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Südkorea und Japan 2026

En 49-dags äventyr från Silvie Läs mer
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    🇨🇭 Gisikon, Schweiz

    Tokio: Von Herzen danke!

    4 timmar sedan, Japan ⋅ ☁️ 27 °C

    Am 14. April bin in ich Seoul gelandet, 47 Tage später reise ich heute von Tokio aus zurück nach Hause. Das Herz voller Bilder und Momente, Begegnungen und Erlebnissen. Glücklich blicke ich zurück und nach vorne. Ich freue mich von Herzen auf meine Familie, meine Freunde, mein Leben – und den Final der Eishockey-WM mit der Schweiz!

    Was wird bleiben? Ich glaube, meine Erinnerungen werden sich nicht um die einzelnen Sehenswürdigkeiten drehen. Diese haben mir geholfen, einen Einstieg in fremde Kulturen zu finden und sie besser zu verstehen. Für mich geht es eher um die kleinen Erfahrungen zwischen den grossen Meilensteinen. Das Gespräch mit Händen und Füssen hier, das süsse Mädchen in Seoul, das nicht aufhören wollte mich anzulächeln, die herzliche Wirtin in Busan, die mir das Essen offerierte, mein Guide Joe, der mir Südkoreas Seele erklärte, die Velotourführerin Aka, die in Kyoto vorausfuhr, mit breitem Grinsen zurückblickte und während des Fahrens völlig unbeschwert über ihr Leben in Japan erzählte, die liebenswürdige Tätschmeisterin meiner Stammbeiz in Tokio. Ich habe viele solcher einzigartigen Momente erleben dürfen. Sie sind es, die sich eingraviert haben.

    Seit ich 18 Jahre alt war, fiel ich Entscheidungen nicht mehr nur für mich: Job, Mann, Kinder, Haus, Unternehmen, Gesundheit. Jetzt hatte ich das Glück, zum ersten Mal seit vielen Jahren einfach machen zu können, was ich will, wann ich will, wo ich will, wie ich will, wie lange ich will. Ohne Kompromisse. Diese Freiheit war magisch. Ich habe jede Sekunde genossen. Auch mit mir allein. Auf Reisen merkt man, wie relativ die eigene Normalität ist. Dass wir geprägt sind von Gewohnheiten. Und das ist ok so.

    Von Anfang an war es mir wichtig, die Menschen zu studieren, ihren Alltag so gut wie möglich zu sehen, Details zu erkennen und Unterschiede zu spüren. Für mich sind es diese Dinge, die den Blick auf das eigene Leben schärfen und beeinflussen. Die Welt dreht sich nicht nur um meine Kultur und meine Vorstellungen. Es ist wichtig zu sehen, dass andere Länder und Kulturen völlig unterschiedlich funktionieren und so ebenfalls zum Ziel kommen. Es kommt mir vor wie bei der Erziehung der Kinder: Sobald man aufhört zu glauben, dass man den einzig richtigen Weg kennt, öffnen sich neue Perspektiven und plötzlich lernt man von den Kindern.

    Ich wollte bewusst ganz unterschiedliche Seiten von Südkorea und Japan kennenlernen. Deshalb war ich auch an Orten, die weder touristische Highlights boten noch sexy waren. Aber genau dort habe ich viel Authentisches erlebt und gespürt. Planung und Organisation waren wichtig für meine Reise. Und doch war ich viel stärker im Moment als daheim. Weniger Autopilot. Mehr Vertrauen, dass es schon gut kommt, wenn ich mich treiben lasse.

    Und erstaunlicherweise war das auch so. Kein Erdbeben (davor hatte ich echt Schiss), kein Tsunami, keine Wetterkatastrophe, kein Unfall, keine Verirrungen. Es kam immer gleich der richtige Zug, ich landete stets an interessanten Plätzchen und fand regelmässig, was ich nicht gesucht hatte. Ich bin gefühlsmässig immer zur richtigen Zeit am richtigen Ort gewesen. Rein instinktiv. Keine Ahnung, was ich verpasst habe. Ich weiss nur, was ich geniessen konnte. Und das war so viel mehr als ich je gehofft hätte.

    Offen zu sein für neue Umgebungen, neue Geräusche, neue Gerüche, neue Geschmäcker, neue Regeln, neue Menschen hat mir viel geschenkt. Zeit und Freiheit waren für mich der wahre Luxus.

    Ob meine Haare nun wie ein explodiertes Vogelnest aussahen oder nicht, spielte keine Rolle. Mich interessierte das Erlebnis, alles andere war egal. Zuhause ist das nicht immer so. Man trifft sich wieder und möchte ein gutes Bild von sich selbst hinterlassen. Das hat mich hier kein bisschen gekümmert. Dadurch wurde vieles einfacher und manchmal auch echter. Ein Nein fiel leichter. Ein gutes Essen, eine überraschende Begegnung oder ein flüchtiger Moment brannten sich möglicherweise tiefer ein als genauso wertvolle Erlebnisse daheim. Im Alltag nimmt man diese Erlebnisse weniger wahr.

    Vielleicht ist das ja die Kunst des Reisens: Alles Neue zu geniessen und sich immer bewusst zu sein, dass es zuhause mindestens ebenso gut ist. Man muss daheim nur auch offen sein wie auf Reisen und dem Alltag die gleiche Wertschätzung schenken wie dem Aussergewöhnlichen. Dann wird aus der Kunst des Reisens vielleicht sogar die Kunst des Lebens. Und wenn man aufhört, die fehlende Zeit, die fehlende Flexibilität oder die fehlende Energie als Grund aufzuführen, seinem Leben daheim nicht genauso positiv gegenüberzustehen wie dem Leben auf Reisen, ist vermutlich schon sehr viel gewonnen. Schliesslich ist Leben immer Leben. Wir haben nur eines.

    Mit diesen ersten, rudimentären Gedanken zu meiner Auszeit verabschiede ich mich aus Japan. Ich möchte mich nochmals von Herzen bei meinem Mann und meinen Kindern für ihre tolle Unterstützung danken. Ohne sie wäre meine wunderbare Reise nicht möglich gewesen. Ich bin unendlich dankbar.

    Sehr gefreut haben mich auch die Mitreisenden auf meinem Find Penguins. Es war aufwendig, à jour zu bleiben. Aber auch diese Zeit war sehr wertvoll für mich. Oft sind mir beim Reflektieren meines Tages Details aufgefallen, die ich vorher übersehen hatte. Es haben sich neue Fragen ergeben, die ich beantworten wollte. So habe ich den Tag wie noch einmal erlebt und wichtige Antworten gesucht und gefunden. Seid bitte nicht zu streng mit mir, wenn sich Fehler eingeschlichen haben. Meistens habe ich todmüde vor dem Schlafengehen geschrieben und wollte den Text nicht noch 100x durchlesen. Auch diese Form von Loslassen war befreiend.

    Ich bin zwar schon oft gereist. Aber wenn ich privat unterwegs war, blieb die Reisezeit beschränkt. Und wenn ich geschäftlich reiste, hatte ich wenig Möglichkeiten, um abseits meiner Aufgaben abzutauchen. Diese Reise nun war die Erfüllung eines lang gehegten Traums. Dumm nur, dass die Sehnsucht nach Reisen nicht gestillt, sondern erst recht geweckt wurde … Aber jetzt setze ich mich erst mal in das Flugzeug, um knapp 14,5 Stunden nach Hause zu fliegen. Und freue mich wie ein kleines Kind auf meine Family.

    Sayonara und Grüezi!
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  • Tokio: Fake-Sushi zum Abschied

    30 maj, Japan ⋅ ☀️ 28 °C

    Mekka liegt in Tokio an der Kappabashi Strasse – wenigstens das Mekka für alles, was Profi- und Hobbyköche sich ausser den frischen Lebensmitteln selbst je wünschen könnten. Ich hätte auch ein paar Wünsche gehabt. Aber mein Koffer war schon voll und die Gewichtslimite wurde bereits vor langer Zeit überschritten …

    Rund 800 Meter lang ist die Kappabashi Strasse und ideal, um bei 30 Grad Hitze unter den Arkaden zu wandeln und die gut 170 Geschäfte zu besuchen. Japan-Messer, Geschirr in allen Farben und Formen, Pfannen, Siebe, Reiben, Dampfkörbe, Gläser, Laternen und Eingangs-Vorhänge für die Restaurants, Servietten, Glücksfische, Essstäbchen, En-Gros-Dosen mit Saucen und Gewürzen – alles, was das Herz begehrt, ist hier zu finden und noch viel mehr.

    Der riesige, 10 Meter grosse Kopf eines Küchenchefs auf dem Dach eines Geschäfts begrüsst alle Besuchenden in «Kitchen-Town». So wird die Kappabashi Strasse liebevoll genannt. Denn sie ist eine der speziellsten Strassen Tokios. Zwischen dem Sonso-Ji-Tempel und Ueno gelegen, herrscht ein ganz anderer Vibe als wenige Meter weiter. Ursprünglich war Kappabashi Japans grösste Einkaufsstrasse für Küchen- und Restaurantbedarf. Inzwischen hat sich das Geschäft online verlagert, aber zwischen den Touristen sind immer noch vereinzelt Japaner in Kochuniformen unterwegs.

    Auch ich hätte stundenlang Porzellan-Schälchen und Geschirr aussuchen oder auf gefühlten 10 Quadratmetern Tausende von Küchenhelfern studieren können. Die Messergeschäfte liess ich aus, die waren total überlaufen. Was ich richtig cool fand, waren die Geschäfte mit den Nachbildungen von Lebensmitteln, die in Japan vor fast jedem Restaurant die Menüs zeigen, die bestellt werden können. Sampuru werden diese Fakes genannt, das Wort kommt vom englischen «sample» (Muster).

    Die Dinger sind nicht einfach Dekoration, sondern ein Kommunikationsmittel. Früher konnten viele Menschen die Menüs nicht gut lesen oder kannten gewisse Gerichte nicht. Wir doofen Touristen sowieso nicht. Deshalb zeigen die Restaurants in den Schaufenstern vor dem Eingang exakt, was man bekommt, inklusive Portionengrösse, Zutaten und Präsentation.

    Die Ursprünge von Sampuru liegen rund 100 Jahre zurück. Japan modernisierte sich rasch, westliche Gerichte wurden populär, aber viele Kunden kannten sie nicht. Da kam einem cleveren Unternehmer die Idee, die Gerichte in Wachs nachzubauen und auszustellen. Daraus wuchs eine ganze Industrie.

    Heute sind die Sampuru meistens aus Kunststoff und sollen nicht Kopien darstellen, sondern die Erinnerung an den perfekten Geschmack auslösen. Deshalb wirkt Tempura oft knuspriger, Sushi glänzender, Ramen frischer und Bier schaumiger. Die Handwerker versuchen nicht nur das Aussehen, sondern auch das Gefühl des Essens darzustellen. Den Betrachtenden soll das Wasser im Mund zusammenlaufen, damit sie ins Restaurant kommen.

    Sampuru vereinen mehrere typisch japanische Eigenschaften: Perfektionismus, Handwerkskunst, Humor, Liebe zum Detail. Sie sind deshalb ideale Souvenirs. Ich habe mir heute auch zwei Sushi-Schlüsselanhänger gekauft und liebe sie. Sie passen sogar noch in meinen Koffer! 🤣
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  • In Yokohama begrüsste mich Friedrich Schiller auf Deutsch und später tauchte ich noch in China ab … Echt wahr.

    Auch heute durfte ich wieder einen interessanten Ausflug von Tokio aus geniessen. Yokohama kann ich empfehlen: Viel weniger Menschen als in Tokio, tiefenentspannt, schöne Meerespromenade und spannende Orte.

    Die USA machte Yokohama zuerst gross, als es Japan 1853 mit einer Kriegsflotte aus der Isolation zum Handel zwang und Yokohama 1859 zum Vertragshafen bestimmt wurde. Dann wieder nieder, als es Yokohama im zweiten Weltkrieg zu Schutt und Asche bombte. Japan baute alles neu auf. Aus dem früheren Fischerdorf mit etwa 100 Häusern wurde einer der grössten Seehäfen Ostasien und das wichtigste Tor Japans zur westlichen Welt. Deshalb wird Yokohama oft als die Geburtsstadt des modernen Japans genannt.

    Yokohama ist heute mit rund 3,77 Mio. Einwohnern die zweitgrösste Stadt Japans nach Tokio. Die beiden Städte wachsen aber immer mehr zusammen und bilden mit knapp 40 Mio. Einwohnern die grösste Metropolregion der Welt. Und doch ist mir Yokohama heute ganz anders vorgekommen als Tokio. Die Stadt wirkte relaxter und luftiger als Tokio. Und das nicht, weil rund 1 Million knapp 40 Minuten per Zug zur Arbeit nach Tokio pendelt, denn umgekehrt passiert das genauso. Wahrscheinlich ist es das Meer, die grosszügige Promenade, die Weitsicht. Und vielleicht auch der westliche Einfluss, der seit der Geburt der Handelsstadt auf Yokohama wirkt.

    Diesem Einfluss begegnete ich gleich, als ich in Minato Mirai die Rolltreppe von der U-Bahn-Station hochfuhr. Dabei kam ich über mehrere Stockwerke an einer Eisen-Installation mit japanischen und deutschen Zeilen vorbei, die so riesig war, dass ich sie von nirgends ganz aufs Foto brachte. Offenbar hat der amerikanische Konzeptkünstler Joseph Kosuth, der oft mit Sprache, Übersetzung und Bedeutung arbeitet, bewusst einen philosophischen Text aus Europa eingebaut.

    Der Text beginnt mit «Der Baum treibt unzählige Keime …» und stammt aus Friedrich Schillers philosophischen Schriften über Natur, Freiheit und die Entwicklung des Menschen. Schiller beschreibt darin die Natur als etwas, das ständig mehr hervorbringt, als zum blossen Überleben nötig wäre. Für ihn ist dieser Überfluss ein Hinweis auf Freiheit, Schönheit und schöpferische Entfaltung. Darum passt der Text erstaunlich gut zu Minato Mirai: Das ganze Quartier wurde als visionäre «Stadt der Zukunft» geplant. Zwischen Glasfassaden, Hafen und futuristischer Architektur spricht Schiller über Wachstum, Möglichkeiten und die Entfaltung des Menschen – Themen, welche die Planer des Viertels bewusst aufgreifen wollten. Die Wand mit Schillerst Text wirkt fast wie ein monumentales Gedicht oder Manifest im öffentlichen Raum — passend zur modernen Architektur von Minato Mirai.

    Minato Mirai 21 bedeutet wörtlich «Hafen der Zukunft 21» und ist das futuristische Herz von Yokohama. Das Gebiet wurde ab den 1980er-Jahren auf ehemaligen Werft- und Hafenflächen entwickelt und verbindet heute Skyline, Meer, Kultur, Shopping, Freizeit und Business auf engem Raum. Mein Streifzug führte mich erst mit der Gondelbahn zur Küste, danach zu Fuss der Promenade entlang wieder in die Stadt und zur Chinatown. Was für ein Kontrast.

    Yokohama beheimatet die grösste Chinatown Asiens und eine der grössten weltweit. Die chinesische Stadt einwickelte sich direkt nach der Hafenöffnung im Jahr 1859 und wuchs schnell zu einem lebendigen, farbenfrohen Kultur- und Gastronomieviertel mitten in Yokohama.

    Das Viertel fasziniert durch seine Mischung aus chinesischer Tradition und japanischer Präzision. Trotz schwerer Rückschläge wie das grosse Kanto-Erdbeben 1923 und der Zerstörung im Zweiten Weltkrieg bauten die Bewohner ihr Viertel jedes Mal detailgetreu und noch prächtiger wieder auf. Yokohamas Chinatown ist streng nach den Prinzipien von Feng Shui gestaltet und hebt sich radikal vom restlichen Stadtbild ab.

    Das Viertel wird von zehn grossen, prachtvoll verzierten Toren bewacht. Die vier Haupttore an den Himmelsrichtungen sollen Glück bringen und böse Geister abwehren. Heute wohnen zwar weniger Chinesen direkt im Viertel, aber es ist das unangefochtene kulinarische Zentrum der Region mit über 500 Geschäften und Restaurants. Typisch ist das Essen auf der Strasse. Berühmt sind die Nikuman, das sind riesige, gedämpfte Teigtaschen mit Fleischfüllung, sowie Xiao Long Bao.

    Ich habe Xiao Long Bao mit Schweins- und mit Meeresfrüchte-Füllung probiert. Die sind wie Ravioli, aber es hat noch heisse Suppe drin. Die Teigtaschen werden im Bambuskorb gedämpft, die Suppe entsteht aus der Füllung, die beim Dämpfen geliert. Aber Achtung: Wer direkt hineinbeisst, riskiert eine verbrannte Zunge. Man muss die Ravioli mit den Stäbchen aufnehmen, ein kleines Loch hineinbeissen, die Suppe ausschlürfen und dann den Rest essen. Schmeckte wunderbar!

    Als ich durch die Chinatown schlenderte, war noch nicht so viel los, wie wenn abends die Laternen leuchten und das Nachtleben pulsiert. Nur eine Branche hatte bereits Hochbetrieb: Sehr viele wollten sich aus der Hand lesen lassen. Ich nicht. Das Schlechte will ich nicht wissen und das Gute nehme ich sowieso mit offenen Armen, wann und wie es kommt!
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  • Tokio: Das Essen ist einfach umhhhmmmaaamiii!

    28 maj, Japan ⋅ ☁️ 26 °C

    Weil ich in Japan ja wirklich kaum zum Essen komme, habe ich heute wieder mal einen Kochkurs besucht. Acht Gerichte von den Vorspeisen bis zum Dessert und dazwischen Wagyu-Beef. Ich habe viel gelernt über die japanische Küche und dabei ein Gourmet-Zmittag geniessen dürfen. Win-win!

    Das Auge isst immer mit. In Japan sind die Augen noch schärfer. Jedes Detail der Mahlzeiten ist durchdacht und optisch optimiert. Auch heute beim Kochkurs: Vom Akkordeon-Schnitt der Gurken über das Bambusmatten-Muster auf der Omelette, dem Anrichten der Poulet-Gemüse-Maki, dem Ausstechen des Rüebli bis zum Schnitzen der Pilze – alles wurde präzise gestaltet. Es zählte nicht nur der Geschmack, sondern das ganzheitliche Erlebnis.

    Das hat in Japan tief verwurzelte Gründe – kulturell, historisch und philosophisch. Essen soll ein Gesamterlebnis sein. Wenn Essen schön angerichtet ist, zeigt es Wertschätzung gegenüber der Kochkunst, der Natur, den Zutaten und dem Gast.

    Der Zen-Buddhismus prägt auch das Essen stark: Klarheit, Harmonie, Balance und die bewusste Wahrnehmung des Moments sind das Ziel. Deshalb sieht man oft eine asymmetrische Anordnung des Essens auf dem Teller, viel leeren Raum, natürliche Farben und saisonale Dekoration.

    Zum Beispiel wird das Rüebli in meinem Kochkurs im Frühling als Kirschblüte ausgestochen, im Herbst aber als Ahornblatt. In einem guten japanischen Restaurant liegt ein Gemüseblatt «zufällig» wie im Wald, ein Fisch wird wie in eine Landschaft arrangiert, die Farben erinnern an die Jahreszeiten. So erzählt jeder Teller eine kleine Geschichte.

    Aus Japan kommt auch die wunderbare fünfte Geschmacksrichtung Umami. Umai» heisst köstlich, «mi» bedeutet Geschmack. Daraus wurde also Umami, das süss, salzig, sauer und bitter bereichert. Ich hatte heute wunderbare Umami-Zutaten wie die Dashi-Brühe aus Kombu-Algen und Bonitoflocken, Sojasauce, Misopaste, Shiitake-Pilze.

    Wir Schweizer versuchen, Intensität ja häufiger mit Fett, Butter, Rahm, Zucker oder starken Gewürzen zu erreichen. Aromat zum Beispiel ist wie Umami Glutamat. Aber Aromat wird einfach darüber gestreut, während das Geschmackserlebnis Umami in Japan natürlich durch Brühen und Fermentation entsteht. Die japanische Küche ist da subtiler und eleganter. Deshalb sind die Mahlzeiten leicht aber trotzdem unglaublich geschmackvoll.

    Die japanische Kultur legt viel Wert auf Präzision, Ordnung, Detailgenauigkeit und saubere Präsentation. Das zeigt sich nicht nur am Tisch, sondern bereits bei den Verpackungen, den Bento-Boxen, den Auslagen in den Take-Away-Geschäften, bei Desserts und bei Früchten. Ich habe weder in Südkorea noch hier in Japan auswärts je schlecht gegessen. Selbst die billigste Mahlzeit, beispielsweise Ramen-Nudeln, bot stets ausgezeichnete Brühe und frische Zutaten. Das finde ich echt beeindruckend.
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  • Nikko: Machtdemonstration in den Bergen

    26 maj, Japan ⋅ ☁️ 21 °C

    Wieso haben die im 17. Jahrhundert irgendwo in den Pampas eine so wichtige Tempelanlage wie Nikko Tosho-gu gebaut? Das fragte ich mich die ganze Zeit, als ich heute knapp zwei Stunden lang von Tokio aus durch die Reisfelder der Kanto-Ebene nach Nikko in die Berge fuhr. Aber Japan wäre nicht Japan, wenn es nicht gute, vielleicht versteckte Gründe gäbe. Also habe ich mich auf die Suche begeben.

    Tosho-gu haut einem um. Der Schrein ist ganz anders als diejenigen, die ich bisher gesehen habe. 1617 als eher bescheidenes Mausoleum begonnen, führte der grosse Umbau von 1634 bis 1636 zu Protz und Prunk mit über 100 Gebäuden, Gold, Schnitzereien (die berühmten drei Affen) und unzähligen Symbolen. Damals arbeiteten angeblich über eine Million Handwerker und Arbeiter am Ausbau — für die Edo-Zeit ein gigantisches Prestigeprojekt.

    Nikko lässt sich am besten als eine Mischung aus Naturheiligtum, spirituellem und historischem Machtzentrum erklären. Tiefer Wald, Berge und Wasserfälle, Shinto und Buddhismus, Ruhe und überwältigende Pracht. Ein in Japan berühmtes Sprichwort lautet:
    «Sage nicht, etwas sei prachtvoll, bevor du Nikko gesehen hast.»

    Die Gegend wurde über Jahrhunderte als heiliger Bergort verehrt. Die Samurai-Kämpfer erholten sich in den heissen Thermalquellen von den Kriegsstrapazen. Tosho-gu ist nicht einfach ein Schrein in den Bergen. Das merkte ich dort oben schnell. Nikko war im früheren Japan vor allem deshalb so wichtig, weil es als letzte Ruhestätte von Tokugawa Ieyasu, dem mächtigen Begründer des Tokugawa-Shogunats, diente. Das war der Mann, der Japans Einigung ermöglichte. Das Shogunat war die militärische Herrschaft Japans. Frei nach dem Motto: Mir ist egal, wer über mir Kaiser ist …

    Ieyasus Erben machten den abgelegenen Ort zum prunkvollen spirituellen Zentrum und politischen Machtsymbol Japans. Dabei ging es nicht um Bescheidenheit, sondern um Einschüchterung, Reichtum, göttliche Legitimation und die Ewigkeit des Shogunats.
    Aber wieso Nikko? Die isolierte Lage war strategisch, religiös und politisch exakt so gewollt. In Japan gelten Berge, Wasserfälle, Nebel und uralte Wälder als spirituell aufgeladen. Natur und Architektur und Spiritualität sind hier oben zusammengewachsen. Die Shogune nutzten diesen bestehenden Nimbus, um ihre Herrschaft spirituell abzusichern.

    Um ihre Macht zu demonstrieren, organisierten sie aufwendige Prozessionen von der damaligen Hauptstadt Edo (heute Tokio) nach Nikko. Nikko liegt gemäss der traditionellen Kosmologie genau nordöstlich von Edo und wirkte als spiritueller Schild. Ieyasus Geist sollte dort als Gott über den Norden wachen und Edo vor Dämonen und Feinden schützen.

    Ein weiterer wichtiger Aspekt, war der Psychokrieg: Der Shogun zwang rivalisierende Fürsten, die teuren Tempel in den Bergen zu bauen und zu bezahlen. Das bedeutete den finanziellen Ruin für die Konkurrenten und zementierte die Macht des Shoguns. Ausserdem bewies der Shogun absolute Kontrolle übers Land, wenn er tonnenschwere Baumaterialien und Blattgold mitten in die Wildnis transportieren konnte.

    Rund 45 Bus-Minuten von der heiligen Stätte entfernt liegt der Chuzenji-See auf 1269 Metern. Er ist damit der höchstgelegene, grössere Natursee Japans. Von ihm stammt das Wasser, das die oben erwähnte Reisfelder in der Ebene nährt. Dieser See speist auch die berühmten Kegon Wasserfälle. Das Wasser stürzt in mehreren Läufen tief in eine Schlucht. Ich fuhr mit dem Lift 100 Meter ins Tal runter und konnte mir die Wassermassen von verschiedenen Terrassen aus ansehen. Aktuell hat der See gerade nicht so viel Wasser und die Schifffahrt ist reduziert, weil es seit der letzten Regenzeit im Sommer 2025 nicht viel geregnet hat. Dennoch sind solche Wasserfälle schon irgendwie magisch.

    Den See, die Wasserfälle und den Tosho-gu zu sehen, haben mich verstehen lassen, dass Nikko nicht in den Pampas liegt, sondern, dass Nikko über allem steht – egal wo.
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  • Enoshima: Überraschungseier und Hawaii-Vibes

    25 maj, Japan ⋅ ☁️ 23 °C

    Jeden Tag freue ich mich wie ein kleines Kind auf alles Unbekannte, das mich erwartet. Wenn ich mit Zug, Bus oder der U-Bahn unterwegs bin und alles zum ersten Mal sehe und erlebe, ist das wie früher beim Öffnen der Überraschungseier. Besonders, wenn ich aus dem Untergrund wieder nach oben gespült werde, erfüllt mich diese Spannung. Das ist ein grossartiges Gefühl!

    Heute hatte ich mit dem Weg selbst gleich drei Ziele und durfte einen wunderbaren Tag geniessen. Rund drei Stunden war ich hin und zurück mit dem Zug unterwegs und hatte viel Zeit fürs Menschenstudium der JapanerInnen. Das ist jedes Mal faszinierend. Wie können so viele Leute so wenig Geräusche produzieren? Ich habe drei Gruppen definiert, die mich interessieren: Die Freisteher, die Schläfer und die Wachen.

    Die Freisteher imponieren mir. Meistens finde ich keinen Platz bei all den Leuten, muss also stehen und mich krampfhaft irgendwo festhalten – und dennoch rüttelt und schüttelt es mich durch vom Feinsten. Doch die Freisteher, das sind ÖV-Genies: Sie stehen ganz locker, balancieren Zugbewegungen elegant aus und spielen gleichzeitig Games auf dem Handy. Und es sind nicht nur Teenager. Beeindruckend. Ebenso spannend finde ich die Schläfer. Ich höre nie einen Wecker oder eine Handy-Vibration. Wie schaffen es die Schläfer, ihre Station nicht zu verpassen? Wie können sie in einem rappelvollen Abteil so loslassen, dass sie gleich in ihre Träume abtauchen? Das würde ich auch gern schaffen. Die Wachen sind lustig. Sie beobachten wie ich auch. Dabei treffen sich immer wieder unsere Blicke. Mein Ziel ist es, das auszuhalten und nicht wegzuschauen. Ich habe damit begonnen, einfach mal jemanden beim Gaffen anzulächeln. Damit habe ich bisher immer gewonnen … 🤣

    Doch zurück zu meinem Tag. Es ging heute nicht nur ums Zugfahren, ich hatte auch zwei Ziele am Pazifik, die ich besuchen wollte: Hase und Enoshima. In Hase standen der grosse Buddha Daibutsu sowie den Hasedera-Tempel auf meinem Programm. Ich bin echt kein Religions-Freak oder so. Aber wenn nicht Tausende von Touristen unterwegs sind, lösen solche Orte schon etwas aus in mir. Ich frage mich immer, wer hier alles schon gewesen ist und was gefühlt hat. Wie viele Wünsche schon ausgesprochen worden sind und wie viel Mut oder auch Verzweiflung die Menschen dabei getrieben hat. Und immer bewundere ich die Parkanlagen, den Frieden und die Ruhe, die einen erfassen können, wenn es die Umstände möglich machen.

    Der grosse Buddha «Daibutsu» ist aus Bronze, 11,3 Meter hoch und wiegt rund 121 Tonnen. Was mich bei ihm berührte: Normalerweise stehen die Buddha-Statuen geschützt und verehrt drinnen. Daibutsu aber sitzt seit dem 15. Jahrhundert unter freiem Himmel, weil seine früheren Häuser alle von Tsunamis zerstört worden sind. Jetzt meditiert Daibutsu exponiert und dennoch ganz ruhig draussen, fast so, als hätte er akzeptiert, dass Katastrophen zum Leben gehören und man das Beste daraus machen muss. Er wirkt nicht stolz, nicht einschüchternd, sondern in sich ruhend und völlig unbeeindruckt, von dem was, um ihn herum so abgeht. Im Zug wäre Daibutsu ein Freisteher.

    Hase beheimatet zudem den Hasedera-Tempel. In wunderschöner, terrassierter Hanglage eröffnen sich den Betrachtenden immer neue Perspektiven und Ausblicke, auch wunderbare Aussichtspunkte auf das Meer. Was ich nicht wusste: Hasedera ist berühmt für die vielen kleinen Jizō-Figuren: Diese stehen für verstorbene Kinder oder ungeborene Seelen. Da wird plötzlich vieles still in einem und alte Wunden platzen wieder auf. Doch die ganze Tempelanlage wirkt so friedlich und harmonisch, dass man dennoch Ruhe findet und Gewesenes im Jetzigen ok ist.

    Zum Abschluss fahre ich nach Enoshima, einer Insel zwischen Mythos und Ferienort.
    Heute wirkt Enoshima touristisch und locker – aber historisch war die Insel ein spiritueller Ort für Pilger, Mönche und Samurai. Enoshima galt lange als mystische Insel mit Drachenlegenden und spiritueller Energie. Jetzt jagen die Touristen von der Promenade aus ein gutes Foto vom Mount Fuji (der Schlingel zeigte sich heute nicht richtig), die Surfer reiten die Wellen, und die Liebespaare kommen, um die traumhaften Sonnenuntergänge zu sehen. Hawaii ist zwar rund 8 Flugstunden entfernt, aber Enoshima geniesst in Japan den Ruf eines Mini-Hawaiis wegen der Surfkultur, der Palmen, dem Meerblick sowie der entspannten Küstenatmosphäre.

    Mein Ausflug war schön heute. Es ist genial, wenn man genug Zeit hat, um anderen Wegen zu folgen als den naheliegenden. Ich bin echt dankbar!
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  • Tokio: Weihrauch am Sumo-Sonntag

    24 maj, Japan ⋅ ☁️ 22 °C

    Kultur war heute angesagt: Zuerst in Asakusa in und um den riesigen Sensoji Tempel mit dem grossen Weihrauch-Räucherkessel. Danach bei der Final-Show der japanischen Sumo-Superstars in der Ryōgoku Kokugikan Sumo Halle.

    Alles in mir möchte gleich vom Sumo lossprudeln. Doch ich spare mir das auf und beginne chronologisch. Denn ich startete in Asakusa in den Sumo-Sonntag. Asakusa ist mit dem Sensoji Tempel sowie den Einkaufsstrassen rundherum das beliebteste Touristenziel Tokios. Dementsprechend viele Leute waren unterwegs. So fehlte mir die Lust, um den Tempel zu erkunden. Was mir auffiel, war der Weihrauch-Räucherkessel. Es rauchte hier viel stärker als anderswo und alle wedelten sich den Rauch zu. Die Japaner lenken hier den Rauch zum Kopf für Weisheit und Konzentration, zu schmerzenden Körperstellen für Gesundheit und Heilung und vor die Brust für innere Stärke und ein gutes Herz.

    Da ich nicht wie ein katholisches Würstli riechen wollte, liess ich das bleiben und streifte weiter durch das Quartier. Immer wieder mit Blick auf den Tokio Skytree. Das ist mit 634 Meter der höchste Fernsehturm der Welt und das dritthöchste Gebäude hinter Burj Khalifa in Dubai (828 m) und dem Merdeka 118 in Kuala Lumpur (687, 9 m). Die Aussicht muss gewaltig sein. Aber nie und nimmer wäre ich freiwillig dort hoch gegangen, nachdem im Februar dieses Jahres schon zum dritten Mal in zehn Jahren die Leute wegen Defekten eingeschlossen waren.

    Also spazierte ich nur bis zum Sumida-Fuss, schaute mir den Riesen aus der Ferne an und ging dam Fluss entlang weiter Richtung meiner nächsten Station: Sumo – allerdings nur vor dem Stadion. Die Tickets für den Final des 15-tägigen Grand-Turniers waren schon lange ausverkauft. Aber ich hatte gelesen, dass es auch vor dem Stadion stets ein Happening ist. Und das kann ich nun bestätigen.

    In den letzten Tagen hatte ich gelegentlich Sumo live am TV geschaut (siehe Filmli und Fotos), doch die sprachen so schnell Japanisch, dass ich nicht viel verstand … Mich nervte aber, dass die Startpositionen immer wieder verlassen wurden, es dauerte und dauerte, bis der Kampf endlich losging und er dann so schnell wieder vorbei war. Also recherchierte ich, um Antworten auf meine vielen Fragen zu finden. Nun habe ich mehr Geduld.

    Zuerst werfen die Kämpfer Salz in den Ring und stampfen, um den Ring zu reinigen und die bösen Geister zu vertreiben. Sie zeigen die Hände, um zu beweisen, dass sie keine Waffen tragen. Sie trinken Wasser zur Reinigung von Körper und Geist. Alles andere ist reiner Psychokrieg. Die Kämpfer stehen wieder auf, um den Gegner einzuschüchtern, seine Konzentration zu stören und seine Nervosität zu testen. Spürt ein Ringer, dass das Timing des Gegners nicht perfekt mit seinem eigenen übereinstimmt, bricht er ab. Das wiederholte Zurückgehen in die Ecke gibt den Kämpfern Zeit, die Taktik anzupassen und den Fokus maximal zu schärfen. Die Kämpfer haben ein festes Zeitfenster (bis zu vier Minuten) für diese Vorbereitungsphase. Sie nutzen diese Deadline fast immer, um sich körperlich und mental aufzuwärmen. Der Kampf darf erst beginnen, wenn beide zeitgleich die Fäuste auf den Boden setzen und losstürmen.

    Dann explodiert aber sofort der Ring. Unglaublich mit welcher Wucht die Kolosse aufeinanderprallen, da würden sogar die Walliser Kampfkühe neidisch. Ein Sumokämpfer gewinnt, wenn er seinen Gegner aus dem Ring drängt oder ihn dazu bringt, den Boden mit etwas anderem als den Fusssohlen zu berühren. Nach der langen Vorbereitung sind die Kämpfe selbst extrem schnell vorbei. Dabei spicken viele Kämpfer aus dem Ring über die Kante auf die Zuschauer herunter. Das sah oft echt übel aus.

    Kein Wunder, machen es die Kämpfer nicht lange. Ein japanischer Mann hat eine durchschnittliche Lebenserwartung von über 81 Jahren, Sumokämpfer sterben mit 60 bis 65 Jahren. Die Kombination aus extremem Körpergewicht (Durchschnitt 170 kg), den gesundheitlichen Folgen der Ernährung und den körperlichen Belastungen führt zu massiven medizinischen Problemen.

    Sumoringer stehen für lebende Tradition, Spiritualität und Selbstdisziplin. Sie nehmen dieses harte Leben auf sich, um sozialen Aufstieg, Reichtum und gottähnlichen Status als Profisportler zu erreichen. Die besten Sumoringer mit dem Titel Yokozuna verdienen bis zu 1 Mio. Franken pro Jahr. Yokozuna bleibt man auf Lebenszeit. Wenn die Leistung dauerhaft nachlässt, wird der ehrenvolle Rücktritt erwartet. Dafür werden die Kämpfer ein Leben lang verehrt.

    Diese Verehrung habe ich heute erlebt. Vor den flatternden Bannern mit den Namen der Kämpfer und ihrer Sponsoren herrschte Feststimmung. Es gab Souvenirshops, Spiesschen-Stände, eine BBQ-Zone. Die Leute warteten beim Eingang ins Stadion auf die Kämpfer, die per Taxi oder zu Fuss vom Bahnhof aus eintrudelten. Fotos, Applaus – alles schön gesittet und respektvoll. Kein grosses Gedränge wie bei westlichen Starsportlern. Wenn die Kämpfer wieder aus dem Stadion kamen, folgte das gleiche Spiel umgekehrt. Jetzt erfüllten die Kämpfer – mal mehr, mal weniger angeschlagen – geduldig jeden Fotowunsch, bevor sie weitergingen. Nix da mit Fussballer-Allüren. Das gehört offenbar zur Turnierkultur und ich fand es richtig cool, habe sogar auch um ein Erinnerungsfoto gebeten. Leider weiss ich einfach nicht mit wem ...
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  • Drei Quartiere, vier verschiedene Welten: Tokio hat mich heute einmal mehr fasziniert. Vom Bonbon-Gässli über die Luxus-Einkaufsstrasse zum versteckten Juwel und dem organsierten Chaos der Shibuya Kreuzung. Und eins vorweg: Ich war wirklich nur wegen der Architektur bei Prada …

    Meine Erkundigungs-Tour begann im Harajuku-Quartier, einem der angesagtesten Viertel Tokios. Im Zentrum liegen die Strassen Takeshita und Omotesando – sie könnten unterschiedlicher nicht sein. Takeshita bietet Süssigkeiten-Shops, Crèpes-Stände und schnelle Mode. Dazwischen immer wieder mal ein Tier-Café. Alles wirkt rosa-zuckersüss. Ganz anders Omotesando: Hier befindet sich das architektonische Schlachtfeld der Luxusmarken.

    Die Strasse war ursprünglich der Prozessionsweg zum Meiji-Schrein aus der Taisho-Zeit. Heute gilt sie als eine der wichtigsten Luxus- und Architekturachsen der Welt. Viele Menschen besuchen Omotesando nicht primär zum Shoppen, sondern wie ein kostenloses Architektur-Museum. Manche Architekturführer nennen die Gegend sogar die «grösste Freiluft-Ausstellung moderner Luxusarchitektur».

    Die Marken engagierten weltberühmte Stararchitekten, damit ihr Gebäude ikonischer werde als das von der Konkurrenz nebenan. Architektur wurde zum Marketinginstrument. Spektakuläre Fassaden, kulturelles Image, mehr Aufmerksamkeit, mehr mediale Wirkung, mehr Instagram-Effekt. Innerhalb weniger hundert Meter kann man eine unglaublich Dichte an Architektur von Pritzker-Preisträgern (Architektur-Pendant zum Nobel-Preis) und internationalen Spitzenbüros bewundern.

    Den Startschuss zum Wettrüsten der Luxushäuser gab Prada 2003 mit der Eröffnung des Prada-Gebäudes in Aoyama, ein paar Meter von der Omotesando entfernt. Prada wollte damals nicht einfach ein Geschäft lancieren, sondern ein globales Statement setzen. Tokio wurde bewusst gewählt, weil Japan zu der Zeit einer der wichtigsten Luxusmärkte der Welt war. Gebaut wurde das Gebäude von den Basler Stararchitekten Herzog & de Meuron. Die Kosten wurden nie öffentlich gemacht. Die Schätzungen belaufen sich auf ca. 130 Mio. Franken. Eine unglaubliche Summe damals. Dafür ist das Prada-Haus immer noch das Nonplusultra.

    Die Form erinnert je nach Blickwinkel an einen Kristall oder an einen Diamanten. Herzog & de Meuron wollten ein Gebäude schaffen, das sich ständig verändert – fast wie ein lebendes Objekt. Das Markenzeichen sind die Rhomben-Glasfelder der Fassade. Manche Scheiben sind flach, andere nach innen und wieder andere nach aussen gewölbt. Der kaleidoskopartige Effekt ist verblüffend. Die Glasfassade ist aber nicht nur Hülle, sondern auch Teil der Tragstruktur. Struktur, Raum und Fassade wurden erstmals als ein einziges System gedacht. Das war damals revolutionär.

    Noch spezieller wirkt der Bau dank des Mutes zur Leere. Herzog & de Meuron liessen einen kleinen Vorplatz mit Garten frei, statt alles zuzubauen. Dadurch gleicht das Gebäude einer alleinstehenden Skulptur. Wer sich in einer so dicht bebauten Stadt wie Tokio leeren Raum leisten kann, fällt unweigerlich noch mehr auf. Heute dürfte allein das Grundstück schon mehr wert sein als die damaligen Baukosten.

    Vom Harajuku-Quartier fuhr ich nach Daikanyama. Ein friedlicher Ort inmitten der geschäftigen Stadt, nur eine Station vom berühmten Shibuya entfernt. Zuerst fallen die Wohnhäuser und Geschäftsgebäude auf. Beim genaueren Hinsehen entdeckt man eine Fülle von Vintage-Boutiquen für Markenmode und charmante Restaurants. Hier verschmelzen moderne und traditionelle Kultur. Treffpunkt der eifrigen Instagrammer ist die Log Road. Diese 200 m lange Passage wurde auf ehemaligen Schienen errichtet und führt an trendigen Cafés vorbei.

    Zum Abschluss wollte ich die Shibuya-Kreuzung mal live erleben. Das ist eines der Wahrzeichen Tokios und liegt direkt vor dem Hachiko-Ausgang (der Hund, der auf seinen toten Meister wartete) des Bahnhofs Shibuya. Bei jeder Grünlichtphase überqueren bis zu 2’500 Menschen gleichzeitig die Strasse. In den meisten Gebäuden um den Platz herum gibt es begehrte Plätze, um von oben aus auf die Kreuzung herunterzublicken.

    Ich war am Nachmittag da. Abends soll es noch mehr Menschen auf der Kreuzung haben. Aber mich hat schon zu diesem Zeitpunkt die Schwarm-Intelligenz der Leute beeindruckt. Die Ordnung entsteht ohne Dirigenten spontan aus vielen kleinen Entscheidungen einzelner Menschen. Die sich bildenden Ströme sehen von oben fast aus wie Wasser, das seinen Weg sucht und findet. Ich habe es auch ausprobiert. Wenn niemand abrupt stehen bleibt, funktioniert es einwandfrei. Echt erstaunlich.
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  • Tokio: Nachtleben im Mini-Format

    22 maj, Japan ⋅ ☁️ 13 °C

    Bar-Hopping stand heute Abend für mich auf dem Programm. Essen und Trinken an der berühmten Omoide Yokocho («Memory Lane») und noch ein Absacker in der Golden Gai. Nun weiss ich: Tokio geht mitten in den Wolkenkratzern auch im Mini-Format.

    Omoide Yokocho bedeutet wörtlicher «Erinnerungsgasse». Die Gassen stammen aus der Zeit direkt nach dem Zweiten Weltkrieg und waren damals Schwarzmarktgebiert. 1999 wurde die Mehrheit der winzigen Holzbuden nach einem grossen Brand neu aufgebaut. Heute gibt es hier rund 80 winzige Izakayas und Yakitori-Lokale. Manche haben im Erdgeschoss Platz für vier Personen, quetschen aber acht rein. Bei vielen gibt es noch einen oberen Stock mit ein wenig mehr Platz. Hier treffen sich die Einheimischen und die Touristen nach Feierabend zum Essen und Trinken. Es riecht nach Holzkohle, Sojasauce, Rauch, Bier und Grillfleisch. Und irgendwie kommen die vielen Leute alle aneinander vorbei.

    Genauso in der Golden Gai. Das Netz von sechs schmalen Gassen beheimatet über 200 Mini-Bars auf winzigem Raum. Viele sind nur wenige Quadratmeter gross und bieten Platz für fünf bis acht Gäste. Oft gibt es steile Mini-Treppen in den ersten und zweiten Stock. Dort wo sich früher die Hostessen und Gäste (illegal) näherkamen, wird heute einfach gesessen, geredet und getrunken. Golden Gai war jahrzehntelang Treffpunkt für Künstler und Kreative. Vielen Bars haben bis heute ihre Themen, beispielsweise Jazz, Punkt, Death Metal, Film, Literatur, Vinyl, Karaoke, Horrorfilme.

    Omoide Yokocho und Golden Gai zeigen ein Tokio, das fast verschwunden ist: klein, improvisiert, chaotisch, eng und sehr menschlich. Genau deshalb wirken die beiden Zonen zwischen den gigantischen LED-Werbeanzeigen und Wolkenkratzern von Shinjuku fast surreal. Wenn ein Haus in Tokio 60 Jahre lang steht, ist es schon sehr in die Jahre gekommen. Denn irgendein Krieg, ein Erdbeben oder ein Feuer hat immer wieder alles zerstört. Doch so wie an diesen beiden Orten könnte Tokio vor 60 bis 70 Jahren gerochen und geklungen haben. Es ist cool, dass man das hier auch erleben kann.
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  • Tokio: Seelen-Nahrung in Tsukiji

    22 maj, Japan ⋅ 🌧 14 °C

    Tsukiji nährt den Bauch und den Geist – es ist also ein wunderbarer Ort für Soul-Food.

    Der Name Tsukiji ibedeutet auf japanisch «aufgeschüttetes Land». Das Gebiet wurde im 17. Jahrhundert einem Sumpf- und Küstengebiet abgetrotzt. Der Fischmarkt eröffnete 1935 und war jahrzehntelang der grösste Fisch- und Seafood-Grossmarkt der Welt. 480 Arten Seafood wurden hier gehandelt, das waren tausende Tonnen von Ware.

    2018 zog der eigentliche Grossmarkt («Inner Market») ins neue Gebäude Toyosu Market um. Die berühmten Thunfischauktionen morgens um 5 Uhr finden nun dort statt. In Tsukiji existiert nur noch der «Outer Market», ein Gourmet-Hotspot von Tokio. Hier gibt es nach wie vor das beste und extrem frische Sushi, Sashimi und alle Arten von Street-Food (auch feines Fleisch).

    Das es leider wieder die ganze Zeit regnete, war es gar nicht so einfach, zwischen all den Schirmen und Regenbächen zu zirkulieren. Es hat sich aber auf jeden Fall gelohnt. Alles sah wunderbar aus und was ich probiert habe, hat auch so geschmeckt. Richtiger Soul-Food bei diesem Wetter.

    Mit vollem Bauch durfte ich nachher im naheliegenden Hongwanji-Tempel ausruhen und etwas trocknen. Weil Buddha aus Indien gekommen ist, wird Buddha hier mit einem indisch anmutenden Gebäude verehrt. Amida Buddha ist im japanischen Buddhismus die Figur des grenzenlosen Mitgefühls und der Erlösung. Egal, ob man gut oder schlecht gehandelt hat, alt oder jung ist. Hier wird man mit all seinen Schwächen angenommen und muss sich Erleuchtung nicht erst hart verdienen. Alles, was es braucht, ist Vertrauen. Davon handelt auch die Botschaft Buddhas aus diesem Monat, die alle Besuchenden mitnehmen dürfen.

    Ganz anders als in anderen Tempeln hat es hier in der Haupthalle viele Stühle. Man kann umherwandern oder sich setzen. Man darf reden, man darf ohne Blitz fotografieren und man darf einfach ein bisschen den Moment geniessen. Richtig friedlich – und ebenso Seelen-Nahrung wie zuvor auf dem Fischmarkt.
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  • Tokio: Foodtour bei strömendem Regen

    21 maj, Japan ⋅ ☁️ 16 °C

    Was gibt es Schöneres, als bei strömendem Regen drinnen zu sitzen und fein zu essen? Ich hätte meine Food-Tour durch Shinjuku an keinem besseren Tag planen können. Das Herumlaufen im Regen ignoriere ich jetzt einfach mal. So wie den zu miesen Notschirm, der bei jedem Windstoss nach hinten klappte und deshalb unbrauchbar war. Ein fein gefüllter Magen stimmt milde ...

    13 japanische Gerichte in vier Lokalitäten durfte ich probieren. Ich habe Fotos von ein paar hochgeladen. Super fein fand ich die Spezialitäten, die ich noch nicht gekannt hatte, wie frittierten Thunfisch und Krabben-Crème-Kroketten. Wir waren auch in einem Restaurant mit Spezialiäten von Okinawa, das wäre dann etwas das Hawaii Japans. Dort gab es Seegras-Tätschli mit Gemüse, die aussen knusprig und innen ganz weich waren. Super.

    Ein Versucherli von einem knusprig panierten Plätzli vom Kurobuta (Schwarzes Schwein, wie Wagyu beim Rind) hatten wir in einem der ältesten Restaurants von Kabukicho. Dabei erklärte Tourguide Miyu, dass Kabukicho sehr sicher sei, weil die Yakuza nicht mehr so offensiv agieren könne. Man erkenne die Mitglieder der japanischen Mafia an den Tattoos (deshalb sind in den meisten Onsen auch keine Menschen mit Tattoos erlaubt) oder an den fehlenden Gliedern am kleinen Finger (nach Bestrafungen). Früher hätten sie auch immer Sonnenbrillen getragen. Um sich von der Yakuza abzugrenzen, hänge deshalb in den Taxis eine Notiz, dass der Taxifahrer aus Sicherheitsgründen manchmal eine Sonnenbrille tragen müsse, um nicht geblendet zu werden.

    Das Leben spielte sich heute in den Einkaufspalästen statt auf der Strasse ab. Das interessiert mich nicht gross. Also habe ich einen Waschnachmittag im Hotel eingelegt und mir einen groben Plan zurechtgezimmert, was ich in Tokio gerne sehen wüde. Das Problem: Es gibt so vieles und ich möchte nicht nur abhaken, sondern erleben. Das überfordert mich jetzt gerade ein wenig. Umso mehr, da morgen eine Führung durch den Fischmarkt und abends eine Kneipen-Tour auf dem Programm steht. Deshalb habe ich den Plan erst mal wieder beiseite gelegt und schaue dann einfach mal, worauf ich Lust habe. Ja, so läuft das eben auf einem Egotrip.
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  • Tokio: 3,5 Mio. Menschen am Bahnhof – und ich!

    20 maj, Japan ⋅ ☁️ 30 °C

    Unglaublich: Über 3,5 Millionen Menschen passieren jeden Tag den Bahnhof Shinjuku in Tokio. Ich gehörte heute auch dazu. Shinjuku ist der verkehrsreichste Bahnhof der Welt. Es fühlte sich an wie ein lebender Organismus, doch das scheinbare Chaos lief ruhig und gesittet. Faszinierend. Gerne hätte ich Fotos gemacht. Aber ich wäre bei jedem Stehenbleiben irgendwo im Weg gewesen und musste mit dem Flow gehen … 🤣

    Der Bahnhof Shinjuku kann mit seinen fast 200 Ausgängen selbst die erfahrensten NutzerInnen in Verlegenheit bringen. Kilometerlange unterirdische Gänge ziehen sich durch das gigantische Labyrinth und führen zu mehreren getrennten Bahngesellschaften, Einkaufszentren, Food-Courts etc.

    Shinjuku-Anfänger wie ich konzentrieren sich deshalb einfach mal auf einen der vier Hauptausgänge und schauen dann weiter. Erschwerend dazu kommt, dass parallel zum Tagesbetrieb praktisch ein komplett neuer «Bahnhof der Zukunft» gebaut wird, das grösste Stadtumbauprojekt Japans überhaupt. Einmal durchgekaut, dann zwischenverdaut und am Ende wieder ausgespuckt: So bin ich nach ca. einer halben Stunde irgendwie in meinem fünf Minuten entfernt liegenden Hotel gelandet. Gar nicht so schlecht. Ein Hoch auf Google!

    9,7 Mio. Menschen leben im dichten Stadtzentrum von Tokio. Mit knapp 40 Mio. Menschen ist der Ballungsraum Tokio-Yokohama die grösste Metropolregion der Welt. Und wir diskutieren über die 10-Millionen-Schweiz … Mir kommt es so vor, als ob die zig Millionen alle ständig auswärts essen. Gefühlt alle zwei Meter hat es hier eine Beiz. Und so ziemlich jede ist über Mittag und am Abend voll. Besonders im beliebten Vergnügungsviertel Kabukicho. Das liegt bei meinem Hotel gleich um die Ecke, also zog ich für meinen ersten Streifzug los in diese Richtung.

    Am 80 Tonnen schweren und lebensgrossen Godzilla-Kopf auf dem Dach dem Toho Buildings kommt man nicht vorbei. Von 12 bis 18 Uhr werden zur vollen Stunde die Augen rot und er spuckt Rauch. Das Godzilla war nicht halb so spektakulär, wie das, was auf den Strassen läuft. Kabukicho ist das Rotlichtviertel mit Lärm, grellen Neonlichtern, schrillen Unterhaltungsangeboten, kuriosen Attraktionen, Bars, Clubs, Restaurants, Onsen, Shopping, ruhigen Gassen, Schreinen etc.

    So vielfältig wie das Angebot sind auch die Menschen, die hier unterwegs sind. Was mir besonders aufgefallen ist: Ich bin noch nie so vielen Manga-, Anime- und Pokemonfrauen wie hier über den Weg gelaufen. Erstaunlich, was die Japanerinnen für dicke Böden an den Füssen tragen. Für mich wäre dieser Style nichts …
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  • Heute habe ich es gemütlich ausplempern lassen in Odawara. Das Schloss besucht, danach plan- und ziellos durch die Stadt gestreift und Leute beobachtet. Rein zufällig habe ich dabei ein japanisches Kulturgut entdeckt, das mir bisher nicht aufgefallen war: kunstvolle Schachtdeckel.

    Offenbar habe ich während meiner Reise nur nach oben geschaut. Denn erst hier habe ich die Schachtdeckel bemerkt. Dank Google weiss ich jetzt, dass japanische Schachtdeckel extrem beliebt sind. Es gibt sogar Leute, die durchs ganze Land reisen, um bestimmte Deckel zu fotografieren.

    Zwischen 1950 und 1970 hat Japan die Kanalisation massiv ausgebaut. Das war teuer, laut und unbeliebt. In den 80ern hatte dann jemand einen Geistesblitz, um Stadtmarketing, Lokalstolz, Kunst und Infrastrukturdesign zu fördern: Die Gemeinden durften ihre eigenen Schachtdeckel gestalten.

    Oft sind Burgen, Tempel, Brücken, Berge, Samurai, Kirschblüten, Ahornblätter, Wellen, Flüsse, Tiere abgebildet. Mittlerweile gibt es auch Schachtdeckel mit Pokémon, Anime- und Manga-Motiven. Viele farbige Deckel werden sogar von Hand koloriert. Die Schachtdeckel wirken wie öffentliche Visitenkarten der Städte. Man nennt die Kunst hier «design manhole covers».

    Von jetzt an werde ich also auch nach unten sehen. Ich habe gleich von ganz oben damit begonnen. Zuoberst auf dem Bahnhof Odawara gibt es eine Dachterrasse mit einem Fussbad mit heissem Quellwasser. Da kann man sich hinsetzen, die Füsse ausruhen lassen und die Aussicht geniessen. Das habe ich natürlich gleich gemacht. Morgen geht es weiter nach Tokio, das ist dann schon die letzte Etappe meiner Reise. Unglaublich, wie die Zeit verfliegt.
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  • Hakone: Superstar Mount Fuji

    18 maj, Japan ⋅ ☀️ 25 °C

    Ehrlich, ich habe das Getue um den Mount Fuji bisher nicht so verstanden. Als Schweizerin sind mir Berge ja nicht wirklich fremd … Aber das ist seit heute anders. Erstens habe ich den Mount Fuji klar und deutlich gesehen, das war ein seltenes Geschenk der Natur. Zweitens konnte ich das Glück, die Ehrfurcht und die Faszination in den Gesichtern der JapanerInnen beobachten und habe realisiert, dass Mount Fuji für sie viel mehr ist als nur ein Vulkan oder ein Berg.

    Mount Fuji ist DAS Symbol Japans, ein heiliger Ort, vielleicht sogar die visuelle Seele. Er steht im Shintoismus und Buddhismus für Reinheit, Ewigkeit, Übergang und Verbindung zwischen Himmel und Erde. Er ist Kunstmotiv, Pilgerziel, kommt vor in Büchern, Filmen, Werbung . Mount Fuji ist ein Superstar – aber eben auch ein aktiver Vulkan. Der letzte Ausbruch war 1707.

    Ein weiterer Ausbruch könnte sein Aussehen stark verändern. Dazu kommt, dass der Fuji aufgrund des Wetters nur an durchschnittlich 80 bis 120 Tagen pro Jahr sichtbar ist. Man weiss also nicht, wie lange der grosse Schlingel noch so steht und ob er gerade Lust hat, sich zu zeigen. Deshalb fühlt man sich privilegiert, ihn gesehen zu haben. Und ich verstehe nun die Liebe der Japaner zu ihrem Berg.

    Ich habe den Mount Fuji vom wunderschön gelegenen Ashi See aus auf einem Piratenschiff erblickt. Erst kam das im Wasser stehende Torii «Tor des Friedens» des Hakone-Schreins ins Blickfeld und gleich danach der Fuji. Zusammen bilden sie eines der ikonischsten Motive Japans. Hinreissend.

    Doch in der Tiefe lauert die Gefahr. In dieser Gegend gibt es Magmabewegungen und regelmässig kleine Erdbeben. Japan überwacht den Mount Fuji permanent. Wie ein Vulkan auch aussehen kann, habe ich mit der Gondel über dem Hakone Vulkan sehen können: Die Erde lebt. Dampf, Schwefel, Hitze, Gestank. Höllisch. Da wird einem ein bisschen anders.

    Zum Glück nicht für lange. Denn schon wenig später konnte ich von der lebenden Erde direkt profitieren. Ich war in Hakone in ein Onsen mitten im Wald gegangen und durfte im heissen Quellwasser wunderbar entspannen. Einfach so im Wasser liegen, die grossen Bäume anschauen, das Spiel von Licht und Schatten beobachten, den Geschichten des Windes und des Wassers lauschen, mit den Gedanken in einen Flow geraten. Das hatte etwas Hypnotisches.

    Die Onsen in Japan sind in der Regel geschlechtergetrennt, da nackt gebadet wird. Deshalb darf man nicht fotografieren. Ich habe ein Föteli aus dem Web hochgeladen.
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  • Odawara: Fischerhafen und Lichtkunst

    17 maj, Japan ⋅ ☀️ 28 °C

    Was haben ein in die Jahre gekommener Fischerhafen und eine durchgestylte Freiluft-Galerie für philosophische Lichtarchitektur gemeinsam? Auf den ersten Blick gar nichts. Beim genauerem Hinsehen aber so ziemlich alles. Japan vereint Alltag, Kunst, Natur und Spiritualität, und genau das finde ich hier so genial.

    Heute Morgen spazierte ich zuerst zum Fischerhafen von Odawara. Ehrlich, es war ein trauriger Anblick. Alles ist in die Jahre gekommen. Aber hey, die Funktion zählt. Es klappt alles hier. Der Fisch und die Meeresfrüchte kommen rein, werden verarbeitet, verteilt und auch direkt im Hafen verkauft. Man kann in diversen Izakayas (japanische Kneipen) direkt essen, oder den Fisch einkaufen und an BBQ-Stellen gleich selbst grillen. Cooles Konzept! Zur Mittagszeit standen die Autos Schlange, weil der Parkplatz belegt war. Alles ok also. Einfach nicht besonders attraktiv verpackt.

    Ganz anders mein Nachmittagsprogramm. Ich besuchte das Odawara Art Foundation Enoura Observatory des japanischen Künstlers Hiroshi Sugimoto. In Odawara hat der berühmte Fotograf sich einen Traum erfüllt. Sugimotos Schaffen steht für die Suche nach dem Sinn der Kunst. Wie haben Menschen Schönheit empfunden, bevor es moderne Kunst, Städte oder Technologie gab? Sugimoto glaubt, dass wir Hinweise für unseren Weg in die Zukunft finden, wenn wir wie unsere Vorfahren früher, den Himmel beobachten. Dies ist die Aufgabe, die Sugimoto sich mit der Gründung der Odawara Art Foundation und bei der Gestaltung des Enoura Observatory gestellt hat.

    Das Spannende am Enoura Observatory ist: Es ist keine klassische Galerie oder kein Observatorium im westlichen Sinn. Der Name «Observatory» meint hier eher einen Ort des Beobachtens – von Licht, Zeit, Natur, Jahreszeiten, Erinnerung und der Beziehung zwischen Mensch und Universum. Fast 20 Jahre lang hat Sugimoto diesen Ort entwickelt und nennt ihn sein «Lebenswerk».

    Das Gelände wirkt wie eine Mischung aus Kunstwerk, Landschaft, Tempel, astronomischem Kalender, japanischem Garten, Theaterbühne und Meditation. Man konsumiert nicht einfach Kunst, man bewegt sich durch ein bewusst kuratiertes Erlebnis. Die meisten Elemente sind präzise auf die wunderschöne Sagami-Meeresbucht, Sonne, Licht und Jahreszeiten ausgerichtet. Zum Beispiel ein 70 m langer Stahltunnel, durch den das Sonnenlicht bei der Wintersonnenwende exakt hindurch auf einen Stein trifft. Das erinnert an Stonehenge, Maya-Tempel und andere uralte astronomische Kultstätten.

    Je länger ich die beiden unterschiedlichen Erlebnisse auf mich wirken liess, desto klarer wurden mir die Gemeinsamkeiten. Plötzlich fühlte es sich nicht mehr widersprüchlich an, morgens zwischen Fischkisten zu stehen und nachmittags philosophische Lichtarchitektur zu erleben. Das Observatorium erschien mir wie ein poetischer Kommentar zum selben Meer, das die Fischer jeden Tag ernährt. In dieser Stimmung erschien mir der Hafen nun auch wie Kunst. Denn in Japan gilt nicht nur das bewusst Geschaffene als Kunst. Sondern auch gealtertes Holz, Arbeitsgeräusche, rostig gewordenes Material, Nebel am Mee, gebrauchte Gegenstände, Routinen, Stille zwischen Menschen.

    Vielleicht wirken auch daher in Japan selbst «normale» Orte irgendwie bedeutungsvoll. Hier Fischgeruch, Netze, Möwen, Alltag, Arbeit, Chaos. Dort stille Architektur, Lichtachsen, Kunst, bewusste Komposition. Aber unter der Oberfläche kreisen beide Orte um erstaunlich ähnliche Themen: Zeit, Licht, Überleben, Natur, Sonnenstände, Jahreszeiten, astronomische Zyklen, ewiges Meer. Beim Fischer geht es um Gezeiten, Wetter, Fangzeiten, Generationen von Fischen, tägliche Routine seit Jahrhunderten.

    Der Hafen ist also ebenfalls ein «Zeit-Ort». Er ist einfach nicht philosophisch inszeniert, sondern wird praktisch gelebt. Der Fischer liest Wind, Wellen, Wasserfarben, Vogelbewegungen, Strömungen, Horizont, Himmel und Jahreszeiten fast wie ein Priester oder ein Astronom früher die Sterne. Der Fischerhafen Hayakawa ist kein künstlich perfekter Touristenort. Das Observatorium wirkt zwar gestaltet — aber Sugimoto versucht ebenfalls etwas Echtes und Ursprüngliches zu erschaffen.

    Das Meer verbindet alles. Für Fischer bedeutet Meer Leben. Für Sugimoto ein metaphysisches Symbol. Er fotografierte jahrzehntelang Meere aus aller Welt in seiner berühmten «Seascapes»-Serie, immer Horizont, Wasser, Himmel. Minimalistisch. Zeitlos. Weil derselbe Horizont schon immer existierte. Vor Samurai, vor Städten, vor Japan, vor Technologie. Und genau dieses Meer liegt vor dem Fischerhafen Hayakawa. Hier sieht man die praktische Seite des Meeres. Das Observatorium zeigt die philosophische Seite. Aber es ist dasselbe Meer. Schön, kraftvoll, vergänglich.

    Wer im Hafen arbeitet, trotzt der Natur sein Leben ab. Im Observatorium betrachtet der Mensch die Natur. Aber beides basiert auf Respekt gegenüber Kräften, die grösser sind als wir. Meer, Wetter, Zeit, Sonne, Mond, Jahreszeiten. Deshalb fühlen sich beide Orte trotz ihrer Unterschiede gleich an. Morgens das echte Leben im Fischerhafen. Nachmittags ein Ort, der dieselben Themen in Kunst und Philosophie übersetzt.

    Ich bin so froh, nach Odawara gekommen zu sein. Zwischendurch habe ich ein paar Mal gedacht, es ein wenig schäbig. Dafür schäme ich mich fast ein bisschen. Denn dank Odawara beginne ich langsam Zusammenhänge, Philosophien, Atmosphäre und Alltag in Japan zu erkennen. Damit hat mir Odawara ein wertvolles Geschnk gemacht. Arigato Gozaimasu!
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  • Seit heute bin in ich Odawara. Das ist mit dem Shinkansen rund 35 Minuten von Tokio entfernt und die zweitletzte Station meiner Reise. Mein Ziel hier: Spüren wie das ganz normale Japan tickt und Durchatmen vor der Millionenstadt Tokio.

    Rund 185’000 Einwohner leben in Odawara, es ist keine Weltstadt, nicht reich, nicht arm, nicht trendy – einfach «nur» eine strategisch gut gelegene Regionalstadt mit Meer, Bergen, Geschichte und Durchreiseverkehr. Vergleichbar wie Thun oder Bellinzona in der Schweiz. Wo Bellinzona das Durchgangstor Richtung Süden und Thun der Verteiler Richtung Berner Oberland ist, schleust Odawara die Touristen nach Hakone durch. Hakone gilt als das berühmteste Ryokan- und Onsen-Paradies Japans, eingebettet in den wunderschönen Fuji-Hakone-Izu-Nationalpark.

    Ich bin extra in Odawara geblieben, weil ich nicht die Tourismus-Weltmeister, sondern das bodenständige Japan entdecken will. Ich bleibe bei meinem Vergleich mit Thun. Da schlägt gerade mein Fussballherz und ich feiere die Thuner Meisterschaft hier in Japan. Vergleichbares gibt es in Odawara nicht. Der mit Abstand bedeutendste Sportverein Odawaras ist der Shonan Bellmare Futsal Club. Das Hallenfussball-Team tritt in der höchsten japanischen Futsal-Liga an und schloss in der 12er-Liga auf Rang 7 ab.

    In Odawara habe ich zum ersten Mal auch ein Ryokan, ein traditionelles japanisches Gasthaus gebucht. Das stand ganz oben auf meiner Bucketlist, nur das mit dem am Boden schlafen, ist halt nicht wirklich meins. Doch in Odawara habe ich endlich ein Ryokan gefunden mit einem richtigen Bett. Aber ansonsten ist alles ganz einfach. Die Katze bewacht den Hauseingang. Die Schuhe werden beim Eingang ausgezogen. Etagen-Toilette neben meinem Zimmer, Gemeinschaftsdusche und eine weitere Toilette im unteren Stock.

    Kyoto war wunderschön. Aber es war auch unglaublich touristisch. Hier in Odawara war der Groove vom ersten Moment an anders. Viel weniger Menschen, etwas langsamer, nicht so herausgeputzt, angenehm «normal». Dafür gehört hier das Risiko von Erdbeben und Tsunamis zum Alltag.

    Odawara liegt an der Sagami-Bucht und relativ nahe an tektonisch aktiven Regionen. Warn- und Hinweisschilder findet man überall. Ich bin überzeugt, dass ich auch in Luzern auf dem Fussgängerstreifen überfahren werden könnte. Trotzdem bin ich ein kleiner Schiss und will das Schicksal nicht herausfordern. Deshalb habe ich zwei Warn-Apps heruntergeladen, Fluchtwege studiert und vor dem Schlafengehen packe ich mein Täschchen mit Handy, Powerbank, Pass, Geld und Wasser.

    Cool wäre anders. Ist mir aber egal. Sowieso, nachdem mir Mani vom Erdbeben während seines Aufenthalts erzählt hatte. Mir ist es wichtiger, Plan B und C bereit zu halten. Ich will wieder nach Hause zu meiner Familie. Um das Ganze aber auch richtig einzuordnen noch diese Info: Statistisch realistischer sind Verletzungen wegen Erschöpfung, Stolpern, Überlastung vom vielen Gehen, falsche Züge, letzte Verbindungen verpassen etc. Da bin ich mit meinem Fuss ja schon voll dabei. Das reicht meiner Meinung nach dann auch …
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  • Kyoto: Goldrausch am Bölleli-Geburi

    15 maj, Japan ⋅ ☀️ 28 °C

    Mein Bölleli muss heute alleine Geburtstag feiern. Habe ich ein schlechtes Gewissen? Äs bitzeli. Ist es schlimm? Nein, ich flicke es einfach mit Kintsugi und danach ist alles besser und noch wertvoller als zuvor!

    Seit ich vor Jahren zum ersten Mal von Kintsugi gehört habe, bin ich fasziniert davon. Mein Lieblingsschal ist voller Kintsugi. Die zerschlissenen Stellen habe ich zwar knallpink gewiefelt, weil ich keinen Goldfaden hatte. Dennoch bin nicht traurig, dass der Schal kaputt war und geflickt ist, sondern glücklich, dass es ihn noch gibt. Kintsugi wertschätzt Resilienz und Heilung, indem es die Geschichte eines Objekts oder eines Menschen feiert, anstatt die Brüche zu verstecken.

    Kintsugi bedeutet wörtlich, goldene Verbindung. Es steht für die japanische Kunst, zerbrochene Keramik mit einem speziellen Lack und Goldpulver zu reparieren. Anstatt Brüche zu kaschieren, betont diese Methode die Risse, was das Objekt noch einzigartiger, schöner und wertvoller macht. Kintsugi ist eng mit der Wabi-Sabi-Philosophie verbunden, die ich vorgestern im Zusammenhang mit den japanischen Gärten thematisiert habe. Schönheit liegt in der Unvollkommenheit und der Vergänglichkeit. Altern ist Würde.

    Damit kann ich mich super gut identifizieren. Denn ich gebe gerne zu: Ich altere, ich bin unvollkommen und ich bin vergänglich. Wie genial ist das denn, wenn das alles plötzlich cool ist? 🤣

    Deshalb habe ich heute in Kyoto einen Kintsugi-Workshop im angesagten Gion-Quartier besucht und einem zerbrochenen Steingut-Schälchen neues Leben eingehaucht. Das werde ich dann Urs schenken, wenn ich wieder daheim bin. Und da ich gerade so im Goldrausch war, bin ich auch noch zum Goldenen Pavillon im Rokuon-Ji-Tempel gefahren. Seit 1397 steht der ikonische, mit Blattgold überzogene Zen-Tempel hier. Und es war echt eindrucksvoll, wie der Goldene Pavillon erhaben über dem Teich thronte , in der Sonne leuchtete und sich im Wasser spiegelte.

    Für Urs habe ich beim Goldenen Pavillon noch einen goldenen Omamori-Talismann organisiert, der ihn beim Autofahren beschützen wird.

    Goldige Aussichten also!
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  • Kyoto: Die Luft lesen

    14 maj, Japan ⋅ ☁️ 25 °C

    Mein Fuss zwang mich heute zu einer Ruhepause, die ich zum Baden im Hotel-Onsen, Kleider waschen, Planen und nachdenken nutzte. In Südkorea hatte mich das Konzept «uri» beeindruckt (siehe 4. Mai). Also wollte ich wissen, ob es in Japan etwas Ähnliches gibt und fand zwei Antworten: ja und nein. Häää? Nicht die Antwort, sondern meine Frage war falsch. Denn in Japan hat ein anderes Konzept Priorität: «Kuuki wo yomu» – die Luft lesen!

    Das koreanische «uri» ist kulturell tief verwurzelt. Nicht ich und meins, sondern wir und unseres. In «uri» leben ein starkes Gemeinschaftsgefühl und emotionale Zugehörigkeit. In Japan gibt es ähnliche Denkweisen, aber subtiler, vorsichtiger und stärker über soziale Hierarchie geregelt. Das japanische Pendant zu «uri» ist «uchi». Es bedeutet von innen, unsere Gruppe, Zugehörigkeit. «Uchi» gibt es aber nie ohne den Gegenpol «soto»: aussen, fremd. Diese Haltung prägt in Japan Sprache, Höflichkeit, Verhalten, Emotionen, Distanz.

    Das koreanische «uri» ist eher warm, direkt, verbindend. Man fühlt sich aufgenommen. Das japanische «uchi» und «soto» ist eher strukturiert, gruppenorientiert, mit klaren sozialen Grenzen. So schnell wird man hier nicht Teil des «uchi». Die SüdkoreanerInnen öffneten sich vertrauensvoller und waren dann herzlich. Die JapanerInnen empfinde ich als ausgesprochen höflich und respektvoll, aber distanzierter. Sie trennen stärker zwischen dem öffentlich gezeigten Gesicht und dem privaten. Harmonie ist wichtiger als spontane Offenheit, gefragt sind Kontrolle und Rücksicht. Deshalb wirken die Menschen in Japan freundlich und hilfsbereit, sind aber von den Emotionen her schwerer lesbar als die KoreanerInnen, die spontaner, lauter, direkter und transparenter wirken.

    Ich habe das nicht empirisch untersucht und werte auch nicht – das sind einfach meine Folgerungen basierend auf den bisherigen Erlebnissen und Gedanken. Die Gruppe ist in beiden Ländern prioritär, doch es wird emotional sehr unterschiedlich ausgelebt. Eine aufschlussreiche Erklärung liefert das japanische Konzept «Kuuki wo yomu», es bedeutet wörtlich «die Luft lesen» und bezeichnet die japanische Fähigkeit, soziale Situationen, Stimmungen und unausgesprochene Erwartungen zu spüren und angemessen darauf zu reagieren.

    «Kuuki wo yomu» ist vielleicht die wichtigste soziale Kompetenz in Japan. Wer den Raum nicht lesen kann, hat verloren, besonders in der Geschäftswelt. «Kuuki wo yomu» bedeutet, die Stimmung zu erfassen, zwischen den Zeilen zu lesen, die nonverbalen Hinweise wahrzunehmen, die emotionalen Untertöne und unausgesprochenen Normen innerhalb einer Gruppe einordnen und sein Verhalten anpassen zu können. «Kuuki wo yomu» wird als Zeichen von sozialer Intelligenz und Taktgefühl angesehen. Es ist das Gespür für den richtigen Moment und das richtige Verhalten, ohne dass Worte notwendig sind.

    Mir persönlich fällt «Kuuki wo yomu» ehrlich gesagt ein bisschen schwer. Obwohl das Nonverbale in Japan aufgrund der nicht vorhandenen Sprachkenntnisse ja super für mich wäre. Den Raum lesen, kann ich schon, aber die Klappe halten, ist nicht so meins. Meine Erfahrungen in unserer Kultur haben mich gelehrt, dass es effizienter und zielführender ist, wenn klar kommuniziert wird und dadurch weniger Missverständnisse entstehen. Das darf hier aber nur der Ranghöchste. Ein wenig «japanischer» bin ich allerdings schon geworden. Wenn ich merke, dass ich nicht weiterkomme, insistiere ich nicht, sondern bedanke mich mit einer Verbeugung und einem freundlichen Lächeln. Meine Lehre aus «Kuuki wo yomu» ist nämlich, dass ich schneller zum Ziel komme, wenn ich mich selbst darum kümmere …
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  • Für meinen Sonnenuntergangs-Spaziergang bin ich nochmals zum Kamo-Fluss zurückgehrt. Die Zone am Westufer ist bekannt als stimmungsvolles und charmantes Gastro- und Unterhaltungsviertel.

    Das Leben spielt sich am Fluss und in der schmalen Ponchoto-Gasse ab, die zwischen den traditionellen Holzhäusern verläuft. Von hier aus betritt man die Restaurants mit den schönen Terrassen zum Kamo. Ich war etwas früh dran, doch es herrschte bereits ein grosses Puff. Deshalb verzog ich mich ins Bahnhofsviertel, um mir die Stadt vom Kyoto-Tower aus anzusehen.

    Gerade rechtzeitig zum Sonnenuntergang war ich auf der Aufsichtsplattform im 11. Stock. Für Fotos musste ich in die dritte Reihe … Die Fernsichtgläser waren immer wundersam besetzt. Aber es sah echt schön aus von da oben. Weil ich den Turm noch von aussen fotografieren und mir die Ramen-Strasse im Bahnhof im 10. Stock ansehen wollte, flüchtete ich recht schnell über die Strasse – und entdeckte mehr als erwartet.

    Der ultramoderne Bahnhof war bei seiner Eröffnung 1997 sehr umstritten. Viele Einwohner fanden, das futuristische Gebäude passe nicht zur traditionellen Stadt.
    Deshalb wurde eine grosse LED-Lichtertreppe mitten im Bahnhof eingebaut, welche die riesige Bahnhofshalle mit den Restaurants, einem Skywalk und einer Dachterrasse verbindet. Der Bahnhof sollte mit den Lichtern emotionaler und lebendiger wirken. Das ist gelungen. Die Lichtertreppe wirkt und ist zu einem beliebten Treffpunkt geworden. Auf der Treppe laufen animierte Muster, saisonale Motive, auf Kyoto bezogene Symbole etc.

    Oben wirken die Lichter, unten fahren Züge, Busse und die U-Bahn Hunderttausende von Menschen durch den Hightech-Komplex. Und nur wenige Kilometer entfernt liegen jahrhundertalte Tempel. Dieser spannende Kontrast, der Gegensatz zwischen Tradition und Moderne, scheint mir sehr typisch für Kyoto und Japan allgemein.
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  • Kyoto: Die Regel mit dem dritten Date …

    13 maj, Japan ⋅ ☁️ 24 °C

    Jetzt spüre ich Kyoto. Der heutige Tag war echt schön. Mein Guide Aka führte mich mit dem E-Bike nicht nur zu den versteckten Schätzen ohne zu viele Touristen, sondern erzählte mir auch spannende Details über die japanische Kultur. Zum Beispiel übers Daten. Wenn du keine Beziehung willst, geh’ nie zum dritten Date!

    Aka ist eine junge Frau, ich schätze anfangs 20. Von ihr habe ich gelernt, dass japanische Männer ihren Frauen nie Blumen bringen. Dafür seien sie zu schüchtern. Auch nicht am Valentinstag, da schenken die Frauen den Männern Schokolade … Einen Mann stellt Aka ihren Eltern erst vor, wenn es klar ist, dass sie heiraten wird. Beziehungen beginnen immer gleich: Ein oder zwei Einzeldates und nur wenn du eine Beziehung eingehen willst, gehst du zum dritten Rendez-vous. Aber fragen, ob man nun ein Paar sei, das muss dann der Mann. Schüchtern hin oder her.

    Knapp 1,5 Mio. Einwohner leben in Kyoto. Trotzdem überragt nur der 131 m hohe Kyoto-Tower beim Bahnhof alle anderen Häuser. Die Stadtverwaltung bewilligt bloss Häuser mit maximal 25 m Höhe. Dadurch hat sich Kyoto das Flair der früheren Kaiserhauptstadt zu bewahren können. Mitten durchs Zentrum fliesst der Kamo-Fluss, an dessen Ufer gibt es Cafés, Restaurants und Bars mit Holzterrassen. Hier geht Aka auf ihre zwei Dates …

    Was Kyoto besonders macht, ist die gepflegte Schönheit der Quartiere und der über 2000 Tempel und Schreine mit den wunderbaren Gärten. Obwohl man sich mitten in einer Millionen-Metropole bewegt, findet man an jeder Ecke wieder eine Oase der Ruhe und des Friedens – sofern man wie ich heute die Instagram-Hotspot-Tempel auslässt.

    Begeistert bin ich von den Gärten. Es sind wunderbare Orte der Besinnung und Meditation. Ich habe vom Daten ja keine Ahnung mehr, aber ich würde mich für meine zwei Treffen wohl eher in einen Tempelgarten verabreden als am Fluss. Jedes Element wurde präzise platziert, um vollkommene Harmonie zu erreichen. Steine bilden das Skelett und symbolisieren Beständigkeit, Berge oder Inseln. Wasser steht für Leben, Reinheit und den ständigen Wandel. Pflanzen werden durch extrem aufwändigen Beschnitt künstlich geformt, um alt und wettergegerbt zu wirken. Moos ist ein Zeichen von Alter und Würde und stark erwünscht. Blumen werden nur dezent für kurzzeitige saisonale Akzente eingesetzt.

    Der Garten soll die philosophische Wertschätzung von Imperfektion, Vergänglichkeit und dem natürlichen Altern abbilden. Gerade Linien oder Achsen werden strikt vermieden, da sie in der freien Natur nicht vorkommen, Asymmetrie und verborgene Perspektiven sind das Ziel. Geschwungene Pfade, Hügelchen und strategische Bepflanzung enthüllen beim Gehen stets neue, sorgsam gerahmte Landschaftsbilder. Steinlaternen, Trittsteine und Brücken lenken die Besuchenden.

    Ich kann mir heute öfters vor wie in einer Zauberlandschaft und wäre nicht überrascht gewesen, plötzlich eine Fee oder ein weisses Einhorn zu sehen. Überrascht hat mich dann aber ein Gewitter zum Abschluss der Tour. Mein Handy fand es mässig lässig, patschnass zu werden. Aufladen geht gerade nicht, abwarten und japanischen Matcha-Tee trinken …
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  • Kyoto: Noch nicht ganz da

    12 maj, Japan ⋅ ⛅ 25 °C

    Gestern war wieder mal ein Reisetag. Ein kleiner Sprung von Osaka nach Kyoto. Wie immer fand ich die Shinkansenzüge affenscharf und meinen Koffer zum Heulen. Keine Ahnung, wieso der immer schwerer wird … In Kyoto selbst bin ich aber auch heute noch nicht richtig angekommen.

    Auf Osaka hätte ich noch ein bisschen länger Lust gehabt. In dieser Stadt hat es mir wirklich gefallen. Aber natürlich freute ich mich auch auf Kyoto. Auf die alten Strassen der ehemaligen kaiserlichen Hauptstadt, die traditionellen Teehäuser und die jahrhundertalten Schreine. Ich begann gestern Nachmittag mit einem ausgiebigen Spaziergang durch den Nishiki-Markt. Das ist eine Einkaufsstrasse mit unzähligen Essenständen und sonstigen Waren. Heute hatte ich mit all den Tempeln und Schreinen loslegen wollen. Stattdessen musste ich den Morgen beim Arzt verbringen.

    Seit Hiroshima plagten mich starke Schmerzen im linken Bein, die vom unteren Schienbein über den vorderen Fussrist ziehen. Gehen war schwierig. Und das ist doch ziemlich mühsam, wenn man am Reisen und die Gegend zu Fuss am Erkunden ist. Hatte ich mich in Fukuoka gefreut, dass viele Japaner tatsächlich noch langsamer unterwegs sind als ich, war ich nun wieder die Schnecke in der Menge.

    Mein Hausarzt und die Krankenkasse rieten mir zu einem Check im Spital, da sie wegen der langen Heimreise und meiner Symptome eine Thrombose ausschliessen wollten. Gesagt, getan. Mit ChatGPT meine Probleme auf Japanisch übersetzen. Im Spital anmelden. Übersetzerin zur Seite bekommen. Untersuch. Ultraschall. Gespräch. Bezahlen. Apotheke. Nach vier Stunden hat mich Japans Gesundheitssystem wieder ausgespuckt.

    Ohne Thrombose zum Glück. Dafür mit der überaus präzisen Diagnose «Überbelastung des muskuloskelettalen Systems». Ich müsste hochlagern, ruhigstellen, ausruhen. NO WAY! Das habe ich diesem japanischen Arzt zum Glück klarmachen können. Jetzt rette ich mich mit entzündungshemmenden Schmerzmitteln über die Zeit. Es hätte schlimmer kommen können. Isch scho ä chli blöd, wänn mär fitnessmässig ä Pfiiiffä isch … Ich hoffe, ich kann es mit Freude, Neugierde und Motivation ausgleichen.

    Also hüpfte ich vom Schragen und gleich in den Zug zum Arashiyama-Bambuswald. Das ist ein wunderschöner Weg durch hoch aufragende Bambusbäume. Zenmässig ruhig und erhaben hatte ich es mir hier vorgestellt. Ich wollte gemütlich eine Pause einlegen. Abtauchen in die Ruhe der Natur. Dem Wiegen der Bambusstämme im Wind zusehen und dem Rauschen der Blätter lauschen. Die Realität war leider anders. Ich war viel zu spät dran und musste mich im babylonischen Sprachgewirr als Teil der Menschenmasse mitbewegen. Nix für mich. Da schone ich lieber noch ein wenig mein Bein, auch wenn die Pille heute Nachmittag schon gewirkt hat.

    Morgen habe ich eine Tour mit dem E-Bike durch Kyoto geplant. In den Reiseführern steht, die beste Zeit für den Besuch der wichtigsten Tempel sei zwischen fünf und sieben Uhr morgens. Wir starten um 9 Uhr …

    Was ist mir sonst noch aufgefallen? In Südkorea wollen alle Menschen in die Stadt und überall, wo es zwischen Meer, Flüssen und Bergen eben ist, türmen sich die Hochhäuser. In Japan sieht es ganz anders aus. Bis auf die Hochhäuser in den Stadtzentren wirken die Wohngegenden erstaunlich «flach», meistens mit zwei- bis dreistöckigen Häusern. Das hat einerseits mit der Erdbebensicherheit zu tun. Hochhäuser sind deutlich teurer und lohnen sich für «normale» Wohngebiete nicht. Umso mehr, als die Bevölkerungszahlen ausserhalb der Zentren schrumpfen. Andererseits besitzen viele Familien schon über Generationen kleine Parzellen und wohnen lieber allein im Haus.

    Fasziniert hat mich etwas, das Ihr vielleicht schon wisst, aber für mich war es neu: Bei uns «müffelet» es im Zug oder im Bus doch gerne mal, wenn es heiss ist. Hier kein bisschen. Offenbar führt eine Mutation des ABCC11-Gens bei fast allen Menschen in Südkorea und Japan zu geruchlosem Achselschweiss (und trockenem Ohrenschmalz). Dufte Sache!
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  • Osaka: Muttertag ohne Kinder

    10 maj, Japan ⋅ ☀️ 23 °C

    Irgendwie war es schon ein bisschen seltsam, den Muttertag ohne Kinder in Osaka zu verbringen. Ich tröstete mich mit Aussichten von Wolkenkratzern und Food. Zuerst habe ich mich natürlich schon ein wenig gewehrt, denn essen ist ja nicht so meins. Aber Osaka ist bekannt als «Nationalküche Japans», also habe ich mich geopfert und ein wenig geschnaust …

    ❤️❤️❤️😋 🍣🍢🐟🐂 ❤️❤️❤️

    Osaka ist Japans drittgrösste Stadt und ein dynamisches Wirtschaftszentrum. Exzellentes Streetfood und ein pulsierendes Nachtleben (ohne mich …) gibt es noch dazu. Moderne Wolkenkratzer wie das Umeda Sky Building und historische Stätten wie die Burg Osaka verbinden sich symbiotisch.

    2,8 Millionen Menschen leben in Osaka, nur Tokio (14 Mio.) und Yokohama (3,7 Mio.) sind in Japan grösser. In der gesamten Präfektur (Kanton) sind es 8,8 Mio. Einwohnende. Zum Vergleich: Anfangs 2026 zählten wir in der Schweiz ca. 9,1 Millionen …

    Und hier stehe ich also, Silveli aus Gisikon, und bringe den Mund fast nicht mehr zu. Ich liebe Städte. Das Gewusel. Neonlichter. Den Lärm. Restaurants ohne Ende. Bars. Streetfood. Den Duft. Die Optionen. Menschenmassen. Das pulsierende Leben. Osaka hat alles – und noch viel mehr. Bis auf die Burg Osaka versuche ich heute, die Stadt von oben zu erkunden und mich unten jeweils wieder von dieser harten Aufgabe zu erholen …

    Ja, der Job kann anstrengend sein. Aber jemand muss ihn ja erledigen. Heute war ich es. Und es war soooo cool! Prima ÖV, ein wunderschöner Burg-Park, Aussichten zum Niederknien, Menschen-Studium vom Allerfeinsten und Snacks zum Dahinschmelzen. Die Spezialitäten in Osaka sind Takoyaki (kleine Teigbällchen mit Oktopus, Ingwer und Frühlingszwiebeln), Okonomiyaki (herzhafte Pancakes mit alles, was man will) und Kushikatsu (frittierte Spiesschen mit was man will). Ich wollte aber auch noch Sushi und Kobe-Beef. Schliesslich war ja Muttertag. Und alles, wirklich jedes Probierärli war der Knüller!

    Und zum Abschluss Genuss pur im Onsen meines genial gelegenen Hotels im Hot-Spot-Quartier Namba (danke Roman für den super Tip!). Ein Onsen ist ein japanisches Thermalbad, das von natürlichen, vulkanisch beheizten Quellen gespeist wird und reich an Mineralien ist. Ein grossartiges Erlebnis. Fotos leider nicht erlaubt. Nur schon die Einzelduschnischen mit Stuhl und Spiegel waren spektakulär.

    Jetzt bin ich hundemüde und gehe schlafen. Zuerst sage ich aber noch: Danke Joy und Jesse, dass es Euch gibt! Danke, dass Ihr mich auf meinem Ego-Trip unterstützt. Und danke, dass Ihr mich heute geehrt habt, obwohl ich nicht bei Euch war. Das hat meinen Tag noch grossartiger gemacht!
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  • Hiroshima: Überleben und Hoffnung

    9 maj, Japan ⋅ ☀️ 21 °C

    6. August 1945: Die USA werfen die erste Atombombe der Geschichte auf eine Stadt ab. Es trifft Hiroshima. Rund 80'000 Menschen sterben sofort oder innerhalb weniger Tage. Ende 1945 sind 140'000 tot. Bis heute sind mehrere zehntausend zusätzliche Opfer den langfristigen Folgen der Verstrahlung erlegen. Und doch geht es in Hiroshima darum, dem Frieden zu gedenken und den Wunsch auf eine Welt ohne Atombomben in die Herzen der Menschen zu pflanzen.

    Ich verzichte bewusst auf den geschichtlichen Kontext. Wer sich dafür interessiert, soll googeln. Fest steht, dass die Amerikaner mit der Atombombe die Kapitulation der Japaner im zweiten Weltkrieg und damit das Kriegsende einleiteten. Den Preis, den die Menschen von Hiroshima dafür zahlen mussten, war schrecklich.

    An diesem 6. August 1945 waren etwa 350'000 Menschen in Hiroshima. Die Atombombe explodierte 600 Meter über dem Boden und tötete in drei Wellen: Hitzestrahlung, Druckwelle, radioaktive Strahlung mit nachfolgendem «schwarzen Regen». Die Details erspare ich Euch. Stellt Euch das Schlimmste vor und Ihr seid mit Sicherheit noch weit entfernt von dem, was tatsächlich passiert ist.

    Das sind die brutalen Fakten. Dank meines Tour-Guides Thomas und meines Besuchs im Friedensmuseum erhielten diese Fakten Gesichter. Ihre Geschichten und Schicksale wurden zum Leben erweckt. Das war für mich als Mensch, Frau und Mutter erschütternd, teilweise kaum erträglich. Doch dank diesen Gesichtern und Geschichten habe ich auch verstanden, worum es heute in Hiroshima geht und weshalb es den Überlebenden so wichtig ist, ihre Botschaft in die Welt zu tragen: Wir müssen Frieden und Einigkeit suchen, nicht Rache und Vergeltung. Aus Hass im Herzen kann kein Frieden entstehen. Diese Botschaft kommt an. Rund 1,5 Millionen Gäste besuchen das Museum pro Jahr. Ich glaube nicht, dass jemand gleich herauskommt, wie sie oder er hineingegangen ist.

    Im Friedenspark brennt ein ewiges Feuer. Bis zu dem Tag, an dem es auf der Welt keine Atombomben mehr geben wird. Ich befürchte, das Feuer wird noch lange brennen. Und doch nehme ich Hoffnung und Zuversicht für die Zukunft von hier mit. Dank der Überlebenden der Atombombe, die sich nichts als Frieden wünschen. Weil ich hier erlebt habe, wie aus Trümmern etwas Wunderbares aufgebaut werden kann. Und auch wegen der starken Symbole, denen ich in Hiroshima an vielen Orten begegnet bin. Symbole, die einem trotz allen Übels auf dieser Welt an Wunder und an die Menschen glauben lassen.

    Wieso können die Menschen in Hiroshima heute bedenkenlos leben, in Tschernobyl aber nicht? Die Atombombe von Hiroshima detonierte in der Luft, wodurch sich die Strahlung in der Atmosphäre verteilte. In Tschernobyl hingegen wurde sie am Boden freigesetzt und kontaminierte diesen für Tausende von Jahren. Dazu kam göttliche Hilfe – daran glauben die Japaner fest. Einen Monat nach der Detonation der Atombombe, fegte ein verheerender Wirbelsturm über die Stadt und es starben wieder viele Menschen. Dennoch glaubt man in Hiroshima, dass der Sturm das Weiterleben ermöglichte. Der Sturm soll die Stadt von radioaktiven verseuchten Ablagerungen befreit haben. Kurz darauf erwachte die Natur wieder zum Leben.

    Das Kinderfriedensdenkmal ist auch so ein Symbol. Es ist Sadako Sasaki gewidmet. Sie starb im Alter von 12 Jahren 1955 an Krebs. Weil ihr im Spital so langweilig gewesen war, faltete sie 1000 Papierkraniche, um einen Wunsch frei zu haben. Ihre Geschichte ging um die Welt. Auch heute noch falten die Besucher ihr zu Ehren Tausende von Origami-Vögeln und bringen Sie zum Kinderfriedensdenkmal. Was tun mit den Vögeln? Die Japaner wollten nicht einfach die Wünsche der Menschen entsorgen und haben sich entschieden, das Papier zu recyclen und Buchzeichen daraus herzustellen, welche die Gäste aus aller Welt nach Hause nehmen sollen, um die Friedenbotschaft zu verschenken.

    Oder das Tram in Hiroshima. Während die Atombombe fast die gesamte Infrastruktur auslöschte, wurde das Tram zum Zeichen, dass das Leben weitergeht. Nur drei Tage nach der Katastrophe fuhr der erste Wagen wieder einen kurzen Abschnitt. In einer Stadt, die in Trümmern lag und in der viele glaubten, dass für Jahrzehnte nichts mehr wachsen oder funktionieren würde, war das rollende Fahrzeug ein psychologisch enorm wichtiger Beweis für die Widerstandskraft. Heute sind immer noch drei der damaligen Trams in Betrieb.

    Oder dann gibt es in der Nähe der alten Burg einen bemerkenswerten Eukalyptus-Baum. Obwohl die Burg komplett zerstört wurde, überstand der Eukalyptus den direkten Einfluss der Bombe. Die Seite des Baums, die der Hitze- und Druckwelle ausgesetzt war, ging kaputt, die andere Seite des Baums überlebte. Trotz eines hohlen Stamms hat sich der Baum dank pflegerischer Massnahmen wieder erholt und ist ein Symbol für die Heilung der Stadt. Etwa 120 Bäume haben so überlebt.

    Nach der Atom-Katastrophe schickten Städte aus ganz Japan Bäume, damit Hiroshima wieder grün werden kann. Heute ist Hiroshima eine der grünsten Städte Japans. Nach der Atom-Katastrophe wurde die Stadt am Reissbrett neu geplant, mit einem einfachen und klaren Rastersystem für die Strassen. Heute ist Hiroshima eine der Städten Japans mit dem am besten fliessenden Verkehr. Nach der Atom-Katastrophe gab es bis auf wenige Ruinen nichts mehr im Zentrum. Heute pulsiert das Leben mit Restaurants, Bars und Einkaufszonen. Die Einwohnenden sind bekannt für ihre Offenheit und ihre Herzlichkeit. Das kann ich nur bestätigen.

    Es gibt sicher noch viele Beispiele. Und ich könnte auch noch unzählige Zeilen schreiben. Doch ich denke, das Gefühl von Hiroshima ist spürbar. Deshalb ende ich hier mit dem Herzstück des Friedenparks, dem leeren Ehrengrabmal für die Opfer der Atombombe. Hier ruhen Bücher mit den Namen aller Opfer. Jährlich kommen neue dazu. Nicht nur von Japanerinnen und Japanern, sondern von allen, die Opfer der Atombombe wurden. Dazu gehören auch 12 amerikanische Kriegsgefangene, die in der Zone waren. Die Inschrift auf dem Kenotaph lautet: «Lasst alle Seelen hier in Frieden ruhen, denn wir werden das Böse nicht wiederholen.»
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  • Hiroshima: Krieg und Frieden

    7 maj, Japan ⋅ ☁️ 24 °C

    Worte werden dem, was ich heute in Hiroshima gesehen, gehört und gefühlt habe nicht gerecht. 81 Jahre nach dem Abwurf der ersten Atombombe scheinen viele Mächtige kaum etwas daraus gelernt zu haben. Nicht so die Menschen von Hiroshima. Sie senden die Botschaft von Frieden, Vergebung und Einigkeit in die Welt hinaus. Und das so sanft und gleichzeitig kraftvoll, dass es mich mitten ins Herz traf.

    Gestern war ich mit dem Shinkansen-Zug von Fukuoka nach Hiroshima gerast. Weil ich zuerst wieder Probleme mit meiner E-Sim-Karte und danach mit dem Wäsche-Tumbler im Hotel hatte, fiel meine erste Erkundigung in Hiroshima leider ins Wasser. Also ging es erst heute mit meiner E-Bike-Tour mit Guide durch Hiroshima richtig los.

    Dabei stürzte so viel auf mich herein, das muss ich erst mal sacken lassen. Deshalb habe ich mich entschieden, den geplanten Besuch des Friedensmuseums auf morgen zu verlegen und meine morgige Abreise nach Osaka auf den späteren Nachmittag zu verschieben. Ich werde dann morgen meine heutigen Eindrücke über das Epizentrum des Grauens und das Erlebnis im Museum zusammennehmen und detailliert darauf eingehen.

    Heute brauchte ich erst mal ein wenig Abstand und bin deshalb mit dem Tram rund eine Stunde zum Meer gefahren und danach mit der Fähre auf die Insel Miyajima, um inneren Frieden zu finden beim Itsukushima Schrein. Der Schrein entstand im 6. Jahrhundert und existiert in der heutigen Form seit 1168.

    Das rote, 16 Meter hohe und scheinbar im Meer schwebende Holztor zum Schrein – hier sagt man Torii dazu – ist eine der bekanntesten Touristenattraktionen Japans. Die Insel selbst galt einst als so heilig, dass sie vom Schrein getrennt wurde, damit niemand den heiligen Boden entweihen konnte. Aus diesem Grund befindet sich das Torii vor der Küste.

    Das Torii ist nur bei Flut von Wasser umgeben, bei Ebbe kann es von der Insel zu Fuss erreicht werden. Die Kombination von Bergen, Wäldern, Meer und Schrein erscheint fast mystisch. Hier setzte ich mich einfach ans Ufer, liess die Natur auf mich wirken, schaute den Touristen und den mitten unter den Menschen herumstreunenden Wildtieren zu und ordnete meine Gedanken.

    Ich kann immer noch kaum glauben, dass ich überhaupt auf dieser Reise bin und was ich dabei alles erleben darf. In einer Stadt, die so viel Tod und Grauen erlebt hat, erscheint das Leben besonders wertvoll. Und das Wunderbare an den Menschen hier ist, dass sie das genauso sehen. Sie gedenken den Toten, aber sie wollen nicht, dass man traurig ist. Sie suchen nicht Vergeltung, sondern Freunde. Denn Freunde tun sich nicht weh. Sie geben jedem die Botschaft mit, immer nach vorne zu schauen, das Gute zu sehen und alles für den Frieden zu tun. Das sollten wir alle versuchen!
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  • Okay, ich gebe es zu: Ich war wieder mal an einer Food-Tour. Die Yatai-Strassenstände sind ein einzigartiges Kulturgut von Fukuoka und das wollte ich unbedingt erleben.

    Ab 18 Uhr werden die provisorischen Imbissstände geöffnet und ziehen bis 3, 4 Uhr morgens Massen von Einheimischen und Besuchern an. Nicht nur das Essen, auch die enge, gedrängte Atmosphäre und die Lichter im Dunkeln sind ein Teil des Reizes.

    Nach dem 2. Weltkrieg gab es rund 400 Stände, nun sind es nur noch etwa 100. Vorschriften, Kontrollen, Nachbarn, lange Arbeitszeiten, mehr Restaurants drinnen – es gibt viele Gründe für den Rückgang. Allerdings hat die Stadt erkannt, dass die Yatai-Stände viel Charme versprühen und versucht, die Szene wieder aufzubauen.

    An jedem Yatai-Stand finden rund zehn Gäste dicht nebeneinander Platz. An einem Ort mussten mein Guide Tomo und ich auf längs gestellten Hockern sitzen, weil es so weniger Platz benötigte. An einem anderen Stand dachte ich bereits, enger ginge es nicht mehr, aber der Boss sah das anders und quetschte noch mehr rein.

    Die Stände sind ausgezeichnete Orte, um die Kultur von Fukuoka zu erleben und mit Einheimischen über einer Schüssel Ramen, frisch gegrillten Yakitori (Spiesse) oder Dumplings in Kontakt zu kommen. Den Höhepunkt in Sachen Kontakt zu Einheimischen erlebte ich aber in einer Bar, in die mich Tomo schleppte.

    Dir Bar gehört einem Freund von ihm und ist nur für Freunde des Wirts offen. Der Wirt war schon lustig. Sein japanischer Vorname bedeutet Schiff. Weil er in Schottland alles über Whisky lernte, wollte er das schottische Wort für See zu seinem Barnamen machen und so als Schiff auf seinem See schippern.

    See heisst auf schottisch Loch. Doch als der Wirt wieder in Japan war, wurde er unsicher, ob er es sich bei den vielen gerollten «Rs» in Schottland vielleicht falsch gemerkt hatte, weil er das R ja nicht sagen kann. Also nannte er seine Bar Roch und doch klingt es hier in Japan jetzt halt immer wie Loch … Während er von seinem Fehler erzählte, lachte er sich selbst fast kaputt und zeichnete mir die japanischen Wörter auf. Japanische Zurückhaltung hatte ich mir anders vorgestellt.

    Wenig zurückhaltend ging es dann auch weiter. Irgendwann kamen noch zwei junge Frauen herein. Eine hatte Geburtstag. «Schiff» hatte für uns alle ein Glas mit Weisswein-Spritz bereit gemacht zum Anstossen. Die Japanerinnen waren so begeistert von meinen Pausbacken, dass sie nur noch Fotos mit mir machen wollten als Glücksbringerin für den Geburtstag. Dabei knuddelten sie mich und hüpften ständig vor Freude auf und ab. Was für ein Happening!
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