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Der Nase nach

Richtung Süden und dann? - Mal schauen. Læs mere
  • Via de la Plata XI

    24. maj 2024, Spanien ⋅ ☀️ 22 °C

    Auch wenn ich mal wieder deutlich später gestartet bin als die anderen PilgerInnen, scheine ich nicht ganz ausgeschlafen zu sein. Es passiert mir heute etliche Male, dass ich die Pfeile übersehe und auf der großen Bundesstraße, die nebenan entlangführt, lande. Die Ausschilderung ist hier allerdings auch nicht mehr so offensichtlich, häufig sind es kleine Steinpfosten an Feldrändern, die von Pflanzen überwuchert sind. Hinzu kommt etwas geringere Aufmerksamkeit durch eine eintönigere Landschaft. Das erste Mal sind heute keine Berge am Horizont zu sehen und es gibt auch keine Weiden und Viehwirtschaft mehr. Stattdessen große Felder und relativ gerade verlaufende Wege. Gut, um Strecke zu machen und dafür etwas mehr Zeit in Zamora zu verbringen.

    Zamora ist auch wieder eine wunderschöne alte Stadt. Ich mache hier Mittagspause, schlendere durch die Straßen, hole mir meinen Stempel ab und lese bei einem Kaffee noch etwas zur Geschichte der Stadt. In dieser tauchen natürlich wieder die Römer auf, die Araber und irgendwann lande ich bei den Mongolen. Letztere haben gar nichts mehr mit der Stadt zu tun, aber so ist es eben bei Wikipediaartikeln: Mit ein, zwei Links ist man plötzlich ganz woanders und auch wieder nicht, denn was auf der einen Seite der Welt passiert, hat in irgendeiner Form dann doch manchmal Auswirkungen auf die andere Seite der Welt.

    Irgendwann reiße ich mich aus dem Wikipediadschungel los und mache mich auf nach Montamara, wo ich mich mit Pia und Moritz treffen will. Getreu Moritz’ FindPenguins-Motto „Rumbrettern“ brettern die beiden nämlich vom Süden Portugals 800 km bis hier hoch. Das verdient ein Bierchen oder auch zwei! Und so haben wir ein wunderschönes Wiedersehen an einem wundervollen Caravanplatz. Nach gemeinsamem Überlegen stellen wir fest, dass wir uns Silvester 22/23 zuletzt gesehen haben...krass und verrückt, dass wir uns nun hier in Spanien treffen. Es gibt viel zu quatschen und zu berichten und gleichzeitig fühlt es sich vertraut an, als würden wir uns wie früherim Alltag treffen - schön:).
    Pia war in den letzten Wochen ebenfalls auf dem Jakobsweg unterwegs, und Moritz machte die portugiesische Küste mit seinen Surfbrettern unsicher. Wir kochen gemeinsam und erzählen noch eine ganze Weile. Zum Glück gibt es hier keine Nachtruhe um zehn:)
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  • Via de la Plata XII

    25. maj 2024, Spanien ⋅ ☀️ 24 °C

    Moritz, Pia und ich frühstücken gemeinsam und lassen uns dabei alle Zeit der Welt. Mit Blick über das Wasser und auf die Kirche am anderen Ufer lässt es sich hier genießen. Unsere Bielefelder Wohnmobilnachbarn kommen auch noch kurz vorbei, um sich zu verabschieden, noch ein paar Tipps für den Norden Spaniens zu geben und FindPenguins auszutauschen.

    Beim Abbauen lassen wir uns dann genauso viel Zeit und finden immer wieder ein neues Gesprächsthema. Kurz vor zwölf lässt sich der Abschied dann allerdings nicht mehr weiter hinauszögern, und so verabschieden wir uns. Moritz und Pia brettern weiter nach Norden, und ich stelle fest, dass meine Kette harkt. Meine darauf folgende Inspektion ergibt: Durch die Abnutzung des kleinsten Kettenblatts hat sich der Stahl soweit aufgeschoben, dass sie Kette gelegentlich an den Zähnen hängen bleibt - isf ja bereits bekannt. Einmal schnell unter Last geschaltet und nicht aufgepasst führte das (gestern) dazu, dass sich die Kette verkantete und eins der Kettenglieder ordentlich verbogen wurde. Eine Ersatzkette habe ich dabei, allerdings habe ich wohl meine Kettenschlösser und Nietstifte falsch gezählt. Von diesen finde ich nämlich keine, klasse. Aber am Ende vielleicht auch besser, mit dem Kettenwechsel zu warten, bis das kleine Kettenblatt gewechselt ist. Kurzes Grübeln und dann entschließe ich mich dazu, die Kette mit vier Gliedern weniger zu fahren (zum Glück lag das verborgene Glied am Rand) und auf das kleine Kettenblatt zu verzichten. Ein Glück ist die Etappe heute relativ flach. Damit folgt dann Prio 1 für die nächsten Tage: Ersatzteile und Werkzeug organisieren – ist ja nicht so, als wäre ich erst vor zwei Tagen im Fahrradladen gewesen …

    Auf dem Camino strample ich in Gedanken vorwärts. So ganz gut gelaunt bin ich aber nicht: Neben dem Kettenproblem hatte ich heute Morgen auch noch ein Loch mit dunklem Fleck im Zelt festgestellt. Zersetzt mir gerade ein Pilz mein Material? Auf jeden Fall immer etwas anstrengend, wenn sich solche Dinge summieren, auch wenn es nur Kleinigkeiten sind.

    Zumindest am Abend hebt sich die Stimmung dann aber wieder. Ich komme in einer schönen Herberge mit zwei freundlichen Herbergsvätern an. Die beiden sind voll und ganz in ihrem Element, heißen alle Pilgerinnen und Pilger herzlich willkommen. Jede und jeder erhält eine kleine Camino-Halskette und später wird mit allen zusammen gemeinsam zu Abend gegessen. Das Menü: Suppe, Paella, Nachtisch, Sangria und ein Schnaps und dann natürlich noch Infos über die morgige Etappe – die sind aber eher für das Fußvolk gedacht.
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  • Camino Sanabres I

    26. maj 2024, Spanien ⋅ ☁️ 10 °C

    Ich stehe so früh auf wie schon lange nicht mehr. In der traditionellen Jakobsweg-Herberge gibt es von ca. 6:30 bis 7:00 Uhr Frühstück. Kekse, Brotscheiben, Marmelade, ein kleines Küchlein, Kaffee und dazu wie gestern beim Abendessen klassische Musik: Vivaldi, etwas aus der Carmina Burana, An der schönen blauen Donau erkenne ich. Auf die strikten Zeiten und die Atmosphäre der (klassischen) Herberge muss man sich einlassen. Sicherlich nicht für jeden etwas. Ich finde es aber ganz schön, und durch das frühe Aufstehen kann man in den ruhigen und kühlen Morgenstunden fahren – zusammen mit den Abendstunden häufig die schönste Zeit. Außerdem hat man zum Mittag dann schon einiges geschafft. Nur das Herbergsfrühstück hält nicht wirklich lange vor. Nach einer Stunde knurrt mir der Magen. Im kleinen Dorf ‚Camarzana de Tera‘ kaufe ich Baguette, Süßkram und zwei riesige Empanadas (für 8 €). Als ich aus der Bäckerei trete, spricht mich ein Spanier auf Deutsch an und lädt mich zu Kaffee und Tortilla ein. Er hat über 40 Jahre in Freiburg gelebt und gearbeitet, ist nun wieder in Spanien und kennt gefühlt jeden im Dorf. Die kleine Bar bzw. das Café, das wir besuchen, wimmelt von DorfbewohnerInnen – eine schöne Atmosphäre. Neun Cafés habe es hier mal gegeben – vor Corona – jetzt seien es nur noch drei. Aber viele große Fiestas, die gäbe es hier noch immer.
    Beim Verabschieden taucht noch eine Frau auf. Sie ist Deutschlehrerin und spricht dementsprechebd ebenfalls fließend Deutsch. Es ist immer wieder verrückt, wie viele Menschen man in den entlegensten Ecken oder Dörfern trifft, die etwas oder sogar sehr gut Deutsch sprechen.

    Auf der Weiterfahrt treffe ich Hans aus der letzten Herberge und schiebe eine Weile neben ihm her. Ein flottes Tempo hat er drauf. Es ist ungefähr Mittag und nach 35 km hat er sein Tagesziel bereits erreicht. Ich fahre weiter und mache an einer Kapelle im Nirgendwo Mittagspause.

    Am späten Nachmittag erreiche ich Asturianos. Die städtische Herberge schließt an eine Turnhalle mit Bar und einen Platz zum Tontaubenschießen an. Hier wird ordentlich geballert, aber halt vegan. Viel veganer als meine Empanada de Verduras, die sieht nämlich ganz schön pollo aus, schmeckt auch so und besitzt sogar Knorpel.
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  • Camino Sanabres II

    27. maj 2024, Spanien ⋅ ☁️ 21 °C

    Asturianos - Puebla de Sanabria – Lubián

    Auch heute will ich eigentlich dem originalen Pilgerweg folgen. Als es in die erste Senke geht, werde ich dann jedoch schnell eines Besseren belehrt. Der Boden ist ziemlich aufgeweicht und schlammig, was wieder häufiges Fahrradputzen bedeuten würde. Dementsprechend weiche ich an einigen Stellen auf die N-525 aus – nicht schön, aber schnell.
    Am späten Vormittag komme ich in Puebla de Sanabria, einer schönen alten, natürlich auch wieder etwas touristischen (Sehr-)Kleinstadt an. Mit einer Einwohnerzahl von ca. 1400 würde sie in Deutschland vermutlich eher als Dorf durchgehen. Ich bin etwas verwundert, dass die Stadt unter anderem zusammen mit Hannover Biodiversitätstadt Europas ist. Wenn die Hannover kennen würden, dann stünde das bestimmt nicht mit auf diesem Schild - vielleicht habe ich da aber auch Vorurteile.

    Trotz seiner Größe gibt es in Puebla de Sanabria eine Menge Geschäfte. Unter anderem auch einen Fahrradladen, den ich direkt aufsuche. Etwas versteckt und unüblich finde ich ihn in einer Tiefgarage und besteht nur aus einem einzelnen kleinen Raum. Dennoch bekomme hier ein Kettenschloss/Kettenverschluss und der Besitzer leiht mir sogar seine Werkzeuge zum Wechseln des Kettenblattes aus (ein 8er Inbus fehlte mir für den Kurbelabzieher).
    Im Anschluss gibt es den obligatorischen Kaffee und ich erklimme den Hügel, auf dem der alte Stadtkern und die Burg liegen. Nach einer kurzen Runde geht es dann weiter vorwiegend auf der N-525 bis nach Lubián. Kleine Abstecher auf Feldwegen gibt es dennoch. Hier finde ich zur Abwechslung und zum Zeitvertreib meine Freude daran, etliche Male mit meinem Fahrrad durch eine kleine Furt zu fahren. Das Fahrrad besticht mit einer atemberaubenden Fahrdynamik im Wasser und könnte mit jedem Fisch mithalten – das nächste Mal suche ich mir einen richtigen Fluss und da es noch keinen Namen hat, nenne ich es nun White Shark! Scherz, das klingt lächerlich.
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  • Camino Sanabres III

    28. maj 2024, Spanien ⋅ ☀️ 24 °C

    Lubián - Laza

    Viele Straßen führen nach Galizien: eine Autobahn, eine Bundesstraße, eine alte Nebenstraße, ein Wanderweg und vermutlich noch ein paar Pfade. Die Camino-Radroute verläuft auf der fast nicht befahrenen Bundesstraße, trotzdem ist es etwas laut, da direkt nebenan die Autobahn verläuft. Daher entscheide ich mich, die Nebenstraße zu fahren und später auf dem Pass auf die Wanderroute auszuweichen. Letztere ist zwar etwas beschwerlicher und teilweise matschig, belohnt aber mit viel Grün und einigen Bergbächen.

    Im nächst größeren Dorf mache ich Mittagspause mit Brot und Keksen vom Bäcker und ein bisschen Gemüse. Hier hätte es sogar Roggenbrot gegeben 😍. Dummerweise sind meine Spanischkenntnisse jedoch nicht so ausgereift, das zu verstehen, und so hielt ich am Ende doch ein Weizenbrot in der Hand.
    Der Supermarkt war auch noch ein kleines Erlebnis für sich. Scheinbar hat man hier (und in vielen anderen Dörfern) den Dreh raus, auch in kleinen Dörfern alles für den täglichen Bedarf, aber auch den monatlichen oder jährlichen Bedarf anzubieten. Das Sortiment im Supermercado bestand nämlich nicht nur aus Lebensmitteln, sondern auch aus Drogerieprodukten, Saatgut, Töpfen, Pfannen, Eisenwaren und diversen Werkzeugen.
    Zeuge effizienter Konzepte für kleine, teils abgelegene Dörfer werde ich dann auch nochmal an meinem heutigen Ziel Laza. Die Herberge ist modern, frisch saniert und gleicht in ihrer Bauweise ein bisschen einem Schwimmbad. Wie häufig üblich, muss man sich an einem anderen Ort registrieren und den Schlüssel holen (meistens nur der/die erste PilgerIn, hier bekommt allerdings jeder einen Schlüssel). Dies kann eine Bar, ein Geschäft, die Touristeninformation oder wie hier die örtliche Polizei- und Feuerwehrstation sein. Jene sind zusammengelegt, haben ein kleines, aber auf den ersten Blick modernes, gut ausgestattetes Büro und kümmern sich freundlich um das Check-in der eintrudelnden Pilgerinnen und Pilger. Da könnte man sich in manchen deutschen Gemeinden eine Scheibe von abschneiden.

    Nach dem Check-in kaufe ich noch kurz im Supermarkt ein und bin wieder überrascht, dass der Besitzer einige Jahre in Deutschland gearbeitet hat und etwas Deutsch spricht. Ich wusste nicht, dass Arbeit in Deutschland so ein Ding für Spanier war. Zurück in der Herberge verkoche ich die Einkäufe direkt und sehe Christian, den ich an meinem ersten Tag auf dem Camino kennengelernt habe, wieder. Meine Workaway-Unterbrechung habe ich nun also wieder aufgeholt. Mal schauen, wen ich die Tage noch so treffe.
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  • Camino Sanabres IV

    29. maj 2024, Spanien ⋅ ☀️ 26 °C

    Der Morgen beginnt mit einem ordentlichen Anstieg, doch damit sind die meisten Höhenmeter für heute geschafft. Es folgt eine steile Abfahrt, nach der ich in eine weite Ebene gelange. Sowas macht natürlich hungrig und im nächsten Dörfchen muss dann fast eine ganze Tafel Schokolade dran glauben (Pssst, nicht Mama sagen.) - 150 g, 774 kcal - besser ist nur Erdnussbutter.

    Ich komme durch einige Dörfer, in denen heute sonderbare Bauten auf Stelzen zu finden sind. Die Holz-Stein-Konstruktionen finden sich fast in jedem Garten. Die Kurzrecherche zeigt, dass es sich um für Galicien typische Hórreos handelt, die zur Lagerung der Ernte verwendet wurden.

    Nach einem einfachen Mittagssnack genehmige ich mir einen Kaffee im nächsten Restaurant und will eigentlich in Ruhe FindPeguins schreiben. Dann kreuzt allerdings eine deutsche Anti-Alles-Familie aus der Kategorie Miesepeter auf. Nach einem kurzen, unausweichlichen Gespräch bleibt da nur „Ich bin dann mal weg“ zu sagen. Buen Camino!

    Auf den folgenden Abschnitten gibt es immer mal wieder eine Radroute und eine Wanderroute. Das ein oder andere Mal entscheide ich mich für die Wanderroute und kann dafür im Anschluss mein Fahrrad an einer Quelle säubern. Nervig, aber es beschert eine weitere Begegnung. Ein Spanier eilt aus seinem Haus, fragt, ob ich Hilfe benötige und bietet mir Obst und etwas zu trinken an. Er erklärt, dass er Autor ist, zeigt mir seine Bibliothek und will noch ein Foto vor der Skulptur seines Kopfes in der Hauswand machen.

    Die letzten 20 km bis nach Ourense sind nur noch Straße. Ich bin froh, mit dem Fahrrad unterwegs zu sein. Ich rolle an einem Café vorbei, draußen sitzt ein gelb gekleideter Pilger. Zeitgleich rufen wir uns 'Buen Camino' zu und wollen schon fast ein verhext hinterher schieben, da bin ich aber schon weiter gerollt - zum Glück, wie würde man denn überhaupt befreit werden, wenn man von Unbekannten verhext wird?
    In der Stadt angekommen, bin ich erst einmal überrascht, wie laut und wuselig es hier ist. Es ist zwar nur eine Kleinstadt, aber nach den ruhigen letzten Wochen auf dem Camino und in kleinen Dörfern muss ich mich daran erst einmal wieder gewöhnen. Hatte ich zuvor noch überlegt, zwei Nächte hier zu bleiben, ist der Entschluss nun schnell gefasst. Morgen geht es direkt weiter, so verpasse ich zwar die heißen Quellen der „Thermalhauptstadt“, aber bei 30 Grad stelle ich sie mir sowieso nicht so einladend vor.

    In der Herberge treffe ich dann den gelben Pilger wieder, Christoph heißt er. Überhaupt ist hier viel los. Die Stadt liegt noch gute 110 km von Santiago entfernt – gerade genug, um noch die Compostela zu erhalten, sollte man von hier aus starten. Doch nicht nur hierfür scheint die Distanz zu Santiago eine Rolle zu spielen. Auch die Küchenausstattung scheint mit ihr zu korrelieren. War am Anfang des Caminos doch meist alles vorhanden, waren es gestern noch ein paar Töpfe, eine Gabel und ein Löffel und heute quasi gar nichts mehr an Küchenutensilien. Empfehlung für den Camino in Galizien: Eigene Kochtöpfe und Besteck mitnehmen. Und Decken oder Schlafsack, die gibt es hier nämlich auch nicht in den Herbergen.
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  • Camino Sanabres V

    30. maj 2024, Spanien ⋅ ☁️ 22 °C

    Meistens heißt es immer, dass die Herbergen bis 8 Uhr zu verlassen sind. Häufig ist morgens aber sowieso niemand da, sodass man es entspannt angehen lassen kann. So auch heute. Entsprechend langsam verlasse ich die Herberge und trinke gegenüber zusammen mit Gelb-Christoph einen Kaffee. Danach schlendern wir noch kurz durch die Stadt, um uns ein paar Sehenswürdigkeiten anzuschauen. Jene bestehen hauptsächlich aus Kirchen. Um ehrlich zu sein: so richtig schön und interessant ist die Stadt nicht.
    Die Strecke, die ich heute fahre, ist dann relativ kurz, aber hügelig. Ich steuere das Kloster Oseira an, das mir empfohlen wurde. Aufgrund der vielen Zeit widme ich mich dann meinem Fahrradantrieb, baue die Kettenblätter auseinander und schleife das mittlere etwas ab in der Hoffnung, dass es dann wieder etwas flüssiger läuft – mittelmäßiger Erfolg. Warum eigentlich schon wieder? War ich nicht erst vor ein paar Tagen mit Kette und Kettenblättern beschäftigt? Ja, allerdings vertragen sich die neue Kette und das alte (mittlere) Kettenblatt nicht so recht und machen fröhliche Geräusche – das mittlere war also auch schon gut verschlissen und hätte getauscht werden wollen.

    In Oseira angekommen, offenbart sich das Kloster wirklich als imposantes Bauwerk. Es steht quasi im Nirgendwo, nur ein paar Häuser gehören zum danebenliegenden Dorf. Die Vespermesse am Abend (19:30, Treff 19:15) soll noch interessant sein. Mein Versuch, an ihr teilzunehmen, scheitert jedoch an meiner Pünktlichkeit. 19:15 Uhr heißt eben 19:15 Uhr und nicht 19:16 Uhr. Schade. Stattdessen lese ich dann ein bisschen. Charles Darwins „Über die Entstehung der Arten“ habe ich als deutsche Übersetzung in einer Herberge gefunden. Und es liest sich gut. Der wissenschaftliche Schreibstil war früher ein ganz anderer, was wirklich amüsant ist. Und falls ich doch irgendwann noch einmal promovieren sollte und auf bestimmte Literatur keine Lust habe, schreibe ich auch einfach:

    'Da jedoch seine Meinung oft wechselte und da er auf die Ursachen oder die Mittel der Umwandlung der Arten nicht einging, so brauche ich mich nicht ausführlich mit ihm zu befassen.'
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  • Camino Sanabres VI

    31. maj 2024, Spanien ⋅ ☀️ 12 °C

    Morgens geht es direkt hoch hinaus. Schweißtreibend, aber dafür mit guter Aussicht auf das Kloster – schon ein imposantes Bauwerk.

    Im nächsten Dorf sind die Leute schon wach. Ein älteres Ehepaar ist fleißig dabei, ein schwarzes Geländer an ihrem Balkon zu schrubben. An einigen Stellen glänzt es auch schon wieder schön. Wer macht das heute schon noch? Vielleicht meine Großeltern zu Hause? Die haben allerdings kein schwarzes Balkongeländer, nur eins an der Haustürtreppe.
    Die nächsten Dörfer, die ich durchquere, sehen ziemlich verlassen aus. Dennoch bellen hin und wieder Hunde. Wohnen hier noch Menschen? Bestimmt nicht in allen Häusern, und dann muss es hier auch ziemlich einsam sein.
    Auf dem Jakobsweg ist es hingegen gar nicht mehr einsam, riesige Reisegruppen sind plötzlich unterwegs. Mit dem Fahrrad quetsche ich mich durch einen Pulk hindurch, der bestimmt zwei Busse füllen könnte. Es sieht mehr nach einem Spaziergang aus, viele der Gehenden haben nicht einmal einen Rucksack dabei oder nur einen ganz kleinen. Meine Verwunderung ist nur von kurzer Dauer, als ich ca. 3 km später in einem Waldstück eine Handvoll Menschen sehe, die ein großes Buffet aufbauen – wäre ich doch etwas langsamer gewesen, dann hätte ich bestimmt etwas abgreifen können.

    Der Rest des Weges geht dann relativ unspektakulär und hügelig weiter. Ich mache eine späte Mittagspause auf einer Pilgerbank, die ich im Anschluss für ein Nickerchen nutze, in einem schattigen Wäldchen. Im Anschluss beschließe ich, heute noch nicht bis Santiago zu fahren, sondern eine Herberge 15 km vor Santiago anzusteuern. So habe ich morgen mehr Zeit und eine ruhigere Ankunft am Ziel. Gute Wahl, denn erstens macht – ein paar hundert Meter vor der Herberge – mal wieder eine der Gepäckträgerösen schlapp und zweitens treffe ich so noch einmal Leute (Lotte und Aga) aus der ersten Pilgerwoche wieder.
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  • Camino Sanabres VII: Santiago

    1. juni 2024, Spanien ⋅ ☀️ 19 °C

    Auch am letzten Camino-Tag bleibe ich meinem Motto treu und verlasse die Herberge als Letzter. Der Gepäckträger ist wieder einmal auf die anderen Ösen umzuschnallen – inzwischen bereits eine Routinearbeit.
    Dann geht es die letzten Hügel auf und ab nach Santiago. Die 15 km sind schnell geschafft und ich komme in der etwas wuseligen Stadt an und weiß nicht so recht, was ich mit meinem Rad inmitten der ganzen Menschen anfangen soll. Also erst einmal die Compostela abholen. Der Vorgang ist überraschend gut digitalisiert: Per QR-Code oder am Computer die persönlichen Daten eingeben, dann warten, bis die Nummer auf dem erhaltenen Zettel aufgerufen wird, und schließlich erhalte ich an Schalter 15 meine Urkunde.
    Inzwischen sind auch Lotte und Aga angekommen. Wir besorgen ein paar Snacks und picknicken auf dem Kathedralenplatz. Hier ist nun wirklich viel los. So ganz fühle ich die Stimmung noch nicht. Es ist zwar schön hier und ich bin glücklich, aber es ist nicht so ein ganz beschwingliches Gefühl, wie es viele hier haben. Vielleicht liegt es daran, dass ich mit dem Rad unterwegs war oder weil meine Reise eben noch nicht zu Ende ist.

    Auf dem Kathedralenplatz treffe ich noch ein paar andere Radfahrer. Moritz aus Stuttgart will morgen auch in dieselbe Richtung, und so suchen wir nach ausführlichen Fahrradgesprächen gemeinsam eine Unterkunft. Gar nicht so einfach, heute ist auch noch ein Konzert in der Stadt, und die meisten der Herbergen haben geschlossen. So laufen wir von Tür zu Tür, und als wäre Santiago noch nicht heilig genug, fühlen wir uns fast wie Maria und Josef. Am Ende müssen wir allerdings doch nicht im Stall übernachten und finden noch eine Herberge.
    Nach dem Abendessen gehen wir in die Stadt, wo wir uns mit Lotte, Aga und ein paar anderen Pilgerinnen im Restaurant San Martin Pinario treffen. Dort gibt es in einer festlichen, großen Halle ein 3-Gänge-Pilgermenü – Wein inklusive. Ein schöner Abschluss, und auch bei mir kommt endlich Santiago-Ankunftsstimmung auf. Der krönende Abschluss kommt allerdings erst noch: Gegenüber der Kathedrale spielt (wohl immer um 22 Uhr) eine traditionelle galicische Band – hier kommt Stimmung auf! Ein schöner Abschluss.
    Der Camino war auf jeden Fall eine tolle Erfahrung, und auch wenn ich etwas langsamer geradelt bin, war es die richtige Entscheidung, diesen Weg zu nehmen. Einen der anderen Wege werde ich bestimmt nochmal zu Fuß gehen (ich muss ja nochmal hierher, um die Kathedrale auch von innen zu sehen). Am besten mit Buch, Notizheft und ohne Handy, aber dafür mit Kochutensilien, Isomatte und Decke bzw. Schlafsack für die Herbergen in Galizien.
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  • Santiago - Fisterra: Kilometer 0

    2. juni 2024, Spanien ⋅ 🌬 19 °C

    Santiago war gestern, aber es ist noch nicht das Ende. Der Kilometer 0 liegt in Fisterra, dem „Ende der Welt“. Der westlichste Punkt Europas, zumindest dachten das die Römer. Die gut 90 km dorthin trete ich zusammen mit Moritz an, den ich gestern kennengelernt habe.

    Wir kommen gar nicht so weit, bis schon die erste große Pause folgt. In Negreira suchen wir eine super Bäckerei auf, zumindest deutet die lange Schlange, die bis auf die Straße reicht, darauf hin. Neben diversen Broten, Süßwaren und Herzhaftem gibt es hier übrigens auch ein vitales Pan Alemán. Während wir in der Schlange stehen, beginnt 50 m weiter traditionelle Musik zu erklingen. Eine galicische Musik- und Tanzaufführung mit vielen Menschen in Trachten. Wir schauen eine Weile zu und können direkt die Nähe zum Keltischen erkennen – wenn sich Keltisches halt so anhört. Auf jeden Fall wird hier auch Dudelsack gespielt.

    Nach der Musikeinlage folgt unser Mittagessen am Fluss, wo wir auch direkt hineinspringen und uns etwas abkühlen, bevor es dann den nächsten Berg hinaufgeht. Die übrige Strecke bleibt dann auch weiter hübsch hügelig und wir kommen erst gegen Abend in Fisterra an. Die Landschaft hier sieht fast etwas norwegisch aus: Fichtenwälder, Berge, Buchten und bunte Häuser, nur ist es hier angenehm warm.
    Am Hafen quatschen wir uns mit Fahrradfahrenden fest und verpassen dadurch fast den Sonnenuntergang am Kilometer 0. Aber eben nur fast :). Im Anschluss suchen wir einen geeigneten Ort für unsere Zelte. Ich freue mich nach den ganzen Herbergen endlich wieder ohne Geschnarche schlafen zu können!
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  • Fisterra - ≈Muxía: Quasi rest day

    3. juni 2024, Spanien ⋅ 🌬 21 °C

    Viel ist heute nicht passiert – zumindest, wenn man auf die Kilometer schaut. Moritz und ich waren morgens beide etwas knülle, haben dementsprechend entspannt die Zelte zusammengepackt und uns leckere Brote und Süßkram zum Frühstück besorgt. Die Bäckerkunst in Galicien kann sich übrigens sehen lassen, es gibt nicht nur einfache Weißmehlbaguettes, sondern auch vollwertige mit Roggenanteil.

    Nach dem Frühstück krebsen wir uns durch eine hügelige, waldige Strecke mit regelmäßigen Meerblicken. Auf Pilgerverkehr ist hier in beide Richtungen zu achten, da einige die Route Santiago-Fisterra-Muxía laufen und andere genau andersherum.
    Nach gut 15 km genehmigen wir uns erst einmal eine vierstündige Kaffee- und WLAN-Pause, die zur Routenplanung für die nächsten 1000 km genutzt wird. Das Café LireoCa bekommt nicht nur fünf Sterne von uns, weil es uns so lange ausgehalten hat, sondern auch, weil wir noch bevor wir die Karte in die Hand gedrückt bekommen, informiert werden, dass alles auch vegan oder vegetarisch zubereitet werden kann. Im nächsten Satz erkundigt sich der Kellner noch, ob irgendwelche Allergien bestehen – rücksichtsvoller Service.
    Im Anschluss springen wir noch in den nächstbesten Fluss (etwas wärmer als gestern) und machen uns mit nassen Klamotten (so bleibt es auch beim sonnigen Anstieg angenehm kühl) auf nach Muxía. Dort werden wir zuerst von einer, dann von einer zweiten deutschen Dame angesprochen und hören erst eine und dann eine zweite (Lebens-) Geschichte über diverse Sorgen und Wehwehchen. Nun sind wir eine ganze Ecke schlauer und wissen, wie viel Rente die Frau(en) verdient, wie viel die Wohnung kostet, was davon übrig bleibt, dass sie einen Bausparvertrag hat, eine Zahnversicherung, was in ihrer Reiseapotheke zu finden ist und vieles mehr.
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  • ≈Muxía -?: Fahrradtag im Halbstundentakt

    4. juni 2024, Spanien ⋅ ☀️ 27 °C

    7:00 Sonnenaufgang aus dem Zelt fotografieren
    7:30 Frühstücken
    8:00 Sachen packen, Geschäft verrichten
    8:30 Zelt zusammenpacken, aufsatteln
    9:00 Vom Wasser- und Zähneputzstopp los fahren
    9:30 8,1 km 80 hm Irgendwo auf dem Fahrrad strampeln
    10:00 0 km/h, 13, 5 km Brotkauf, Splitter entfernen
    10:30 Weiterfahrt
    11:00 20,4 km 235 hm Wir grüssen zwei Dorfbewohner
    11:30 25 km 27 km/h 361 hm
    12:00 0 km/h, 28.8km 406 hm, Einkauf Mittagessen
    12:30 0 km/h Mittagspause, Kurbel abbauen und Knacken beheben, essen
    13:00 noch mehr essen
    13:30 Immer noch essen, Foodkoma
    14:00 Wieder auf dem Fahrrad 35 km 479 hm
    14:30 Fahrrad fahren auf der AC-552 42,7 km 557 hm
    15:00 Fahrrad fahren auf der AC-552 54,5 km 606 hm
    15:30 Aufbruch nach Toilettenpause (danke McDonalds)
    16:00 64 km 688 hm wir sind auf der Bundesstrasse n irgendwas
    16:30 72,3 Kilometer 736 Höhenmeter
    17:00 78,9 km 840 Höhenmeter
    17:30 Geschichts- und Pinkelpause
    18:00 87 Kilometer 860 Höhenmeter
    18:30 Uhr 92,1 km 960 hm
    19:00 Supermarkthalt, Abendessen einkaufen
    19.30 97,1 km, 976 hm am Fluss entlang fahren
    20:00 Essen kochen am See 101 km 1026 hm
    20:30 Tortilla essen und Nudeln mit Zucchini-Tomatensauce kochen
    21:00 Hauptgericht essen
    21:30 Abwasch
    22:00 Zeltplatzsuche
    22:30 Zeltaufbau im Vogelbeobachtungsstand 104 km 1053 hm
    23:00 Gute Nacht.

    Messgenauigkeit +-2 min
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  • ? - ?: Ornithologen und Ichthyologen

    5. juni 2024, Spanien ⋅ ☁️ 18 °C

    Bei leicht nebligem Wetter verlassen wir unsere Ornithologen-Unterkunft und fahren weiter Richtung Nordosten. Auf dem ersten Abschnitt zeigt sich die Gegend hier stärker industrialisiert, die Städte in den Buchten haben größere Hafenanlagen und insgesamt ist die Landschaft etwas zersiedelt. Das Grün im Land sieht eigentlich so aus wie in Deutschland, wenn man Fichtenplantagen durch Eukalyptusplantagen ersetzen und hier und da ein paar Palmen in die Gärten pflanzen würde. Die bergigen Buchten hingegen haben eher etwas Nordisches – wenn es nicht schon Galicien hieße, könnte man es vielleicht Klein-Norwegen nennen.

    Unsere Strecke führt viel auf und ab und auch häufig entlang der Straße – eine 5/10. Am frühen Abend erreichen wir dann aber einen Küsten-MTB-Trail mit wunderschönen Aussichten. Hier liegen auch einige Rastplätze, die sich bestens zum Zelten eignen – das ist übrigens sowieso wieder deutlich entspannter, seitdem wir zu zweit sind.
    Die verlockende Küste verspricht auch ein abendliches Atlantikbad für welches ich mich jedoch erst einmal 80 m den gut bewachsen Hang hinunter kämpfen muss. Das lohnt sich aber, sowohl für die Aussicht als auch für das Gefühl nicht mehr zu kleben. Bevor ich mit den Pfad zurück suche, werde ich kurz Kind und male ein großes 'Moin' in den Strand - warum ist eine gute Frage, das kann hier ja sowieso keiner lesen. Oben angekommen, hat Moritz bereits mit dem (Curry-)Kochen begonnen. Moritz ist ganz entzückt von den Kochmöglichkeiten, da er selbst nur mit Equipment reist, das für Asianudeln, Instant-Kartoffelbrei oder Couscous reicht. Das Werk ist schnell vollendet, schmeckt vorzüglich und wird mit Blick aufs Meer genossen. Zum krönenden Abschluss entdecken wir noch Delphine oder zumindest dicke Fische mit Flossen – keine Ahnung, wir sind ja schließlich Ornithologen und keine Ichthyologen.
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  • ? - Burela: Wie immer Glück im Unglück

    6. juni 2024, Spanien ⋅ ☁️ 17 °C

    Der Tag begann ganz harmlos mit diesigem Wetter – fast wie bei uns oder in Großbritannien, nur wärmer. Nach einem Haferflockenfrühstück führte uns der Küsten-MTB-Weg mit grandiosen Aussichten weiter, erst oben auf der felsigen Küste, dann nach unten in ein mooriges Tal mit Fluss, einer geschlossenen Surferbar und geöffneten Toiletten – welch eine Erleichterung! Wie selbstverständlich eine adäquate Toilette doch im normalen Alltag ist und wie schnell man die Wertschätzung dafür verliert. Auf der Reise ist es jedes Mal eine unglaubliche Freude - sofern sie sauber sind.

    Im Anschluss bewegen wir uns zum nördlichsten Punkt Spaniens. Bei unseren Wikipedia-Kurzrecherchen erklärt sich dann auch das Wetter: Die Gegend hier gehört mit 1500 mm Niederschlag zu den regenreichsten Europas.
    Bei Schmuddelwetter geht es weiter durch Eukalyptusregenwälder (die Holzindustrie muss hier groß sein), an der Küste entlang und durch die eine oder andere Stadt mit bunten Häusern. Den Großteil der Strecke fahren wir leider auf einer größeren Straße, doch zumindest der Verkehr hält sich in Grenzen.

    Und dann sind scheinbar nicht alle schlechten Dinge drei. Auf der Abfahrt in den Ort San Cibrao höre ich ein mir schon zu gut bekanntes Klappern, das nichts Gutes erahnen lässt. Wieder einmal (Nr. 4) hat sich eine Gepäckträgeröse verabschiedet. Diesmal die in Sevilla (schlecht) geschweißte. Gute 300 km hat sie gehalten. Es folgt eine kurze Beratung zum weiteren Vorgehen, denn diesmal habe ich keinen Joker mehr. Wir erkundigen uns nach einer Autowerkstatt und beginnen gerade, unsere Räder dorthin zu schieben, als uns nach 50 m ein kleiner Laden mit Fahrrädern, Rasenmähern, Schiffsmotoren und einer kleinen Werkstatt auffällt. Die Übersetzungs-App hilft aus, Schweißen ist möglich, in zwei Stunden (20 Uhr) soll das Rad fertig sein. Nach den letzten Erfahrungen beim Schweißer will ich eigentlich noch den Gepäckträger abbauen, das Rad abnehmen und noch ein paar Dinge erklären. Die Sprachbarriere lässt grüßen und so stehe ich zum Unbehagen des Werkstattbesitzers in seiner Werkstatt und gestikuliere mit meinen Händen im Takt zur Übersetzungs-App. Der Mann ist schließlich sichtlich erleichtert, als ich frage, ob noch etwas benötigt wird. „Nein“ und ein sich entspannendes Gesicht sind die Antwort. Das Unbehagen wechselt seinen Besitzer und mit einem mulmigen Gefühl verlasse ich die Werkstatt – hoffentlich geht alles gut.
    Wir überbrücken die Zeit in einer Bar, leider nur bei einem Bier, Essen gibt es in allen Restaurants erst ab 20 Uhr.
    Die zwei Stunden vergehen schnell und schließlich können wir das Rad abholen. Die Schweißnaht sieht ordentlich aus und ist deutlich massiver als die vorherigen. Nur das Gewinde der Öse scheint hinüber zu sein, doch da kann eine Mutter Abhilfe schaffen. Ich denke, ich kann zufrieden sein und bin relativ erleichtert.
    Wir fahren noch ein paar Kilometer aus der Stadt hinaus und steuern den nächstbesten Übernachtungsplatz an. Es ist schon fast dunkel. Wir kochen noch schnell eine große Portion Nudeln, und dann geht's ab ins Zelt.
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  • Burela - Tapia: Pech im Glück im Unglück

    7. juni 2024, Spanien ⋅ ☁️ 17 °C

    Heute hätte eigentlich ein ganz guter Tag werden können. Die Regenvorhersage blieb aus, die Landschaft war schön und die nächsten 100 km sollten nicht so hügelig sein. Zunächst lief auch alles gut. Wir kamen gut vorwärts und konnten uns an blumig bewachsenen Steilküsten und hölzernen EU-Rad- und Rastplatzprojekten erfreuen. Sogar unsere Kaffeepause wurde mir gratis Churros Tapas und einer Sahnehaube gekrönt.
    Und dann war da eine Kurve. Eine Doppelkurve mit ganz viel Schotter. Moritz ist fast schon rum, als sein Rad ausbricht und beide gemeinsam über den Asphalt schleifen. Glück im Unglück, bis auf ein paar Schürfwunden ist ihm nichts weiter passiert. Das Erste Mal kommen unsere Erste-Hilfe-Sets zum Einsatz und schnell sind Pflaster und Mullbinde an Ort und Stelle.
    Doch etwas Pech gehört dann doch noch dazu. Die hydraulische Bremse an seinem Rad verliert Öl. Unsere Diagnose: Dichtungsring kaputt oder verrutscht. Weder wir noch der nächste Fahrradladen trauen uns so richtig heran und auch die nächstgrößere Stadt mit potenziellen Magura-Händlern ist noch mindestens eine halbe Tagesetappe entfernt. So beschließen wir, uns auf einem Campingplatz vom Schrecken zu erholen und etwas auszuruhen. Vielleicht haben wir morgen Glück, eine passende Werkstatt zu finden. Falls nicht, müssen wir kreativ werden.
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  • Tapia - ?: Langsam, morgen ist Sonntag

    8. juni 2024, Spanien ⋅ ☁️ 16 °C

    Heute und morgen wird gemütlich geradelt. Es ist Wochenende und vor Ladenschluss schaffen wir es nicht in die nächstgrößere Stadt zum Fahrradladen. Gemütlich ist leider aber nur das Radeln und nicht das Wetter. Nachdem es die letzten Tage bereits diesig war, begann heute Nacht der Regen, der in Form von ganz feinen Sprühtropfen fällt. Immerhin ist es warm.
    Wir brechen spät vom Campingplatz auf und arbeiten uns in die nächste Stadt vor. Kaffeepause. Die sind hier besonders gut. In Galicien und Asturien scheint es eben nicht nur beim Bier oder einer Cola Tapas zu geben, sondern auch beim Kaffee, entweder etwas Süßes oder wie heute ein Brot-Chorizo-Bällchen, eine Krokette und ein Stück Tortilla auf Brot – so lecker, dass wir direkt einen zweiten Kaffee bestellen. Interessanterweise kostet der zehn Cent mehr. Nach kurzem Rätseln vermuten wir, dass dies der „Terrassenpreis“ sein muss. Den ersten bestellte und erhielt ich an der Bar, den zweiten bestellten und bekamen wir draußen. Wieder etwas gelernt. Als ich später die Tassen wieder hereinbringe, bekommen wir noch eine Portion Kekse für den Weg geschenkt – das Café war eine gute Wahl :)

    Im Anschluss fahren wir wieder zum großen Teil auf der Bundesstraße. Überraschenderweise kommen uns hier auch besonders viele Pilger entgegen, die auf dem Camino del Norte unterwegs sind. Er soll sehr schön sein, aber wenn ich die langen (Bundes-)straßenabschnitte sehe, bekomme ich Zweifel daran.

    Am Abend steuern wir eine kleine Kapelle an, die einen guten Campspot vermuten lässt. Die grandiose Aussicht von hier zieht allerdings auch viele Menschen an, sodass wir auf eine tiefer liegende Bucht ausweichen. Bei der Fahrt durchs Dorf und an der Kapelle selbst sehen wir noch ein paar Exemplare der Hórreos. Diese Speicher sind wohl typisch für Asturien und vor allem smart gebaut: Große Steinplatten an bzw. zwischen den Füßen hielten Ratten und Mäuse fern.
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  • ? - Bolgues: Lächeln und winken

    9. juni 2024, Spanien ⋅ ☁️ 16 °C

    Am Morgen gibt es direkt einen Aufwachschreck, wir frühstücken, die Zelte stehen noch und eine Streife der Guardia Civil fährt vorbei. Sie scheinen sich jedoch relativ wenig für uns zu interessieren und grüßen nur freundlich. Ich winke zurück. Glück gehabt, oder Wildcampen ist eben nicht so ein großes Problem hier.

    Ansonsten ist heute nicht viel passiert. Wir fahren weiter die Küste entlang (meist größere, aber nicht viel befahrene Straßen – die ganzen Spanier sitzen heute (am Sonntag) nämlich alle in den Bars, Cafés und Restaurants ;)). Dann biegen wir bei Sotu'l Barcu in die Berge ab bzw. nach Oviedo und später in die Picos. Irgendwie vergesse ich auch, ordentliche Fotos zu machen (lag bestimmt am Wetter). Stattdessen entwickle ich eine neue Trocknungsmethode für Klamotten in feuchten Gegenden: Ich hänge sie mir wie einen Mantel um und fahre Fahrrad – das funktioniert prächtig, bietet aber nur eine Trocknungsmöglichkeit für ein Kleidungsstück.

    Am Ende des Tages dient uns wieder eine „Area Recreativa“ als Campsite. Gemähte Grünflächen mit etlichen Bänken, Tischen und theoretisch sogar Grillmöglichkeiten, die nicht fürs Camping gedacht, aber optimal dafür geeignet sind.
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  • B.- Oviedo: Reparaturtag mit Schweinchen

    10. juni 2024, Spanien ⋅ ⛅ 17 °C

    Mit Radfahren war heute nicht viel, stattdessen Werkzeugtag. Moritz startete etwas früher und steuerte bereits einen Fahrradladen in Oviedo an. Ich ließ mir etwas mehr Zeit beim Packen, Zelt trocknen und Frühstücken und traf etwas später in der Stadt ein, die den Anfang des Camino Primitivo darstellt. Eine mittelgroße, lebhafte Stadt mit vielen alten Gebäuden, Bars und Restaurants.

    Beim Schlendern durch die Stadt sehen wir in einem der Restaurants einen Kellner, der eine Flasche hoch über seinem Kopf auskippt. Auf den Boden tropft allerdings nichts, auf Hüfthöhe landet alles in einem Glas. Was ist das? Eine Zirkusshow? Im nächsten Restaurant beobachten wir dasselbe Spektakel. Es handelt sich um den in Asturien bekannten Sidra (Apfelwein), der hier wohl traditionell so eingeschenkt werden muss. Ebenfalls traditionell und fast überall zu finden ist Fabada, ein Bohnengericht. Beides verpassen wir leider zu probieren, da wir beim Kaffee so in die Routenplanung vertieft sind, dass wieder einmal die Siesta beginnt, als wir essen wollten.

    Gegen 17 Uhr machen wir uns auf den Weg zum Fahrradladen. Moritzs Bremse wurde erstmal wieder zum Laufen gebracht. Da die Schaltung auch schwergängig läuft, besorgen wir uns direkt noch zwei neue Außenhüllen (mit 10 Euro ganz schön teuer) und begeben uns dann auf eine wilde Reise durch verschiedene Ferreterías, um einen 20er Torx aufzutreiben. Gegen 20 Uhr kommen wir dann aus der Stadt und beschäftigen uns beim Abendessen mit Moritzs Rohloffschaltung. Ich bin fasziniert von der smarten Technik und habe Spaß am Basteln, auch wenn wir dies beide noch nie gemacht haben. Die Rohloff-Ingenieure machen es einem einfach. Es kann eigentlich nicht viel schiefgehen. Nur ein Maßband fehlt uns für das Messen der passenden Schalzuglänge. Ein Glück, dass das Opinel exakt 10 cm misst (danke, Anna!). Am Ende läuft die Schaltung wieder wie geschmiert.
    Etwas Zeit ist dann aber doch verstrichen, sodass wir es nur bis zur nächsten Área Recreativa (paradoxerweise neben dem Umspannwerk eines Kohl- und Gaskraftwerks) schaffen. Es ist schon dunkel, aber die Zelte sind schnell aufgeschlagen.
    Wir liegen bereits in unseren Schlafsäcken, als wir ein Grunzen und Schmatzen vernehmen. Wir liegen still und lauschen. Durch das Licht vom Umspannwerk wird ein Schatten auf meine Zeltwand geworfen. Ein großes schweiniges Etwas bewegt sich langsam von rechts nach links, ohne sich beim Schmatzen stören zu lassen. Ich öffne langsam den Reißverschluss des Zeltes. In gut 10 m Entfernung kann ich ein Wildschwein erkennen, leider nur schemenhaft, und die Fotos sind auch zu dunkel – es scheint aber ein ganz schön dickes Ding zu sein. Ich ziehe mich zurück in mein Zelt und schreibe noch diesen Findpenguins, während das Schmatzen weiterzieht und nebenan das Schnarchen beginnt.
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  • Am versunken Dorf

    11. juni 2024, Spanien ⋅ ☁️ 17 °C

    Ovieda - Láncara de Luna

    Beim Frühstück kommt unser nächtlicher Besuch nochmals vorbei, eine achtköpfige Wildschweinfamilie können wir nun zählen. Die ganze Nacht scheinen die Frischlinge durchgemacht zu haben – was für eine Erziehung!
    Nach dem Frühstück folgen wir zunächst noch ein Stück dem Fluss. Darauf folgt der erste kleine Hügel und eine steile Abfahrt, nach der wir uns den ersten schlechten Kaffee in Spanien genehmigen – mhhh, nicht so lecker.
    Im Anschluss beginnt unser heutiger 1300 m Aufstieg. Anstrengend, aber mit vielen schönen Landschaften. Der Versuch, in der Mittagspause Fabada in einem Dörfchen zu ergattern, scheitert ein weiteres Mal. Zudem erscheint uns der Preis von 16 Euro für ein (einfaches?) Bohnengericht in Spanien doch etwas teuer. Wie bleiben bei Brot, Käse, Gurke, Erdnussbutter und Marmelade.

    Nach dem Mittagessen wird es deutlich steiler und der Asphalt weicht an einigen Stellen einem Schotterweg. Ab einer gewissen Höhe kommt Nebel dazu, doch dafür haben wir den Pass ganz für uns – abgesehen von ein paar Pferden, Kühen und einem Auto mit Hamburger Kennzeichen, das plötzlich im Nebel auftaucht, ein Pferdefoto macht und davonfährt.
    Oben schnell noch ein Passfoto gemacht, man weiß ja nie, wann man wieder eins braucht, und dann geht es mit Rückenwind eine tolle 15 km lange Abfahrt hinab. Das Spiel aus Nebel, Bergen, Felsen und Sonne ist klasse.

    In einem kleinen Dorfsupermarkt besorgen wir die letzten Vorräte (es ist Wahnsinn, was es hier alles gibt) und steuern eine alte Kirche an einem Stausee an. Die Kirche des gefluteten Dorfes Láncara de Luna besitzt ein kleines Vordach, sodass wir windgeschützt kochen können und unsere Zelte gar nicht aufbauen müssen.
    Da wir nirgends unser Bohnengericht probieren konnten, gibt es dieses nun aus der Dose (das erste Mal, dass ich so ein Dosenfutter esse), dazu Kartoffelbrei und eine Flasche Sidra, die wir wie im Supermarkt ergattern konnten. Das Fazit: Die Fabada ist tatsächlich ganz gut, der Kartoffelbrei ebenfalls und die Sidra schmeckt scheußlich.

    Bevor es in den Schlafsack geht, gibt es noch ein kleines Bad im überraschend warmen See – war auch mal wieder nötig.
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  • Láncara de Luna - ?:

    12. juni 2024, Spanien ⋅ ⛅ 14 °C

    Apfel und Bargedanken

    Apfelgedanken:
    Es gibt Haferflocken, Kekse und einen Apfel zum Frühstück. Der Apfel sieht nicht besonders aus. Hellgrün und in etwa so groß wie ein Tennisball. Wir haben ihn gestern im Supermercado eines kleinen Bergdorfes für überraschend günstige 1,25 €/kg gekauft. Und er schmeckt gut, sehr gut. Viel besser als die meisten Supermarktäpfel, die doppelt so groß und viel reifer, rötlicher und makelloser aussehen. Ist unser Apfel vielleicht noch eine klassische Sorte, die hier in den Bergebenen angebaut wurde? Und ist es nicht absurd, wie Supermarkt-Massenwarenäpfel auf ihr Äußeres gezüchtet werden, lecker aussehen und dabei ihren Geschmack verlieren? Ein Foto von unserem Apfel haben wir leider nicht, er war so unscheinbar, schmeckte so gut und wurde mit Seeblick verzehrt.

    Nach dem Frühstück ging es zunächst am Stausee entlang. Später folgten zwei kleine Pässe mit klasse Abfahrten durch teils sehr enge Täler.
    Für die obligatorische Kaffeepause suchten wir wieder eine kleine Bar in einem genauso kleinen Dorf auf. Zusätzlich zum Kaffee genehmigten wir uns eine Ration Croquetas, der Großteil der übrigen Speisen sei noch nicht verfügbar, da der Koch erst um 13:30 käme. Die einfach eingerichtete Bar ist traditionell und hat Flair. An der Wand hängen Fotos von den Gästen, wie sie trinken, essen, Spiele spielen oder einfach die Zeit genießen. Die Vitrine daneben enthält Pokale für erfolgreiche Bingo- und Lotteriegewinne, die scheinbar in einer Tippgemeinschaft gemacht wurden. Dorfbewohner kommen und gehen, grüßen uns freundlich oder wünschen guten Appetit. Innerhalb einer Stunde haben wir gefühlt das ganze Dorf gesehen. Einige kommen scheinbar auf ein Schwätzchen und ein Getränk in die Bar, andere lesen die Zeitung. Wir schnappen uns auch eine, auch wenn wir nicht viel verstehen, Grafiken gehen immer. So scheint es beispielsweise ganz übel um die Olivenölpreise zu stehen (70 % teurer als im Vorjahresmonat (März)), was bei Lebensmitteln wohl zu einer höheren Inflation als im EU-Schnitt führt. Traurigerweise hat es auch Deutschland durch die AfD in die spanische Zeitung geschafft ... ein Stimmungskiller genauso wie die Europawahlen. Die beschäftigen mich hier schon, wenn ich durch die einsamen Berge fahre. Sollte man bei solchen Ergebnissen nicht in Deutschland sein? Sich politisch engagieren und gegen die – sorry – Dummheit einiger Leute arbeiten, statt irgendwo sorgenlos Fahrrad zu fahren?

    Am Nachmittag entschließen wir uns, Pass Nr. 3 aufgrund der Straßenverhältnisse, der fortgeschrittenen Zeit und der Supermarktsituation zu umfahren. Dafür bleibt uns dann mehr Zeit zum Kochen. Das Einkaufen an der Gemüsetheke klappt inzwischen ganz gut, selbstsicher bestellen wir unsere Patatas, Cebolla, Pepino, Tomates, Manzanas und finden keine Überraschung im Obst- und Gemüsebeutel. So kann es statt Dosenfutter heute mal wieder etwas Ordentliches geben: Tomaten-Gurken-Feta-Salat und spanische Tortillas – legga :)
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  • ? - Posada de Valdeón: In die Picos

    13. juni 2024, Spanien ⋅ ☁️ 20 °C

    Heute soll es in die Picos gehen. Das Frühstück ist schnell gemacht und verzehrt. Dennoch kommen wir erst spät los, da wir die Zelte erst vom Tau und Kondenswasser trocknen lassen wollen.

    Zunächst fahren wir dann entlang des Stausees Nr. 1 und biegen schließlich nach Osten ab. Versuche, unsere tägliche Kaffeepause einzulegen, schlagen fehl. Die Dörfer hier sind so klein, dass Bars und Cafés nicht existieren oder nur an bestimmten Tagen geöffnet haben. Dafür gibt es hinter jeder Kurve kühles Quellwasser.

    So geht es also ohne Kaffee den ersten ziemlich steilen und aus grobem Schotter bestehenden Weg hinauf zum Pass. An einigen Stellen hebt mein Vorderrad ab oder der Schotter rutscht unter meinen Reifen weg – ich muss schieben. Mit Kaffee wäre das sicher anders gelaufen! Oben angekommen können wir bereits ein paar schneebedeckte Gipfel der Picos de Europa sehen – Vorfreude und ein bisschen Respekt vor den Strecken der nächsten Tage.
    Auf der anderen Seite geht es dann fast genauso steil und schotterig hinunter. Irgendwann stoßen wir wieder auf Asphalt und kommen deutlich schneller voran. Allerdings nicht schnell genug, um Stausee Nr. 2 rechtzeitig zu passieren und vor der Siesta in Riaño einzukaufen.
    Dafür gibt es dann doch den ersehnten Kaffee und wir begnügen uns mit ein paar Keksen und Brotresten zum späten Mittagessen. Nach kurzer Zeit kommen zwei weitere Radler am Café an, ihre ausgeblichenen Ortliebtaschen zeugen von längerer Radlererfahrung. Erst als wir aufbrechen wollen, erkennen wir die Besitzer der Räder wieder: Rob und Wendy aus Devon, England. Wir haben sie in Santiago an der Kathedrale getroffen, noch ein paar Tipps für unsere Route erhalten und fuhren eigentlich in entgegengesetzte Richtungen weiter – was für ein Zufall. So wird unsere Pause nochmal um eine Stunde verlängert und mit Radthemen, englischen Landhäusern, den Ansichten über spanische AutofahrerInnen (Übereinstimmung: sehr rücksichtsvoll) und Co. gefüllt. Inspirierend, die beiden sind schon etwas älter (ein runder Geburtstag stand an, ich tippe auf 60) und trotzdem mit normalen Rädern, Zelt und wildcampend unterwegs – schön!
    Schließlich müssen wir dann auch weiter. Die letzten 30 km vergehen wie im Flug. In Posada de Valdeón haben wir dann ein günstiges Hostel mit einer unglaublich freundlichen Eigentümerin ausfindig gemacht (Empfehlung von Mina aus Granada) und besorgen uns das einzig Essbare, was man sich hier außerhalb eines Restaurants noch besorgen kann: Käse aus der Dorfkäserei. Mit dem Reis, den wir noch dabei haben, folgt daraus logischerweise ein Risotto (oder so etwas Ähnliches) zum Abendessen. Am Ende gibt es zur Feier des Tages die erste (richtige) Dusche seit einer Woche.
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  • Ruta del Cares

    14. juni 2024, Spanien ⋅ 🌫 18 °C

    Heute soll es in die Cares-Schlucht gehen – häufig empfohlen und im Gegensatz zum Caminito del Rey kostenlos und nicht so überlaufen.
    In der Panadería des Dorfes statten wir uns dazu mit fünf Baguettes und einem Glas Marmelade aus, regionalen Käse haben wir ja gestern schon besorgt. Zwei Baguettes verschwinden bereits beim Frühstück, eins wird Opfer des Abendessens werden und zwei wandern erst in den Rucksack und dann mit uns durch die Ruta del Cares.
    Zunächst nutzen wir aber unsere Räder, um 8 km und fast 600 hm nach Caín zu rollen (eijeijei, das müssen wir später alles wieder hoch, aber dafür sind die Aussichten hier schon klasse), wo der Wanderweg beginnt. Caín besitzt zwei Tante-Emma-Läden und besteht ansonsten vermutlich aus mehr Hotels, Restaurants und Herbergen als aus Wohnhäusern. Es wirkt sehr touristisch, aber tatsächlich ist nicht viel los. Wanderstöcke aus Holz kann man hier ab einem Euro ergattern – wie auch immer sich das rentieren soll –, werden aber eigentlich nicht benötigt. Die Ruta del Cares ist sehr gängig, besitzt einen relativ breiten Weg und verläuft, bis auf das Ende, relativ eben. Nur zu nah an den Rand sollte man nicht treten oder ausrutschen, da geht es nämlich 100 Meter runter.
    Die Strecke ist schön, die emporragenden Berge links und rechts beeindrucken, einfach aufgrund ihrer schieren Felsmasse. Über ihnen kreisen und gleiten, wie auch schon in den letzten Tagen, große Vögel. Ein Infoschild stellt sie uns als Schmutzgeier vor. An einigen Stellen der Schlucht treten verschiedene Gesteinsarten zutage (siehe Fotos), die von der Geschichte des Gebirges zeugen – hätten wir Doch einen Geologen dabei!
    Wir wandern nicht ganz bis zum Ende der Schlucht, dort geht es nämlich nochmal 300 hm hinab, die wir dann direkt wieder hinauf müssten – nichts für unsere schlappen Radlerbeine. Als wir den Rückweg antreten, kommen uns viele Ziegen entgegen, die zuvor links und rechts auf den Hängen herumturnten – Fütterungszeit?

    Der Rückweg zur Herberge geht dann doch relativ fix - Fotostopps haben wir ja auf dem Hinweg gemacht und sind nun nicht mehr notwendig. Wieder angekommen, besorgen wir uns direkt nochmal Käse aus der Käserei, kochen und versuchen, früh schalfen zu gehen. Morgen stehen über 2000 hm an und wir wollen früh starten.
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  • Posada de Valdeon - ?: Verrückte

    15. juni 2024, Spanien ⋅ ⛅ 17 °C

    Heute halten uns vermutlich alle für verrückt. Mit unseren vollgepackten Rädern fahren wir heute zwei Pässe, auf denen sonst nur Wanderer unterwegs sind, Jepp-Taxis Touristen in die Berge schaffen, Leute von der Seilbahn absteigen oder Quads und Motorräder hinauf- und hinunterpreschen. Natürlich sind wir aber nicht die einzigen Verrückten, ein paar Leute mit Fahrrädern begegnen uns auch, und Verrücktere gibt es sowieso immer, so auch heute.

    Pass Nummer eins mit gut 800 hm Differenz bekommen wir, dank unseres frühen Aufbruchs, bereits am Vormittag absolviert. Die guten Straßenverhältnisse (Asphalt und feiner, fester Schotter) sowie moderate Steigungen spielen uns in die Karten. Die von Komoot vorgeschlagene Waldabfahrt mit überwiegend 16-30 % Gefälle umfahren wir dann lieber doch. Auf unserer Umgehungsroute gibt es eine kurze Pause mit Linsen und Milchreisresten von gestern. Als wir in Fuente Dé wieder eine Asphaltstraße erreichen, schlagen uns Reisebusse und geparkte Autos entgegen – hier ist die Seilbahnstation. Die Insassen der Fahrzeuge kommen uns beim Erklimmen des zweiten Passes entgegen und bekunden uns ihren „Respekt“, dass wir hier mit dem Fahrrad hochfahren. Vielleicht fragen sie sich auch einfach nur: „Warum?“. Das frage ich mich zumindest auf dem Abschnitt, der auf 3,5 km 480 hm hat. Ganz oben kann ich mir die Frage dann aber beantworten: Die Berge sind gigantisch, genauso wie die vielen grünen und weiten Bergwiesen mit tausenden (das ist vermutlich wirklich nicht übertrieben) Pferden, Kühen und Schafen. Ein Fohlen und seine Mutterstute (wie heißt das richtig?), galoppieren über die weiten Grashügel, es ist ein klasse Anblick und einfach schön, wie viel Platz die Tiere hier haben und wie frei sie sich bewegen können. Ob hier die Milch für den regionalen Käse herkommt, den es hier überall gibt?
    Die Anfahrt hinunter ist dann relativ steinig und erfordert einiges an Konzentration und Bremsleistung. Vielleicht eher für Mountainbikes geeignet und nicht ganz optimal für unsere Räder. Doch dann – etwas weiter unten im Tal – treffen wir auf eine deutsche Familie. Drei Kinder zwischen zwei und sechs Jahren, ein Kinderfahrrad, ein Kindersitz, zwei Sattelsitze und zwei einfache, ganz normale Tourenräder (eines mit klasse DIY-Ständer) mit relativ dünner Bereifung. Sie sind dieselbe Steigung gefahren wie wir und dieselbe Abfahrt wie wir. Es geht eben immer irgendwie – krass! Wir halten ein langes und schönes Schwätzchen, bis wir uns verabschieden und weiter die Schlucht hinunterrollen. [1, der Familienreiseblog]

    Am mittelspäten Abend stoßen wir dann mal wieder auf eine Straßensperrung. Statt 4 km müssten wir 20 km und 400 hm fahren, doch die Einheimischen versichern uns, dass man mit dem Fahrrad schon hindurchkommt. Die mit Ketten gesicherten Bauzäune sind auch kein Problem, die erste ist nur mit Draht fixiert und bei der zweiten Absperrung war wohl jemand anderes etwas ungeduldig und hat das Vorhängeschloss schon einmal zerlegt. Zuletzt hält die gesperrte Straße noch eine Überraschung für uns parat: Ein Rastplatz direkt an der Straße, da hier keine Autos vorbeikommen, ist optimal zum Übernachten geeignet. Unten an der Schlucht gibt es dann sogar noch eine super (kalte) Bademöglichkeit (Fotos morgen) – perfekt!

    [1] clemensraiber.wordpress.com
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  • ?- Carbáceno: Ein deutscher Tag

    16. juni 2024, Spanien ⋅ ☁️ 22 °C

    Nachdem wir nun einmal durch die Picos gefahren sind, verlassen wir die hohen Berge. Dennoch geht es auf der Route weiter auf und ab. Ein bisschen Energie können wir uns allerdings sparen, als wir uns für einige Kilometer in den Windschatten einer Rennradgruppe hängen.
    Am frühen Nachmittag passieren wir zunächst „La Verdura“ und dann „La Cucina“, klingt perfekt für eine Salat-Mittagspause.

    Die Gegend hier sieht eigentlich ähnlich aus wie in Deutschland. Wir fahren eine kleine Nebenstraße, die sich neben einer Autobahn entlangschlängelt und durch Felder führt. Die Vegetation ist bis auf Palmen und Eukalyptus ähnlich, und in den Vororten der Städte finden sich Lidl und Aldi. Die haben allerdings geschlossen. Wie wir plötzlich feststellen, ist Sonntag – Anfängerfehler. Da bleibt also „Nur Döner Kebap“ in der nächsten Kleinstadt als Option. Sind wir doch schon wieder in Deutschland? Nein, denn hier gibt es Döner, Gemüse- oder Falafeldürüm noch für unter 5 Euro. Nachdem wir uns den Magen vollgeschlagen haben, steuern wir einen Caravanplatz in Cabárceno an. Der liegt direkt am See neben einem Safaripark. Trotz vieler Wohnmobile ist es super ruhig.
    Wir quatschen noch eine Weile mit einer siebenköpfigen (Aussteiger-)Familie aus Deutschland, die seit anderthalb Jahren mit ihrem Mercedes-Lkw und Wohnwagen unterwegs ist. Die Kinder sind in Deutschland abgemeldet, studieren beziehungsweise lernen online. Corona habe gezeigt, dass das ginge. Während wir uns unterhalten, klettern die kleinen Kinder barfuß auf Bäumen, spielen mit der Katze oder ihrem Hund – ein Bild wie im Roman.
    Von einer anderen deutschen Familie bekommen wir noch zwei Radler und Flan geschenkt – ein schöner Abend mit interessanten Begegnungen und irgendwie ein sehr deutscher Tag.😅
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  • Carbáceno - ≈Bilbao: Minenwiesen

    17. juni 2024, Spanien ⋅ ☁️ 25 °C

    Der überwiegende Teil der Strecke verlief heute auf der N-634, teils durch landwirtschaftlich geprägte Gebiete, teils durch Kleinstädte und irgendwann an die Küste. Dort treffen wir wieder auf den Camino del Norte. Im frühen 20. bis ins mittlere 20. Jahrhundert wurde hier Eisenerz abgebaut. Nun ist die alte Bahntrasse einem Asphaltweg, der direkt an der Steilküste liegt, gewichen und die Hügel sind mit Wiesen bewachsen – mit Blick auf das Meer und die vor Bilbao ankernden Schiffe der schönste Abschnitt des Tages. Hier übernachten wir.

    Ansonsten ließen wir es uns heute mal wieder kulinarisch gutgehen: Am Vormittag stolperten wir über einen Mirabellenbaum (zumindest irgendwas Pflaumiges), zum Mittag gab es Tomaten-Gurken-Oliven-Salat und abends ein Auberginen-Pilz-Risotto.
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