder Fragen. Mein deutscher Reisepass wurde von der ersten bis zur letzten Seite gründlich durchgesehen, um festzustellen, welche Länder ich besucht hatte.
Dann fragte man mich plötzlich, ob ich auch einen koreanischen Pass hätte, und verlangte ihn zu sehen. Es klang so, als wüssten sie bereits davon, also händigte ich ihn ohne Widerrede aus. Auch dieser Pass wurde von vorne bis hinten geprüft, und man fand es verdächtig, dass sich darin keinerlei Einreisestempel befanden. Ich erklärte daraufhin, dass ich den koreanischen Pass nur für die Ein- und Ausreise nach Korea benutze. Erst in diesem Moment wurde mir selbst bewusst, dass man als Staatsbürger dort tatsächlich keine Stempel bekommt. Ich hatte das Gefühl, dass sie genau herausfinden wollten, welche Länder ich früher bereist hatte und ob ich dabei irgendetwas verheimlichte.
Nachdem wir endlich freigegeben worden waren, fuhr der Bus über eine von Stacheldraht gesäumte Straße, bis wir den kasachischen Grenzübergang erreichten. Obwohl es nun um die Einreise ging, verlief alles deutlich unkomplizierter als zuvor auf chinesischer Seite. Unsere Pässe wurden zwar lange geprüft und offenbar in irgendeinem System abgefragt, aber allein die Tatsache, dass man uns nicht ständig ausfragte, empfand ich schon als Erleichterung. Vor allem fühlte es sich befreiend an, China hinter uns gelassen zu haben.
Nach weiteren fünf Stunden Fahrt durch kasachisches Gebiet erreichten wir schließlich Almaty. Arnd machte sich Sorgen darüber, dass wir nur noch wenig Bargeld hatten. Nachdem wir gefühlt endlos zu Fuß unterwegs gewesen waren, um Geld abzuheben, gingen wir in ein Restaurant, das uns schon beim früheren Besuch gefallen hatte, und aßen dort ein ausgezeichnetes Abendessen. Für mich wirkte diese Stadt neu, als wäre ich zum ersten Mal dort, doch Arnd bemerkte sofort jede Veränderung: „Damals war hier noch eine Baustelle, und jetzt ist alles fertig. Das haben sie wirklich schön gemacht.“ Offenbar ist sein Kopf ständig mit so vielen Gedanken beschäftigt, dass für andere Dinge wenig Aufmerksamkeit übrig bleibt.Läs mer
Almaty
27 maj, Kazakstan ⋅ ☁️ 24 °C
Arnd:
Damit wir nicht jeden Tag im Zug oder Bus sitzen legen wir immer einzelne Tage Pause ein. Das schafft auch einen Puffer, falls mal was schief geht. So sind wir jetzt für einen Tag zum zweiten Mal in Almaty, Kasachstan.
Beim ersten Mal waren wir länger hier und haben eigentlich fast alles gesehen, was uns so interessierte. Allzuviel ist uns deshalb nicht eingefallen. Ich habe nach Museen geschaut und dann zwei Kunstmuseen gefunden, die interessant aussahen. Das passte auch, weil der Wetterbericht ab und zu Regen voraussagte.
Zwischen China und Kasachstan gibt es einen Zeitsprung von 3 Stunden! Das liegt daran, dass in ganz China eine einheitliche Zeitzone gilt, die Pekingzeit. Deshalb wachen wir jetzt 3 Stunden zu früh auf.
Eines der Museen öffnete um 10:00, das andere erst um 11:00. Damit war die Reihenfolge entschieden. Zu unserem ersten Museum konnten wir mit der U-Bahn fahren, es gibt hier eine einzige Linie. Von unserem ersten Besuch hier hatten wir noch zwei „Onay“-Karten, das sind aufladbare Checkkarten für Busse und U-Bahn. Wir wussten nur nicht, wieviel Geld da noch drauf war. Aber in jeder U-Bahnstation gibt es einen Schalter mit Mensch, bei dem wir letztes Mal diese Karten gekauft und aufgeladen haben.
Schalter und Mensch waren noch da, aber unseren Kontostand wollten sie uns nicht verraten. Statt dessen wurde noch eine Helferin herbeigerufen, die unsere Karten einfach an die Eingangsschranke gehalten hat. Die ging auf und wir konnten fahren, aber ob es für die Rückfahrt noch reicht? Bei der Rückfahrt ging es genau so. Erst später haben wir an einer Straße einen Automaten gefunden, von dem ich gelesen hatte, dass man damit die Onay-Karte aufladen kann und er dabei auch den Kontostand anzeigt. Für zweimal Bus fahren hat es noch gereicht und mehr haben wir nicht gebraucht.
Das erste Museum, das Kasteyev-Museum, war staatlich und nicht mehr ganz neu. Der Bau stammt wohl noch aus der Sowjetzeit und war architektonisch durchaus gelungen. Ich hatte eher ältere Kunst erwartet, tatsächlich war das Gezeigte aber recht modern. Im zweiten Obergeschoss gab es auch Kunst aus der Sowjetzeit. Das Museum hatte eine sehr umfangreiche Sammlung, wohl ausschließlich von Werken kasachischer Künstler. Es war sehr interessant und hat uns richtig begeistert.
Dann sind wir wieder zurückgefahren und haben erstmal zu Mittag gegessen. Dazu sind wir in ein Lokal gegangen, in dem wir schon beim ersten Besuch mehrfach waren. Es ist recht groß und hat 24/7 geöffnet. Es bietet eine umfangreiche Auswahl kasachischer Gerichte. Die meisten werden auch sehr schnell gebracht. Eine gut gemachte Restaurantmaschine.
Die Fußwege an der Straße vor dem Restaurant waren vor einem halben Jahr eine Baustelle. Wir mussten damals schauen, wie wir da irgendwie durchkamen. Jetzt war alles fertig. Es gab einen breiten Fußweg und einen breiten Fahrradweg mit Mittelstreifen. Schön gemacht.
Zum zweiten Museum sind wir mit dem Bus gefahren. Es heißt Almaty Museum of Arts, oder kurz ALMA, und ist von einem privaten Sammler gebaut worden. Es ist erst 2025 eröffnet worden. Die Architektur stammt vom britischen Büro Chapman Taylor. Der Sammler hat wohl auch eine stattliche Sammlung kasachischer Kunst, aus der hier auch in einem Raum Werke gezeigt werden.
Daneben gibt es aber auch etliche große Objekte internationaler Künstler. Das wohl außergewöhnlichste Objekt an diesem Ort ist eine riesige begehbare Stahlskulptur von dem amerikanischen Bildhauer Richard Serra. Sie wiegt über 500 Tonnen und besteht aus mehreren Teilen. Sie ist aus Amerika per Schiff transportiert worden, aber Kasachstan liegt an keinem Meer. Es wurde nicht verraten, wo sie vom Schiff entladen wurde. In einem Film gezeigt wurde nur der LKW-Transport innerhalb von Kasachstan, und der allein ging schon über 1800Km. Die Skulptur läßt sich aus dem Gebäude gar nicht mehr entfernen.
Außerhalb vom Museum stehen noch drei große Objekte von internationalen Künstlern, die auch sehr eindrucksvoll waren.
In diesem zweiten Museum waren deutlich mehr Besucher, als in dem vom Vormittag. Wobei wir morgens noch mehr begeistert waren, aber nachmittags war unsere Aufnahmekapazität schon fast überschritten.
Hea-Jee:
Im Kasteyev-Museum gefielen die meisten Bilder mir so gut, dass ich mich nur schwer von ihnen lösen konnte. Trotzdem wollte ich auch die anderen Werke sehen, und deshalb musste ich mich oft regelrecht dazu zwingen, weiterzugehen. Bei manchen Bildern war es sogar so, dass ich bereits mehrere Räume weitergegangen war, sie mir aber immer noch nicht aus dem Kopf gingen. Dann kehrte ich noch einmal zurück, um sie erneut zu betrachten.
Ich habe eigentlich immer gedacht, dass ich nicht besonders viel von Kunst verstehe. Aus dieser Erfahrung habe ich jedoch etwas gelernt: Die Bilder, die mir gefallen, sind gute Bilder. Zumindest für mich. Ob andere das genauso sehen, ist nicht meine Sache.
Wenn ich darüber nachdenke, könnte es sein, dass Arnd einen Einfluss auf diese neue Sichtweise im Museum hatte. Immer wenn wir gemeinsam Kunst betrachtet haben, fragte er mich sehr oft: „Welches Bild magst du?“ Er wollte nie eine objektive Bewertung hören, sondern immer meine ganz persönliche Meinung. Vielleicht hat gerade das meine heutige Haltung zur Kunst geprägt.Läs mer
Tiflis
28 maj, Georgien ⋅ ☁️ 24 °C
Arnd:
Von Almaty nach Tiflis ist ein großer Sprung. Davon hätten wir schon noch Teile per Bahn fahren können, aber das wäre sehr unbequem geworden. Wir haben uns deshalb entschlossen, diese Teilstrecke zu fliegen.
Die Ankunft war abends im dunkeln. Da wir auch in Tiflis nichts mehr anschauen wollen, fahren wir am nächsten Tag um 17:10 weiter nach Batumi. Wir hatten also nicht viel Zeit und sind einfach ein bisschen spazieren gegangen. Die Stadt bietet mit ihren halb verfallenen Gebäuden aber reichlich Gelegenheit zum Fotografieren.
Morgens gab es ein schönes Frühstück. Es war das erste Frühstück, wo man wieder das Gefühl hatte, in der westlichen Hemisphäre angekommen zu sein. Das Frühstück in Almaty war ein etwas liebloser Zimmerservice mit Bestellung am Vortag im Einweggeschirr.
Bei unserem ersten Aufenthalt hier waren wir, noch bevor wir unsere Unterkunft hatten, in einem Restaurant im Außenbereich direkt an einer großen Straße essen gegangen und haben zum ersten Mal Kinkali gegessen, die Georgischen gefüllten Nudeln, und zwar vor allem die mit Pilzfüllung. Wir hatten die dann in den nächsten Tagen auch noch anderswo gegessen, aber die vom ersten Tag waren am besten. Deshalb sind wir heute nochmal genau in dieses Restaurant gegangen.
Hea-Jee:
Durch den Flug konnten wir gestern eine lange Strecke bequem zurücklegen. Es war sehr nett von Arnd, statt der kürzesten Flugverbindung eine etwas längere Route von Almaty nach Tiflis zu buchen. Dadurch mussten wir keine fünfzigstündige Zugfahrt am Stück auf uns nehmen. Erst nach unserer Ankunft in Tiflis erfuhr ich, dass Arnd diese Entscheidung getroffen hatte, weil er dachte, eine solche Reise würde mich überfordern.
Während wir durch die Altstadt von Tiflis spazierten, schauten wir uns die reizvollen Wohnviertel an. Überall lag ein deutlich europäisches Flair in der Luft. Im Gegensatz zu den umliegenden islamisch geprägten Ländern schien mir Georgiens christlich-orthodoxe Tradition das Band zu sein, das das Land fest mit der europäischen Kultur verbindet. Die niedrigen alten Häuser waren oft stark verfallen, doch die Bewohner hatten Blumen gepflanzt und Dekorationen aufgehängt und ihre Häuser liebevoll gestaltet. Wenn ich so etwas sehe, stärkt das immer meinen Glauben an die Menschen. Arnd sagte: „Hier fehlt es vielleicht an Geld und Materiellen, aber nicht am Wille zur Gestaltung.“ Dem konnte ich sofort zustimmen.
Endlich aßen wir wieder Chinkali, die georgischen Teigtaschen. Wir waren schon im vergangenen Jahr in diesem Restaurant gewesen und hatten es wegen des guten Essens diesmal erneut aufgesucht. Es musste ein recht bekanntes Restaurant sein, denn als ich auf dem Weg zur Toilette durch den Innenraum ging, fiel mir dessen prunkvolle Einrichtung auf. Trotzdem setzten wir uns wie beim letzten Mal auf die Terrasse an der Straße. Dort war es zwar laut und voller Autoabgase, aber drinnen standen überall Sofas, auf denen das Essen vermutlich weniger bequem gewesen wäre.
Chinkali sind eine traditionelle Speise. Der Teig wird etwas dicker ausgerollt, mit einer Füllung versehen und zusätzlich mit reichlich Brühe gefüllt, bevor die Teigtaschen gedämpft werden. Entscheidend ist, die Teigtasche am Zipfel festzuhalten oder mit der Gabel anzustechen und die Brühe mit herauszusaugen, ohne auch nur einen Tropfen zu verschütten. Arnd schnitt seine Chinkali jedoch mit Messer und Gabel auf, sodass die wertvolle Brühe vollständig auf den Teller lief. Anschließend beschwerte er sich scherzhaft, dass nun Brot fehle, um die Brühe aufzutunken. Sogar die Teigzipfel aß er mit. Die Einheimischen lassen diese normalerweise liegen, weil sie aus einer dicken, oft nicht ganz durchgegarten Teigmasse bestehen und nicht besonders gut schmecken.
Wir bestellten einen Teller mit Fleischfüllung und einen weiteren mit Pilzen und Koriander. Aus Neugier probierten wir außerdem ein Gericht aus Auberginen und Walnüssen. Es schmeckte gut und sah schön aus. Ich bekam sofort Lust, es nach meiner Rückkehr selbst zuzubereiten und mit Freunden zu teilen.
Um 17:10 Uhr stiegen wir in den Zug nach Batumi, nahe der türkischen Grenze. Die Landschaft Georgiens, die am Fenster vorbeizog, leuchtete in allen Schattierungen eines hellen Grüns. Kurz nach der Abfahrt aus Tiflis fand ich es faszinierend, dass die Berge fast völlig baumlos waren und wie mit einem grünen Teppich aus Gras überzogen wirkten.
Je weiter wir nach Westen in Richtung Schwarzes Meer fuhren, desto dichter wurden die Wälder. Da es nicht viel Nadelbäume gab, erschienen die Berge insgesamt in einem hellen Grünton. Die Laub- und Mischwälder zeigten zahlreiche Nuancen von Grün, die sich abwechslungsreich miteinander verbanden. Wenn gelegentlich die Sonne durch die Wolken brach, leuchteten die Hänge beinahe hellgrün auf. Die Berge waren zwar nicht besonders hoch, wirkten aber steil und eindrucksvoll.
Auf den schmalen Ebenen davor lagen kleine Häusergruppen friedlich vor der Bergkulisse. Manchmal sah man natürlich geschwungene Flüsse, die aussahen, als hätte der Mensch sie nie verändert. Wegen des Regens führten sie braunes Wasser und strömten mit großer Kraft dahin.
Plötzlich ging die Sonne unter, und draußen wurde es dunkel. Erst nach zehn Uhr abends erreichten wir den Bahnhof von Batumi. Es regnete. Kaum waren wir ausgestiegen, wurden wir von Taxifahrern umringt, die sehr offensiv um Fahrgäste warben. Wir entschieden uns jedoch für ein Yandex-Taxi, weil dort sowohl die Bezahlung als auch die Verständigung unkompliziert und zuverlässig waren.
Unser Hotel lag in einem Wohnviertel der Altstadt am Schwarzen Meer. Offenbar war es hier noch recht kühl, denn auf dem Bett lag über der Bettdecke noch eine weiche zusätzliche Decke. Allein ihr Anblick vermittelte mir bereits ein Gefühl von Wärme.Läs mer
Batumi
30 maj, Georgien
Arnd:
Die städtische Bevölkerung und vor allem die Jugend Georgiens drängt in die EU, zum Schutz vor dem mächtigen Nachbarn Russland im Norden, der gern mal Landesteile besetzt und mit Hilfe der Landbevölkerung einem Marionettenmilliardär in den Präsidentensitz verholfen hat.
Schön wär es, dann hätten wir endlich ein europäisches Las Vegas. Also wenn man aus Tiflis kommt, dann sieht man schnell, dass hier viel Geld unterwegs ist. Dafür sieht die Stadt aber auch schöner aus.
In Tiflis waren wir auf der Hinfahrt mehrere Tage. Deshalb sind wir diesmal dort nur ganz kurz geblieben und haben uns statt dessen einen Tag in Batumi gegönnt, wo wir auf der Hinfahrt nur durchgefahren sind.
Zuerst sah es allerdings nicht sehr gut aus, denn es hat den ganzen Vormittag geregnet. Regen gibt es dort wohl öfters. Aber mittags klarte es auf, die Sonne kam heraus und es wurde noch richtig schön. Unser Plan war, einfach nur in der Stadt spazieren zu gehen.
Wir konnten fast alles vom Hotel aus zu Fuß erreichen. Zuerst sind wir zur Uferpromenade in der Nähe des Hotels gegangen. Dort gibt es einen kleinen Hafen, in dem Touristenboote mit verschiedenen Bespaßungsangeboten liegen. Es gibt ein Riesenrad und die Skulptur Nino und Ali, die hier zum Pflichtprogramm gehört. Es ist ein Mann und eine Frau aus Metallscheiben, die sich beide langsam auf einer Kreisbahn bewegen und sich alle zehn Minuten einmal durchdringen. Abends beleuchtet.
In Sichtweite steht der Alphabetic Tower. Auf den Seiten der Doppelhelix sind Buchstaben befestigt. Georgische Buchstaben, denn Georgien hat ein eigenes Alphabet, auf das die Georgier sehr stolz sind.
Es gibt hier reichlich öffentlichen Raum mit hoher Aufenthaltsqualität. Eine mehrere Kilometer lange Promenade am Meer mit getrennten breiten Fuß- und Radwegen. Da waren viele Menschen unterwegs. Es gab Fahrrad- und Scooterverleiher. Auch durch einen Volkspark mit See sind wir gekommen. Auch da waren viele Menschen und haben sich entspannt.
Die Straßen in den Blöcken zwischen den etwas größeren Straßen waren so schmal, dass es da für die Autos gerade für eine Parkspur und eine sehr schmale Fahrspur reichte. Die Autos konnten deshalb nur sehr langsam fahren. Auf beiden Seiten gab es aber auch dort einen Bürgersteig. Unser Hotel lag an so einer Straße. Zum Glück haben sie es nicht so gestaltet, wie wir in vielen anderen Städten gesehen haben, nämlich ohne Bürgersteige. Das ist für Fußgänger so ziemlich die schlechteste Option. In solchen Straßen gibt es fast keine Fußgänger und die Menschen fangen an, alle ihre Wege mit dem Auto zu machen. Hier waren die Straßen voll mit Fußgängern.
An vielen Kreuzungen gibt es für die Fußgänger keine Ampeln, sondern nur einen mit roter Farbe hinterlegten Zebrastreifen. Das ist aber gar kein Problem, weil die Autos zuverlässig stehen bleiben. Verkehr kann auch entspannt sein!
Man sieht hier aber nicht nur diese glänzenden, manchmal kitschigen Neubauten, sondern auch heruntergekommene alte Wohngebäude. In bester Lage an der Uferpromenade war ein total heruntergekommener Sowjetischer Prachtbau. Die Wohnungen hatten alle Meerblick. Es sah so aus, als ob ihm nachträglich ein paar schäbige Stockwerke oben drauf gesetzt worden sind. Alle Symmetrien waren zerstört, weil ein Bewohner auf der einen Seite mal eben das Fensterloch massiv vergrößert hat, oder aus einem Balkon einen Wintergarten gemacht hat. Pures Chaos.
Immer wieder haben wir herrenlose Hunde gesehen. Die gehören wohl zum Stadtbild und sind ganz friedlich. Die Hunde hatten einen Clip im Ohr, man scheint sich um sie zu kümmern. Hea-Jee war erstaunt, dass wir praktisch keinen rumliegenden Hundekot gesehen haben.
Wir waren auch in einem modernen Hochhausviertel. Meine Karte zeigte da mitten drin eine Fußgängerpromenade mit etlichen Skulpturen. Allerdings war die eingebettet in eine sechsspurige Straße, entsprechend laut war es dort.
An einem prominenten Platz in dieser Hochhaussiedlung lag das Public Service Building. In Georgien sind alle öffentlichen Dienste für die Bürger einer Stadt in einem Gebäude zusammengezogen und diese Gebäude sind alle ziemlich neu und architektonisch aufwändig gestaltet, in jeder Stadt anders. In Tiflis hatte ich ein Plakat gesehen, wo die alle abgebildet sind. Das hier in Batumi sieht allerdings ziemlich klein aus in seiner Umgebung. Es ist diese umgedrehte Flasche.Läs mer

Resenär👍wir fliegen nächsten Dienstag nach Kapadokien, dann kreuzen sich unsere Wege…
Hopa
31 maj, Turkiet ⋅ ☀️ 18 °C
Hea-Jee:
Von Batumi nahmen wir ein Taxi zur türkischen Grenze. Wegen des großen Andrangs mussten wir zwar lange warten, doch die Ein- und Ausreiseformalitäten selbst verliefen unkompliziert und reibungslos. Wir fuhren anschließend mit einem weiteren Taxi nach Hopa. Statt des Taxis hätten wir auch den Bus nehmen können. Da die Strecke jedoch nicht weit war und die Taxifahrt weniger als zehn Euro kostete, entschieden wir uns für das Taxi. Die Busse sind Kleinbusse, die erst fahren, wenn sie voll sind. Außerdem haben sie keinen Kofferraum. Ein wenig schlechtes Gewissen gegenüber der Umwelt blieb zwar, doch ich tröstete mich mit dem Gedanken, dass es ebenfalls zur Kunst des Reisens gehört, nicht zu viel Zeit für die Fahrt zu verlieren. (Als ich das später noch einmal las, musste ich selbst schmunzeln. Da reisen wir bewusst ohne Flugzeug und reden dann von Zeitersparnis und der Kunst des Reisens – die Leser werden sich darüber vermutlich vor Lachen den Bauch halten.)
Hopa ist die türkische Kleinstadt, die der georgischen Grenze am nächsten liegt. Sie erstreckt sich langgezogen entlang der Küstenstraße am Schwarzen Meer. Es gibt dort vor allem viele Restaurants, außerdem eine recht große Teefabrik. Wenn man an ihr vorbeiging, lag ein frischer, grasiger Duft in der Luft.
Die Stadt wird, wie fast alle Städte am schwarzen Meer durch eine große vierspurige Straße vom Meer getrennt. Um zur Meerseite zu gelangen, mussten wir eine Fussgängerbrücke benutzen. Auf der Meerseite gab es eine kleine parkähnliche Anlage. Einen Strand gab es nicht, dort lagen große Steine zum Schutz gegen die Brandung, Baden wäre nicht möglich gewesen.
Wir gingen ins Zentrum und schlenderten durch die Gassen mit ihren aneinandergereihten Restaurants und Teehäusern. In den dunklen, fast marktähnlichen Gassen saßen unzählige ältere Männer an Tischen, die draußen aufgestellt waren, und tranken Tee. Fast ausschließlich Einheimische. Als ich 1986 zum ersten Mal in der Türkei war, sah ich solche Szenen überall – in Städten wie auf dem Land, bei Tag wie bei Nacht. Arbeiten die Männer in diesem Land eigentlich nicht? Wo sind aber die Frauen? Sind gerade alle Frauen bei der Arbeit?
Damals betrat ich, weil ich Durst hatte und einen Tee trinken wollte, ein Café. Dort waren ausschließlich Männer, sodass ich dachte, es handle sich vielleicht um ein Teehaus nur für Männer, und ich wollte hastig wieder hinausgehen. Die Leute bedeuteten mir jedoch mit Gesten, dass alles in Ordnung sei und ich mich setzen solle. Nachdem ich einen Tee getrunken hatte und bezahlen wollte, sagte man mir, jemand habe bereits für mich bezahlt.
Die Erinnerung daran ist bis heute von gemischten Gefühlen geprägt: einerseits eine gewisse Abneigung gegenüber Männern, die mitten am Tag scheinbar untätig ihre Zeit im Teehaus verbringen und vielleicht ihre Frauen arbeiten lassen, andererseits Dankbarkeit für die herzliche Gastfreundschaft, mit der sie eine Fremde aufgenommen hatten.
In der Türkei gibt es viele Menschen, die gut Deutsch sprechen. Das liegt daran, dass in Deutschland zahlreiche Arbeitsmigranten türkischer Herkunft und ihre Nachkommen leben. Kaum waren wir in dieser abgelegenen Kleinstadt angekommen, begegneten wir einem Türken, der fließend Deutsch sprach. Er war Restaurantbesitzer und erklärte uns die Speisekarte auf Deutsch. Wir aßen dort zu Mittag und waren sehr zufrieden.
Dass große Hunde durch die Straßen streunten oder mitten auf dem Bürgersteig lagen und schliefen, erinnerte an Batumi. Anders als dort trugen die Hunde in Hopa jedoch keine Ohrmarkierungen, die auf eine Sterilisation hinwiesen. Viele wirkten nicht besonders gut genährt, und man sah auch immer wieder Hunde mit Hautkrankheiten. Erstaunlich war, dass es zwar viele Hunde gab, auf den Straßen aber kaum Hundekot zu sehen war.
Das Hotelfrühstück war türkisch mediterran geprägt und bot reichlich frischen Salat, Oliven und Käse – etwas, das mich nach längerer Zeit wieder freute. Es vermittelte das Gefühl, gesund zu sein. Kulinarisch betrachtet steht die Türkei der europäischen Kultur sehr nahe, jedenfalls wenn man gerade aus Asien kommt.
Die Gäste am Nebentisch holten sich am Buffet Berge von Speisen, aßen nur einen kleinen Teil davon und ließen den Rest stehen. Mir war das gegenüber den Hotelangestellten fast peinlich und unangenehm. Zum Glück waren die Verursacher Türken. Im Hotel hatte ich ohnehin den Eindruck, dass die meisten Besucher dieses Ortes Türken waren. Vom Busbahnhof direkt neben dem Hotel aus gab es zahlreiche Verbindungen in alle Teile des Landes.
Offenbar war gerade ein Bus abgefahren, denn die Menschen, die noch im Hotelrestaurant gefrühstückt hatten, waren schlagartig verschwunden. Plötzlich war es ruhig und leer geworden. Als wir gerade unsere leeren Teller zusammenstellten, kam ein Hotelangestellter zu uns und fragte, ob wir türkischen Kaffee trinken möchten. Außer uns saß nur noch eine weitere Tischgesellschaft im Restaurant; vermutlich bot man den Kaffee an, weil es etwas ruhiger wurde.
Türkischer Kaffee wird in einem kleinen Kupferkännchen mit einem langen Griff zubereitet. Fein gemahlener Kaffee wird mit Wasser aufgekocht und anschließend serviert. Das Ergebnis ist ein kräftiger Kaffee mit zugleich mildem, angenehm nussigem Geschmack. Am Boden der winzigen Tasse bleibt stets Kaffeesatz zurück, sodass man tatsächlich nur wenige Schlucke trinkt.
Nachdem ich meinen Kaffee ausgetrunken hatte, stellte ich die Tasse auf den Kopf und wartete einen Moment. Früher deuteten die Türken oft die Muster, die der Kaffeesatz beim Herunterlaufen an der Innenseite der Tasse hinterließ, um die Zukunft vorherzusagen. Auch ich sagte mir mein eigenes Schicksal voraus. Da ich die Deutung selbst vornahm, fiel sie natürlich fantastisch aus.
Der Kaffeesatz verkündete, dass Arnd und ich gesund bleiben und noch lange harmonisch zusammenleben würden. Wenn wir nach Hause zurückkehrten, würden wir das Streichen der Wände und das Ölen des Holzbodens im Handumdrehen erledigen. Anschließend würden wir unser angenehmes Zuhause genießen, und Freunde, die wir lange nicht gesehen hatten, zu uns einladen. Zum Beweis machte ich ein Foto davon.Läs mer
Fahrt nach Kars
1 juni, Turkiet ⋅ ⛅ 18 °C
Wir hatten leider vergessen, diesen Footprint freizuschalten. Jetzt gibt es ihn hier als Bonus
Arnd:
Einmal von Ost nach West durch die Türkei ist eine weite Strecke. Zwischen Istanbul und Ankara fährt ein Hochgeschwindigkeitszug, aber bis ganz in den Osten ist die weitaus größere Strecke. Auf dem Hinweg sind wir das am schwarzen Meer entlang per Bus gefahren, in zwei Abschnitten, wobei der zweite Teil eine Mammutstrecke über Nacht war. Das wollten wir uns auf dem Rückweg ersparen.
Es gibt auch eine Eisenbahnstrecke in den Nordosten und dort fährt der Doğu Express. Er fährt zwischen Ankara und Kars, in der Nähe der armenischen Grenze. Von Hopa nach Kars sind es Luftlinie 160Km. Es gibt einen Bus für diese Verbindung, der braucht über 5 Stunden. Der Bus hat nicht die normale Größe, sondern ist deutlich kleiner und wendiger.
Irgendwo hatte ich mal gelesen, dass die Strecke auch ganz schön sein soll, aber mehr wusste ich nicht. Für mich war das mehr eine notwendige Verbindung. Deshalb waren wir ziemlich überrascht, was wir dann erlebt haben.
Von Hopa am Schwarzen Meer aus ging es sofort in die Berge. Der arme Bus musste erstmal schwer arbeiten, um in die Höhe zu kommen. Bald fuhren wir am Rand einer Staumauer in die Höhe und ab da lange Zeit entlang von einer Abfolge von fünf immer höher liegenden Stauseen. Die Täler waren sehr schmal, aber endlos lang.
Oberhalb der Stauseen gab es, oft auf beiden Seiten, Straßen, die sich an den steilen Bergen entlang zogen. Sie verliefen auch durch viele Tunnels. Wenn es keinen Tunnel gab, musste sich der Weg an den vielen kleinen Tälern entlang winden.
Wir fuhren die ganze Zeit flußaufwärts und kamen dadurch immer höher. Hin und wieder konnten wir etwas entferntere schneebedeckte Berge erspähen. Meine Karte sagt, dass die bis zu 2600m hoch waren. Die Gegend hier gehört wohl zum kleinen Kaukasus.
Irgendwann öffnete sich die Landschaft und wir fuhren durch Hochebenen. Die waren auf allen Seiten von schneebedeckten Bergen umgeben. Die höchste Höhe, die wir erreicht haben war 2350m.
Ziemlich am Anfang kamen wir noch durch eine größere Stadt, die sich die Berge hochzog, Artvin. In den Flußtälern lebten dann nur sehr wenige Menschen in vereinzelten winzigen Siedlungen. Oben in den Hochebenen gab es viele Dörfer und kleine Städte. Die Gegend war zwar sehr karg, aber sie machte nicht den Eindruck von großer Armut. In einer Kleinstadt sah ich ein Gebäude, in dem die AKP ein Büro hatte. Präsident Erdogan wird ja vor allem von der Landbevölkerung gewählt, und um die hat man sich wohl gut gekümmert.
So gegen 17:00 kamen wir endlich in Kars an, in 1800m Höhe. Die Fahrt war wegen der vielen Kurven recht anstrengend. Wir haben deshalb außer Abend essen nichts mehr unternommen.Läs mer
Kars
2 juni, Turkiet ⋅ ☀️ 16 °C
Hea-Jee:
Nach einer sechsstündigen Busfahrt von Hopa erreichten wir Kars. Da die Bahnstrecke von Kars nach Ankara für ihre wunderschöne Landschaft bekannt sein soll, hatte Arnd Kars allein deshalb als unser nächstes Reiseziel ausgewählt. Wir kamen ohne besondere Erwartungen oder Vorkenntnisse über die Stadt selbst hierher. Wie sich jedoch herausstellte, handelt es sich um eine äußerst geschichtsträchtige alte Stadt. Seit der Antike war Kars als Verkehrsknotenpunkt zwischen dem Kaukasus und Anatolien von großer Bedeutung und stand im Laufe der Jahrhunderte unter der Herrschaft des Armenischen Königreichs und verschiedener islamischer Dynastien. Auch die Mongolen und Amir Timur waren hier und haben ihr Zerstörungswerk verrichtet. Ende des 19. Jahrhunderts wurde die Stadt offiziell in das Russische Reich eingegliedert, bevor sie 1921 durch einen Friedensvertrag endgültig an die Türkei fiel.
Hätten wir uns im Voraus für die Geschichte der Stadt interessiert und unsere Reise entsprechend geplant, hätten wir sogar ein UNESCO-Weltkulturerbe in 40Km Entfernung besichtigen können. Doch unser Wunsch, uns auszuruhen, war größer als unser Drang zu besichtigen. Wir spazierten einfach gemütlich durch die nähere Umgebung und begnügten uns damit, in Restaurants und Cafés einzukehren und etwas Leckeres zu essen.
Kaum waren wir auf die Straße hinausgetreten, wurden wir unerwartet herzlich begrüßt. Vier Jungen von etwa sechs oder sieben Jahren liefen hinter uns her und riefen nach uns. Sie fragten auf Englisch: „What's your name?“, offenbar wollten sie das Englisch üben, das sie in der Schule gelernt hatten. Ich brachte den Kindern unsere Namen bei und fragte sie der Reihe nach, wie sie hießen. Dann fragten die Kinder: „Where are you from?“, also woher wir kämen. Ich antwortete, dass ich aus Korea komme und diese Person hier ... Doch noch bevor ich meinen Satz beenden konnte, brachen die Kinder in Jubel aus. "Was? Korea? Wirklich Korea? Wow, I love Korea!“ Dabei formten sie immer wieder mit beiden Händen kleine Herzchen. Dann sagten sie noch irgendetwas von einem Handy, aber ich verstand nicht, was sie meinten. Die Kinder redeten noch eine ganze Weile aufgeregt durcheinander, weil sie tatsächlich eine echte Koreanerin gesehen hatten. Als sie schließlich verschwunden waren, fragte mich Arnd: „Warum mögen die Leute Korea eigentlich so sehr?“ Ich antwortete, dass ich das selbst nicht wisse.
Kars scheint seit jeher eine steinreiche Region zu sein. Es gab viele historische Steinbauten und Wohnhäuser, und auch das Hotel, in dem wir übernachteten, war ein massives Steingebäude mit sehr dicken Mauern. Entlang der Straßen fielen uns zahlreiche Gebäude im russischen Stil auf.
Auf dem Hügel hinter unserem Hotel befand sich die Ruine einer großen Festung, zu der wir hinaufstiegen. Abgesehen von der Aussicht auf die Umgebung gab es dort kaum Erklärungen, sodass wir über ihre Geschichte nichts erfahren konnten. Direkt unterhalb der Mauer stand ein kleines, gut erhaltenes Steingebäude. An der Tür hing ein englisches Schild mit der Aufforderung, beim Betreten die Schuhe auszuziehen. Es war die armenische „Kathedrale von Kars“ aus dem Jahr 940. Die Anführungsstriche habe ich wegen der Größe gesetzt. Seitdem wurde sie etliche Male wegen Herrschaftswechsel zwischen Kirche und Moschee umgewidmet und im 20. Jhdt. diente sie zeitweise auch noch als Museum und Erdöldepot. Heute wird sie als Moschee genutzt. An einer Wand befand sich noch eine christliche Kanzel, während der Bogen an der Vorderseite offenbar später für den islamischen Gottesdienst hinzugefügt worden war. Der Boden war mit einem dicken beigefarbenen Teppich mit islamischen Mustern ausgelegt.
Auf dem Weg von der Festungsmauer hinunter entdeckten wir ein modernes Café und gingen hinein. Es war ein gehobenes Café mit eigener Kaffeeröstung und einer Auslage voller hübscher Desserts. Da es schon zu spät für Kaffee war, bestellten wir Tees. Arnd nahm einen Früchtetee, ich einen Pfefferminztee. Serviert wurden handgemachte Teebeutel, die mit einer Zimtstange geschmackvoll dekoriert waren. Die Kombination aus Kräutertee und Zimtstange probierten wir zum ersten Mal, und sie gefiel uns überraschend gut. Deshalb beschlossen wir, das zu Hause ebenfalls einzuführen. Zum Tee aßen wir ein Stück Käsekuchen und ein Tiramisu. Zusammen kostete das ungefähr so viel wie eine komplette Mahlzeit in einem Restaurant.
Die Preise in der Türkei kamen uns recht hoch vor. Weder die Hotels noch die Restaurants waren besonders günstig. Natürlich war alles immer noch billiger als in Deutschland, aber wir fragten uns, wie sich gewöhnliche Menschen in der Türkei solche Preise leisten können. Arnd erzählte, die Inflation liege derzeit bei rund 30 Prozent und dies sei unter anderem darauf zurückzuführen, dass die Regierung Erdoğan aus ideologischen beziehungsweise religiösen Gründen lange Zeit höhere Zinssätze abgelehnt habe. Viele Hotels, Restaurants und Käsegeschäfte waren weitgehend leer. Das Restaurant Anne Sofrası, das wir besuchten, schien ein bekanntes Lokal zu sein, das sogar im Fernsehen vorgestellt worden war. An einer Wand lief die entsprechenden Fernsehaufnahme in Endlosschleife. Trotzdem waren außer uns kaum Gäste da, und von der langen Liste der Gerichte auf der Speisekarte waren nur noch ein paar tatsächlich verfügbar.
Nun, da wir uns dem Ende unseres ersten Reisejahres nähern, ist unser Konsumverhalten etwas großzügiger geworden als zu Beginn der Reise. Wir haben erkannt, dass man unterwegs wertvolle Erinnerungen verpassen kann, wenn man zu sehr versucht, Geld und andere Ressourcen zu sparen.Läs mer
Mit dem Doğu Ekspresi nach Ankara
3 juni, Turkiet ⋅ ☁️ 26 °C
Arnd:
Jeden Tag fährt ein Zug von Kars, ganz im Nordosten der Türkei, nach Ankara. Geplante Fahrzeit 26 Stunden, typischerweise braucht er 29. Luftlinie sind es 870Km bis Ankara. In China wäre das eine 3-4 stündige Fahrt, aber von der Schönheit des Weges würde man nicht viel zu sehen bekommen. Diesen Zug fährt man nicht, um schnell vorwärts zu kommen. Von Kars nach Ankara startet der Zug um 8:00, von Ankara nach Kars spät abends. Der Grund dafür dürfte sein, dass die Landschaft im Osten wirklich spektakulär ist, während die Landschaft im westlichen Teil vergleichsweise weniger her macht. Also hat man die Fahrzeiten so gelegt, dass der Teil der Fahrt während der Nacht im Westen liegt.
Der Zug hat einen Wagen mit 4er Liegewagenabteilen. Beim Buchen im Internet kann man sich seine Plätze aussuchen und muss dabei angeben, ob der Platz für eine Frau oder einen Mann ist. Gemischte Belegungen sind nicht erlaubt, es sei denn, man bucht alle vier Plätze eines Abteils. Und das haben wir gemacht. Es war trotzdem nicht sehr teuer und wir haben auch niemandem etwas weggenommen, denn es gab noch freie Abteile. In die andere Richtung, Ankara nach Kars, ist er typischerweise ausgebucht. Auch im Winter ist er voller, denn Kars ist Wintersportort und die Landschaft dort ist im Winter besonders schön. Die anderen Wagen sind ziemlich leer und dienen wohl eher dem lokalen Verkehr.
Abfahrt 8:00, Frühstück im Hotel auch 8:00. Aber sie waren so nett, uns Brot und Käse am Abend vorher vorzubereiten, so dass wir was zum Frühstück hatten. Wir waren sehr früh am Bahnhof und dort lief alles ganz entspannt. Z.B. gibt es in der Türkei bei der Bahn auch eine Sicherheitskontrolle mit Röntgencheck des Gepäcks. Als wir den Bahnhof betraten, war das aber noch nicht in Betrieb. Wir konnten also so reingehen und der zuständige Mann hat nachher auch niemanden gebeten, den Check nachzuholen.
Wir wussten, dass es einen Speisewagen gab, aber die Berichte über das Essen waren uneinheitlich. Deshalb hatten wir auch etwas zu Essen selbst mitgebracht. Im Speisewagen saß man ganz schön und es war auch nicht voll. Man kann da beliebig lange sitzen bleiben. Da man nicht nur ein Fenster hat, ist die Aussicht dort besser. Unser erstes Mittagessen haben wir dort eingenommen. Unsere Wahl war ein aufgewärmtes Fertiggericht, aber mit frischem Salat. Salat gehört in der Türkei zu jedem Essen. Am nächsten Tag haben wir dort noch gefrühstückt. Es war alles ok, der Kaffee war ein Filterkaffee aus einem Drip Coffee Bag. Der war sogar ganz gut.
An der Wagentür wurden wir von einem sehr freundlichen Englisch sprechenden Mitarbeiter in Empfang genommen. Er hat sich während der Fahrt auch um alles gekümmert.
Der Zug hatte eine normale Geschwindigkeit von 80Km/h. Häufig waren die Autos auf einer benachbarten Straße etwas schneller. An schwierigen Stellen wurde die Geschwindigkeit aber auf 50Km/h reduziert. Der Zug war zwar nicht modern, aber ganz ordentlich gemacht. Die Strecke ist eingleisig und die Lokomotive ist eine Diesellok, die dreckigen Rauch ausstößt.
Die Landschaft begann in der weiten Hochebene von Kars. Dann wurde es langsam immer bergiger. Die höchsten Berge waren alle noch schneebedeckt. Manchmal habe ich auf meiner Karte geschaut, wie hoch die Berge sind. Die höchste Höhe, die ich gefunden habe war 3450m.
Wir fuhren fast immer entlang von kleinen bis mittleren Flüssen, die sehr viel Wasser führten, vermutlich noch von der Schneeschmelze oben in den Bergen. Die Flüsse waren nicht reguliert und Hea-Jee war immer wieder begeistert, wie schön sie mäandrierten. Die Innenseite der Kurven waren häufig mit Sträuchern bewachsen, weil dort Sediment abgelagert wird, die Außenseite war unbewachsen, weil sie erodierte. Alles wie im Lehrbuch.
Dort wo es einigermaßen flache Flächen in der Nähe von Ortschaften gab, wurde Ackerbau betrieben. Wir konnten allerdings nicht sehen, was dort angebaut wird, weil wir quasi im Frühling da waren und gerade erst gesäht worden war. Wir konnten aber überall auch Viehherden sehen, die die Landschaft abgrasten. Sie waren nicht eingezäunt, sondern es waren Viehhirten dabei.
Abends kurz vor Sonnenuntergang kamen wir noch durch eine spektakuläre Schlucht. Leider konnte man das nicht mehr gut fotografieren. Das Licht war schon etwas dunkel und weil die Schlucht so eng war, hätte man sehr schräg durch die Fenster fotografieren müssen, was nicht gut geht.
Als es dunkel war, haben wir unsere Betten gemacht und uns hin gelegt. Ich wollte noch ein paar Podcasts hören, bin aber bald eingeschlafen und habe auch ganz gut geschlafen.
Morgens im Speisewagen wurden wir gleich von unserem Betreuer angesprochen. Wir hatten schon 3 Stunden Verspätung, aber damit hatte ich ja gerechnet.Läs mer
Ankara
4 juni, Turkiet ⋅ ⛅ 27 °C
Arnd:
Den Footprint über die lange Reise aus Kars haben wir noch im Zug abgeschlossen. Deshalb hier noch ein paar späte Fotos. Ich habe morgens auch kaum noch aus dem Fenster geschaut, während Hea-Jee ganz begeistert über die Landschaft war und etliche Fotos gemacht hat.
Wir kamen so 13:30 mit 3 Stunden Verspätung an. Das hatte den Vorteil, dass wir gleich im Hotel einchecken konnten. Wir hatten dasselbe Hotel genommen, wie bei unserem zweiten Besuch in Ankara, noch auf der Hinfahrt. Unser erstes Hotel in Ankara roch ziemlich verraucht, weshalb wir uns beim zweiten Mal ein teureres gesucht hatten. Wir waren auch zufrieden, sonst hätten wir es diesmal nicht wieder gebucht. Aber diesmal roch unser Zimmer auch leicht verraucht.
Die Türkei gehört zu diesen aufsteigenden Ländern, die die Unsitte des Rauchens in öffentlichen Räumen noch nicht in den Griff bekommen haben. Auch in unserem Zug gestern roch es hin und wieder, wenn die Herren im übernächsten Abteil ihre Rauchrunde abhielten. Ich glaube, der Zugmanager hat sie überredet, wenigsten die Tür zuzumachen. Längere Pausen in Bahnhöfen wurden angekündigt, dann konnten die Raucher auf dem Bahnsteig rauchen. Ich habe aber auch ein paar Frauen, gerade auch ältere gesehen, die rauchen. Es ist nicht ein reines Männerproblem.
Nachdem wir im Restaurant nebenan ein vegetarisches Mahl eingenommen hatten (das gibt es in der Türkei!), war unser einziger Plan, ein Museum für moderne Kunst zu besuchen, dass ich auf meiner Karte entdeckt hatte, cermodern. Dahin mussten wir wieder eine Station mit der U-Bahn fahren, oder 1,5km laufen.
Es ist gut, dass auch Ankara eine U-Bahn hat. Aber sie hat so ihre Probleme. Ganz akut scheint sie von einer Fahrstuhl- und Rolltreppenepidemie heimgesucht zu werden. Am Bahnhof gibt es eine Station. Um dahin zu kommen, muss man den Bahnhof erstmal verlassen, 30m ohne Überdachung laufen und könnte dann per Rolltreppe oder Fahrstuhl zur U-Bahn runterfahren. Beides ganz moderne Gebäude! Leider sind aber die Rolltreppe und der Fahrstuhl defekt und auch die parallele Treppe ist gesperrt. Also nochmal 50m weiter laufen und da gibt es nur eine schmale Treppe. Vorm Bahnhof, wo viele Leute mit Gepäck ankommen! In der U-Bahnstation bei unserem Hotel war zeitweise auch eine lange Rolltreppe defekt und in der Station beim Museum war auch einiges kaputt.
Das andere Problem dieser U-Bahn ist die klägliche Beschilderung. Wir sind teilweise auf Verdacht irgendwo rausgegangen, weil es nicht möglich war, den besten Ausgang zu finden. Vielleicht hätte man einfach irgendwo eine Karte der Umgebung aufhängen können? Und damit zu unserem Museum.
Auf dem Weg zum Museum kamen wir an diesen riesigen modernen Gebäude vorbei und dachten erst: Tolles Museum. Aber das war das Konzerthaus.
Ich vermute, dieses Museum is privat betrieben, die Website sagt dazu leider nichts. Nach der Kasse gingen wir in einen großen Raum mit einer Einzelausstellung eines lebenden türkischen Künstlers, Hakan Esmer, der aus Trabzon an der Schwarzmeerküste stammt. Dort sind wir ja auch zweimal durchgefahren. Direkt an dieser Küste beginnen gleich recht hohe und steile Berge. Die Winter sind kalt und lang. Landwirtschaft ist schwierig und das Leben dort deshalb hart. Der Künstler ist wohl früh weggezogen, hat aber durch seinen Vater die Beziehung dorthin aufrechterhalten.
Das war durchaus schön und interessant. Aber wir hatten irgendwie die Erwartung an ein Museum, das uns einen Überblick verschafft über neuere Kunst in der Türkei. Erst später wurde mir klar, dass das gar nicht selbstverständlich ist. In der Türkei ist das muslimische Bilderverbot lange und gründlich befolgt worden. Deshalb haben sie einfach keine künstlerische Tradition außer im Bereich Kaligraphie und abstrakte Ornamentik. Mir kam sogar der Gedanke, ob die fehlende Umgebungskarte in den U-Bahnstationen darauf zurückzuführen ist. Wir werden das in Istanbul weiter verfolgen.
Wie ich später auf der Website gesehen habe, hätte es noch zwei weitere Ausstellungen gegeben. Wir haben vor Ort aber keinerlei Hinweise darauf gesehen und haben das deshalb verpasst. Schlechte Beschilderung.
Danach wollte ich noch Atatürk einen Besuch abstatten. Sein Mausoleum war nicht weit entfernt. Aber als wir vorm Eingang des Parks standen, in dem es sich befindet, sahen wir, dass er nachts geschlossen wird. Man sieht im Land doch recht häufig Bilder von ihm, z.B. in Kars im modernen Café. Ich denke, dass er von vielen Türken immer noch hoch geschätzt wird.
Zum Schluss noch zur Entlastung unseres Hotels: Das Frühstück dort war sehr schön. Auf dem Foto von der Teemaschine kann man hinter dem Besteck noch ein bisschen Kaffeemaschine mit zwei Kännchen erspähen. Die macht natürlich türkischen Mokka. Nur weiß niemand, wie man sie bedient, jedenfalls war ich der einzige, der so einen Kaffe getrunken hat. Mein Trick: Es gab dort eine Mitarbeiterin, die alles in Ordnung hielt und die hat mir gern mit der Maschine einen Kaffee gekocht.
Unser Frühstücksteller sieht pflanzenbet aus. Aber nicht alle Türken essen so. Es gab auch Pommes Frites im Angebot und mancher Gast hatte davon einen ziemlichen Berg auf dem Teller.
Hea-Jee:
Ich hatte einen guten Eindruck von der Innenstadt von Ankara, die wir im vergangenen Jahr zuletzt besucht hatten. Auch diesmal wirkte die Innenstadt lebendig. Große und kleine Geschäfte, Restaurants und Cafés reihten sich aneinander, und Menschen aller Altersgruppen flanierten durch die Fußgängerzone.
In Kars hatte ich kaum Frauen mit Hijab gesehen, und in Ankara war es ähnlich. Die meisten jungen Frauen trugen ihr Haar frei, manche hatten es sogar blau gefärbt, und bewegten sich ganz ungezwungen in leichter Kleidung, etwa bauchfreien Tops, durch die Stadt. Auf den gepflegten Rasenflächen der Parks saßen junge Leute in kleinen Gruppen zusammen und vertrieben sich die Zeit.
Wir hatten uns fest vorgenommen, wieder Lahmacun zu essen, den wir beim letzten Mal vor unserem Hotel gegessen hatten. Diese türkische Pizza besteht aus einem dünnen Teigfladen, der mit gewürztem Hackfleisch bestrichen wird; frisch aus dem großen Ofen gebacken schmeckt sie herrlich knusprig. Auch der Preis war erstaunlich günstig: Zwei Lahmacun und ein Getränk kosteten nur 136 Türkische Lira (2,50 Euro). Wir freuten uns, dass das Restaurant noch immer existierte, und wollten dort am Abend essen gehen. Doch da unser spätes Mittagessen uns bis zum Abend noch schwer im Magen lag, aßen wir am Ende gar nichts mehr und schliefen einfach ein.Läs mer















































































































































































































































































































































































































































