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Asien 2026

Sebastian & Melanie tarafından sınır tanımayan bir macera Okumaya devam et
  • Paradise Cave: 31 Kilometer unter der Erde

    21 Nisan, Vietnam ⋅ ☀️ 28 °C

    Fünfhundert Stufen führen durch den Tropenwald hinauf zum Eingang der Paradise Cave, eine halbe Stunde von Phong Nha entfernt. Wir waren morgens um sieben da, hatten den Aufstieg fast für uns allein und trafen die richtigen Touristengruppen erst auf dem Rückweg.

    Der Eingang ist ein schmaler Spalt im Fels. Dahinter führt ein Holzsteg nach unten in einen Raum, der fast hundert Meter in die Höhe reicht. Über einen Kilometer zieht sich der Steg durch die Höhle, vorbei an Stalaktiten, die wie Vorhänge von der Decke hängen, und gigantischen Stalagmiten. Mit über 31 Kilometern ist die Paradise Cave die längste trockene Höhle Asiens. Ohne gebuchte Tour sieht man zwar nur den ersten Kilometer, aber selbst der fühlt sich riesig an. Wer weiterwill, kann mit einer Tagestour bis zu sieben Kilometer tief in die Höhle vordringen, über unterirdische Flüsse paddeln und an einer Stelle zu Mittag essen, an der Tageslicht durch ein Loch in der Decke fällt.

    Bis 2005 war die Höhle unbekannt. Dann bemerkte ein Mann namens Ho Khanh im Dschungel einen Windzug aus einer Felsspalte und wusste, dass dahinter eine große Höhle liegen musste. Ho Khanh suchte eigentlich nach Adlerholz, einem seltenen Harz, das sich in befallenen Tropenbäumen bildet und in der Parfümherstellung ein Vermögen wert ist. Die Suche führte ihn tief in den Dschungel. Seinen Fund meldete er britischen Höhlenforschern, die der Höhle beim ersten Betreten spontan den Namen Paradise gaben. Derselbe Ho Khanh entdeckte auch die Son Doong, die größte Höhle der Welt. Gut siebzig Prozent des Nationalparks sind bis heute nie betreten worden, und noch immer werden bei Expeditionen neue Höhlen gefunden.

    Der Kalkstein, aus dem das alles besteht, ist vierhundert Millionen Jahre alt, entstand auf dem Boden eines flachen Meeres und liegt heute mehrere hundert Meter über dem Meeresspiegel. In manchen Formationen stecken noch die Überreste von Korallen und Meerestieren, und die Tropfsteine, die daraus wachsen, legen etwa einen Millimeter pro Jahrhundert zu.

    Wir haben ja schon sehr viele Tropfsteinhöhlen besucht, aber die Paradise Cave war eine neuartige Erfahrung, da die Höhle wirklich riesig wirkt und unzählige unterschiedliche Formationen zu sehen sind. Auf jeden Fall einen Besuch wert.
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  • Phong Nha Cave: Kajak zum Höhlenbrunch

    16 Nisan, Vietnam ⋅ ☀️ 35 °C

    Phong Nha ist die Höhlenhauptstadt Vietnams. Über 400 Höhlen sind im umliegenden Nationalpark bekannt, und jährlich werden neue entdeckt. Viele sind nur über stundenlange oder mehrtägige Wanderungen durch den Dschungel erreichbar. Darunter auch die Son Doong, die größte Höhle der Welt, deren viertägige Tour über 3.000 Dollar pro Person kostet. Bei über 40 Grad war das keine Option. Wir wollten aufs Wasser.

    Die Phong Nha Cave ist die bekannteste und zugänglichste Höhle der Region. Ihr Name bedeutet "Wind und Zähne", benannt nach den Stalaktiten, die einst wie Zahnreihen am Eingang hingen, und dem Wind, der hindurchpfiff. Von Phong Nha aus fahren kleine Boote die Besucher im Minutentakt zur Höhle und hinein, bis zur beleuchteten Haupthalle. Hier kehren die Boote um und fahren zurück zum Dorf.

    Für uns begann an dieser Stelle erst das Abenteuer, denn wir waren mit einer kleinen Kajaktour unterwegs. Viereinhalb Kilometer tief in den Berg, auf dem Son-Fluss, der hier 19 Kilometer unterirdisch fließt. Dort, wo die Boote wegen der flachen Decke nicht mehr weiterkommen, glitten wir mit dem Kajak locker hindurch und wurden von ein paar neidischen Blicken verfolgt. Wir waren schon in einigen Tropfsteinhöhlen, aber mit dem Kajak ist es ein ganz anderes Erlebnis: eine Mischung aus Paddeln, Koordinationsproblemen mit dem Partner und nebenbei die Höhle bewundern.

    Die gefühlte Lebensqualität war ab der Sekunde, als wir den Eingang passierten, um eine Dimension besser. Anstatt gefühlter 50 Grad war es plötzlich angenehm, frische Luft statt Schwüle. Da war es auch nicht weiter schlimm, dass man mit dem Hintern halb im Wasser sitzt, denn auch das war angenehm warm.

    Sobald wir den Bereich der Schauhöhle hinter uns gelassen hatten, wurde es schnell dunkel, und wir wechselten auf die Helmlampen. Anstatt schöner Inszenierung ging es jetzt darum, überhaupt noch zu erkennen, wo der Weg weiterführt. Abgelenkt wurden wir dadurch, dass sich jedes Insekt der Höhle sofort auf die neuen Lichtquellen stürzte, die genau über unserem Gesicht saßen. Wir entschieden kurzerhand, dass wir gar nicht so viel Licht brauchen, und folgten nur noch dem Licht vor uns.

    An einer Stelle schalteten alle die Lampen aus. Totale Finsternis. Lediglich am Plätschern fallender Tropfen konnten wir grob erahnen, ob und wohin wir uns bewegten.

    Nach einigen Kilometern erreichten wir das Ende der Route, wo wir zu Fuß weitergingen und in großen Hallen standen, deren Ausmaße mit den Kopflampen nicht zu erahnen waren. Hier stießen wir auf Wände voller eingeritzter Zeichen. Inschriften in alter Cham-Schrift, durchsetzt mit Sanskrit, der Gelehrtensprache des alten Indien. Sie stammen aus dem frühen 11. Jahrhundert, als ein Volk namens Cham die Küste Zentralvietnams beherrschte. Obwohl Forscher sie seit über einem Jahrhundert kennen, konnte sie noch niemand vollständig entziffern. Neben den Inschriften fanden Archäologen einen Ziegelaltar, buddhistische Statuen und Keramik. Die Höhle war vermutlich ein Tempel. Warum die Cham im Inneren einer Höhle schrieben und nicht auf den Felswänden draußen, weiß bis heute niemand.

    Auf dem Rückweg, wieder im beleuchteten Teil, hielten wir an einem kleinen Strand an, schwammen durch die Höhle und wurden danach von einem Guide im warmen Sand eingebuddelt. Als wir aufstehen durften, staunten wir nicht schlecht: Die beiden hatte hinter uns ein wahres Höhlen-Picknick aufgebaut. So viel, dass wir es nicht aufessen konnten.

    Am Eingang der Höhle trägt der Fels übrigens Spuren, die nicht geologisch sind. Weiße Narben im Stein, gelbe Flecken an der Decke, ganze Abschnitte ohne Stalaktiten. Die Höhle lag im Vietnamkrieg direkt am Ho-Chi-Minh-Pfad und diente als Lazarett und Munitionslager. Die Amerikaner versuchten, den Eingang mit Bomben zu verschließen. Eine detonierte im Inneren und zertrümmerte die namensgebenden "Zähne". Die Anlagen tiefer im Berg blieben intakt.
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  • Cuc Phuong: Vietnams ältester Urwald 🌿

    11 Nisan, Vietnam ⋅ ☀️ 36 °C

    Eine einzige Straße führt durch Cuc Phuong, zwanzig Kilometer durch Vietnams ältesten Nationalpark. Nach ein paar hundert Metern schließen sich die Baumkronen zu einem Tunnel, es wird kühler, und links und rechts stehen Pflanzen mit Blättern, hinter denen man sich verstecken könnte. Farne, die einen überragen, und Lianen, die sich von oben bis zum Boden spannen. An den besonders fotogenen hängen Jugendliche für Instagram in Pose. Abseits der Straße führen mehrere Wanderwege tiefer in den Wald, wo das Kronendach kaum Licht durchlässt und überall Insekten und Geräusche zu hören sind, die wir nicht zuordnen konnten.

    1962 hat Ho Chi Minh den Park persönlich eingeweiht, mitten im Krieg. „Wälder sind Gold", sagte er. Der Satz wurde zum Leitmotiv des vietnamesischen Naturschutzes. Obwohl Cuc Phuong nicht einmal ein Tausendstel der Landesfläche einnimmt, wachsen hier mehr als die Hälfte aller Pflanzenfamilien des Landes. Manche seiner Bäume standen schon, als in Europa das Mittelalter begann. Der berühmteste war über tausend Jahre alt und hatte einen Stammumfang, für den es zwanzig ausgestreckte Arme bräuchte. Irgendwann ging er ein, geschwächt durch Alter, Pilzbefall und Jahrzehnte voller Touristen, die ihre Namen in seine Rinde ritzten.

    Jetzt im April ist Schmetterlingssaison. Über vierhundert Arten leben im Park, darunter der Atlasspinner, einer der größten Nachtfalter der Welt, mit bis zu dreißig Zentimetern Spannweite. Viele schlüpfen gleichzeitig und versammeln sich am Mac Lake gleich am Anfang der Parkstraße. Es sind fast nur Männchen, die Salze aus dem Boden aufnehmen und bei der Paarung an die Weibchen weitergeben. Das lockt auch scharenweise Besucher für einmalige Fotos an.

    Ein Abschnitt des Parks heißt Quen Voi, „vergessene Elefanten". Der Name geht auf 1789 zurück. Damals versteckte der Feldherr Nguyen Hue hier seine Armee mit Hunderten Kriegselefanten unter dem Kronendach und besiegte anschließend die chinesische Besatzung in Hanoi in einer der berühmtesten Schlachten der vietnamesischen Geschichte.

    Der Wald war aber schon viel früher bewohnt. In einer Höhle fanden Archäologen in den Sechzigerjahren drei Skelette, über siebentausend Jahre alt. Der Aufstieg ist bei der Hitze schweißtreibend, und ohne Taschenlampe sieht man drinnen nichts. Die Höhle selbst ist ehrlicherweise unspektakulär.

    Am Anfang des Parks liegen noch drei Rettungszentren für bedrohte Arten. Das Primatenzentrum EPRC wurde Anfang der Neunziger als erstes Wildtier-Rettungszentrum Indochinas gegründet. Heute trägt es der Zoo Leipzig, und ironischerweise fühlt es sich auch wie ein Zoo an. Aber die Affen, die sich durch die Gehege schwingen, sind trotzdem faszinierend. Ein zweites Zentrum kümmert sich um Schildkröten, über tausend Tiere, fast alle beschlagnahmt von Schmugglern, deren Fracht für chinesische Restaurants bestimmt war. Das dritte widmet sich Pangolinen, Schuppentieren, die sich bei Gefahr zu einer festen Kugel einrollen und dann aussehen wie ein Tannenzapfen aus einer anderen Welt. Ihre Schuppen gelten in der traditionellen chinesischen Medizin als Heilmittel, ihr Fleisch als Delikatesse. Beides zusammen macht sie zu den meistgeschmuggelten Säugetieren der Welt.
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  • Van Long: Affen in weißen Shorts 🐒

    11 Nisan, Vietnam ⋅ ☀️ 30 °C

    Van Long liegt eine halbe Stunde nördlich von Ninh Binh Stadt und gilt als der ruhigere Gegenentwurf zu Trang An und Tam Coc. Ganz stimmt das nicht mehr, aber es ist schon bedeutend weniger touristisch am kleinen Anleger. Die Boote sind einfacher, und wir hatten eines für uns allein. Überhaupt war hier alles persönlicher. Kaum losgefahren, drückte uns unsere Bootsfrau einen Fächer in die Hand. Als die Sonne höher stieg, kramte sie einen Sonnenschirm aus ihrer Tasche hervor, der Gold wert war. Mit unserem Handy konnte sie allerdings nicht so gut umgehen 😁.

    In Van Long lebt die weltweit größte Population des Delacour-Langurs, eines der seltensten Primaten der Erde. Im Vietnamesischen heißt er "voọc quần đùi trắng", der Langur mit der weißen Hose, weil sein schwarzes Fell am Hintern weiß ist, so als trüge er Shorts. Weltweit gibt es nur noch etwa 300 Tiere, zwei Drittel davon hier. Babys kommen leuchtend orange zur Welt und dunkeln erst nach mehreren Monaten ins Schwarz-Weiß der Erwachsenen ab.

    Wir hatten Glück, denn schon nach wenigen Minuten sahen wir eine kleine Gruppe, die am Flussufer auf Nahrungssuche war. Unsere Bootsfrau war scheinbar auch überrascht und steuerte uns direkt dorthin. Einer kam näher, fast bis aufs Boot und wir musterten uns Gegenseitig. Im Hintergrund kletterte ein Weibchen mit ihrem Baby scheinbar mühelos die steile Felswand hoch. Es war sehr schön, Affen außerhalb von Gefangenschaft zu sehen und es war sehr beeindruckend, wie lässig sie sich durch die Bäume schwingen. Angeblich könnten sie bis zu zwölf Meter weit springen.

    Dass diese Tiere heute überhaupt noch existieren, ist nicht selbstverständlich. Jahrzehntelang wurden Languren für die traditionelle vietnamesische Medizin gejagt. Aus ihren Knochen wurde ein sogenannter Affenbalsam gekocht, ein Mittel gegen Gelenkschmerzen, das auf dem Schwarzmarkt mehrere Hundert Dollar pro Tier einbrachte. Für die Bauern der Region war das ein Vermögen. Die Art verschwand so gründlich, dass sie ab den 1960er Jahren als möglicherweise ausgestorben galt. Jahrzehntelang blieb eine Briefmarke von 1959 der einzige Beweis dafür, dass es diese Spezies überhaupt gab.

    Die Wiederentdeckung gelang einem Deutschen aus Dresden. Tilo Nadler war in der DDR zum Schweißer und Kältetechniker ausgebildet worden. Der Staat bestimmte seinen Beruf, aber seine Leidenschaft waren Tiere. Heimlich hielt er Wildvögel zu Hause und betrieb Vogelkunde als Hobby. Ende der Achtziger studierte er zwei Jahre lang Robben und Vögel an einer sowjetischen Forschungsstation in der Antarktis. Kurz nach der Wende kam er für einen Dokumentarfilm über den verschollenen Langur nach Vietnam und suchte fast ein Jahr lang. Schließlich gelang ihm das erste Wildfoto seit Jahrzehnten. Zwei Jahre später gründete er das EPRC (Endangered Primate Rescue Center), eine Rettungsstation für bedrohte Primaten im nahegelegenen Cuc-Phuong-Nationalpark. In Vietnam fand er nicht nur seine Lebensaufgabe, sondern auch seine Frau, mit der er bis heute dort lebt.

    Als das Reservat 2001 offiziell gegründet wurde, zählte man noch etwa 50 Tiere. Der entscheidende Schritt war ungewöhnlich: Man rekrutierte ausgerechnet ehemalige Wilderer als Ranger. 30 Freiwillige, überwiegend Bauern und Ex-Jäger, die das Gebiet besser kannten als jeder Biologe, begannen das Reservat zu patrouillieren. Gleichzeitig mussten tausende Ziegen aus den Bergen entfernt werden, die in direkter Nahrungskonkurrenz mit den Languren standen und deren Vegetation zerstörten. Seit Beginn dieser Schutzmaßnahmen wurde kein einziger Wildereifall mehr registriert. Heute leben über 200 Languren in Van Long. Die Population hat sich in gut zwanzig Jahren vervierfacht.

    Das Feuchtgebiet selbst ist allerdings jünger, als man denkt. Vor 1960 war hier nur Ackerland zwischen den Karstfelsen. Dann wurde ein über 30 Kilometer langer Deich am Ufer des Flusses errichtet, um die umliegenden Siedlungen vor den jährlichen Überschwemmungen zu schützen. Die Folge hatte niemand geplant: Das Tal lief voll, die Felder versanken, und zwischen den Felsen entstand eine riesige Lagune. Was heute wie eine uralte Landschaft wirkt, ist ein Zufallsprodukt der Hochwasserkontrolle.

    Die Einheimischen nennen Van Long die "wellenlose Bucht". Die Karstfelsen schirmen das Wasser so vollständig vom Wind ab, dass die Oberfläche absolut still liegt. Die Berge spiegeln sich darin, als läge eine zweite Landschaft unter Wasser. Am Grund sind Moos- und Algenteppiche mit bloßem Auge erkennbar. Neben den Languren sahen wir vor allem Reiher, und zwar in Massen. Sie nisten in Kolonien auf den Baumkronen, und man erkennt ihre Lieblingsbäume sofort, denn sie sind weiß überzogen. 🐦
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  • Trang An: 30.000 Jahre im Kalkstein 🛶

    3 Nisan, Vietnam ⋅ ☁️ 27 °C

    Trang An ist ein Labyrinth aus Karstfelsen, Höhlen und eingeschlossenen Seen im Norden Ninh Binhs, das sich nur per Boot erkunden lässt. Es gibt verschiedene Routen: manche führen vor allem durch Höhlen, andere eher zu Tempeln. Wir nahmen kurz nach sieben eines der ersten Boote und wählten die Route, die von allem etwas bietet.

    Traditionell wird das Boot von einer Frau gesteuert. Wir fuhren dicht an den Felsen entlang, durch niedrige Höhlen, in denen wir den Kopf einziehen mussten. Hinter jeder Höhle lag eine andere Landschaft: mal ein See mit einer kleinen Insel und einer Pagode, mal ein enger Kanal zwischen hohen Felswänden.

    Genau diese Unübersichtlichkeit war jahrhundertelang ein militärischer Vorteil. Als die Mongolen im 13. Jahrhundert mit einer der größten Armeen der damaligen Welt nach Vietnam vordrangen, zogen sich die Könige der Trần-Dynastie nach Trang An zurück. Die eingeschlossenen Täler waren das perfekte Versteck: Truppen und Vorräte ließen sich hinter den Felsen verbergen, ohne dass ein Angreifer ahnte, was um die nächste Ecke lauerte. In einem Tal richteten sie einen geheimen Palast ein: Vu Lam. Hier planten sie den Gegenschlag, und zwischen den Feldzügen meditierten die Trần-Könige und legten den Grundstein für Vietnams erste eigenständige buddhistische Schule. Später, im Vietnamkrieg, dienten die Höhlen der Bevölkerung als Schutzraum vor den Bombardierungen.

    Insgesamt gibt es in Trang An 48 Höhlen und 31 eingeschlossene Seen, verbunden durch Wasserwege, die teils offen zwischen den Felsen verlaufen, teils durch Höhlen, die nur abhängig vom Wasserstand zugänglich sind. Manche Höhlen sind kurze Durchfahrten, andere ziehen sich über Hunderte Meter. Die längste misst einen Kilometer und bedeutet fast zwanzig Minuten Fahrt durch den Fels.

    Der Kalkstein selbst entstand vor über 250 Millionen Jahren auf dem Boden eines flachen Meeres. An manchen Felswänden haben frühere Meeresstände sichtbare Kerben hinterlassen, waagerechte Linien im Stein, die zeigen, wo einmal die Wasseroberfläche war. Das gesamte Wassersystem in Trang An wird ausschließlich durch Regen gespeist und ist von allen umliegenden Flüssen komplett abgeschnitten. Auch die eingeschlossenen Täler sind untereinander kaum verbunden. Über die Jahrtausende hat sich so auf kleinem Raum eine ungewöhnliche Vielfalt entwickelt: über 600 Pflanzenarten, begünstigt durch die Isolation der einzelnen Täler voneinander.

    Die Höhlen in Trang An waren über 30.000 Jahre lang durchgehend bewohnt, so lange wie kaum ein anderer Ort in Südostasien. Nach der letzten Eiszeit drang das Meer mehrfach in die Täler ein, und die Menschen wichen jedes Mal in höher gelegene Höhlen aus, bis das Wasser wieder sank. Sie fischten, sammelten Schnecken von den Felsen und hinterließen Schicht um Schicht an Werkzeugen und Essensresten, die Archäologen heute wie ein Archiv lesen können. In einer der Höhlen fanden sie ein fast vollständiges Skelett, etwa 12.000 Jahre alt. Im Hals steckte eine Speerspitze aus Quarz. Es ist der älteste Nachweis, dass ein Mensch auf dem südostasiatischen Festland von einem anderen Menschen getötet wurde. Wer heute mit dem Boot durch diese Höhlen gleitet, fährt durch einen Ort, an dem seit der Steinzeit ununterbrochen Menschen gelebt, gearbeitet und sich gegenseitig umgebracht haben.

    2016 wurde Trang An zur Filmkulisse für Kong: Skull Island, einen Hollywood-Blockbuster, der über eine halbe Milliarde Dollar einspielte. In einem der eingeschlossenen Täler entstand ein ganzes Stammesdorf als Set, das nach dem Dreh als Touristenattraktion diente. Ein paar Jahre später ließ die UNESCO es wieder abreißen, weil es in der Kernzone des Welterbes lag.
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  • Ninh Binh: Die friedliche Ebene ⛰️🌿

    2 Nisan, Vietnam ⋅ ⛅ 30 °C

    Ninh Binh, übersetzt die "friedliche Ebene", liegt gut zwei Stunden südlich von Hanoi und sieht aus wie die Halong-Bucht an Land: steile Karstfelsen, die statt aus dem Meer aus Reisfeldern und stillen Flüssen ragen. Im Vergleich zur Halong-Bucht ist es hier still: Auf den Flüssen fahren Ruderboote und zwischen den Felsen liegen kleine Dörfer.

    Die Region zählt zu den ältesten besiedelten Gegenden Vietnams. Fast ein Jahrtausend stand Vietnam unter chinesischer Herrschaft, und als das Land sich Ende des 10. Jahrhunderts befreite, zerfiel es in zwölf verfeindete Fürstentümer. Der Mann, der sie einte, war kein Feldherr, sondern ein Waisenkind, das Wasserbüffel hütete. Schon als Junge organisierte Đinh Bộ Lĩnh die Kinder seines Dorfes zu Spielarmeen, mit Schilfblüten als Fahnen. Aus dem Spiel wurde Ernst: Er besiegte alle zwölf Warlords und gründete 968 den ersten unabhängigen vietnamesischen Staat. Als Hauptstadt wählte er ausgerechnet dieses Tal. Die Felsen bildeten eine natürliche Festung, schwer zu erobern, leicht zu verteidigen. Hoa Lư blieb gut vierzig Jahre lang Hauptstadt, bis ein späterer König den Regierungssitz nach Norden verlegte. Der Legende nach sah er am neuen Ort einen goldenen Drachen aus dem Fluss aufsteigen und nannte ihn Thăng Long, aufsteigender Drache. Daraus wurde das heutige Hanoi. Was in Ninh Binh damals strategischer Vorteil war, ist heute der Grund, warum viele Reisende herkommen.

    Wir wohnten in einem Homestay in Trang An, dem nördlichen Teil der Region, quasi zwischen den Bergen. Unsere Gastgeberin sprach fließend Deutsch, weil sie einige Jahre in Deutschland gearbeitet hatte. Das ist in Vietnam weniger ungewöhnlich, als man denkt: In den Achtzigerjahren holte die DDR zehntausende junge Vietnamesen als Vertragsarbeiter in ihre Fabriken. Nach der Wende blieben viele, andere kehrten zurück, aber die Verbindung hält bis heute. Immer noch arbeiten viele Vietnamesen gezielt in Deutschland, sparen einige Jahre lang, und kommen mit dem Geld nach Hause, um eine Unterkunft oder ein Geschäft aufzubauen. Genau das macht auch unsere Gastgeberin: Sie baut ihr Grundstück Stück für Stück aus. In den kleinen Vororten reiht sich eine Unterkunft an die nächste. Die meisten sind Familienbetriebe, in denen die Großeltern kochen und die Kinder abends mit den Gästen auf der Terrasse sitzen.

    Morgens schwangen wir uns aufs Fahrrad 🚲, fuhren in beliebiger Richtung los und landeten irgendwo zwischen eingeschlossenen Seen, Höhleneingängen und Tempelaufgängen. Unterwegs waren wir vor allem früh, weil es danach kaum noch auszuhalten war: bis zu 47 Grad und dazu die hohe Luftfeuchtigkeit. Nach einer Viertelstunde draußen war man komplett durchgeschwitzt.

    Neben der Landschaft zieht auch Bái Đính Besucher an, die größte Pagode Südostasiens. Die Anlage erstreckt sich über mehrere Hügel und wirkt wie ein kleines Dorf aus Tempeln und Treppen. Bei Nacht sieht sie dank der Beleuchtung noch beeindruckender aus.

    Abends spazierten wir den Fluss entlang, an dem unsere Unterkunft lag. Sobald es dunkel wurde, tauchten vereinzelt Glühwürmchen über dem Wasser auf. Je weiter wir uns vom Licht entfernten, desto mehr wurden es. ✨

    Aber der Dschungel hört nicht an der Zimmertür auf. Fliegengitter sind unbekannt, Türen und Fenster schließen grundsätzlich nicht richtig, und so bekamen wir diversen Besuch. Am meisten ärgerten uns die Mücken, etwas nervig waren die Ameisenstraßen, aber niedlich waren die unzähligen Geckos 🦎. Wir wussten erst, wie viele wir im Zimmer hatten, wenn wir sie nachts laut klackern hörten, und hofften darauf, dass sie viel zu Fressen finden.

    Trotz der tropischen Hitze war Ninh Binh ein sehr beeindruckender Ort. Wer durch Nordvietnam reist, sollte hier ein paar Tage einplanen.
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  • Cat Ba: Zwischen Karstfelsen und Baukrän

    29 Mart, Vietnam ⋅ ☁️ 26 °C

    Cat Ba ist die größte Insel im Golf von Tonkin, etwa drei Stunden östlich von Hanoi, und gilt als die ruhigere Schwester der berühmten Ha Long Bay. Seit wenigen Jahren zählen beide gemeinsam zum UNESCO-Weltnaturerbe. Der Name leitet sich von „Các Bà" ab, vietnamesisch für „die Frauen": Der Legende nach trieben die Körper dreier Frauen an die Strände der Insel, die Fischer errichteten Tempel für sie und benannten die Insel nach ihnen. Die Tempel stehen bis heute, verstreut über die ganze Insel.

    Wer Ha Long Bay googelt, findet Bilder von Karstfelsen, die aus smaragdgrünem Wasser ragen. Was die Bilder nicht zeigen: die Hunderte Ausflugsboote, die sich durch die Bucht drängen und den Plastikmüll auf dem Wasser. In der angrenzenden Lan Ha Bay rund um Cat Ba geht es deutlich entspannter zu. Wie lange noch, ist eine andere Frage.

    Unsere Bootstour durch die Lan Ha Bay führte uns mitten hinein in die Karstlandschaft. Die Felsen ragen bei jedem Wetter eindrucksvoll aus dem Wasser, manche nur wenige Meter breit, andere bewachsen wie kleine Dschungelinseln. Dazwischen öffnen sich enge Durchfahrten und versteckte Buchten. Wir paddelten mit dem Kajak durch die Landschaft, vorbei an Fischfarmen und schwimmenden Dörfern. Neben den Tagestouren bieten viele Anbieter auch Fahrten mit einer oder zwei Übernachtungen auf dem Boot an.

    Wer durch diese engen Durchfahrten paddelt, versteht sofort, warum diese Gewässer jahrhundertelang als Piratennest galten. Noch im 19. Jahrhundert dienten die versteckten Buchten und Höhlen der Karstinseln chinesischen und vietnamesischen Piraten als Basis. Im Golf von Tonkin operierte damals auch die größte Piratenflotte der Geschichte: über 1.800 Schiffe, kommandiert von Zheng Yi Sao, einer ehemaligen Prostituierten, die nach dem Tod ihres Mannes dessen Flotte übernahm und auf 70.000 Piraten in sechs Flotten ausbaute. Weder die chinesische Marine noch die portugiesische Flotte aus dem nahen Macau konnten sie besiegen. Am Ende handelte sie einen Amnestie-Deal aus, durfte ihren Reichtum behalten und verbrachte den Rest ihres Lebens als Besitzerin eines Spielhauses.

    Die schwimmenden Dörfer sind mehr als eine Kulisse für Touristen. Manche Familien leben seit über 300 Jahren auf dem Wasser. Das größte Dorf, Cua Van, hatte einmal über 700 Bewohner, eine schwimmende Schule und sogar eine schwimmende Polizeistation. Einige der Bewohner waren Nachfahren von Fischern, die sich in den Vierzigerjahren vor der japanischen Besatzung aufs Wasser geflüchtet hatten. Ab 2014 siedelte die vietnamesische Regierung die meisten Bewohner an Land um, offiziell aus Umweltschutzgründen. Viele Fischer verloren dabei ihre Lebensgrundlage und konnten sich an das Leben an Land nicht anpassen. Was wir sahen, waren die letzten Reste einer verschwindenden Lebensweise.

    Zurück auf der Insel ging es mit einem klapprigen, jahrzehntealten Militärjeep sowjetischer Bauart hinauf in den Cat Ba Nationalpark. Der Pfad war gut ausgebaut, die Wanderung mit knapp zweieinhalb Stunden nicht besonders lang. Trotzdem haben wir noch nie so geschwitzt. Die tropische Luft stand zwischen den Bäumen wie eine Wand, jeder Schritt trieb neue Schweißperlen. Uns ging es wie allen anderen auf dem Weg: durchnässt bis auf die Haut, halb lachend, halb stöhnend.

    Der Nationalpark ist auch die Heimat eines der seltensten Säugetiere der Welt: des Cat Ba Langur, eines Affen mit goldenem Kopf und schwarzem Fell, der ausschließlich auf dieser Insel vorkommt. In den Sechzigerjahren lebten noch fast 3.000 Tiere hier. Dann wurden sie für die traditionelle Medizin gejagt: Ihre Knochen wurden in Reisalkohol eingelegt und als Heilmittel gegen Gelenkschmerzen verkauft. Um die Jahrtausendwende waren kaum noch Tiere übrig. Seitdem kümmert sich ein von einer deutschen Organisation geleitetes Schutzprojekt um die Population, die sich langsam auf rund 90 Tiere erholt hat. Gesehen haben wir keinen, bei so wenigen Exemplaren wäre das auch ein kleines Wunder gewesen.

    Auf unserer Liste stand auch die Hospital Cave, ein dreistöckiges Militärkrankenhaus, das im Vietnamkrieg in einen Felsen gebaut wurde. Die Anlage hatte einen Operationssaal, ein Kino und konnte über 100 Patienten gleichzeitig versorgen. Trotz intensiver Bombardierung wurde sie nie entdeckt. Bei unserem Besuch war die Höhle leider geschlossen.

    Während sich die beliebten Strände im Süden schon früh mit Selfie-Sticks und Stativen füllen, fanden wir weiter im Norden noch echtes Inselgefühl: einen unerschlossenen Strand mit einer gemütlichen Strandbar, die wir uneingeschränkt empfehlen können. Beim Spaziergang wunderten wir uns zuerst, warum sich der ganze Boden zu bewegen schien. Es waren Sandblasenkrebse, die bei jedem Schritt blitzschnell in ihren Löchern verschwanden. Rund um die Eingänge hatten sie kunstvolle Sternmuster aus winzigen Sandkugeln gelegt, ein beeindruckendes kleines Naturschauspiel.

    Cat Ba Town selbst wirkte auf uns wie ein gemütliches Urlaubsdorf, noch verschlafen in der Nebensaison. Dieser Eindruck dürfte sich bald grundlegend ändern. Denn auf Cat Ba wird gebaut, an allen Ecken gleichzeitig. Abends sieht die Baustelle aus wie eine riesige Schiffswerft. Die Bucht von Cat Ba Town, die auf Google Maps noch zu sehen ist, existiert in der Realität bereits nicht mehr. Die Sun Group, einer der größten Tourismuskonzerne Vietnams, hat begonnen, einen Großteil der Bucht aufzuschütten. Geplant sind Hochhäuser, Luxusvillen, Hotels und ein künstlicher Strand. In der Nachbarbucht entsteht ein fast viermal so großes Megaprojekt: sieben Resorts mit über 800 Villen, drei Marinas, sechs Fünfsterne-Hotels, ein Casino und ein Themenpark. Zusammen über eine Milliarde Dollar Investitionsvolumen.

    Cat Ba galt lange als die ruhigere Alternative für alle, denen Ha Long Bay zu voll, zu laut und zu dreckig geworden war. Genau dieser Ruf zieht jetzt das große Geld an. Wenn die Tausenden neuen Hotelzimmer fertig sind, wird Cat Ba vermutlich aussehen wie das, wovor die Leute hierhergeflohen sind. Wir waren froh, die Insel noch so erlebt zu haben.
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  • B-52 Hanoi: Der versunkene Himmelsriese ✈️💣

    24 Mart, Vietnam ⋅ ☁️ 27 °C

    In einem Wohnviertel im Westen Hanois liegt ein kleiner Teich. Aus dem trübgrünen Wasser ragen Fahrwerk und Heck eines Flugzeugs. Es sind die Überreste eines amerikanischen B-52-Bombers, abgeschossen im Dezember 1972 und seitdem hier.

    Der Vietnamkrieg war zu großen Teilen ein Luftkrieg. Über die gesamten Kriegsjahre hinweg warfen die USA rund sieben Millionen Tonnen Bomben auf Vietnam, Laos und Kambodscha ab, mehr als alle Kriegsparteien zusammen im gesamten Zweiten Weltkrieg. Das Symbol dieses Luftkriegs war die B-52, ein viermotoriger Langstreckenbomber, der bis zu dreißig Tonnen Sprengstoff auf einen Schlag abwerfen konnte. Ursprünglich war sie für den Atomkrieg gegen die Sowjetunion gebaut worden. In Vietnam setzten die Amerikaner sie für Flächenbombardierungen aus großer Höhe ein.

    Im Dezember 1972 ließ US-Präsident Nixon Hanoi und die Hafenstadt Haiphong zwölf Tage lang bombardieren, um Nordvietnam an den Verhandlungstisch zu zwingen. Die Amerikaner nennen es bis heute „Christmas Bombing". Die Bombardierung war flächendeckend und traf Wohnviertel ebenso wie militärische Anlagen. Über 20.000 Tonnen Bomben fielen, mehr als 1.600 Zivilisten starben. Wie viele der amerikanischen Bomber dabei zu Boden gingen, ist bis heute umstritten: Die USA geben 16 verlorene B-52 zu, Vietnam zählt 34.

    Eine davon war „Rose 01". Die Maschine startete in der ersten Nacht der Kampagne von einer US-Basis in Thailand und wurde abgeschossen, bevor sie ihre Bomben abwerfen konnte. In den Tagen darauf bargen Soldaten und Anwohner 47 Bomben aus den Gärten und Gassen rund um den See. Von der sechsköpfigen Besatzung starben zwei, die anderen vier überlebten als Kriegsgefangene und landeten im Hoa Lo, dem Gefängnis mitten in Hanoi, das die US-Piloten sarkastisch „Hanoi Hilton" getauft hatten.

    Keine dreihundert Meter vom See entfernt steht das B-52-Siegesmuseum. Es macht die zwölf Dezembertage als vietnamesische Erfolgsgeschichte sichtbar: Die B-52 galt bis dahin als nahezu unverwundbar, die Nordvietnamesen holten mit sowjetischer Flugabwehrtechnik mehr als ein Dutzend vom Himmel. Unter den Schützen waren auch vietnamesische MiG-21-Piloten. Der Eintritt ist frei, was in Hanoi eher die Ausnahme ist. Innen zeigt das Museum Fotos zerstörter Krankenhäuser und Wohnviertel, ein großes Geländemodell der Luftschlacht, persönliche Gegenstände ziviler Opfer, eine Handvoll Dokumente. Informativ, stellenweise zäh. Interessanter wird es draußen.

    Im Hof liegt eine komplette B-52 in Originalgröße, fast sechzig Meter Spannweite. Das Flugzeug ist kein einzelnes Exemplar, sondern aus den Wrackteilen mehrerer abgeschossener Maschinen neu zusammengebaut. Drumherum stehen ein sowjetischer Kampfjet, die Abschussrampe einer Flugabwehrrakete, Radaranlagen und Flakgeschütze verschiedener Kaliber.

    Zurück am See fehlt jede Inszenierung. Kein Ticketschalter, kein Schild an der Einmündung der Gasse, man läuft leicht daran vorbei. An einer Hausecke gibt es ein Café, das sich schlicht „B52 Café" nennt. Es war der ruhigste Ort, an dem wir in Hanoi waren.
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  • Fansipan: Gipfel ohne Aussicht 🏔

    16 Mart, Vietnam ⋅ ⛅ 9 °C

    Mit 3.143 Metern ist der Fansipan bei Sa Pa der höchste Berg Vietnams. Von oben sieht man bei klarer Sicht bis nach China.

    Wir nahmen die erste Gondel des Tages und hatten den Gipfel fast für uns allein. Unten war das Wetter gut, aber von der anderen Bergseite schoben sich die Wolken den Hang hinauf, und oben war der Gipfel fast durchgehend in Wolken gehüllt. Kurz hatten wir Glück und konnten von oben auf ein Wolkenmeer blicken, dann war wieder alles weiß.

    Mitte der Achtzigerjahre vermaß eine vietnamesisch-sowjetische Expedition den Fansipan und stellte die Metallpyramide auf, die bis heute als Fotomotiv auf dem Gipfel dient. Vietnam und die Sowjetunion waren damals enge Verbündete, das Datum der Expedition fiel auf den 40. Jahrestag des Sieges über Nazi-Deutschland.

    Bis vor gut zehn Jahren war der Fansipan nur über einen zweitägigen Aufstieg durch dichten Dschungel erreichbar. Dann baute ein österreichischer Seilbahnhersteller eine über sechs Kilometer lange Gondelbahn, bei Eröffnung die längste Dreiseilbahn der Welt. Was früher zwei Tage dauerte, schafft man seitdem in einer Viertelstunde. Weil kein Baum gefällt werden durfte, trugen Arbeiter die Stahlteile auf ihren Schultern durch das Dickicht, teilweise über hundert Kilogramm schwer. Über zwei Jahre lebten sie in provisorischen Hütten am Berg.

    Die Seilbahn bringt einen allerdings nicht direkt bis zur Spitze. Rund 600 Stufen führen weiter nach oben, wer die nicht laufen will, nimmt eine kurze Standseilbahn. Wir hatten auch hier die erste Fahrt und damit freie Bahn. Unterhalb des Gipfels liegt ein buddhistischer Tempelkomplex mit Kloster, Pagode und einer über zwanzig Meter hohen Buddha-Statue, vorher stand hier nur die alte Gipfelpyramide. Im Nebel wirkt die Anlage fast mystisch: Nebelschwaden gleiten durch die offenen Türen der Gebäude, und die Statuen tauchen erst auf, wenn man direkt vor ihnen steht. Oben am Gipfel gab es guten Kaffee in einem kleinen Café, bei klarer Sicht hätte man von dort wohl eine großartige Aussicht gehabt. Einen Tag vor unserem Besuch hatte hier oben auch die höchstgelegene Starbucks-Filiale Asiens eröffnet.

    Wir fuhren mit dem Taxi direkt zur Seilbahn. Auf dem Rückweg standen die Tourgruppen bereits in langen Schlangen. Wie überall in Sa Pa sind auch die Innenräume auf dem Fansipan nicht beheizt.
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  • Sa Pa: Die unsichtbaren Reisterrassen ☁️

    14 Mart, Vietnam ⋅ ☁️ 12 °C

    Sa Pa liegt auf gut 1.500 Metern in den Bergen Nordvietnams und hängt regelmäßig in den Wolken. Als wir ankamen, konnten wir kaum zehn Meter weit sehen. Unser Hotel war nur als Umriss zu erahnen, die Berge dahinter komplett verschwunden in einer gleichförmigen weißen Wand. Die Stadt ist berühmt für ihre Aussichten auf Reisterrassen und tiefe Täler, aber davon sahen wir tagelang nichts. Unsere Tour zur Rong-May-Glasbrücke, die über einen Bergpass führt und eigentlich Blick auf die umliegenden Täler bieten soll, brachte exakt dieselbe Aussicht wie der Blick aus dem Hotelfenster: weißes Nichts.

    Also verlängerten wir unseren Aufenthalt. Als sich die Wolken nach ein paar Tagen unerwartet öffneten, fragten wir kurzerhand einen Taxifahrer, ob er dieselbe Strecke noch einmal mit uns fährt. Diesmal sahen wir endlich, wofür Sa Pa berühmt ist: die Reisterrassen, die sich in Stufen die Berghänge hinabziehen, dazwischen tiefe grüne Täler.

    Dass Sa Pa überhaupt bekannt wurde, geht auf die Franzosen zurück. Ende des 19. Jahrhunderts entdeckte die Kolonialverwaltung die kühle Bergluft als Gegenmittel zum drückenden Klima in Hanoi und baute den Ort zur Sommerfrische aus, mit fast 200 Villen im Kolonialstil. In den heißen Monaten zog die Verwaltungselite hierher, weg von der Hitze im Tiefland. Davon ist heute kaum etwas übrig. Im chinesisch-vietnamesischen Krieg Ende der Siebziger marschierten chinesische Truppen in Sa Pa ein und zerstörten die Kolonialbauten systematisch. Von der französischen Ära überlebte wenig mehr als die steinerne Kirche im Zentrum.

    Sa Pa ist vor allem Heimat der Hmong, die hier die Bevölkerungsmehrheit stellen. Das ist eine Ausnahme in Vietnam, wo sonst fast überall die Kinh, die vietnamesische Mehrheitsbevölkerung, dominieren. Die Hmong kamen vor rund 300 Jahren aus Südchina in diese Berge. Die Schwarzen Hmong, benannt nach ihrer tief dunklen Kleidung, färben ihre Stoffe mit Indigo aus wild wachsenden Pflanzen der Umgebung. Der Prozess dauert einen ganzen Monat: Jeden Tag wird der Stoff gefärbt, aufgehängt und getrocknet, bis er so dunkelblau ist, dass er fast schwarz erscheint. Daher der Name Schwarze Hmong. Frauen, die diese Arbeit seit Jahrzehnten verrichten, haben dauerhaft blau gefärbte Hände. In manchen Dörfern beherrschen nur noch Frauen über achtzig die vollständige Technik.

    In der Stadt selbst laufen einem vor allem andere Touristen über den Weg. Hotels und Souvenirläden reihen sich aneinander, und vieles wirkt auf internationales Publikum zugeschnitten. Cat Cat am Stadtrand war einst eine Hmong-Siedlung, heute ist es eine Touristenattraktion mit Fahrgeschäften, die eher an einen Jahrmarkt erinnern als an ein Bergdorf. Ähnlich der Liebesmarkt: Einst trafen sich dort einmal im Jahr junge Einheimische zur Partnersuche, inzwischen wird er jeden Samstagabend mit bezahlten Darstellern für Touristen nachgestellt. Was hier einmal authentisch war, ist schwer zu sagen. Schön ist es trotzdem.

    Direkt in Sa Pa startet die Seilbahn auf den Fansipan, mit über 3.100 Metern der höchste Berg Vietnams und ganz Indochinas. In zwanzig Minuten ist man auf dem Gipfel. Dazu gibt es einen eigenen Bericht.

    Wer nach Sa Pa will, sollte vorher das Wetter checken und entweder spontan anreisen, wenn die Vorhersage stimmt, oder genug Puffertage einplanen. Wir hätten ohne die Verlängerung nichts von der Landschaft gesehen und wären ziemlich enttäuscht abgereist.
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  • Hoa Lo: Folter im Hanoi Hilton ⛓️

    10 Mart, Vietnam ⋅ ☀️ 23 °C

    Mitten in Hanois Geschäftsviertel steht ein Stück gelbe Gefängnismauer, vielleicht dreißig Meter lang. Der Rest wurde in den Neunzigerjahren abgerissen, um Platz für Hochhäuser zu machen. Was hinter der Mauer übrig blieb, ein Zellentrakt, Innenhöfe und ein paar Verwaltungsräume, ist heute ein Museum. Es erzählt eine Geschichte, die wir vorher nicht kannten.

    Frankreich eroberte Vietnam ab den 1850er-Jahren, Stück für Stück: erst den Süden, dann den Norden, bis das ganze Land Teil von Französisch-Indochina war. Fast hundert Jahre lang kontrollierte Frankreich Vietnam, Laos und Kambodscha. Die Kolonialverwaltung betrieb staatliche Monopole auf Opium, Alkohol und Salz. Opium brachte zeitweise ein Drittel des Kolonialbudgets ein. Dörfer hatten Pflichtkaufquoten für Reisalkohol und mussten ihn abnehmen, ob sie wollten oder nicht. Auf den Kautschuk-Plantagen im Süden, die unter anderem dem Reifenhersteller Michelin gehörten, starben jährlich zwanzig bis dreißig Prozent der Arbeiter. Es gab ein vietnamesisches Sprichwort dafür: Hundert gehen, einer kommt zurück.

    Wer sich wehrte, landete in Gefängnissen wie Hoa Lo. Die Franzosen errichteten es Ende des 19. Jahrhunderts. Gebaut für rund 450 Häftlinge, vor allem politische Gefangene. In Wahrheit saßen hier zeitweise über zweitausend Menschen ein, angekettet in Gruppen, unterernährt, auf engstem Raum. Ein Raum im Museum dokumentiert die Foltermethoden der Franzosen. Laut den Infotafeln im Museum wurden Gefangene unter anderem in Metallfässer voller Abwasser gesperrt, auf die von außen eingeschlagen wurde, weil sich der Schall im Wasser direkt auf den Körper überträgt. In einem anderen Raum steht auch die originale Guillotine, die immer wieder durchs Land transportiert wurde, um Aufständische hinzurichten.

    Die Franzosen erreichten allerdings das Gegenteil von dem, was sie wollten. Die Gefangenen organisierten sich hinter Gittern, gründeten politische Gruppen und machten das Gefängnis zu einer Art revolutionärer Schule. An Heiligabend 1932 gelang sieben Häftlingen eine der dreiste Flucht. Über Wochen hatten sie sich einzeln in die Krankenstation verlegen lassen, jeder mit einer anderen vorgetäuschten Krankheit: Einer ritzte sich das Knie auf, um Syphilis zu simulieren, zwei brachten ihr Zahnfleisch zum Bluten und husteten Tuberkulose vor, einer hielt so lange die Luft an, bis die Ärzte Herzversagen diagnostizierten. Als an Heiligabend die Kirchenglocken läuteten und Hanoi feierte, sägten sie die Gitterstäbe durch und verschwanden in der Menge. Einer von ihnen wurde später Vizepräsident Nordvietnams.

    Auch außerhalb der Gefängnismauern formierte sich der Widerstand. Ho Chi Minh gründete die kommunistische Partei, die Viet Minh organisierten den Untergrund. Als Deutschland im Zweiten Weltkrieg Frankreich besetzte, nutzte Japan die Schwäche und übernahm die Kontrolle über Indochina. Nach Japans Kapitulation rief Ho Chi Minh die Unabhängigkeit aus und zitierte dabei die amerikanische Unabhängigkeitserklärung. Doch Frankreich wollte seine Kolonie zurück und führte ab 1946 acht Jahre lang Krieg darum. Die Entscheidung fiel bei Dien Bien Phu, einem Tal im Nordwesten, umgeben von Bergen. Die Franzosen hatten dort eine Festung errichtet und hielten sich für unangreifbar. Die Viet Minh zerlegten ihre Geschütze, trugen sie von Hand durch den Dschungel die Berge hinauf und bauten sie auf den Höhen wieder zusammen. Die Franzosen waren eingekesselt. In den Kolonien Afrikas und Asiens sahen Menschen zum ersten Mal, dass eine europäische Kolonialmacht militärisch geschlagen werden konnte.

    Gut zehn Jahre später begann der Vietnamkrieg, und die Nordvietnamesen nutzten Hoa Lo für amerikanische Kriegsgefangene, vor allem abgeschossene Piloten. Die Gefangenen gaben dem Ort den sarkastischen Spitznamen Hanoi Hilton. Der bekannteste Insasse war John McCain, der spätere US-Senator und Präsidentschaftskandidat. Sein Flugzeug wurde über Hanoi abgeschossen. Schwer verletzt zog man ihn aus einem See mitten in der Stadt. Als sein Vater zum Oberbefehlshaber der US-Streitkräfte im Pazifik aufstieg, bot man McCain die vorzeitige Freilassung an. Er lehnte ab, weil er den militärischen Grundsatz nicht brechen wollte, dass Gefangene in der Reihenfolge ihrer Ankunft freikommen. Er blieb noch über vier Jahre. Jahrzehnte später besuchte er als US-Senator das Museum in Hoa Lo.

    Das Museum erzählt diese Geschichte durchaus, aber auf seine Weise. Die gezeigten Fotos zeigen nur eine Seite: Gefangene beim Volleyball, bei Weihnachtsfeiern, beim Essen. Die offizielle Linie lautet, die Behandlung sei human gewesen. Ehemalige Insassen berichten von Folter, gebrochenen Knochen und monatelanger Isolation. Man sieht hier die vietnamesische Version der Geschichte. Am Ende des Rundgangs steht ein Altar, an dem Vietnamesen Räucherstäbchen für die Gefangenen anzünden, die hier starben.

    Der Audioguide kostet extra und ist etwas zäh, lohnt sich aber.
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  • Parfüm-Pagode: Wo eine Göttin entstand

    7 Mart, Vietnam ⋅ ☁️ 24 °C

    Die Parfüm-Pagode liegt südwestlich von Hanoi in einer tropischen Karstlandschaft und ist eine der wichtigsten buddhistischen Pilgerstätten Vietnams. Parfüm steht hier für den Duft der wilden Blumen, die an den Felsen wachsen. Der Tempelkomplex ist nur über das Wasser erreichbar. Flache Ruderboote gleiten zwischen steilen Kalksteinfelsen hindurch, eine gute halbe Stunde lang. Gerudert wird traditionell von Frauen.

    Dass wir ausgerechnet im größten buddhistischen Pilgerfest des Landes ankommen würden, wussten wir vorher nicht. Das Parfüm-Pagoden-Fest dauert rund drei Monate, vom Mondneujahr Ende Januar bis weit ins Frühjahr, und zieht jedes Jahr über eine Million Pilger an, die hier Glück und Segen für das neue Jahr erbitten. Wir waren an einem Samstag am Höhepunkt des Fests da. Der Fluss war voller Boote, die Treppen und Wege voller Menschen, und statt eines ruhigen Tempel- und Höhlenbesuchs schoben wir uns zwischen Pilgern mit Opfergaben und Räucherstäbchen die Treppen hoch. Um die Wege reihten sich prall gefüllte Lokale aneinander, Stände mit regionalen Leckereien, Gewürzhändler, dazwischen Spielzeughändler, die uns an Kirmesverlosungen erinnerten. Mehr Jahrmarkt als Pilgerstätte.

    Wem all diese Pilger folgen, erzählt eine Legende, die sich hier zugetragen haben soll. Eine Königstochter namens Diệu Thiện weigerte sich zu heiraten. Ihre Bedingung war unerfüllbar: Der Bräutigam müsste sie vom Altern, von Krankheit und Tod befreien können. Kein Ehemann konnte das, und genau darauf hatte sie es angelegt. Sie wollte ins Kloster, nicht in einen Palast. Ihr Vater sah darin einen Angriff auf seine Autorität. Er schickte sie ins Kloster, ließ aber die Nonnen ihr die härteste Arbeit aufbürden, in der Hoffnung, sie würde aufgeben und zurückkommen. Als das nicht half, ließ er das Kloster niederbrennen. Diệu Thiện überlebte. Daraufhin ließ er sie hinrichten. Doch selbst in der Unterwelt verwandelte ihr Mitgefühl die Hölle in ein Paradies, bis der Herrscher der Toten sie aus Angst um sein Reich ins Leben zurückschickte. Sie meditierte jahrelang in einer Höhle, und als ihr Vater schwer erkrankte, sagte ihm ein Mönch, nur die Augen und Arme eines Menschen ohne Zorn könnten ihn heilen. Diệu Thiện opferte beides, ohne zu zögern, für den Mann, der sie hatte töten lassen. In diesem Moment wurde sie zu Quan Âm, der Göttin des Mitgefühls. Sie hätte ins Nirvana eingehen können, kehrte aber um, weil sie einen Schrei des Leidens aus der Welt hörte. Seitdem wird sie verehrt als die, die erst von der Erde geht, wenn alles Leiden beendet ist.

    Die Hương-Tích-Höhle gilt als der Ort, an dem Diệu Thiện zur Göttin wurde. Der gesamte Komplex der Parfüm-Pagode ist um diese Überzeugung herum gebaut: Der Giải-Oan-Tempel auf dem Pilgerweg heißt übersetzt "Tempel der Reinwaschung von Unrecht" und bezieht sich direkt auf das Schicksal der Prinzessin. Eine Inschrift am Höhleneingang aus dem 18. Jahrhundert erklärt sie zur heiligsten Höhle Vietnams.

    Im Inneren hängen Stalaktiten, die über Jahrhunderte von Pilgerhänden glatt gerieben wurden. Jede Formation hat einen eigenen Namen und eine zugeschriebene Kraft: Der Münzhaufen soll Wohlstand bringen, der Mädchen- und der Jungenberg helfen kinderlosen Paaren. An einem brustförmigen Stalaktiten sammeln Pilger das herabtropfende Wasser auf, weil sie glauben, diese heilige Milch bringe Gesundheit und Segen. Zwischen den Formationen liegen Plastikbabys, die Besucher als Glücksbringer für ihren Kinderwunsch hinterlassen. Für die Pilger ist die Kraft der Quan Âm hier nicht Legende, sondern Gegenwart.

    Unsere kleine Gruppe war die einzige ohne religiösen Anlass, und unter den Tausenden drumherum kein einziger anderer westlicher Besucher. Anders als in Hanoi schienen Europäer hier ein seltener Anblick zu sein. So wurden wir selbst zur Attraktion. Viele starrten uns an, Kinder liefen zu uns, und auf der Bootsfahrt schauten uns die Menschen in den entgegenkommenden Booten immer wieder nach. Manche grüßten oder riefen, woher wir kommen, andere machten heimlich Fotos oder kicherten untereinander. Als ständige Begleiterscheinung ein merkwürdiges Gefühl.

    Quan Âm ist übrigens die vietnamesische Version von Guanyin, der wir in Chiang Rai wortwörtlich in den Kopf gestiegen waren. Dass wir ihr so kurz darauf in einer Höhle in Vietnam wieder begegnen würden, hatten wir nicht erwartet.
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  • In Vietnam gibt es eine weltweit einzigartige Kunstform. Das Wasserpuppentheater ist fast tausend Jahre alt, und die bekannteste Bühne dafür steht in Hanoi, direkt am Hoan-Kiem-See. Live-Musiker begleiten die Vorstellungen mit traditionellen Instrumenten.

    Entstanden ist sie in den Flussebenen Nordvietnams. Nach der Reisernte standen die Felder unter Wasser, und die Bauern nutzten sie als Bühne. Sie bauten einen kleinen Pavillon mitten ins überflutete Feld, stellten sich hüfttief ins Wasser und unterhielten ihre Nachbarn mit Figurenspiel. Im 12. Jahrhundert lud der Königshof die besten Truppen ein, und aus dem Zeitvertreib nach der Ernte wurde höfische Unterhaltung.

    Die Techniken wurden in Geheimgilden gehütet. Wer aufgenommen wurde, trank eine rote Mixtur als Blutschwur und legte einen Eid ab. Wer die Geheimnisse verrät, bezahlt dafür mit dem Leben seines Vaters und dem dreier Nachkommen. Die Weitergabe lief ausschließlich vom Vater an den Sohn. Töchter waren ausgeschlossen, weil man fürchtete, sie könnten nach einer Heirat die Techniken in ein anderes Dorf tragen. Diese extreme Geheimhaltung hatte einen paradoxen Effekt. Weil jede Gilde für sich arbeitete, entwickelten alle eigene Mechanismen und Tricks.

    Wie die Puppen tatsächlich funktionieren, sieht man als Zuschauer nicht. Die Figuren werden von unten gesteuert, über Bambusstangen und Schnüre unter der Wasseroberfläche. Das Wasser ist absichtlich trüb, damit der Mechanismus unsichtbar bleibt. Geschnitzt werden die Puppen aus Feigenholz, das leicht und schwimmfähig ist. Zum Schutz vor dem Wasser erhalten sie bis zu zehn Schichten traditionellen Lack. Mit all den Lackschichten und der Mechanik können die fertigen Figuren trotzdem bis zu 15 Kilo wiegen. Die Puppen drehen sich, tauchen ab, interagieren miteinander und bewegen Arme und Köpfe unabhängig voneinander. Was damit auf der Bühne möglich ist, hätten wir ihnen vorher nicht zugetraut. Zum traditionellen Repertoire gehört sogar eine Szene, in der Drachen echtes Feuer auf der Wasseroberfläche speien, möglich durch hohle Mäuler mit eingebauten Feuerwerkskörpern.

    Durch fast jede Vorstellung führt Chu Teu, ein pausbäckiger Junge im Lendenschurz, dessen Name im Alt-Vietnamesischen „Lachen" bedeutet. Er tritt als Erzähler und Kommentator auf. Historisch war Chu Teu allerdings mehr als eine komische Figur. Unter dem Deckmantel des harmlosen Puppenspiels ließ man ihn über korrupte Beamte und gierige Steuereintreiber herziehen. Offen ausgesprochen hätte solche Kritik den Kopf kosten können.

    Dass es das Wasserpuppentheater heute noch gibt, ist nicht selbstverständlich. Die französischen Kolonialherren versuchten, lokale Volkstraditionen zu unterdrücken, und auch im Vietnamkrieg mussten Puppenspieler an die Front. Die Puppen verrotteten eingelagert in Schuppen. Von einst 28 dokumentierten Gilden waren in den Neunzigerjahren nur noch acht aktiv. Dass die Kunstform trotzdem überlebt hat, liegt auch am Thang Long Theater in Hanoi. Es wurde in den Sechzigerjahren gegründet und spielt seitdem an 365 Tagen im Jahr, ohne Unterbrechung. Inzwischen hat es die Tradition in über 40 Länder getragen und die Kunstform international bekannt gemacht.

    Am besten sitzt man weit vorne, denn die Puppen sind nicht groß, und die Details gehen aus den hinteren Reihen verloren. Ein Audioguide, den es auch auf Deutsch gibt, erklärt die einzelnen Szenen und lohnt sich, denn ohne Kontext bleiben die vietnamesischen Legenden und Alltagsszenen schwer einzuordnen. Die Show dauert knapp eine Stunde.
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  • Hanoi: Zwischen Rollern und Kinderhockern 🛵🪑

    26 Şubat, Vietnam ⋅ ⛅ 25 °C

    Hanoi ist die Hauptstadt Vietnams und mit neun Millionen Einwohnern nach Saigon die zweitgrößte Stadt des Landes. Nach dem ruhigen Chiang Mai war uns die Stadt zunächst zu laut und zu chaotisch.

    Auf diese Einwohner kommen geschätzt sieben Millionen Motorroller. Ein Roller ist Lieferwagen, Familienkutsche und Lagerhalle in einem. Hühnerkäfige, Glasscheiben, ganze Kühlschränke, alles fährt auf zwei Rädern durch die Stadt. Wo sie nicht fahren, parken sie. Fast alle Gehwege sind mit Rollern zugestellt, Fußgänger weichen auf die Straße aus. Auf der Straße wird ununterbrochen gehupt, aber nicht aus Aggression, sondern als ständiges „Achtung, ich komme". Straße überquert man langsam und gleichmäßig, ohne anzuhalten. Die Roller fließen um einen herum.

    Das Leben in Hanoi spielt sich nicht in Wohnungen ab, sondern auf dem Bürgersteig. Vor Garküchen und Läden stehen winzige Plastikhocker, auf denen Menschen Suppe löffeln, Bia Hơi trinken und plaudern. Bia Hơi ist das lokale Fassbier, leicht, täglich frisch gebraut, und kostet umgerechnet vierzig Cent. Das Bánh Mì gibt es an jeder Ecke, ein belegtes Baguette, das die Franzosen als Brot hinterlassen haben und die Vietnamesen zu etwas Eigenem gemacht haben. Direkt neben der Straßenküche stehen oft Cafés mit Latte Art. Jeden Tag fährt die Ordnungspolizei durch und räumt die Hocker weg. Kaum ist sie um die Ecke, stehen sie wieder da.

    Auf den Hockern wird nicht nur Bia Hơi getrunken, sondern auch auffällig viel Kaffee. Vietnam ist nach Brasilien der zweitgrößte Kaffeeproduzent der Welt, und in Hanoi merkt man das. Die bekannteste Spezialität ist der Egg Coffee, der aus der Not entstand. In den Vierzigerjahren war frische Milch während des Krieges gegen die Franzosen kaum zu bekommen. Ein Barkeeper schlug stattdessen Eigelb mit Zucker und Kondensmilch auf und gab die Creme auf den Kaffee. Das Ergebnis schmeckt wie flüssiges Tiramisu. Er eröffnete später sein eigenes Café Giảng in der Altstadt, das bis heute existiert. Noch mehr hat uns aber der Salzkaffee begeistert, Kaffee mit einer salzigen Milchhaube. Klingt seltsam, macht aber süchtig.

    Das Herz von Hanoi ist die Altstadt mit ihren berühmten 36 Gassen. Die Zahl ist symbolisch und geht auf die historische Einteilung in Handwerkszünfte zurück. Jede Gasse gehörte einem Gewerbe, deshalb beginnen fast alle Namen mit Hàng, dem vietnamesischen Wort für Ware. Viele Straßen haben ihre Spezialisierung bis heute behalten. Die Hàng Mã zum Beispiel, die Straße der Ritualpapiere, verkauft seit Jahrhunderten Opfergaben aus Papier, die für Verstorbene verbrannt werden. Heute liegen dort neben traditionellem Geistergeld auch detailgetreue Papiermodelle von iPhones, Motorrollern und ganzen Häusern mit Einrichtung. Was man verbrennt, erreicht die Toten in der Geisterwelt. Nur die Produktpalette passt sich den Trends an.

    Besonders auffällig sind die Röhrenhäuser der Altstadt. Sie sind oft nur zwei bis drei Meter breit, dafür bis zu sechzig Meter tief, mit mehreren Innenhöfen für Licht und Luft. Diese Form kommt von einer alten Grundsteuer, die nach der Breite der Straßenfront berechnet wurde. Also baute man in die Tiefe und Höhe. Das Erdgeschoss diente als Laden, die oberen Stockwerke als Werkstatt und Wohnraum, alles auf wenigen Metern Breite.

    Der Name Hanoi bedeutet wörtlich „zwischen zwei Flüssen", und früher war die Stadt von noch viel mehr Wasser durchzogen. Heute sind noch gut zwanzig Seen übrig, und sie sind der Ruhepol im Lärm. Unsere Wohnung lag am Westsee, dem Hồ Tây. Hier war Hanoi ruhiger. Abends liefen wir am Ufer entlang. Der bekanntere See liegt mitten im Zentrum, der Hoàn Kiếm, der See des zurückgegebenen Schwerts. Der See geht auf eine Legende zurück, in der eine goldene Riesenschildkröte einem Helden ein magisches Schwert aus dem Wasser reichte, mit dem er die chinesischen Besatzer besiegte. Nach dem Sieg forderte sie es zurück. Auf einer kleinen Insel im See steht der Schildkrötenturm als Erinnerung. Im See lebten tatsächlich jahrhundertelang Riesenschildkröten, die als lebender Beweis der Legende galten. Die letzte von ihnen starb vor gut zehn Jahren. Die Vietnamesen nannten sie liebevoll Cụ Rùa, Urgroßmutter Schildkröte, und ihr Tod wurde als nationales Trauerereignis behandelt.

    Eines der bekanntesten Postkartenmotive aus Hanoi sind die Bahngleise, die mitten durch ein Wohnviertel führen, die Train Street. Die Gleise liegen zentimeterknapp vor den Haustüren. Wenn der Zug kommt, klappen die Bewohner ihre Stühle ein, ziehen die Wäsche rein und pressen sich an die Hauswände. Zwischen den Zügen sitzen auf den Gleisen heute vor allem Touristen. Weil das nicht ungefährlich ist, sperrt die Polizei die Straße immer wieder.

    Überall in Hanoi begegnet man auch der Partei. An vielen Laternen hängen rote Propagandaplakate. Auf einem stand: „Mit ganzem Herzen, mit ganzer Kraft, mit voller Hingabe für die Partei, für das Land, für ein Leben in Wohlstand und Glück für das Volk." Im Regierungsviertel steht das Ho-Chi-Minh-Mausoleum, ein wuchtiger Granitbau nach sowjetischem Vorbild. Die Warteschlange davor war so lang, dass wir umgedreht sind. Im Nachhinein passte das vielleicht sogar ganz gut, denn das Mausoleum ist ein Ort, den sein Bewohner selbst nie gewollt hat. Ho Chi Minh bat in seinem Testament ausdrücklich darum, kremiert zu werden und seine Asche auf drei Hügeln in Nord-, Mittel- und Südvietnam verstreuen zu lassen. Stattdessen liegt er seit über fünfzig Jahren einbalsamiert in dieser Granitkiste, gewartet von denselben russischen Spezialisten, die seit 1924 auch Lenin und andere Staatsführer konservieren.
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  • Guanyin: Aus den Augen einer Göttin 👁️

    22 Şubat, Tayland ⋅ ⛅ 30 °C

    Auf einem Hügel nördlich von Chiang Rai steht eine riesige weiße Figur, die wir am Vortag aus dem Bus gesehen hatten. Vor unserer Abreise wollten wir wissen, was es mit ihr auf sich hat. Um sieben Uhr waren wir die Ersten auf dem Gelände. Kein anderer Besucher, keine Schlange, sondern völlige Ruhe mit leiser Mantra-Musik.

    Die Figur wird von Touristen gerne als Big Buddha bezeichnet, ist aber kein Buddha. Sie stellt Guanyin dar, die Göttin der Barmherzigkeit aus dem Mahayana-Buddhismus, und ist mit fast 80 Metern die größte Guanyin-Statue Thailands. Ihre Oberfläche ist mit tausenden kleinen Spiegeln besetzt, die im Sonnenlicht schimmern. Guanyin wird vor allem in China verehrt und kam nach Nordthailand, als nach dem chinesischen Bürgerkrieg Tausende Soldaten aus Südchina hierher flohen.

    Was von außen wie eine Skulptur aussieht, ist von innen ein Gebäude mit 25 Stockwerken. Ein Aufzug fährt durch das Innere bis in den Kopf, vorbei an Wänden voller weißer Stuckreliefs mit Drachen und Götterfiguren. Oben blickt man durch Guanyins drei Augen auf das Umland von Chiang Rai. Das dritte, auf der Stirn, steht für übermenschliche Wahrnehmung.

    Den besten Blick auf die Statue selbst hat man von der Pagode gegenüber. Sie hat neun Stockwerke und fällt schon von außen auf: Statt der üblichen Naga-Schlangen, die in Thailand Tempeltreppen bewachen, rahmen chinesische Drachen den Eingang ein. Im Inneren sind auf jeder Etage Buddhas und Gottheiten aus Sandelholz geschnitzt, darunter auch eine Tausendarmige Guanyin, bei der jede Hand in eine andere Richtung reicht, weil sie allen Leidenden gleichzeitig helfen soll.

    Wat Huay Pla Kang steht auf keiner Touristenliste. Hier war es still, der Eintritt frei, nur für den Aufzug in der Statue zahlt man 40 Baht. Der Name des Tempels bedeutet übrigens Bach des Schlangenkopffischs, benannt nach einem Süßwasserfisch aus der Gegend. Kein besonders spiritueller Name für einen Ort, an dem man durch die Augen einer Göttin schaut.
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  • Thailand und die rote Fanta 👻

    21 Şubat, Tayland ⋅ ⛅ 27 °C

    Vor jedem Hotel, jedem Café, jeder Werkstatt und jedem Wohnhaus in Thailand steht ein kleines buntes Häuschen. Manche aufwendig verziert und mannshoch, andere kaum größer als ein Schuhkarton. Was dahintersteckt, ist eine der faszinierendsten Traditionen, die wir auf unserer Reise kennengelernt haben. Sie wurzelt im Animismus, einem uralten Geisterglauben der Region.

    Schon lange bevor der Buddhismus nach Thailand kam, glaubten die Menschen, dass Geister Orte, Bäume und Landschaften bewohnen. Dieser Glaube ist bis heute überall sichtbar: Alte Bäume sind mit bunten Tüchern umwickelt, weil ein Geist in ihnen wohnt. Fast jeder Thai trägt ein Schutzamulett um den Hals, und manche lassen sich von Mönchen Tattoos mit heiligen Schriftzeichen stechen.

    Die sichtbarste Tradition aber sind die Geisterhäuser. Wer ein Grundstück bebaut, nimmt den Geistern ihr Zuhause. Das Geisterhäuschen ist die Entschädigung, eine neue Bleibe für den Schutzgeist des Landes. Im Gegenzug beschützt er Haus und Bewohner. Wird er vernachlässigt, kann es Unglück geben.

    Für die Platzierung gibt es strenge Regeln, die ein brahmanischer Priester oder Astrologe festlegt. Die wichtigste davon: Der Schatten des Hauptgebäudes darf nie auf das Geisterhäuschen fallen. Er würde den Geist unterdrücken. Es darf nicht Richtung Toilette zeigen, nicht links neben einer Tür stehen und nicht auf eine Straße gerichtet sein. Geburtsdatum des Besitzers und Ausrichtung des Grundstücks fließen in die Berechnung des perfekten Standorts ein.

    Die kleinen Figuren im Inneren haben alle eine Funktion. Diener kümmern sich um den Geist, Tänzerinnen unterhalten ihn, Elefanten und Pferde stehen als Transportmittel bereit. Die Geisterhäuser werden täglich gepflegt. Jeden Morgen räumt jemand die alten Gaben ab und stellt frische hin.

    Neben den üblichen Blumenkränzen und Räucherstäbchen fiel uns vor allem eines auf: die rote Fanta. Sie steht vor fast jedem Geisterhäuschen, manchmal eine kleine Flasche, manchmal gleich zehn auf einmal. Auch vor Ort konnte uns niemand so richtig erklären, woher die Tradition kommt. Manche vermuten, die rote Farbe ersetze frühere Tieropfer. Andere sehen den Ursprung in einem alten Kräutergetränk aus Palmzucker, das traditionell rosa war. Sicher ist nur: Die Geister mögen es süß und rot. Neben der Fanta findet man alles Mögliche, von Zigarren über Whisky und Süßigkeiten bis hin zu Spielzeugautos.

    Was passiert mit einem Geisterhäuschen, das alt oder kaputt ist? Wegwerfen kommt nicht in Frage. In der Regel stellt man einfach ein neues daneben und lässt das alte stehen. Falls es doch entfernt werden muss, bestimmt ein Priester den richtigen Zeitpunkt, und die Seele wird feierlich in das neue Häuschen umgesiedelt. Die alten kommen danach auf einen Geisterhaus-Friedhof, meist unter großen Bodhi-Bäumen bei Tempeln. Im Bodhi-Baum, unter dem auch Buddha die Erleuchtung fand, wohnt nach thailändischem Glauben ein mächtiger Schutzgeist, der die heimatlosen Seelen tröstet.

    Häufig steht direkt neben dem Geisterhäuschen noch ein zweites: ein Hindu-Schrein, meist mit einer Figur von Brahma, dem viergesichtigen Schutzgott, oder Ganesha, dem elefantenköpfigen Gott des Glücks. Mit dem Animismus haben diese Schreine nichts zu tun – sie kamen erst Jahrhunderte später mit dem Hinduismus aus Indien ins Land. Dass beides heute friedlich nebeneinandersteht, ist typisch für Thailand: Animismus, Hinduismus und Buddhismus ergänzen sich hier ganz selbstverständlich.

    Wie tief der Geisterglaube im Alltag verankert ist, zeigt eine Geschichte aus Bangkok. In den Fünfzigerjahren häuften sich beim Bau des Erawan-Hotels die Unglücksfälle: Arbeiter wurden verletzt, ein Schiff mit teurem italienischem Marmor sank auf dem Weg zur Baustelle. Astrologen stellten fest, dass der Grundstein am falschen Tag gelegt worden war. Man errichtete einen Schrein für den Gott Brahma, und danach lief der Bau reibungslos. Der Schrein steht bis heute. Wer sich für einen erfüllten Wunsch bedanken möchte, kann dort Tänzerinnen buchen, die zu Ehren Brahmas auftreten.

    Früher wurden Geisterhäuser von Hand aus Holz geschnitzt, heute kommen die meisten aus der Fabrik, gegossen aus Beton. Man kauft sie in Geschäften, die an Gartencenter erinnern. Das Handwerk hat sich verändert, der Glaube nicht. Selbst vor Bangkoks Wolkenkratzern und Tech-Startups stehen Geisterhäuschen mit frischen Blumen und glimmenden Räucherstäbchen. Wir haben jedenfalls auf jeder Straße neue Varianten entdeckt.
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  • Goldenes Dreieck: Kopfgeld, Opium und die CIA

    21 Şubat, Tayland ⋅ ☀️ 31 °C

    An einem Dreiländereck im Norden Thailands treffen Thailand, Myanmar und Laos aufeinander. Das sogenannte Goldene Dreieck ist heute ein unscheinbarer Aussichtspunkt mit einem goldenen Buddha am Fluss und Souvenirständen, aber hier wurde Weltgeschichte geschrieben.

    Die Bergvölker der Region bauten schon seit Jahrhunderten Schlafmohn an. Die Höhenlagen boten das richtige Klima, und die Berge waren so abgelegen, dass keine Regierung kontrollieren konnte, was dort oben passierte. Doch aus dem lokalen Anbau wurde ein globales Geschäft, als nach dem chinesischen Bürgerkrieg 1949 tausende besiegte Soldaten über die Grenze flohen. Sie brauchten Geld für ihre Geheimarmee und drängten die Bauern zum großflächigen Mohnanbau. Das Opium wurde mit Gold bezahlt, daher der Name Goldenes Dreieck. Die Soldaten transportierten es in meilenlangen Maultierkarawanen aus den Bergen und betrieben bald eigene Heroinraffinerien. Unterstützt wurden sie von der CIA, die sie mit Waffen versorgte und mit Air America, einer als zivil getarnten Fluglinie, ein Netz aus Landebahnen und Flugverbindungen in den abgelegenen Bergregionen aufbaute. Offiziell im Kampf gegen den Kommunismus, doch dieselbe Infrastruktur diente auch dem Opiumtransport.

    Einer von ihnen wurde mächtiger als alle anderen: Khun Sa, der „Prinz des Wohlstands". Zu seinen Hochzeiten kontrollierte er mit einer Privatarmee von 20.000 Mann den Großteil der Opiumproduktion Myanmars. Seine Truppen waren besser bewaffnet als das myanmarische Militär. Auf dem Höhepunkt seiner Macht stammten 80 Prozent des in New York verkauften Heroins aus seiner Produktion. Khun Sa bot der US-Regierung an, seine gesamte Opiumernte aufzukaufen, dann wäre der Heroinhandel erledigt. Die USA lehnten ab und setzten stattdessen ein Kopfgeld von zwei Millionen Dollar auf ihn aus. 1996 ergab er sich überraschend der burmesischen Regierung, zog mit seinem Vermögen und vier jungen Geliebten nach Rangun und investierte in Immobilien und Rubinminen.

    Dass Thailand heute nicht mehr für Opium steht, liegt vor allem an zwei Personen. König Rama IX. half den Bergvölkern in den Siebzigerjahren, von Mohn auf andere Einkommensquellen umzusteigen. Auch seine Mutter, eine der verehrtesten Frauen Thailands, engagierte sich. Ende der Achtzigerjahre besuchte sie das Gebiet um den Berg Doi Tung. Die Bergvölker dort lebten in bitterer Armut, ihr einziger Verdienst war Opium. Sie ließ auf dem Berg eine Residenz bauen und zog mit Ende achtzig selbst ein. Unter ihrer Führung stellten die Bauern von Mohn auf Kaffee, Tee und Macadamia-Nüsse um. Das Einkommen der Familien verzehnfachte sich.

    Der Ansatz gilt heute international als Vorbild. Allerdings ging Thailand zur Bekämpfung des Drogenproblems auch härtere Wege. 2003 wurden bei der Regierungskampagne „War on Drugs" innerhalb von drei Monaten rund 2.500 mutmaßliche Drogenhändler getötet, von denen viele rückblickend keine nachweisbaren Verbindungen zum Drogenhandel hatten. Bis heute wurde niemand dafür zur Verantwortung gezogen.

    Das Drogenproblem der Region ist damit nicht verschwunden, es hat sich gewandelt. In Myanmar werden heute statt Opium auf Feldern synthetische Drogen wie Methamphetamin in Laboren produziert, industriell und in Mengen, die alles Bisherige übertreffen. Seit dem Militärputsch 2021 kontrolliert in den Grenzgebieten niemand mehr, was passiert.

    Das Grenzgebiet hat aber noch eine andere Schattenseite. Auf der laotischen Seite liegt die Golden Triangle Special Economic Zone, ein Komplex aus Kasinos und Hotels. Laos hat das Gebiet an einen chinesischen Geschäftsmann verpachtet, der dort mit eigenen Sicherheitskräften und eigenen Gesetzen regiert. Weil Glücksspiel in China und Thailand verboten ist, kommen die Kunden vor allem von dort. Die USA haben wegen Drogenhandel, Geldwäsche und Menschenhandel Sanktionen gegen den Betreiber verhängt. Angeblich ist die Zone auch eines der Zentren für die sogenannten Scam-Compounds, Anlagen in denen Menschen mit falschen Jobangeboten angelockt und zu Online-Betrug gezwungen werden.

    Im Dorf Sop Ruak zeichnet ein kleines Opium-Museum die Geschichte des Anbaus und Handels mit Werkzeugen und Pfeifen nach. Etwas außerhalb liegt die Hall of Opium, ein großes Multimedia-Museum, das leider nicht auf unserem Tourplan stand, aber sehr interessant sein soll. Extra hinfahren würden wir für das Goldene Dreieck nicht, aber es ist bei den meisten Touren ab Chiang Rai enthalten.
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  • Der Blaue Tempel: Tiger und blaues Eis

    21 Şubat, Tayland ⋅ ☀️ 26 °C

    Der Blaue Tempel in Chiang Rai fällt auf, weil Tempel in Thailand fast immer gold oder rot sind. Sein eigentlicher Name ist Wat Rong Suea Ten, Tempel des tanzenden Tigers. An seiner Stelle stand früher ein anderer Tempel, der vor rund hundert Jahren verfiel. Das Gelände verwilderte, und Tiger streiften durch die Ruinen. Die Dorfbewohner sahen sie über den nahen Kok-Fluss springen und nannten sie die tanzenden Tiger. So kam das Dorf zu seinem Namen, und mit ihm der neue Tempel. Das Tigermotiv taucht auf dem Gelände an verschiedenen Stellen auf.

    Entworfen hat ihn ein Schüler von Chalermchai Kositpipat, dem Schöpfer des Weißen Tempels. Er lernte sein Handwerk bei der Arbeit an dessen Lebenswerk und ging dann seinen eigenen Weg. Wo der Lehrer Weiß und Spiegelglas wählte, setzte der Schüler auf Saphirblau und Gold. Das Kobaltblau steht für den Dharma, die buddhistische Lehre, die sich wie der Himmel ausbreiten soll. Es zieht sich über das gesamte Gelände, von den Fassaden über die Nagas, die mythischen Schlangenwesen am Aufgang, bis zu den sitzenden Himmelswesen entlang der Mauern.

    Im Zentrum der Haupthalle sitzt ein großer weißer Buddha aus Porzellan. Seine rechte Hand berührt die Erde, eine Geste, die den Moment darstellt, in dem Buddha die Erde als Zeugin seiner Erleuchtung anrief. Unter der Statue sind 88.000 Phra Rod-Amulette eingelassen. Der Name bedeutet "entkommen", sie sollen ihren Träger vor Gefahren bewahren. Die Phra Rod gehören zu den fünf begehrtesten Amulett-Arten Thailands, und dass Zehntausende davon unter einer modernen Statue liegen, ist alles andere als selbstverständlich.

    Wer den Blauen Tempel besucht, sollte unbedingt das blaue Eis probieren, mit dem gefühlt jeder Besucher über das Gelände läuft. Es ist Kokosnuss-Eis auf blauem Klebreis mit Nüssen, serviert in einer halben Kokosnuss. Das Blau kommt von der Anchan-Blüte, einem natürlichen Farbstoff. Es ist wirklich lecker. 🤤
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  • Der weiße Tempel: Wo Buddha den Terminator trifft

    21 Şubat, Tayland ⋅ ☀️ 24 °C

    Wat Rong Khun, der „Weiße Tempel", liegt am Südrand von Chiang Rai. Offiziell ist die Anlage geweiht, und es leben auch Mönche hier. Aber wer das Gelände betritt, steht eher in einer begehbaren Kunstinstallation als in einem Ort der Andacht. Zwischen den weißen Fassaden ragen Dämonenfiguren aus dem Boden, an den Bäumen hängen Schrumpfköpfe, und im Inneren des Hauptgebäudes blickt einem der Terminator entgegen. Wat Rong Khun ist das Lebenswerk eines einzelnen Mannes: Chalermchai Kositpipat.

    Chalermchai stammt aus Chiang Rai und begann seine Karriere als Maler von Filmplakaten auf Werbetafeln. Er studierte traditionelle thailändische Kunst, wurde einer der bekanntesten Künstler des Landes und erhielt den Titel „Nationalkünstler". Den gab er später zurück, zusammen mit sämtlichen Ehrentiteln bis hin zum Professor und Doktor. Seine Kunst mischt buddhistische Tradition mit Popkultur und Gesellschaftskritik, und das passt nicht zu jemandem, der die thailändische Kultur offiziell repräsentieren soll. Chalermchai entschied sich für die Kunst.

    Als er Ende der Neunziger beschloss, den verfallenen Dorftempel seiner Heimatstadt komplett neu zu gestalten, tat er das aus eigener Tasche. Bis heute hat das Projekt umgerechnet rund 40 Millionen Dollar verschlungen, finanziert durch den Verkauf seiner Gemälde. Spenden nimmt er nur bis 10.000 Baht an, umgerechnet etwa 250 Euro. Seine Begründung: „Wenn ich Millionen von einem reichen Mann nehme, denkt er, der Tempel gehört ihm."

    Thailändische Tempel sind traditionell gold oder rot. Dass dieser Tempel weiß leuchtet, geht auf eine Reise nach Sri Lanka zurück. Als junger Künstler studierte Chalermchai dort die weißen Tempel und Statuen des Landes und brachte die Idee mit nach Hause. In die Fassade eingelassene Spiegelscherben reflektieren das Sonnenlicht. Weiß steht für die Reinheit Buddhas, die Spiegel für seine Weisheit.

    Der Weg zum Ubosot, dem Hauptgebäude der Anlage, ist alles andere als friedlich. Vor der Brücke strecken sich Hunderte weißer Hände aus einer Grube nach oben. Manche halten Schädel. Sie stehen für Tanha, das ungebremste Verlangen. Nach buddhistischer Lehre hält es die Seelen im endlosen Kreislauf von Tod und Wiedergeburt gefangen. An den Bäumen neben dem Weg hängen geschrumpfte Köpfe als Symbole für Menschen, die zu oft Versuchungen nachgegeben haben. Die Brücke selbst steht für den Weg aus diesem Kreislauf in einen leidfreien Zustand. Am Ende bewachen zwei Figuren das Tor: Tod und Rahu, die über das Schicksal der Verstorbenen entscheiden. Wer das Tor durchschreitet, betritt das Paradies – zumindest nach buddhistischer Lehre.

    Was sich dann im Inneren des Ubosot zeigt, passt in kein Tempelschema der Welt. Fotografieren ist hier verboten. Die Wandmalereien zeigen wirbelnde orangefarbene Flammen und Dämonengesichter. Dazwischen tauchen Neo aus Matrix, Superman, Hello Kitty, Pikachu und Michael Jackson auf. An einer Wand ein Flugzeug, das in die Twin Towers fliegt, Bilder von Atomkrieg und Ölpumpen. Chalermchai selbst sagt, junge Leute interessierten sich nicht für Szenen, die vor 500 Jahren in Rot und Gold gemalt wurden, aber sie kennen Keanu Reeves. Er will mit seinen Figuren das Interesse junger Menschen wecken und buddhistische Lehren in eine modernere Sprache übersetzen. Die Bilder sind aber auch Gesellschaftskritik an einer Welt, die sich durch Gier und Technologie ohne Weisheit selbst zerstört. Das einzige goldene Gebäude im ganzen Komplex ist die Toilette. Gold steht hier für den Körper und materielle Begierden, im Kontrast zum weißen Geist des Tempels.

    Vor gut zehn Jahren wurde der Tempel durch ein Erdbeben schwer beschädigt. Die filigranen Außenelemente ließen sich reparieren, aber Teile der Wandmalereien, an denen Chalermchai fast zwanzig Jahre gearbeitet hatte, sind unwiederbringlich verloren. Zunächst wollte er alles abreißen und nie wieder aufbauen. Dann entschied er sich um und widmete den Rest seines Lebens der Restaurierung. Von den neun geplanten Gebäuden stehen bisher nur vier. Fertig wird der Tempel frühestens 2070, lange nach Chalermchais Tod. Er selbst sieht das gelassen. Der Tempel sei seine Opfergabe an Buddha und werde ihm ewiges Leben schenken.

    Wir haben den Weißen Tempel im Rahmen einer organisierten Tour besucht und würden das im Nachhinein nicht wieder so machen. Die Anlage ist gut besucht, und bei einer Tour bleibt zu wenig Zeit, um sich wirklich auf die vielen Details einzulassen. Wer den Tempel auf eigene Faust besucht, hat deutlich mehr davon. Eintritt 200 Baht.
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  • Chiang Mais blühende Parade 🌺

    14 Şubat, Tayland ⋅ ☀️ 30 °C

    Chiang Mai liegt im bergigen Norden Thailands. Im Vergleich zu Bangkok und den heißen Ebenen Zentralthailands ist das Klima hier spürbar angenehmer. Jetzt im Februar, am Ende der kühlen Saison, steht alles in voller Blüte, weshalb die Stadt auch Rose des Nordens genannt wird.

    Seit fast fünfzig Jahren feiert sie das mit dem Chiang Mai Flower Festival, einem dreitägigen Blumenfest. Während dieser Tage verwandeln sich der Park in der Altstadt und die umliegenden Straßen in eine große Blumenschau. Überall sieht man Beete, Figuren sowie aufwendig geschmückte Wagen. Für Verpflegung ist selbstverständlich ebenfalls gesorgt.

    Am Samstagmorgen zieht die Parade durch die Altstadt bis zum Park. Rund 25 Wagen sind unterwegs, jeder einzelne mit Tausenden frischer Blumen dekoriert. Manche zeigen ganze Szenen mit Figuren oder Tempeln aus Blüten, auf vielen stehen Frauen und Männer in traditionellen Kleidern und winken dem Publikum zu. Gebaut werden die Wagen von Gemeinden, Universitäten und Unternehmen aus der ganzen Provinz, die dabei in einem Wettbewerb gegeneinander antreten.

    Zwischen buddhistischen Motiven und großen Elefantenfiguren laufen Tänzer in traditionellen Lanna-Kostümen mit. Lanna war das Königreich, dessen Hauptstadt Chiang Mai über Jahrhunderte war und das den Norden bis heute kulturell prägt. Dazu kommen Vertreter lokaler Bergvölker mit ihren Trachten, Schulklassen und Marching Bands. Die Parade verläuft entlang der alten Stadtmauer, und es ist nicht immer leicht, einen Platz mit freier Sicht zu finden.

    Abends lohnt sich der Park noch einmal. Die Wagen stehen dann vor dem Eingang aufgereiht, sodass man sie in Ruhe aus der Nähe betrachten kann. Auch der Park selbst ist geschmückt und leuchtet in verschiedenen Farben. In der ruhigeren Stimmung wirken viele Details noch einmal ganz anders.
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  • Bangkok: Erstkontakt Südostasien 🛕🛺

    11 Şubat, Tayland ⋅ ☀️ 32 °C

    Schon im Taxi vom Flughafen machte Bangkok klar, worauf wir uns eingelassen hatten. Kaum auf der Autobahn, vibrierte das Handy mit einem Katastrophenalarm. Kein Erdbeben, kein Tsunami, sondern eine Warnung vor Feinstaub. Der PM2.5-Wert hatte wie so häufig den Grenzwert überschritten. Willkommen in Südostasien 😄😷

    Bangkok ist die Hauptstadt Thailands und mit über elf Millionen Einwohnern eine der größten Städte der Welt. Ein Viertel der gesamten thailändischen Bevölkerung lebt in der Metropolregion. Den Namen Bangkok kennt allerdings nur der Rest der Welt. Thais sagen Krung Thep, Stadt der Engel. Der vollständige zeremonielle Name hat 168 Zeichen und steht im Guinness-Buch der Rekorde als längster Ortsname der Welt. Übersetzt lautet er: „Die Stadt der Engel, die große Stadt, die ewige Juwelenstadt, die uneinnehmbare Stadt des Gottes Indra, die große Hauptstadt der Welt, geschmückt mit neun Edelsteinen, reich an gewaltigen königlichen Palästen, die der himmlischen Heimstatt gleichen, die Stadt, geschenkt von Indra und erbaut von Vishnus Baumeister." Eine thailändische Rockband hat 1989 einen Song geschrieben, dessen gesamter Text nur aus diesem Namen besteht.

    Jetzt im Januar, mitten im europäischen Winter, waren es tagsüber und nachts über dreißig Grad, bei einer Luftfeuchtigkeit, die sich wie eine warme Decke anfühlt. Bangkok ist eine flache, weitläufige Hochhaus-Metropole. Die Skyline erstreckt sich bis zum Horizont, zwischen den Wolkenkratzern blitzen goldene Tempelspitzen hervor, und auf den Dächern sitzen Rooftop-Bars mit Blick über die Stadt. Dazwischen fließt der Chao Phraya, ein breiter, brauner Fluss, der aus den Bergen des Nordens kommt und Bangkok in zwei Hälften teilt.

    An den Straßen verwandeln Garküchen die Gehwege in Freiluftküchen. Bangkok ist weltberühmt für sein Streetfood, und das zu Recht. Dazwischen liegen riesige Shopping-Malls und Nachtmärkte. Zu den Verkehrszeiten sind die Straßen verstopft und chaotisch, weshalb sich der Roller als Fortbewegungsmittel und Taxi durchgesetzt hat. Die Fahrer schlängeln sich kreuz und quer durch den Verkehr, und die Unfallzahlen sind entsprechend (landesweit ein Verkehrstoter pro Stunde). Überall stehen 7-Elevens, kleine Convenience Stores mit frischem Kaffee und warmen Speisen, klimatisiert und rund um die Uhr geöffnet. Thailand hat nach Japan die meisten Filialen weltweit.

    Das Problem mit dem Smog ist leider real. Zwischen Dezember und April herrscht in Bangkok Smog-Saison, verursacht durch den dichten Verkehr, Industrieemissionen und die Verbrennung von Ernteresten in den umliegenden Provinzen. An manchen Tagen liegt ein grauer Schleier über der Stadt, an anderen ist der Himmel klar. Im Alltag schränkt es einen weniger ein, als man erwarten würde, da sich das Leben häufig in den unzähligen Malls der Stadt abspielt.

    Überall hängen Porträts des Königs und vor allem der Königin, an öffentlichen Gebäuden, in Geschäften, an Straßenkreuzungen. Die Verehrung der Königsfamilie ist tief in der Gesellschaft verankert und Majestätsbeleidigung strafbar. Gleichzeitig stellt ein Teil der Bevölkerung, vor allem die jüngere Generation, die Rolle der Monarchie zunehmend infrage. Die Meinungen darüber gehen auseinander: Viele Thais sind stolz auf das, was die Königsfamilie für die Entwicklung des Landes geleistet hat, insbesondere unter dem vorherigen König Bhumibol, der in über siebzig Jahren Regentschaft bis zu seinem Tod 2016 Tausende Entwicklungsprojekte im ganzen Land ins Leben rief.

    Was am meisten in Erinnerung bleibt, ist die Freundlichkeit der Menschen. Thailand wird nicht ohne Grund das Land des Lächelns genannt. Im Alltag begegnet einem eine Herzlichkeit, die aufrichtig wirkt. Thais grüßen mit dem Wai, einer leichten Verbeugung mit zusammengelegten Händen vor der Brust. Je höher die Hände, desto mehr Respekt wird gezeigt. Und im Thailändischen sprechen Männer und Frauen unterschiedlich: Jeder höfliche Satz endet bei Männern mit „khrap" und bei Frauen mit „kha". Aus „Sawatdee" (Hallo) wird also „Sawatdee khrap" oder „Sawatdee kha", aus „Khop khun" (Danke) wird „Khop khun khrap" oder „Khop khun kha".

    Vier Wochen haben wir hier verbracht, in einer Wohnung mit Blick auf die Skyline. Abends leuchteten die Hochhäuser, und regelmäßig stiegen Feuerwerke über der Stadt auf. Wir sind etwas traurig, Bangkok schon zu verlassen, aber freuen uns nun auf den Norden des Landes.
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  • Muay Thai: K.O. im Rajadamnern 🥊

    10 Şubat, Tayland ⋅ ⛅ 32 °C

    Muay Thai gehört zu Thailand wie Fußball zu Brasilien. Das wollten wir uns natürlich live ansehen, und zwar dort, wo der Sport zu Hause ist: im Rajadamnern Stadium in Bangkoks Altstadt.

    Übersetzt bedeutet Muay Thai schlicht „thailändisches Boxen". Bekannter ist der Sport aber als „Kunst der acht Gliedmaßen", weil Kämpfer nicht nur Fäuste und Füße einsetzen, sondern auch Ellenbogen, Knie und Schienbeine. Der Körper selbst wird zur Waffe, und jeder dieser Kontaktpunkte hat eigene Techniken und Einsatzmöglichkeiten. Diese Vielseitigkeit ist der Grund, warum heute fast jeder MMA-Kämpfer auch Muay Thai trainiert.

    Die Wurzeln des Sports reichen bis ins 13. Jahrhundert zurück, als thailändische Soldaten die Kampfkunst als Nahkampftechnik auf dem Schlachtfeld entwickelten. Wenn Schwert und Speer versagten, kämpften sie mit dem, was ihnen blieb. Lange war der Sport eher bei Dorffesten und Tempelfeierlichkeiten zu sehen, ohne einheitliche Regeln. Die Rundenlänge wurde zum Beispiel danach bemessen, wie lange eine durchbohrte Kokosnuss brauchte, um in einem Wassereimer zu versinken.

    Erst im 20. Jahrhundert kamen Gewichtsklassen, feste Rundenzeiten und Boxhandschuhe dazu. 1945 eröffnete das Rajadamnern als erstes Muay Thai-Stadion der Welt, ursprünglich als offene Arena, die später überdacht und mehrfach modernisiert wurde. 2022 durften nach fast acht Jahrzehnten erstmals Frauen im Rajadamnern kämpfen. Das Stadion bietet jeden Abend Kämpfe mit unterschiedlichen Programmen an. An manchen Abenden wird traditionelles Muay Thai gezeigt, mit fünf Runden pro Kampf, technisch versierten Kämpfern und einer lautstarken Wettkultur auf den oberen Rängen, wo Zuschauer ihre Einsätze per Handzeichen kommunizieren. Wir waren an diesem Abend beim „Rajadamnern Knockout", einem Entertainment-Format mit sieben Kämpfen à drei Runden, das auf schnelle, entscheidende Finishes setzt. Zwei der sieben Kämpfe endeten mit K.O.

    In Thailand beginnen viele Kämpfer schon als Kinder mit dem Training, manche bereits im Alter von fünf oder sechs Jahren. Besonders im armen Nordosten des Landes, dem Isaan, ist ein Kampfpreis oft mehr wert als Wochen auf dem Feld. Erfolgreiche Kämpfer genießen in ihren Dörfern hohes Ansehen. Muay Thai ist dort nicht einfach Sport, sondern ein Weg nach oben. Die Gyms, in denen viele von ihnen aufwachsen, sind Trainingscamp, Verein und Zuhause in einem. Wer für ein Gym antritt, trägt dessen Namen als Nachnamen und wechselt ihn, wenn er das Gym verlässt.

    Vor jedem Kampf führen die Kämpfer den Wai Kru auf, einen rituellen Tanz zu Ehren ihres Lehrers, ihrer Eltern und des Sports selbst. Begleitet wird er von einer Live-Band, deren Musik auch während der Kämpfe weiterläuft und ihr Tempo der Intensität anpasst: langsam und feierlich beim Ritual, zunehmend drängend, wenn der Kampf eskaliert.

    Das Publikum war überwiegend international, und auch die Inszenierung wirkte modern und klar auf dieses Publikum zugeschnitten. Ein Moderator führte durch den Abend, zwischen den Kämpfen erzählten kinoartige Projektionen auf einer riesigen Kuppel die Geschichte des Sports und des Stadions. Wir hatten den Eindruck, hier eine Version von Muay Thai zu erleben, die bewusst zugänglich gestaltet ist – vielleicht nicht die lokal geprägteste Atmosphäre, aber auf jeden Fall eine mitreißende Erfahrung, die uns in Erinnerung bleiben wird.
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  • Nasatta: Buddha im Lichtermeer ✨

    7 Şubat, Tayland ⋅ ⛅ 27 °C

    In der Provinz Ratchaburi, gut anderthalb Stunden südwestlich von Bangkok, liegt der Nasatta Park. Jeden Winter verwandelt er sich in ein spektakuläres Lichtfestival. Ab Einbruch der Dunkelheit leuchten dann Millionen kleiner LEDs zwischen den Bäumen, angeordnet zu Tunneln, Lotusfeldern und Figuren aus der thailändischen Mythologie. Das Nasatta Light Festival findet seit 2018 statt, inzwischen zum achten Mal. In dieser Saison lautet das Motto „Fairy Dreams“.

    Tagsüber funktioniert der Park als Freilichtmuseum. Es gibt Wachsfiguren historischer Persönlichkeiten, Buddha-Statuen aus verschiedenen Epochen und nachgebaute Regionalhäuser. Gegründet wurde er von einem Fiberglas-Künstler, der hier thailändisches Kulturerbe bewahren will.

    Ab 18 Uhr geht das Licht an. Ein thailändisches Team aus Lichtdesignern, Ingenieuren und Programmierern entwirft die Installationen jedes Jahr komplett neu. Die Kulisse ist beeindruckend, vieles davon interaktiv. Stufen leuchten auf, wenn man darüber läuft, Steine spielen Klänge, wenn man sie berührt.

    Vor dem Eingang kann man sich traditionelle Thai-Kostüme leihen, inklusive Frisur und Make-up. Bei Thais ist das Festival sehr beliebt, an Wochenenden wird es entsprechend voll.

    Von Bangkok aus ist der Park auf eigene Faust schwer zu erreichen. Wir haben deshalb eine Tagestour gemacht, bei der neben dem Festival auch der Drachentempel, der Zugmarkt, ein Floating Market und verschiedene Tempel angesteuert wurden, die auf dem Weg liegen und einzeln genauso schwer erreichbar wären. Eine Tagestour oder ein gemieteter Fahrer lohnt sich hier.
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  • Ayutthaya: Tempelruinen einer Weltstadt

    31 Ocak, Tayland ⋅ ☀️ 31 °C

    Etwa 80 Kilometer nördlich von Bangkok liegt Ayutthaya, die ehemalige Hauptstadt des Königreichs Siam (wie Thailand bis 1939 hieß). Heute ist die Stadt vor allem für ihre vielen Tempelruinen bekannt, die zum UNESCO-Welterbe gehören.

    Im 17. Jahrhundert zählte Ayutthaya zu den größten und bedeutendsten Städten der Welt: eine weitläufige, wohlhabende Handelsmetropole. Europäische Besucher nannten sie das „Venedig des Ostens“, weil Kanäle die Stadt durchzogen und der Handel weitgehend über das Wasser lief. In den Vierteln rund um die Flussinsel, auf der das Zentrum lag, lebten portugiesische und holländische Kaufleute neben persischen Händlern und japanischen Samurai.

    Die Stadt war riesig und übersät mit Tempelanlagen. Es sollen mehr als 400 gewesen sein. Im Buddhismus sammeln Gläubige durch den Bau religiöser Stätten spirituelles Verdienst. Entsprechend groß und prächtig fielen die Tempel der Könige und Adligen aus. Manche Anlagen dienten zugleich als Grabstätten verstorbener Herrscher oder wurden an Orten errichtet, an denen Mitglieder der Königsfamilie eingeäschert wurden. Die charakteristischen Tempeltürme (Prangs), erinnern an Angkor Wat in Kambodscha. Beide gehen auf den Einfluss des Khmer-Reichs zurück, das einst weite Teile Südostasiens beherrschte.

    1767 endete diese Blütezeit. Truppen aus Burma, dem heutigen Myanmar, belagerten die Stadt vierzehn Monate lang und zerstörten sie schließlich vollständig. Paläste und Tempel wurden geplündert, Gebäude niedergebrannt und vergoldete Buddha-Statuen eingeschmolzen. Die Stadt wurde nie wieder aufgebaut. Überlebende zogen flussabwärts und gründeten Bangkok, wobei sie nicht nur Architekten und Handwerker mitnahmen, sondern auch Baumaterial aus den Ruinen. Die unzähligen kopflosen Buddha-Figuren verdankt man überwiegend westlichen Antiquitätenhändlern, die sie nach Europa und Amerika verschifften. Immer wieder kehren einzelne Stücke zurück nach Thailand.

    Heute kann man über das weitläufige Gelände gehen und die Überreste zahlreicher Tempel erkunden. Eines der bekanntesten Motive ist ein Buddha-Kopf, der von den Wurzeln eines Baumes umschlossen wird. Er befindet sich im Wat Mahathat, einst das religiöse Zentrum des Königreichs. Wie der Kopf dorthin gelangte, ist nicht eindeutig geklärt. Es handelt sich um einen Bodhi-Baum, jene Art, unter der Buddha der Überlieferung nach die Erleuchtung erlangte.

    Im Wat Lokayasutharam liegt zudem ein 42 Meter langer Buddha unter freiem Himmel. Er zeigt Buddha beim Eintritt ins Nirvana. Anders als sein jüngerer Verwandter im Bangkoker Wat Pho liegt diese Figur ungeschützt. Das Gebäude, das sie einst umgab, ging bei der Zerstörung der Stadt verloren.

    Da Ayutthaya von Bangkok aus nicht ganz einfach auf eigene Faust zu erreichen ist, buchten wir eine Tour. Das erwies sich als gute Entscheidung, nicht nur wegen der Logistik, sondern wegen des unterhaltsamen Guides, der uns nicht nur Ayutthaya, sondern auch den Buddhismus und das moderne Thailand näherbrachte. Wusstet ihr, dass der Sohn des Königs und wahrscheinliche Thronfolger in Deutschland zur Schule gegangen ist und in Bayern lebt?
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  • Wat Paknam: Der Riese und die Galaxie 🌌

    29 Ocak, Tayland ⋅ ☀️ 29 °C

    Wat Paknam liegt im Westen Bangkoks, weit weg von den üblichen Touristenpfaden. Der Weg von der Metro-Station führt durch ein Wohnviertel, in dem Nachbarn auf Plastikstühlen sitzen und Katzen über die Straße schleichen. Dann taucht zwischen den Dächern ein goldener Kopf auf, so groß, dass er unwirklich erscheint.

    Der Tempel wurde 1610 gegründet, war aber zu Beginn des 20. Jahrhunderts fast vollständig verfallen. Ein Mönch übernahm ihn 1916 und machte ihn zu einem Zentrum für Meditation. Diese Tradition prägt den Ort bis heute. Im Gegensatz zu den bekannten Tempeln der Altstadt, wo Mönche bestenfalls als Fotomotiv auftauchen, sitzen sie hier tatsächlich auf den Schreinen und meditieren. Einfach so, ohne Programm, ohne Touristen zu beachten. Wat Paknam beherbergt auch eines der größten Nonnenklöster Thailands.

    Vor dem alten Tempelgelände steht seit 2021 Bangkoks größter Buddha, 69 Meter hoch und komplett aus Bronze. Von weiten Teilen der Stadt aus ist sein goldener Kopf über den Dächern sichtbar. Was man von außen nicht sieht: In der Lotusknospe auf seinem Scheitel sind Buddha-Reliquien eingelassen, und in seiner Brust steckt ein Herz aus Gold.

    Direkt dahinter erhebt sich ein 80 Meter hoher weißer Stupa, ein buddhistischer Reliquienturm, mit fünf Etagen. Die unteren beherbergen ein Museum mit einer Mischung aus Buddha-Statuen und Sammlerstücken. Der eigentliche Höhepunkt wartet ganz oben. Unter einer Kuppel, die aussieht wie ein Blick ins Universum, steht ein acht Meter hoher gläserner Schrein. Die Deckenmalerei zeigt Sterne und Galaxien, eine Darstellung buddhistischer Kosmologie.

    Unter Touristen ist Wat Paknam noch nicht so bekannt, bei gläubigen Thais hingegen sehr beliebt. Einmal im Jahr findet hier die Kathina-Zeremonie statt, bei der die Mönche neue Roben erhalten. Die Ehre, diese Zeremonie bei Wat Paknam als Spender zu leiten, ist so begehrt, dass die Warteliste über 500 Jahre beträgt. Familien tragen sich ein, damit ihre Nachkommen eines Tages an der Reihe sind.

    Wat Paknam war der erste große Tempel, den wir in Bangkok ohne Eintritt besuchen konnten. Es gibt keine Ticketschalter, keine Audioguides, keine Schlangen. Der Ort fühlt sich wie ein funktionierender Tempel an, nicht wie ein Museum. Wer will, kann eine Spende dalassen. Erreichbar ist das Gelände auch per Boot über die Kanäle, vorbei an Stelzenhäusern und dem riesigen Buddha.
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