• Claudia
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Kurs Südost

April 2016 - open end Baca lagi
  • Endlich Asphalt unter den Reifen

    31 Mei 2025, Turki ⋅ ☀️ 28 °C

    Wie schon am gestrigen Tag sitzen wir auch heute um acht Uhr am Frühstückstisch. Wir quatschen noch etwas mit unseren Tischnachbarn, die ebenfalls aus Deutschland kommen und im selben Flieger wie wir in Gaziantep gelandet sind. Bereits am Flughafen hatten wir uns getroffen und wie der Zufall es wollte, bewohnen wir dasselbe Hotel. Die beiden werden heute ebenfalls aufbrechen, ihnen steht eine dreiwöchige Tour mit einem Mietwagen bevor. Vor unserer Abfahrt beschäftigen wir uns noch mit der Idee, neue Ortlieb-Packtaschen zu bestellen. Am gestrigen Abend haben wir bereits ein Hotel in Şanliurfa per E-Mail kontaktiert, um zu erfragen, ob wir die Taschen dorthin liefern lassen dürfen. Bislang haben wir noch keine Antwort erhalten, bekommen jetzt aber sehr nette Unterstützung von Fatma, einer deutschsprachigen Türkin aus Istanbul, die für einen Kurztrip mit ihrer Tochter in Gaziantep ist. Während Heiko sich dem letzten Fein-Tuning der Räder widmet, kümmert Claudia sich mit Fatmas Hilfe um die Bestellung der Taschen. Fatma telefoniert mit dem Hotel in Şanliurfa mit dem Ergebnis: Kein Problem! Super, denken wir, dann können wir ja bestellen. Gesagt, versucht, gescheitert..., wir haben das für die Kreditkartenzahlung nötige Passwort nicht dabei. Kein Problem für Fatma: Sie zahlt kurzerhand unsere Bestellung mit ihrer Kreditkarte und erhält das Geld in bar von uns. Sollten wir mal wieder nach İstanbul kommen, spricht sie auch direkt eine Einladung zu sich nach Hause aus.
    Nach einem Abschiedsfoto mit unserem Hotelgastgeber machen wir uns dann gegen elf Uhr tatsächlich mit unseren bepackten Rädern auf den Weg. Noch etwas Obst und Gemüse laden wir ein, dann manövrieren wir uns durch die quirlige Stadt, endlich Asphalt unter den Reifen. Zwischen Bussen, Autos, Lastwagen und verschiedenen motorisierten Zweirädern bahnen wir uns den Weg stadtauswärts. Es hupt von allen Seiten, Händler bieten lauthals ihre Waren zum Kauf, Stimmengewirr dringt von überall in unsere Ohren. In der Luft liegen neben dem lästigen Geruch von Abgasen auch Düfte von frischem Obst, gerösteten Pistazien, orientalischen Gewürzen. Nach etwa zehn Kilometern nimmt der dichte Verkehr so langsam etwas ab, wir erreichen die Ausläufer der Stadt. Als wir schließlich Gaziantep vollständig hinter uns gelassen und den ersten recht steilen Anstieg dieser Tour bezwungen haben, werden erstmals die Campingstühle für eine schattige Tee-Pause aufgebaut. Unter blauem Himmel bei sommerlichen Temperaturen radeln wir bei inzwischen glücklicherweise sehr spärlichem Verhehr weiter. Durch überwiegend sehr karge Landschaft führt unser Weg, Eidechsen huschen vorbei und suchen Schutz zwischen den Steinen, mehrfach passieren wir Pistazienplantagen. Immer wieder halten Autos oder andere Gefährte an, begrüßen uns, fragen nach unserer Herkunft und unserem Reiseziel und erkundigen sich, ob wir etwas brauchen. Also: Alles wie immer beim Radreisen in der Türkei. Als wir uns nach Erreichen der nächsten Anhöhe erneut im Schatten niederlassen wollen, müssen wir leidvoll erfahren, dass es neben Pech und Dummheit auch noch Ungeschick gibt. Heiko rutscht beim Versuch, sich auf den Stuhl zu setzen ab und landet im Schotter..., mit der Handyvorderseite voran. Das Display ist gesplittert und ein großer streifenförmiger "Pixelfehler" ziert das Gerät. Schade Schokolade! Kurz überlegen wir, ob wir die Rubrik "Pech des Tages" einführen sollten. Naja, nun ist es, wie es ist und lässt sich nicht ändern. Auf dem weiteren Weg durch weite, karge Gegend überwinden wir noch einen letzten biestigen Anstieg, bevor wir abseits der Straße auf einer steppenartig anmutenden Fläche zwischen versprengten Felsbrocken unser Nachtlager aufschlagen. Der feurige Gemüsetopf vom Gaskocher heizt uns gut ein, morgen gibt's weniger Pfeffer. Tee und Kekse gönnen wir uns noch, bevor wir erstmals unser neues Zelt beziehen. Gute Nacht!
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  • Nacht unter Sternen

    1 Jun 2025, Turki ⋅ ☀️ 30 °C

    Beim morgendlichen Frühstück im Zelt bleiben wir nicht lange allein. Ein Hirte und sein Sohn tauchen mit ihrer Schaf- und Ziegenherde sowie zwei Hunden und zwei Eseln auf. Sie verweilen kurz bei uns und inspizieren sehr interessiert unsere Fahrräder (Menschen und Tiere!). Wir erfüllen dem Sohn seinen Wusch, Claudias Fahrrad zu fahren, das Gegenangebot eines Eselrittes schlagen wir allerdings aus. Zu Beginn unserer heutigen Etappe dürfen wir zunächst einige Kilometer bergab rollen. Leicht hügelig geht es weiter, angesichts der hohen Temperaturen wird dennoch jede Steigung zu einer schweißtreibenden Angelegenheit. Als wir den höchsten Punkt vor Erreichen der Römerfestung "Rumkale" erreichen, für die wir einen kleinen Abstecher in Kauf nehmen, lassen wir uns auf einer überdachten und folglich schattenspendenden Bank nieder. Um Rumkale zu erreichen, müssten wir ca. 230hm auf einer Strecke von 3km erst abwärts und nach Besichtigung auf selber Strecke zurück bergauf radeln. Heiko hatte bereits zu Hause die Idee, die Räder hier im Ort Beğendik zu lassen und den Rumkale-Ausflug zu Fuß in Angriff zu nehmen. Kaum sitzen wir auf der Bank, kommt ein älterer Herr aus dem Haus gegenüber und versorgt uns mit einer großen Kanne kaltem Ayran. Wir verpassen leider die Chance, ihn zu fragen, ob wir unsere Räder für ein paar Stunden auf seinem Hof abstellen dürfen. Obwohl wir mehrfach auf sein Grundstück spähen, sehen wir den Mann nicht wieder, auch ansonsten scheint das kleine Dorf ziemlich ausgestorben. Als wir noch recht ratlos auf der Bank hocken, knattern zwei mit vielen Menschen beladene Trecker heran und steuern das Tor zu einem Grundstück neben unserer Pausenbank an. Bei einem der Trecker wird die Rückwärtsgang eingelegt und das Gefährt kommt neben uns zum Stehen. Der Fahrer spricht uns an und möchte uns zum Essen einladen. Mit Hilfe seines in Berlin lebenden Neffen, den er zum Dolmetschen anruft, können wir unseren Wunsch äußern, zunächst Rumkale zu besuchen und unsere Räder währenddessen sicher untergebracht zu wissen. Problem yok - kein Problem heißt es wie erwartet. Zudem besteht der Mann, dessen Namen wir leider vergessen haben, darauf, uns die drei Kilometer zum Ziel im Auto zu chauffieren. Widerrede zwecklos! Wir schieben also unsere Fahrräder durch das Grundstückstor und stellen sie ab, packen noch ein paar Kleinigkeiten im unsere Rucksäcke uns schon sitzen wir im unserem ganz privaten Taxi. Als wir am Parkplatz abgesetzt werden, gibt unser Fahrer einem Mann vom Wachpersonal noch seine Telefonnummer, dieser solle sich melden, wenn wir wieder abgeholt werden. Was für ein Service! Wir beginnen unsere Erkundung mit einem Gang auf eine große gläserne Aussichtsterrasse, von welcher man einen großartigen Blick auf den Fluss Euphrat und Rumkale hat. Die Lage der byzantinischen Burg auf den Klippen rund um die Flusshalbinsel ist spektakulär. Als wir uns von oben satt gesehen haben, marschieren wir hinunter an den Fluss, um im Rahmen einer Bootstour auch die wasserseitige Perspektive zu genießen. Wir schippern nicht nur an Rumkale vorbei, sondern auch an der im Euphrat versunkenen Stadt Halfeti. Zunächst fahren wir entlang des alten Halfeti, wo das Minarett der Moschee noch immer aus dem Fluss herausragt. Im erhaltenen Teil von Halfeti legen wir an und haben eine halbe Stunde Zeit an Land für einen Rundgang, bevor es zurück zum Ausgangspunkt geht. Zurück am Parkplatz ist der Wachmann schnell gefunden, der uns auch gleich erkennt und unseren Fahrer anruft. Bereits wenige Minuten später befinden wir uns wieder auf seinem Grundstück und sitzen mit der Familie zusammen. Auf dem großzügeigen Areal steht eine Art Wohncontainer und abseits davon ein winziges WC-Gebäude. Wir erfahren, dass das Haus der Familie in diesem Dorf durch das Erdbeben 2023 zerstört wurde. Es gibt wohl noch ein weiteres Haus in Gaziantep, dennoch müssen hier vor Ort die Pistazienfelder bewässert werden. Genau das macht auch unser Gastgeber, während wir von seiner Frau und seiner Schwägerin mit reichlich köstlichem Essen und natürlich Tee versorgt werden und Bilder von unserer Familie zeigen. Irgendwann kommen die Männer von der Arbeit zurück und ein Teil der Familie verabschiedet sich. Wir sitzen schließlich mit unserem Gastgeberehepaar und deren Kindern vor dem Haus auf dem Boden und dürfen schon wieder essen. Ein sehr leckeres Abendessn und Ayran, im Anschluss Tee, türkischer Kaffee und Baklava wird serviert. Am Ende stellt sich nur noch die Frage, wo wir heute schlafen werden. Eine Einladung zur Übernachtung auf dem Grundstück wurde bereits ausgesprochen, unser Zelt sei nicht nötig, man würde uns ein Bett machen. Es stellte sich uns bloß die Frage: Wo? In dem winzigen Container ist mit Sicherheit kein Platz. Nach dem Essen sind wir schlauer, denn es entsteht ein Schlafzimmer unter freiem Himmel. Nur die Kinder nächtigen im Container, die Eltern schlafen draußen und wir teilen heute das Nachtlager mit ihnen. Gut gepolstert und unter warmen Decken schauen wir in die Sterne und beenden diesen Tag.Baca lagi

  • Wenn der Wurm einmal drin ist...

    2 Jun 2025, Turki ⋅ ⛅ 29 °C

    Eine gute Outdoor-Nacht, im wahrsten Sinne des Wortes, haben wir verbracht, und nun wird kurz nach dem Aufstehen bereits das Frühstück serviert. Unsere Gastgeberin packt uns noch etwas Proviant für die Fahrt ein und dann ist es an der Zeit, Abschied zu nehmen von dieser wahnsinnig netten Familie. Ein Selfie als Erinnerung wird noch gemacht, dann rollen wir vom Hof. Auch heute müssen wir es mit der einen oder anderen Steigung aufnehmen, gerade in Kombination mit der Hitze der Sonne kein wirklich leichtes Unterfangen. Gegen Mittag richten wir uns deshalb im Schatten eines Pistazienbaumes (welcher, was aber erst ziemlich spät auffällt, ein klebriges Harz auf Heikos Hemd tropfen lässt...) für eine längere Pause ein. Es wird gelesen, im Internet gesurft, gedöst und das heute Morgen erhaltene Proviant gefuttert. Als wir am Nachmittag weiterfahren, dauert es nicht lange, bis Claudias ohnehin schon nicht grandiose Form rapide abnimmt. Ob es an den gekochten Eiern liegt, die zum Proviant gehörten und die Heiko nicht gegessen hat, ob die Sonne der letzten Tage doch zu viel war oder ob es mit einem komischen Hautausschlag zu tun hat, der sich kurz vor Abreise eingestellt hat..., wir wissen es nicht. Fakt ist, dass das Radeln in diesem Zustand nicht wirklich eine Freude ist. Im Verlauf wird es dummerweise auch eher schlechter, so dass Heiko zwei Räder einen Anstieg hinaufbugsiert und Claudia zu Fuß folgt. Und wenn es etwas gibt, was man gar nicht brauchen kann, wenn man mit Magen-Darm-Problematik durch die Gegend fährt, dann sind das regelmäßige Einladungen zu Tee und Essen. "Çay? Yemek?" Immer mal wieder ereilen uns diese freundlichen Angebote, u.a. vor einem kleinen Laden, wo wir nur kurz Wasser kaufen wollen. Hier sind auch einige Polizisten an uns interessiert und stellen Fragen. Claudia will einfach nur weg. Wir fahren nur ein kleines Stück weiter, bis wir außer Sichtweite sind und begeben uns in den Schatten. Liegen, nur noch liegen ist der Wunsch und so gibt es bestimmt ein skurriles Bild ab, wie Claudia kurz darauf auf einer Isomatte neben NATO-Stacheldrahtzaun im Schatten der Mauer eines Militätgeländes liegt. Heiko macht sich große Sorgen und denkt ernsthaft über eine Rückkehr nach Gaziantep nach, diese Option verwerfen wir aber. Stattdessen begeben wir uns nach einer ganzen Weile wieder auf die Fahrräder, um den nächstmöglichen Zeltplatz zu okkupieren. Weit müssen wir dafür nicht mehr radeln. Wir sehen einen Kuhhirten auf einem Feld und fragen, ob wir dort die Nacht verbringen dürfen. Wie erwartet ist dies kein Problem und schon bald steht das Zelt auf dem Stoppelfeld. Heute passiert nix mehr, wir hoffen auf Besserung für morgen...Baca lagi

  • Von Stoppelfeld zu Stoppelfeld

    3 Jun 2025, Turki ⋅ ☀️ 26 °C

    Zu einer für uns unter normalen Umständen seeehr unüblichen Zeit, nämlich um 5 Uhr in der Frühe, klingelt der Wecker. Wir wollen die kühleren Morgenstunden zum Radeln nutzen, um dann in der Mittagshitze zu pausieren. Claudia geht es leider nicht besser, was ziemlich schade und ärgerlich ist. Wir machen uns dennoch auf den Weg und hegen die leise Hoffnung, es bis in die Stadt Adıyaman zu schaffen. Ein Zimmer wäre heute wirklich gut. Unsere Etappe beginnt direkt mit einem knackigen Anstieg, bei dem Claudia abermals auf Heikos tatkräftige Unterstützung angewiesen ist. Unser Weg führt uns weiterhin durch viele Pistazienplantagen, die im weiteren Verlauf durch Getreidefelder abgelöst werden. Die Ernte ist in vollem Gange, was wir nicht nur sehen und dank der Mähdrescher und weiterer Erntefahrzeuge hören, sondern in Form von feinsten durch die Luft wehenden Strohteilchen auch ziemlich unangenehm im Gesicht spüren. Grundsätzlich ist es aber mal wieder eine sehr schöne Landschaft, durch die wir in diesem Land radeln dürfen. Am Horizont sind stets fototapetengleiche Berge zu sehen und zwischendurch können wir tolle Ausblicke auf eine große Schlucht und sogar den durch diese hindurchfließenden Euphrat erhaschen. Weniger idyllisch ist es, als wir die asphaltierte Straße verlassen und auf eine Schotterpiste abbiegen. Diese führt uns nämlich geradewegs in ein sehr weitläufiges Kieswerk. Nicht mehr Stroh, sondern Staub wird uns fortan ins Gesicht geblasen, wenn die Lastwagen und Bagger an uns vorbeidonnern. Eine Weile rumpeln wir so vor uns hin, bis wir etwas abseits der Schotterstraße ausgiebig im Schatten eines Baumes pausieren. Etwas erholt stehen uns nun noch einige Kieswerk-Kilometer bevor. Wir arbeiten uns also Stück für Stück weiter durch den Staub, bis wir tatsächlich das Ende (fast) erreicht haben. Ein paar, diesmal sogar recht penetrante, Einladungen zum Tee müssen wir am Ende der riesigen Baustelle noch ausschlagen, dann ist der Asphalt nicht mehr weit. Tatsächlich nicht weit, aber dafür extrem steil präsentiert sich der letzte Schotterabschnitt. Schnaufend und schweißgebadet stehen wir aber schließlich oben und freuen uns, die Fahrt auf einer Straße fortsetzen zu dürfen. Auf die eine Herausforderung folgt jedoch die nächste: Heikos Endgegner, der Wind, bläst uns jetzt kräftig von vorne entgegen und erschwert das Radeln erheblich. Die Idee, heute Adıyaman zu erreichen, müssen wir spätestens zu diesem Zeitpunkt endgültig verwerfen. Unter den aktuellen Bedingungen und den noch vor uns liegenden Höhenmetern ist ein Erreichen der Stadt bei Tageslicht nicht mehr zu schaffen. Wir kämpfen uns also noch ein Weilchen durch den Wind und suchen uns dann ein Fleckchen für unser Zelt. Auch heute fällt die Wahl auf ein Stoppelfeld, direkt neben einem großen Strohballen lassen wir uns nieder und freuen uns auf den Feierabend.Baca lagi

  • Hotel Whitestar in Adıyaman

    4 Jun 2025, Turki ⋅ ☀️ 24 °C

    Auch heute klingelt der Wecker um 5 Uhr in der Frühe. So richtig Appetit haben wir beide nicht und so sitzen wir nach einem nur sehr kleinen Frühstück um viertel vor sieben auf den Rädern. Leider ist auch der Wind zu dieser frühen Stunde bereits wach und auch mächtig aktiv. Nur langsam kommen wir voran, aber glücklicherweise haben wir es ja heute auch nicht besonders weit. Bald ist Zeit für eine Verschnaufpause sowie eine Ladung Sonnencreme. Wir setzen uns zu diesem Zweck auf eine schattige Mauer vor einem kleinen Friedhof. Hier erleben wir einen Moment, der uns sehr betroffen macht. Erst stellt Heiko fest, dass eine Frau, die dort beerdigt wurde, nur 19 Jahre alt geworden ist. Direkt daneben lesen wir denselben Nachnamen, die Frau wurde 21 Jahre alt. Dann sehen wir die Daten auf diesen und weiteren Grabsteinen und uns wird klar: Viele der Menschen sind dem Erdbeben im Februar 2023 zum Opfer gefallen. Schon im letzten Jahr bei unserer Fahrt durch die Region Hatay haben uns der Anblick der Erdbebenfolgen und die Schilderungen der Einheimischen sehr berührt, hier ist es wieder so.
    Einige Kilometer geht es für uns noch auf kleinen Straßen weiter, kurz vor einem winzigen Dorf treffen wir auf ein einsames Küken, das verloren auf der Straße steht. Claudia sammelt es ein und kann einen Mann ausfindig machen, der weiß, wo das kleine Hühnerkind hingehört.
    In einem kleinen Laden versorgen wir uns mit Wasser und bekommen direkt noch zwei Gurken geschenkt. Vor dem Laden winkt uns dann noch ein Anwohner heran und schenkt uns frisch gebackenes Brot. Diese Herzlichkeit der Menschen fasziniert und freut uns immer wieder. Wir warten nicht lange mit dem Verzehr der Gaben, sondern nutzen sehr bald einen geeigneten Schattenplatz dafür, bevor es nämlich mit der Ruhe und Verkehrsarmut vorbei ist. Den Rest der Etappe bis in den Zielort Adıyaman absolvieren wir auf einer stark befahrenen Hauptstraße, nicht gerade ein Idyll. Eine letzte Rast machen wir am Straßenrand vor einer Mauer (immerhin neben einer Palme 🌴), bevor wir das Hotel Whitestar am östlichen Rand von Adıyaman ansteuern. Trotz der frühen Zeit, es ist ist elf Uhr, dürfen wir bereits ein Zimmer beziehen. Es folgt ausgiebiges Duschen und Chillen. Da bei Claudia die bereits zu Hause aufgetreten Hautveränderungen nach wie vor nicht verschwunden sind, sondern diese sich eher vermehrt haben, starten wir eine Online-Behandlung über die App "doctorderma". Mal sehen, was das wird...! Die Homepage macht zumindest einen seriösen Eindruck und innerhalb von 24h dürfen wir mit einer Diagnose rechnen, einen Versuch ist es also wert. Inzwischen ist es früher Abend und wir verspüren etwas Hunger. Wir verlassen also das Hotel und kehren für leckere Kebab-Spieße in einem eher behelfsmäßigen Restaurant ein. Zahlreiche Gebäude in Adıyaman sind durch das Erdbeben 2023 zerstört worden, so dass viele Laden- und Restaurantbetreiber bis heute improvisieren müssen, um das Geschäft fortführen zu können. Wir sitzen entsprechend in einer Mischung aus Baustelle und Kebab-Bude, in der Kunstrasen und nette Beleuchtung zu einer halbwegs angenehmen Atmosphäre beitragen sollen. Wir bereuen diese Einkehr definitiv nicht, das Essen ist köstlich und die Menschen sind ausgesprochen freundlich. Nicht so schön ist wiederum die Nachricht, die uns von "doctorderma" erreicht: Verdacht auf
    Borreliose im Stadium I mit Wanderröte. Mist! Die Empfehlung lautet, zeitnah eine serologische Diagnostik durchführen zu lassen und eine Antibiotika-Therapie zu beginnen. Wir wissen also, was wir morgen zu tun haben..., gute Nacht!
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  • Krankenhaus oder Flughafen?

    5 Jun 2025, Turki ⋅ 🌙 24 °C

    Wir stehen zeitig auf und bedienen uns am Frühstücksbuffet des Hotels. Anschließend erfragen wir beim Hotel-Manager, wo sich das nächste Krankenhaus mit einer dermatologischen Abteilung befindet. Wir erfahren, dass die Universitätsklinik nur etwa zwei Kilometer entfernt ist und machen uns zu Fuß auf den Weg. Vorsorglich haben wir bereits den Brief von "doctorderma" durch den Google-Überstetzer gejagt und Heiko hat das Ergebnis von einer türkischsprachigen Bekannten checken lassen. So haben wir etwas, was wir vorlegen können, um den Anlass unseres Besuches in der Klinik zu erklären. Bei Ankunft hätte man auch meinen können, an einem Flughafen gelandet zu sein und nun in dem bunten Treiben den richtigen Terminal finden zu müssen. Ratlos stehen wir in der großen Eingangshalle und blicken uns suchend um. Unserer offensichtlichen Hilflosigkeit nimmt sich ein freundlicher Klinikmitabeiter an, dessen Funktion wir nicht kennen. Nachdem er uns einen Tee angeboten hat (ach, die Tee-Kulter überall in diesem Land ist einfach wunderbar...), begleitet er uns in die Dermatologie und hilft und bei den Anmeldeformalitäten. Der Mann wird schließlich abgelöst von einem anderen Herrn, der als Dolmetscher in der Klinik arbeitet und super englisch spricht. Nach einer ersten Zahlung, die wir tätigen müssen, dauert es nicht lange, bis wir gemeinsam mit dem Dolmetscher im Zimmer der Hautärztin sitzen. Borreliose ist wohl in der Türkei nicht so verbreitet und die Ärztin entsprechend nicht wirklich sicher. Sie blättert in ihrem Buch und befragt anschließend "Dr. Google" - nicht wirklich vetrauenserweckend. Wir verweisen immer wieder auf den übersetzten Text des Briefes von der deutschen Hautarzt-App und die empfohlene serologische Diagnostik und Antibiotika-Therapie. Zunächst sollen wir aber weiter zur Abteilung für Infektiologie, wo wir leider keinen Dolmetscher mehr an der Hand haben, da dieser zu einem anderen "Fall" musste. Irgendwie und im Verlauf mit der zusätzlichen Hilfe einer jungen Frau, die eigentlich ihre kranke Mutter begleitet, schaffen wir aber die weiteren Schritte: Blutentnahme bezahlen, Barcodes in der Infektiologie für die Blutentnahme abholen, Blutentnahme im Labor und schließlich ein erneutes Gespräch mit der Dermatologin. Zu unserer Freude erhalten wir nun auch das Rezept für des empfohlene Antibiotikum, die Laborergebnisse können wir am Nachmittag in der Notaufnahme abholen. Alle Ambulanzen werden dann bereits geschlossen haben, denn heute ist der Vortag des viertägigen Opferfestes (Kurban bayramı), dem höchsten Fest im Islam. Gegenüber vom Krankenhaus reihen sich zahlreiche Apotheken aneinander, teilweise in direkter Nachbarschaft zu stark vom Erdbeben beschädigten Häusern, die mehr als einsturzgefährdet aussehen. Wir erhalten die Medikamente und gönnen uns ein Taxi zurück ins Hotel. Erste Antibiotika-Dosis, lesen, dösen, chillen, Obst mit Joghurt essen - so verbringen wir die nächsten Stunden. Gegen 16 Uhr machen wir uns erneut auf den Weg, um die Laborergebnisse abzuholen. Wir marschieren noch nicht lange, da hält ein Auto neben uns und der Beifahrer fragt, ob wir zur Klinik wollen. Wir bejahen und werden bis vor die Tür der Notaufnahme chauffiert. Die Blutwerte sind zuerst noch nicht fertig und später stellt sich heraus, dass zwar einiges untersucht wurde und diese Werte auch unauffällig sind, aber leider nicht der erforderliche Test auf die Borreliose-Antikörper IgM und IgG durchgeführt wurde. Diesbezügliches Nachfragen gestaltet sich zunächst schwierig, da niemand englisch spricht, irgendwann bringt man uns aber zu einem sprachkundigen Arzt. Hier erfahren wir aber auch nur, dass die gewünschte Untersuchung jetzt und in den kommenden vier Tagen angesichts des Opferfestes nicht nachgeholt werden kann. Also bleibt nur, der Diagnose von "doctorderma" zu vetrauen und die Antibiotika-Therapie durchzuführen. Da diese durchaus auch als Prophylaxe empfohlen wird, ist das wohl okay. Zu Fuß geht's zurück zum Hotel, später am Abend probieren wir dann noch die von gestern bekannten Kebab-Spieße mal in einem anderen, aber ebenfalls improvisierten Restaurant - auch lecker!Baca lagi

  • Adıyaman

    6 Jun 2025, Turki ⋅ ☀️ 32 °C

    Auch heute werden wir nicht weiterreisen, sondern in Adıyaman bleiben. Wir wollen zumindest abwarten, wie Claudia das Antibiotikum verträgt, bevor wir wieder vom chilligen Hotelmodus auf Radeln und Zelten wechseln. Nach dem Frühstück entscheiden wir uns dafür, die Innenstadt von Adıyaman zu besuchen. Sehenswürdigkeiten im klassischen Sinne hat die Stadt nicht zu bieten, bei entsprechender Recherche trifft man zuallererst auf den Uhrenturm, der seine Bekanntheit durch das Erdbeben 2023 erlangt hat. Dieses Thema begleitet uns dann auch auf dem folgenden Spaziergang:
    Adıyaman liegt in der Nähe der Ostanatolischen Verwerfungslinie, die seit Jahrhunderten die Erde in der Region beben lässt, und ist auch eine der fünf türkischen Großstädte in der Osttürkei, die massiv von den verheerenden Erdbeben am 6. und 7. Februar 2023 getroffen wurden.
    In der Stadt, die vor dem Beben etwa 300.000 Einwohner zählte, starben rund 8400 Menschen – ein Fünftel der Gesamtopferzahl von 51.000 im türkischen Erdbebengebiet. Mehr als 17.000 Menschen wurden in Adıyaman verletzt, fast 1500 Gebäude stürzten ein, 4100 Häuser wurden so schwer beschädigt, dass sie unbewohnbar sind.
    Die Auswirkungen der Katastrophe sind nach wie vor deutlich erkennbar. Bereits auf unserer Reise im letzten Jahr durch das Erdbebengebiet Hatay haben wir viele erschütternde Eindrücke mitgenommen. Hier und heute wird uns nochmal vor Augen geführt, dass das Ausmaß dieses furchtbaren Erdbebens unsere Vorstellungskraft bei weitem übersteigt. Es ist erschreckend zu sehen, wir viele Lücken in den Straßen zu sehen sind, Flächen, auf denen vorher mal Häuser standen und nun nur noch Schutt und Asche liegt.
    Wir halten inne vor dem Uhrenturm von Adıyaman, der auf einer kleinen Verkehrsinsel mitten auf dem großen Atatürk-Boulevard steht und seit dem Erdbeben als Wahrzeichen der Stadt gilt. Der große Zeiger steht auf der 17, der kleine zeigt auf die vier. Um 4:17 Uhr traf am 6. Februar 2023 das verheerende Erdbeben die Region im Südosten der Türkei und brachte für so viele Tod und Zerstörung. Und es brachte die große Uhr zum Stillstand. Die Zeiger des Uhrenturms sollen jeden Tag mahnend an den Zeitpunkt der Katastrophe erinnern. Wir lassen uns weiter durch die Straßen treiben, die angesichts des Opferfestes nicht sehr belebt sind. Die meisten Geschäfte haben geschlossen, es ist sehr ruhig in der Stadt.
    Sehr viele der verbliebenen Gebäude, an denen wir vorbeikommen, weisen große Risse und andere Schäden auf. Nicht selten werden sie aber dennoch weiterhin genutzt. Wir sehen Geschäfte, die bis heute in kleinen Hütten oder Containern betrieben werden, so befindet sich auch die Praxis eines Psychologen in einem Container unmittelbar vor einem zerstörten Haus. Vom Burghügel der Stadt aus haben wir einen Rundumblick aus der Vogelperspektive. Neben den Bildern der Zerstörung sind auch die vielen neuen Gebäude auszumachen, die bereits stehen. In der Ferne auf einem großen Felsenhügel ist scheinbar eine riesige neue Stadt aus dem Boden gestampft worden. Wir stellen uns die Frage, wie erdbebensicher diese ganzen neuen Bauten wohl sein mögen..., und zweifeln. Durch kleine Straßen und Gassen schlängeln wir uns zurück in Richtung Hotel, wo wir Eindrücke erstmal sacken lassen. Die nächsten Stunden verbringen wir in unserem Zimmer, erst am Abend werden wir nochmal aktiv. Mit den Fahrrädern besuchen wir die fünf Kilometer entfernte antike Stadt Perre. Die Stadt verband in byzantinischer Zeit den alten Westen mit Persien und trug zu dieser Zeit den Namen Hierapolis , was so viel wie die heilige Stadt bedeutet. Leider können wir das weitläufige Gelände der Ruinensiedlung nicht lange besichtigen, da wir kurz vor der dem Ende der Öffnungszeit eintreffen. Einen kurzen Überblick dürfen wir uns aber glücklicherweise verschaffen. Wir radeln zurück und kaufen unterwegs noch ein nahrhaftes gesundes Abendessen: Eine Tüte Chips für jeden! Wir haben einfach keine Lust, ein drittes Mal Hackspieße zu essen, reichlich Obst hatten wir heute schon und so gibt's einfach frittierte Kartoffeln, was soll's. Den Rest des Abends verschwinden wir beide hinter unseren Kindles, bevor schließlich irgendwann das Licht ausgeht.
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  • Wie geht es weiter?

    7 Jun 2025, Turki ⋅ ☀️ 30 °C

    Als wir nach dem Frühstück auf die Frau an der Rezeption zukommen, lächelt sie und ahnt bereits, was unser Anliegen ist: "Bir gece daha?" fragt sie und wir nicken wie jeden Morgen. Ja, wir wollen noch eine weitere Nacht bleiben. Heute soll aber auf jeden Fall eine Entscheidung fallen, wie es mit unserer Reise weitergeht. Die Optionen reichen von Abbruch und nach Hause bis zu verschiedenen Änderungen der geplanten Route. Auf jeden Fall werden nicht wie vorgesehen mit den Rädern über den Nemrut dağı fahren. Zu unvernünftig wäre es in unserer aktuellen Situation, den zwanzig Kilometer langen und sehr steilen Anstieg auf über 2000m bei Temperaturen um die 35 Grad in Angriff zu nehmen. Nach einigem Überlegen und Abwägen kommen wir zu dem Ergebnis, dass wir dennoch den Nemrut dağı von oben sehen möchten, wenn auch ohne Fahrrad. Wir gönnen uns stattdessen die Luxusvariante: Kurz unterhalb des Gipfels gibt es ein kleines Hotel, hier buchen wir ein Zimmer für morgen und gleich noch einen Shuttle dazu. Wir werden also morgen mittag hier in Adıyaman abgeholt und zum Hotel auf den Nemrut gebracht. Dort freuen wir uns vor allem auf die Stunden des Sonnenunter- und Sonnenaufgangs. Am Montag lassen wir uns zurück nach Adıyaman chauffieren und setzen dann endlich, mit leicht abgekürzter Route die Reise auf dem Fahrrad fort. Angesichts der Umstände scheint uns dies die vernünftigste Lösung, mit der wir auch gut leben können.
    Den heutigen Tag verbringen wir überwiegend träge und faul: Wir kniffeln, lesen, essen. Erst am Abend raffen wir uns auf und spazieren nochmal in die Innenstadt. Wir essen eine Kleinigkeit, genießen den Sonnenuntergang vom Burghügel aus und kommen auf dem Heimweg erneut am Uhrenturm, diesmal beleuchtet, vorbei. Zurück im Hotel können wir noch mit dem Manager klären, dass unser Gepäck und unsere Räder während unseres Ausfluges auf den Nemrut dağı hier verwahrt werden können, super! Wir verbringen heute also die letzte Nacht im Whitestar Hotel und sind sehr gespannt auf den morgigen Tag.
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  • Nemrut dağı

    8 Jun 2025, Turki ⋅ 🌩️ 20 °C

    Nach unserem letzten Frühstück im Hotel Whitestar ist es nun an der Zeit zu packen. Wir bereiten jeder einen Rucksack für den anstehenden Nemrut-Ausflug vor, der Rest unseres Gepäcks wird bis morgen hier im Hotel verwahrt. Zeitig sind wir fertig, so dass wir vor dem Auschecken noch ein Stündchen lesen können. Sehr pünktlich werden wir dann von von unserem Fahrer, sein Name ist Mehmet, abgeholt. Wir sind gespannt, was uns erwartet und tatsächlich ist bereits die Fahrt in die Bergwelt beeindruckend. Die Landschaft sieht fantastisch aus und wird mit jeder Serpentine, die Mehmet das Auto weiter in die Höhe schraubt, noch spektakulärer. Auf sehr kleinen Straßen geht es über viele Kilometer in die schroffe, felsige Gebirgswelt. Auch der Gipfel des Nemrut dağı ist in der Ferne bereits auszumachen. Nach einem kurzen Stop an seinem Haus, wo Mehmet einen großen gefüllten Kochtopf von seiner Frau übergeben bekommt, gibt es Probleme mit dem Auto. Die Öl-Leuchte blinkt, eine Weiterfahrt in diesem Auto ist nicht mehr möglich. Also werden wir erstmal auf die Terrasse gebeten und mit Tee und türkischem Kaffee versorgt. Es dauert nur etwa eine Viertelstunde, da trifft der Betreiber unseres gebuchten Hotels mit einem Transporter ein. Kurz wird das Gepäck umgeladen und schon kann es weitergehen. In dem kleinen Hotel an der Nordseite kurz unterhalb des Gipfels beziehen wir ein Zimmer mit Blick auf den Nemrut. Im großen Speisesaal wird uns ein Willkommenstee serviert und wir erfahren, dass dieses Hotel bereits 40 Jahre alt ist und, je nach Schneesituation, ungefähr von März bis Oktober betrieben wird. Als unsere Gläser leer sind, wollen wir keine Zeit mehr verlieren, sondern endlich den Gipfel erklimmen. Etwas Proviant und warme Kleidung packen wir ein, da wir auf jeden Fall den Sonnenuntergang dort oben erleben möchten. Nachdem wir dann noch das erforderliche Ticket gelöst haben, machen wir uns an den drei Kilometer langen Aufstieg. Wir sind fasziniert von dieser Gegend, können uns kaum satt sehen an den imposanten Felsen, dem Bergpanorama am Horizont, den schillernden Heuschrecken, den über uns kreisenden Vögeln, einfach dem Gesamteindruck, eine Umgebung wie gemalt. Kurz vor den letzten Kehren zum Gipfel machen wir eine kleine Rast und Heiko fängt Erinnerungen mit der Drohne ein. Und dann stehen wir tatsächlich in 2150m Höhe auf dem "Götterberg", dem Nemrut dağı, was soviel bedeutet wie "der Berg auf dem Berg". Das sog. Hierothesion, eine Kombination aus monumentaler Grabanlage und Heiligtum, auf dem Gipfel ist seit 1987 UNESCO Weltkulturerbe. Das Grabmal von König Antiochos I. besteht aus einer Geröllaufschüttung mit einem Durchmesser von 150 m und einer Höhe von 50 m. Antiochus I. erklärte sich selbst zum Gott (Theos) und ließ noch zu Lebzeiten auf dem Gipfel des Nemrut ein Heiligtum errichten, um seinen Namen zu verewigen.
    Dieser Hügel darf nicht betreten werden, umgeben wird er von steinernen Zeugnissen menschlichen Geltungsdranges, den Terassen der Götter. Hier verteilen sich die ehemals 8-10m hohen, monumentalen Statuen, von denen jedoch keine mehr vollständig erhalten ist. Erdbeben haben die Köpfe herabfallen lassen und die Gesichtszüge sind durch die klimatischen Verhältnisse stark beschädigt. Dennoch sind die Figuren ein beeindruckender Anblick, die gigantischen Köpfe geben Anlass zum ehrfürchtigen Staunen. Leider staunen nicht nur wir, sondern auch jede Menge andere Besucher dieser heiligen Stätte. Es ist unbestritten ein sehr besonderer Ort hier oben auf dem Gipfel, die Besonderheit des Moments geht dennoch leider etwas verloren angesichts der vielen Menschen und des damit einhergehenden Stimmengewirrs und des "Wie posiere ich am besten für das perfekte Foto Wahnsinns". Wir beobachten das Treiben uns sind froh, immerhin nicht einer geführten Tour anzugehören. So sind wir wenigstens unabhängig und müssen nicht auf Kommando gemeinsam mit den Massen den Hauptaubstieg nehmen. Stattdessen steigen wir, nachdem wir der Sonne beim Verschwinden hinter den Bergen zugeschaut haben, über die nur sehr spärlich frequentierte Route über die Ostterrasse auf der anderen Seite des Berges hinab und spazieren zurück zum Hotel. Dort angekommen erwartet uns ein köstliches Abendessen, welches zum Teil aus dem Topf stammt, den Mehmet auf der Fahrt zum Berg von seiner Frau in Empfang genommen hat. Insgesamt sind wir sehr angetan von der herzlichen und familiären Atmosphäre in dem kleinen Hotel. Satt und zufrieden begeben wir uns dann auch zügig ins Bett. Die Nacht wird kurz, möchten wir doch zum Sonnenaufgang bereits wieder oben auf dem Gipfel sein.
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  • Lost Place

    9 Jun 2025, Turki ⋅ ☀️ 32 °C

    Um 4:30, also quasi vor dem Aufwachen, sind wir bereit für den zweiten Besuch auf dem Nemrut dağı. Diesmal lassen wir uns allerdings im Auto mitnehmen, so dass wir zügig am Ziel sind. Auch zu dieser frühen Stunde sind wir bei weitem nicht allein, sondern teilen uns die Ostterrasse mit vielen weiteren Schaulustigen. Einige sitzen auf den Steinstufen des Plateaus, manche haben sich Campingstühle mitgebracht und wiederum andere machen es sich an einem kompletten Picknick-Arrangement gemütlich. Reges Geplapper dringt von allen Seiten in unsere Ohren, erst als die Sonne rot hinter dem Berg hervorkriecht, hält die Menge kurz inne. Wir verfolgen den wahrlich schönen Sonnenaufgang, drehen noch einmal eine Runde um den Nemrut, futtern ein paar Kekse und kehren dem Götterberg schließlich endgültig den Rücken zu. Den Rückweg zum Hotel bestreiten wir zu Fuß, belohnt werden wir mit einem guten Frühstück. Es ist ungefähr halb neun, als wir dann den Transporter besteigen, um uns vom Hotelbetreiber wieder zurück nach Adıyaman fahren zu lassen. Wir haben bereits sehr viel an Höhe verloren, als unser Fahrer einen kurzen Stopp einlegt, um uns die Besichtigung einer alten Römerbrücke, der Cendere-Köprüsü, zu ermöglichen. Wir spazieren über die Brücke, machen Bilder und sind überrascht, wieviele Menschen sich hier zum Baden und Picknicken tummeln. Wenig später setzen unsere Fahrt fort und erreichen gegen Mittag das Hotel Whitestar in Adıyaman, wo unser kleiner Nemrut-Ausflug endet. Man empfängt uns freundlich mit einem Tee (womit auch sonst...?), danach nehmen wir unser verwahrtes Gepäck in Empfang. Wir beladen die Fahrräder, wechseln unsere Kleidung und dann ist es endlich soweit: Wir sitzen wieder auf dem Rad! Einen kleinen Einkauf erledigen wir nach wenigen Metern noch, bevor wir auf der Hauptstraße endgültig aus Adıyaman hinausrollen. Sehr heiß ist es heute, die Etappe ist geprägt davon, dass wir uns von Schattenplatz zu Schattenplatz hangeln. Mal erholen wir uns unter einem Baum von der Sonne und mal genehmigen wir uns an einer Tankstelle eine Pause mit Eis und kühlem Getränk. Auch unterwegs scheint man uns unsere dringendsten Bedürfnisse anzusehen: Eine Frau hält mit ihrem Auto neben uns an und schenkt uns zwei Bananen und zwei Dosen herrlich erfrischenden Zitronen-Eistee. Die ganze Zeit fahren wir entlang der Hauptstraße, sanfte Anstiege und Abfahrten wechseln sich ab. Auch wenn Hauptstraßen eigentlich nicht zu den von uns favorisierten Strecken gehören, verspüren wir dennoch ein gutes Gefühl des "Vorankommens". Die Radreise geht weiter, endlich! Ab halb sechs halten wir Ausschau nach einem geeigneten Zeltplatz, was sich allerdings als nicht ganz einfach erweist. Aus dem Augenwinkel sehen wir in dem kleinen Ort Kuyulu im Vorbeifahren ein Grundstück, welches vielleicht in Frage kommen könnte. Das Haus auf dem Grundstück ist eine ehemalige Rettungswache, kurz davor sind wir am Gebäude der neuen Rettungswache vorbeigefahren. Hier sehen wir auch Menschen und beschließen, umzukehren und zu fragen, ob wir auf dem Nachbargrundstück die Nacht verbringen dürfen. Zuallererst werden wir aber, wie sollte es anders sein, von den drei Mitarbeitern zum Tee eingeladen. Bezüglich unserer Anfrage äußern die drei sich allerdings skeptisch. Das benachbarte Grundstück sei nicht ungefährlich, es gäbe dort Schlangen und Skorpione. In Ermangelung an Alternativen nehmen wir dann aber doch alle gemeinsam das Areal in Augenschein und speziell Claudia ist gar nicht mehr so wohl bei dem Gedanken, hier zu zelten. Aus dem Augenwinkel sah das deutlich einladender aus als bei genauerem Hinsehen. Immerhin entsorgt einer der Mitarbeiter den Tierkadaver, der dort herumliegt. Das dreistöckige Haus ist offensichtlich dem Verfall geweiht. Aus einem Fenster im oberen Stockwerk schaut ein Hund heraus, was auch die Leute von der Rettungswache überrascht, ein anderer kommt aus der nicht mehr vorhandenen Tür. Die verschiedenen Geräusche, die zu hören sind, können wir nicht genau einordnen. Dieses Haus könnte gut der Drehort für einen Horrorfilm oder zumindest einen Tatort sein, man will sich gar nicht wirklich vorstellen, was sich hinter den Mauern im Inneren verbirgt. Jedem Zweifel zum Trotz steht kurze Zeit später unser Zelt vor dem "Geisterhaus", es gibt noch einen Gemüsetopf vom Gaskocher und dann geht's ab in die Schlafsäcke. Immerhin wissen wir, dass die benachbarte Rettungswache 24/7 besetzt ist, sehr beruhigend...Baca lagi

  • Şanlıurfa

    10 Jun 2025, Turki ⋅ ☀️ 36 °C

    Der Wecker klingelt mal wieder um kurz vor fünf, damit wir zeitig auf dem Rad sitzen und vor der schlimmsten Hitze schon ein paar Kilometer auf dem Tacho haben. Eine kleine Verzögerung erfährt unsere Abfahrt allerdings, da Heiko in einen rostigen Nagel tritt, der sich durch die Sandale in seinen Fuß bohrt. Als die Wunde gesäubert und verpflastert ist, räumen wir unser Lager vor der verlassenen und etwas unheimlichen Rettungsstation und starten um kurz vor sieben in die heutige Etappe. Wir folgen der leicht hügeligen Hauptstraße, die Verkehrsdichte hält sich glücklicherweise in Grenzen. Schnell ist es wieder sehr heiß, so dass wir viele Pausen im Schatten einbauen. Nach etwa 20km kühlen wir uns an einer Tankstelle etwas runter, bald darauf pausieren wir in einer Art Garten-Café im Schatten vieler Bäume. Eine ganze Weile verbringen wir hier, genießen Tee, Kaffee und Eis. Die ausgesprochen netten Gastgeber des Cafés meinen es sogar etwas zu gut. Nachdem bekannt ist, wo wir herkommen, wird eine Playlist mit ziemlich schrecklichem Deutsch-Rap angeschmissen. Das ist sicher gut gemeint, aber für unsere Ohren eine echte Belastungsprobe. Als wir nach geraumer Zeit zahlen und uns verabschieden wollen, möchte die Café-Betreiberin kein Geld von uns annehmen. Egal, was Heiko sagt, sie besteht darauf, dass wir ihre Gäste sind. Wir bedanken uns und verlassen diesen (trotz Musik) netten Pausenplatz. Als ziemliches Problem, vor allem für Claudia, erweist sich die Sonne. Als Nebenwirkung des Antibiotikums Doxycyclin, welches sie nach wie vor wegen der Borreliose nimmt, werden unter anderem phototoxische Reaktionen ähnlich starkem Sonnenbrand beschrieben. Entsprechend wird dazu geraten, während sowie bis eine Woche nach der Einnahme die Sonne zu meiden. Leider machen sich die Nebenwirkungen bei Claudia deutlich bemerkbar, gleichzeitig lässt sich aber die Sonne nicht ausknipsen. Also bleibt nur eins: Lange Klamotten anziehen und möglichst keine bloße Haut der Sonne aussetzen. Sogar die Hände werden geschützt, indem ein Paar Socken ein "Daumenloch" erhalten und dadurch zu Handschuhen umfunktioniert werden. Um die Hitze trotzdem einigermaßen aushalten zu können, werden "Handschuhe" und Strümpfe regelmäßig zum Zwecke der Kühlung nass gemacht. Not macht eben erfinderisch...! Wir hangeln uns weiter von Schattenplatz zu Schattenplatz, während einer dieser Pausen kommt ein Mann mit zwei Bechern auf uns zu und schenkt uns kalte Cola ein. Wie nett und was für eine Wohltat. Schon 10km vor der Stadt ist das Häusermeer von Şanlıurfa in der Ferne zu sehen, in welches wir bald darauf eintauchen. Die Einfahrt auf der Stadtautobahn wird uns irgendwann zu gefährlich, weshalb wir uns auf kleineren, dafür aber sehr quirligen Straßen zum Hotel durchwurschteln. Wir beziehen nach fast 80 geradelten Kilometern und 650 erklommenen Höhenmetern ein Zimmer im Hanimağa Konağı Butik Hotel, einem alten Herrenhaus mit Innenhof und Dachterrasse. Hierher hatten wir auch die Fahrradtaschen liefern lassen, die wir in Gaziantep bestellt haben und nun in Empfang nehmen können. Das Hotel ist wirklich toll und selbst unsere Räder bekommen einen perfekten Platz im fast prunkvoll wirkenden Innenhof. Zudem ist die Lage unserer Unterkunft wirklich grandios: Fast alle Sehenswürdigkeiten sind in wenigen Minuten zu Fuß erreichbar. Ob es die historische Altstadt, der Basar oder die bedeutenden Kulturstätten sind – alles liegt praktisch vor der Tür. Am heutigen Abend führt uns unser Weg allerdings nach ausgiebiger Dusche lediglich noch in ein Restaurant, wo wir leider nur mäßig zufrieden sind, und dann beenden wir diesen Tag. Sightseeing steht morgen auf dem Programm.Baca lagi

  • Sightseeing in Şanlıurfa

    11 Jun 2025, Turki ⋅ 🌙 28 °C

    Ab halb neun gibt es Frühstück im Hotel, zu dieser Zeit sitzen wir dann auch am Tisch und lassen uns die Leckereien schmecken. Im Anschluss wollen wir Şanlıurfa erkunden. Ruhig lassen wir es angehen, haben uns angesichts der weiterhin hohen Temperaturen kein Tagesprogramm erstellt, das es abzuarbeiten gilt. Vielmehr lassen wir uns einigermaßen spontan durch die Straßen treiben. Schnell erreichen wir eine der bedeutensten Pilgerstätten der Muslime:
    Der Abraham-Teich, oder Balıklıgöl ("Fisch im See". Es wird angenommen, dass dies der Ort ist, an dem der Prophet Abraham von König Nimrod ins Feuer geworfen wurde. Der Legende nach verwandelte Gott das Feuer in Wasser und die brennenden Holzscheite in Fische, wodurch der Teich zu einem Wallfahrtsort wurde. Die Karpfen gelten als heilig, sie zu füttern als gute Tat. Artig vollbringen wir diese gute Tat, vielleicht verhilft sie uns ja zu etwas Glück für den weiteren Verlauf unserer Reise. Wir schlendern durch den an den Teich angrenzende Park, beobachten Katzen während einer Kaltgetränkpause, spazieren durch die Anlagen der Moscheen vor Ort und erfreuen uns an diesem Fleckchen der Stadt, der in seiner Gesamtheit wirklich schön ist. Interessant stellt sich noch ein kurzer Besuch in einer Postfiliale dar. Wir Trottel haben dummerweise den Schlüssel unserers Zimmers vom Hotel am Nemrut dağı nicht abgegeben, sondern versehentlich. mitgenommen. Kurz in die Post, dachten wir, und den Schlüssel an das Hotel schicken..., sooo einfach ist es aber dann doch nicht. Heiko muss sich mit seinem Pass ausweisen, damit er etwas verschicken darf, außerdem ist die Angabe eines aktuellen Wohnortes sowie der Mobilfunknummer in der Türkei erforderlich. Puuh, warum so kompliziert? Wir wollen doch nur einen Schlüssel zurückschicken. Naja, am Ende klappt es (hoffentlich) und wir können wieder zu anderen Dingen übergehen. Dazu gehört dich der Besuch des großen überdachten Basars. Hier halten wir uns eine ganze Weile auf, denn neben dem Bestaunen der farben- und glitzerreichen Stände und dem Wahrnehmen der Düfte unterschiedlicher Gewürze soll es vor allem auch darum gehen, Claudias Bekleidungskonzept zu optimieren. Auf der Liste der benötigten Dinge: Lange Hose, Hemd/Bluse mit langen Ärmeln, zusätzliche Socken oder im besten Fall dünne Handschuhe. Bis auf die Handschuhe werden wir fündig, so dass wir uns nun mal wieder um unser leibliches Wohl kümmern können. Wir erwerben eine Melone und zwei Becher Joghurt und lassen uns beides im gut klimatisierten Hotelzimmer schmecken. Am frühen Abend zieht es uns wieder raus, gerne möchten wir die Stadt von oben sehen. Zu diesem Zweck begeben wir uns auf den Festungshügel der Stadt. Die Festung selbst ist leider derzeit geschlossen, so dass eine Besichtigung nicht möglich ist. Wir bereuen den Aufstieg aber auf keinen Fall, sondern genießen die Aussicht auf die Stadt aus verschiedenen Perspektiven im Abendlicht und am Ende auch beim Untergang der Sonne. Zum Abschluss des Tages gehen wir noch einmal an den heiligen Karpfen vorbei und steuern dann ein Restaurant an. Die gewählten Pide und Lahmacun schmecken uns ausgesprochen gut. Für heute ist Feierabend, morgen geht es auf dem Fahrrad weiter.
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  • (Fast) Stille

    12 Jun 2025, Turki ⋅ ☀️ 39 °C

    Nach dem Frühstück verlassen wir das schöne Hotel in Şanlıurfa und machen unsere Räder startklar. Beim benachbarten Obst- und Gemüsehändler laden wir noch etwas Proviant ein, bevor wir auf die Straße rollen.
    Die Ausfahrt aus der Stadt gestaltet sich deutlich entspannter als die Einfahrt vor zwei Tagen, nach etwa 8 Kilometern sind die Ausläufer der Millionenmetropole erreicht. Eigentlich hatten wir vor, einen Schlenker über die antike Stadt Harran zu fahren, die südöstlich von Şanlıurfa kurz vor der syrischen Grenze liegt und für ihre bienenstockähnlichen Lehmbauhäuser berühmt ist. Wir verwerfen diese Idee, da es nach wie vor extrem heiß ist. Stattdessen begeben wir uns auf die direkte Route nach Mardin, auf welcher tatsächlich auch schon die Stadt Habur im Irak ausgeschildert ist. Es ist zwar schade, dass wir Harran nicht sehen werden und nun ein erheblicher Abschnitt auf der Hauptstraße vor uns liegt, aber an dieser Stelle muss einfach die Venunft siegen. Der Vorteil und unsere Hoffnung ist, dass wir so schneller das heiße Gebiet Mesopotamiens verlassen und etwas kühlere Regionen erreichen werden. Der erste Pausenwunsch des Tages führt uns mal wieder an eine Tankstelle. In netter Gesellschaft freundlicher Herren, von denen einer recht gut englisch spricht, kühlen wir uns im Schatten mit kalten Getränken etwas ab. Nachdem wir uns dann erneut für einige Zeit dem Lärm der Hauptstraße ausgesetzt haben, wollen wir uns einen ruhigen Platz, am besten im Schatten großer Bäume, abseits der Straße suchen, um der Mittags- und Nachmittagshitze zu entkommen. Tatsächlich finden wir das ersehnte ruhige Fleckchen und freuen uns schon auf die ausgiebige Pause. Diese Rechnung haben wir aber mal wieder ohne die gastfreundlichen Einheimischen gemacht. Als wir gerade unsere Räder abstellen und unsere Stühle aufstellen wollen, spricht uns ein Mann an, der hier mit seinen zwei Kühen, oder vielmehr Kälbern, unterwegs ist. Er lässt nicht locker, bis wir uns von ihm auf sein nahegelegenes Grundstück einladen lassen. Die Kälber traben vorweg, wir rumpeln das kleine Stück bis zum Haus hinterher. Wir dürfen an einem Tisch im großzügigen Garten Platz nehmen und bekommen Tee serviert. Wenige Meter von uns entfernt backt die Frau unseres Gastgebers mit zwei Töchtern Brot. Während die Mutter und eine Tochter auf dem Boden sitzend den Teig zu großen flachen Fladen ausrollen, backt die zweite Tochter diese Fladen über dem offenen Feuer. Wir erfahren, dass unser Gastgeber nicht nur diese eine Frau hat, sondern noch eine zweite, die nebenan wohnt, zudem habe er insgesamt zwanzig Kinder. Es wird schnell klar, dass es hier nicht bei einem Tee bleibt. Als der Teig sich in einen riesigen Berg Fladenbrote verwandelt hat, wird ein Essen vorbereitet. Wir lassen indes den Blick durch den Garten streifen. Gemüse wird angebaut, Hühner und Gänse laufen hier rum, außerdem weitere Kühe. Eines der Hühner habe unser Gastgeber lange aufpäppeln müssen, nachdem es von einer Schlange in den Hals gebissen worden war. Auch kümmert er sich um vier sehr niedliche Hundewelpen, deren Mutter überfahren wurde. Während wir dann ein sehr leckeres Gericht mit Reis, Auberginen, Fleisch und Salat essen, kommt noch ein deutsch sprechender Freund der Familie dazu. Er ist Rentner und kann nun entsprechend viel Zeit in der Türkei verbringen. Er war in Deutschland als LKW-Fahrer beschäftigt, wohnt aktuell im Ort Gescher in NRW, hat aber tatsächlich auch mal drei Jahre in Eckernförde gelebt und ist auch mehrfach in Kiel gewesen. Als unser Gastgeber uns nach dem Essen einen Teppich im Garten ausrollt, damit wir uns hinlegen können, beschließen wir, doch eher den geordneten Rückzug anzutreten. Wir bedanken uns für die Gastfreundschaft und machen uns wieder auf den Weg. Nach wie vor ist es sehr heiß, weshalb wir den nächsten geeigneten Schattenplatz für eine Fortsetzung unserer Pause, diesmal gerne in trauter Zweisamkeit, ansteuern. Schatten finden wir nach etwa vier Kilometern, so richtig allein sind wir aber nicht. Zwei kleine Kinder auf Dreirädern machen Faxen mit uns (oder wir mit ihnen...), ein Mann schaut vorbei und will uns in sein Haus einladen und eine alte Frau, die wir leider nicht verstehen können, schenkt uns eine Tüte mit zwei Lahmacun. Wir verweilen nicht allzu lange an diesem Ort, recht bald geht es zurück auf die Hauptstraße, unterbrochen nur noch von einer kurzen Tankstellen-Rast und einer Tee-Pause am Straßenrand. Wir freuen uns, als wir dann die Hauptstraße verlassen dürfen. Auf einer kleinen Nebenstraße wartet zum Abschluss des Tages noch ein Anstieg auf uns. Wir radeln aufwärts und freuen uns über die Stille, endlich kein Dauerrauschen der Autos und LKW mehr, hoffentlich wird das auch für unser heutiges Nachtlager zutreffen. Durch karge und zunehmend vegetationarme Landschaft führt unser Weg, Schafherden sind unterwegs, die Abendsonne taucht die Berge in herrliches Licht. Kurz hinter dem Gipfel finden wir ihn, unseren einsamen, stillen Zeltplatz. FAST einsam und FAST still, wie sich dann doch herausstellt. Mehrfach bekommen wir Besuch von einigen jungen Männern, die uns unbedingt einladen möchten. Der zweite Besuch sei im Auftrag ihres Vaters erfolgt, der unbedingt sichergestellt haben möchte, ob wir nicht doch etwas brauchen. "Danke, sehr nett, wir brauchen nichts, wir haben alles, ja, wir haben auch Wasser und etwas zu essen und wir schlafen gerne im Zelt...!" Als die Jungs irgendwann überzeugt waren, dass es uns wirklich an nichts fehlt, brausen sie davon und wir genießen Sonnenuntergang und STILLE.
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  • Die Pausen werden (leider) länger...

    13 Jun 2025, Turki ⋅ ☀️ 33 °C

    Wir frühstücken bei herrlichem Sonnenaufgang, nachdem der Wecker uns um viertel vor fünf aus den Schlafsäcken geklingelt hat. Halb sieben ist es, als wir auf den beladenen Rädern sitzen. Die Temperaturen sind sehr angenehm zu dieser frühen Stunde, in der Ferne sind die Rufe von Schafen und ihrem Hirten zu hören, schön! Leider verschlägt es uns bald wieder auf Hauptstraße und es ist erstmal vorbei mit der Idylle. Die weitere Fahrt ist erneut gekennzeichnet durch das Entlanghangeln von einem Schattenplatz zum nächsten, dazwischen werden Hauptstraßenkilometer gefressen. Während sich unsere Pausen an einem halbfertigen Haus und bei einer späteren Einkaufsgelegenheit noch zeitlich im Rahmen halten, entwickelt sich die nächste Rast zur "Dauerpause". Sechs Stunden verbringen wir am Ende zwischen parkenden Autos auf einer Tankstelle, was vor allem Claudias antibiotikabedingt extrem empfindlicher Haut geschuldet ist. Die einzigen Stellen, die dank langer Kleidung noch der Sonne ausgesetzt sind, machen trotz mehrfachen Eincremens mit Lichtschutzfaktor 50 arge Probleme: Das Gesicht und die Daumen, alles brennt und schmerzt. Es ist zum Verzweifeln, aber wir müssen irgendwie damit umgehen. Also vertreiben wir uns die Zeit auf der Tankstelle, selbst das Kochen und Vertilgen des Abendessen ziehen wir auf diesen Ort vor. Erst um viertel vor sechs, als die Sonne bereits sehr tief steht, wagen wir die Weiterfahrt. Seit dieser Pause trägt Claudia nun als zusätzliches Kleidungsstück auch noch ein Kopftuch, welches Teile des Gesichts und den Hals bedeckt. Noch etwa zwanzig Kilometer radeln wir und lassen die Stadt Viranşehir hinter uns, bevor wir nach einem Schlafplatz Ausschau halten. Etwas Zeitdruck spüren wir inzwischen, da die Sonne bereits untergeht und es dann auch sehr schnell dunkel wird, die relativ dichte Bebauung in dieser Gegend macht es aber alles andere als leicht. Wir biegen schließlich in einen Feldweg ab und winken einen Bauern heran, der gerade seinen Acker pflügt. Wir gehofft und auch wie erwartet ist es überhaupt kein Problem, auf dem gegenüberliegenden Feld unser Lager aufzuschlagen. Während wir das tun, ziehen wir noch das Interesse von drei jungen Männern auf uns. Die drei besuchen uns gleich doppelt und wie immer ist man sehr bemüht um unser Wohlergehen. Und mal wieder bestätigen wir, dass es uns gut geht und wir mit allem Nötigen versorgt sind. Wir bekommen noch den Hinweis, wo wir die Männer finden können, falls wir doch noch etwas brauchen, dann dürfen wir Feierabend machen. Gute Nacht!Baca lagi

  • Restaurant "Stoppelfeld"

    14 Jun 2025, Turki ⋅ ☀️ 37 °C

    Auch heute stehen wir im Morgengrauen auf, doch wir sind bei weitem nicht die ersten. Auf den Feldern wird bereits gearbeitet, wovon wir sogar profitieren dürfen: Ein Mann kommt vom Nachbarfeld zu uns rüber und schenkt uns einge frisch geerntete..., ja, was eigentlich? Wir Banausen kennen diese Früchte (oder das Gemüse...) nicht, die wie Miniatur-Melonen aussehen. Laut Google-Bildesuche könnten es tatsächlich sogenannte Melonengurken oder Gurkenmelonen sein, sicher sind wir aber nicht. Vielleicht wird der Geschmackstest zu einem späteren Zeitpunkt Klarheit bringen.
    Halb sieben ist es, als wir wieder auf der Straße sind. Wir kommen flott voran, die äußeren Bedingungen in den frühen Morgenstunden machen das Radeln deutlich einfacher. Wie schon in den letzten Tagen setzen wir auch heute unser Tankstellen-Hopping fort, das erste Kaltgetränk des Tages gönnen wir uns an einer solchen modernen Oase. Später stellen wir uns im Schatten des Daches einer Werkstatt unter, wo ein freundlicher Herr sich mehrfach dafür entschuldigt, dass er uns mangels Elektrizität keinen Tee anbieten kann. Die Erfrischung an seinem Waschbecken ist aber durchaus eine Wohltat. Sehr viel weiter kommen wir heute zunächst nicht. Nach knapp 40 Kilometern schreit Claudias Haut danach, die direkte Sonneneinstrahlung zu beenden. Die einzigen noch der Sonne ausgesetzten Hautareale, also Teile des Gesichts und die Daumen brennen furchtbar, so dass an ein Weiterfahren aktuell nicht zu denken ist. Wir verkriechen uns in einem halbfertigen Gebäude, gegenüber gibt es einen kleinen Supermarkt und ein paar Kebab-Buden, etwas zurückgesetzt ist eine Tankstelle mit WC. Die Bedingungen für eine lange Pause sind also nicht soooo schlecht. Sage und schreibe 9 (!) Stunden schlagen wir uns hier um die Ohren. Wir lesen, kniffeln, sitzen dumm rum, kochen, essen, trinken. Zwischendurch werden wir Zeugen eines lautstarken Tumults auf der Tankstelle mit Polizeieinsatz. Später bekommen wir Besuch von einem LKW-Fahrer, dessen türkisch kaum zu verstehen ist. Ansonsten passiert nix, bis wir uns um viertel vor sieben wieder auf die Straße begeben. Kurz vor dem Sonnenuntergang schwenken wir von der Straße in einen Feldweg und suchen uns die Ecke eines Stoppelfeldes als Übernachtungsplatz aus. Wir fragen noch drei Männer, die in einem weißen Auto vorbeikommen, ob es okay wäre, hier zu zelten, was natürlich bejaht wird. Nicht ohne vorher ihre Hilfe anzubieten fahren die Männer, die in unmittelbarer Nähe unseres Zeltplatzes wohnen, schließlich weiter. Wir widmen uns dem Aufbau unseres Zeltes und kaum, dass dieses steht, taucht das weiße Auto wieder auf. Einer Männer, er heißt Serdad, spricht von "Yemek, yemek" (Essen, essen) und öffnet daraufhin den Kofferraum des Wagens. Wir trauen unseren Augen nicht: Im Auto stehen fertige Salate in kleinen Schüsseln, eine große Platte Reis mit Hähnchen und gekühlte Orangenlimonade. Außerdem habe die drei eine rosa Blümchendecke dabei, die sie jetzt vor unserem Zelt ausbreiten. Wir essen gemeinsam und es wird über dies und das geplaudert. Wie schon des öfteren in diesem Urlaub ist es extrem schön und hilfreich, dass Heiko zumindest Grundkenntnisse der türkischen Sprache anwenden kann. Leider sind an diesem Abend wahnsinnig viele Mücken unterwegs, die möglicherweise auch ein Grund dafür sind, dass die drei Jungs nach dem Essen so schnell wie sie gekommen sind auch wieder alles im Auto verstauen und in einer Staubwolke winkend davondüsen. Sachen gibt's! Um nicht völlig zerstochen zu werden, beeilen wir uns mit der Vollendung der Einrichtung unseres Lagers und finden dann in unserem kleinen Zelt Schutz vor den fiesen Mücken. Um uns herum werden noch bis tief in die Nacht die Erntearbeiten fortgeführt, die Geräusche und Lichtkegel der Erntemaschinen begleiten uns beim Einschlafen.
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  • Hoch hinauf nach Mardin

    15 Jun 2025, Turki ⋅ ☀️ 30 °C

    Noch früher als sonst zieht es uns heute aus den Schlafsäcken. Damit wir es im Optimalfall vor der großen Hitze bis nach Mardin schaffen, stehen wir um viertel nach drei in der Nacht auf. Nach einem kleinen Frühstück machen wir uns in der Dämmerung auf den Weg. Es ist eine herrliche Stimmung an diesem Morgen und radelt sich wunderbar. Neben dem Staub der Ernte zieht noch ein feiner Nebel durch die Felder, als wir dem Aufgang der Sonne entgegenfahren. Es ist ein toller Anblick wie sie leuchtend rot über dem Berg hervorkriecht. Bei diesen perfekten Bedingungen kommen wir sehr gut voran, werden aber leider durch die erste (und hoffentlich einzige...) Panne ausgebremst. Der Platten an Heikos Hinterrad ist schnell behoben, so dass die Fahrt weitergehen kann.
    Von "flott" kann ab sofort allerdings keine Rede mehr sein, denn es geht aufwärts. Mardin liegt im türkischen Teil Mesopotamiens etwa 20km von der syrischen und ebenfalls nicht weit entfernt der irakischen Grenze auf einem Berg in gut 1000m Höhe. Ja, und da sollen wir nun rauf. Teilweise biestig steil windet sich die Straße hinauf in Richtung der historischen Altstadt. Belohnt werden wir für die Mühe mit wirklich spektakulären Ausblicken auf sowohl die "Neustadt" und die näherkommende Altstadt mit ihrem Festungshügel Mardins als auch die weite Tiefebene Mesopotamiens bis nach Syrien. Mardins Altstadt ist berühmt für ihre antiken Steinhäuser, die so gebaut sind, dass kaum ein Sonnenstrahl eindringen kann. Der verwendete lokale Kalkstein sorgt im Sommer für Kühle und im Winter für relative Wärme. Auch das von uns gewählte Hotel, welches wir gegen 11 Uhr nach gekraxelten knapp 600 Höhenmetern erreichen, ist ein solches Steinhaus. Wir beziehen ein uriges, gewölbeartiges Zimmer und machen nach ausgiebiger Dusche erstmal ein Mittagsschläfchen. Erst am frühen Abend, als die Sonne keinen Schaden mehr auf Claudias Haut anrichten kann, verlassen wir unsere Steinhöhle. Bereits der Rundumblick von der Hotelterrasse lässt uns staunen. Der Anblick der Altstadt, die in den steilen Südhang gebaut wurde und auf dessen Gipfel die Festung thront, ist einzigartig. Die Häuser wirken wie ineinander gestapelt, der gelbe Kalkstein verleiht der Stadt im Abendlicht einen fast goldenen Glanz. Knurrende Mägen lassen uns das Hotel verlassen und auf Nahrungssuche gehen. Durch die engen Gassen, die sich über viele Treppen in alle Richtungen wie ein verwinkeltes Labyrinth durch die Stadt schlängeln, arbeiten wir uns nach oben. Der Vorteil dieser "Treppenstraßen" ist, dass Autos ausschließlich auf der die Durchgangsstraße fahren können, die wir nun erreichen. In einem winzigen Lokal lassen wir uns von einem Syrer aus Damaskus Falafel und Humus servieren, was uns ausgesprochen gut schmeckt. Wir schlendern die bunte Hauptstraße mit den vielen Läden entlang und kehren schließlich noch in einem Café ein. Auf der Terrasse mit toller Aussicht genießen wir Kaffe und Kuchen sowie einen stimmungsvollen Sonnenuntergang. Nachdem wir uns den Weg durch die verwinkelten Gassen zurück zu unserer Unterkunft gebahnt haben, schlürfen wir noch ein Kaltgetränk auf der Hotelterrasse. Der Gastgeber bringt uns noch ein Tablett mit Tee und süßen Backwaren und eine seeehr niedliche kleine Katze leistet uns Gesellschaft. Herrlich!
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  • (Zwangs-) Urlaub im Urlaub Tag 1

    16 Jun 2025, Turki ⋅ ☀️ 29 °C

    Heute klingelt mal kein Wecker, sondern es wird nach allen Regeln der Kunst ausgeschlafen. Ausgiebig frühstücken wir auf der Terrasse, es gibt frisches Obst mit Joghurt. Da unsere Hotel selbst kein Frühstück anbietet, haben wir uns im Rahmen unseres gestrigen Altstadt-Spaziergangs bereits mit den nötigen Dingen eingedeckt. Am heutigen Morgen fällt auch die endgültige Entscheidung, dass wir einen (Zwangs-) Urlaub im Urlaub einlegen. Das heißt, dass wir hier in Mardin bleiben werden, bis Claudia mit der Einnahme des Antibiotikums fertig ist. Die Nebenwirkung der Sonnen-Empfindlichkeit ist einfach zu stark und das Verweilen an diesem schönen Ort ist deutlich attraktiver als die täglichen, mehrstündigen Pausen auf irgendwelchen Tankstellen. So richtig viel passiert dann heute auch nicht mehr. Gegen Mittag holt Heiko zwei Falafeldürüm vom Syrer, den wir schon gestern für gut befunden haben, während Claudia die Sonne meidet und in der Hotel-Steinhöhle ihr Buch liest. Am frühen Abend geht's dann für uns beide raus zu einem Spaziergang. Von einem nahegelegenen Friedhof aus genießen wir den Blick in die schier endlose Weite, auch die Drohne wird von Heiko über die mesopotamische Ebene in Richtung Syrien geschickt. Auf der anderen Seite begeistert uns das unheimlich stimmungsvolle Bild der Altstadt in der Abenddämmerung. Wir schlendern vorbei an alten und renovierten Steinhäusern, die häufig mit kunstvollen Verzierungen dekoriert sind. Fast von jedem Standort aus zu sehen ist das Minarett der Großen Moschee (Ulu Cami). Die Moschee stammt aus dem frühen 12. Jahrhundert und gilt als ein Wahrzeichen von Mardin. Die Stadt ist als multiethnischer Grenzort bekannt: Seit Jahrhunderten mischen sich hier verschiedene Kulturen und Religionen. Muslime wohnen Tür an Tür mit Christen und neben Türkisch sprechen die Menschen hier Arabisch, Aramäisch und Kurdisch. Wir spazieren durch die Straßen und Gassen und lassen die Eindrücke auf uns wirken, bis es mal wieder Zeit wird, für unser leibliches Wohl zu sorgen. Auf einer der vielen Dachterrassen lassen wir uns Adana-Kebab und Mardin-Teller schmecken, bevor wir uns nach einem Zwischenstopp im Supermarkt, wo wir uns für das morgige Frühstück eindecken, an den Abstieg zum Hotel machen. Eine Weile sitzen wir noch auf der Terasse, trinken Tee, erfreuen uns mal wieder an dem kleinen Hotel-Kätzchen und schauen einen Tatort.Baca lagi

  • (Zwangs-) Urlaub im Urlaub Tag 2

    17 Jun 2025, Turki ⋅ ☀️ 25 °C

    Wir verbringen einen echten Faulenzertag: Lange schlafen, frühstücken, chillen im Hotelzimmer, Chips essen (...weil der Syrer mit den leckeren Falafel-Dürüms geschlossen hat), abendlicher zielloser Spaziergang, Freude an der schönen Stadt, Pide und Lahmacun essen, Kaffee bei milden Temperaturen und einer leichten Brise auf einer Dachterrasse mit Aussicht schlürfen. Schön!Baca lagi

  • (Zwangs-) Urlaub im Urlaub Tag 3

    18 Jun 2025, Turki ⋅ ☀️ 26 °C

    Wir machen uns heute unser Frühstück mal nicht selbst, sondern stapfen als Frühsport die vielen Steintreppen in die Altstadt hinauf und essen in einem Lokal auf einer der vielen Dachterrassen. Nicht satt sehen können wir uns auch heute sowohl an der faszinierenden Fernsicht als auch den wie verschachtelt und gestapelt aussehenden antiken Steinbauten. Und über allem thront die alte Festung, das sogenannte Adlernest. Von dort aus hätte man sicher auch einen großartigen Blick über die Dächer der Stadt und die sich anschließende anatolische Ebene. Leider ist die Festung aber für Besucher gesperrt, da sie zum Sperrgebiet der NATO zählt. Sie dient als Militärstützpunkt und beherbergt aufgrund ihrer Lage eine Radarstation. Nicht viel tiefer als die Burg steht die 1385 erbaute Zinciriye Medrese, eines der schönsten Gebäude der Stadt. Genau dieses steuern wir nun an und sind schon vom Anblick des monumentalen Eingangsportals beeindruckt. Der Komplex der islamischen Bildungseinrichtung besteht aus einer Kuppelmoschee, einem Mausoleum und zwei Innenhöfen. Das Beste, was Mardin in unseren Augen zu bieten hat, offenbart sich beim Aufstieg auf das Dach. Ehrfürchtig staunend stehen wir hier und der erste Gedanke ist: "Wow"! Es ist eine einzigartige Atmosphäre, hier oben auf dem Dach zwischen den großen Kuppeln zu stehen und das atemberaubenden Panorama auf sich wirken zu lassen. Wir haben zudem das Glück, diesen Ort während unseres Besuches nur mit sehr wenig anderen Menschen teilen zu müssen, zwischendurch sind wir für eine kurze Zeit sogar komplett allein auf dem Dach. Mit vielen Bildern in unseren Köpfen sowie Kameras verlassen wir schließlich die Zinciriye Medrese und ziehen weiter. Unser nächster planmäßiger Halt führt uns in die ehemalige Hauptpost. Das Gebäude wird heute als Hotel genutzt, gegen Zahlung von 20 Lira kann aber der wunderschöne Innenhof besichtigt werden. Das lassen wir uns nicht entgehen und sind auch hier sehr angetan von der Architektur. Nach einer kleinen Pause in einem Teegarten wählen wir für den Rückweg zum Hotel, die Gassen, die unterhalb der Hauptstraße verlaufen. Hier befindet sich der weitläufige Basar, auf dem lokale Produkte, Kunsthandwerk, Textilien und Souvenirs wie z.B. Seifen angeboten werden. Wir durchqueren das bunte Treiben, kaufen an einem Stand eine kleine Auswahl syrischer Kekse und erreichen dann auch bald unsere Unterkunft. Hier stehen nun Tee trinken, Kekse essen und ausgiebiges Chillen auf dem Programm. Zum Ausklang des Tages gehen wir natürlich nochmal lecker essen und mit dieser Mahlzeit beendet Claudia mit der Einnahme der letzten (!) Tablette ihre Antibiotika-Therapie, juhuuu! Kaffee, Kuchen und Sonnenuntergang runden den heutigen Tag ab.Baca lagi

  • (Zwangs-) Urlaub im Urlaub Tag 4

    19 Jun 2025, Turki ⋅ ☀️ 30 °C

    Nach dem Obstfrühstück auf der Hotelterrasse haben wir uns für den heutigen Vormittag wieder ein kleines Kulturprogramm vorgenommen. Wir spazieren zu der etwa zwei Kilometer entfernten Kasımiye-Medresse, die aus dem 15. Jahrhundert stammt und eine der besten Bildungseinrichtungen ihrer Zeit war.
    Sie besteht aus zweistöckigen Räumen, die um einen Innenhof angeordnet sind sowie einer unabhängigen Moschee. Die Türen der Klassenzimmer im Hof ​​sind nur etwas über einen Meter hoch. Wir finden bei unserer Recherche folgenden Grund dafür: „Beim Betreten in der Gegenwart des Lehrers sollte der Schüler den Kopf neigen und Respekt zeigen.“ Der Herr, der uns mit einer blutenden Stirn entgegenkommt, hat das mit dem Respekt wohl nicht ernst genug genommen...! Eine Weile lassen wir uns in einer überdachten und somit schattigen Sitzgruppe vor der Medresse nieder. In der Ferne können wir deutlich erkennen, dass es brennt, dunkle Rauchschwaden steigen auf. Wir fragen uns, ob es sich bei dem Brandort noch um die Türkei handelt oder das Feuer in Syrien lodert. Ist es eines der Felder, das abbrennt, wie wir es in diesem Urlaub anderenorts bereits gesehen haben, oder ist die Ursache eine andere. Wir werden es nie erfahren, aber es sind keine guten Gedanken, die einem durch den Kopf gehen, wenn man in dieser grenznahen Region einen Brand am Horizont sieht. Nachdem wir ein kaltes Getränk geschlürft und eine kleine Echse beobachtet haben, machen wir uns auf den Rückweg zum Hotel. Hier chillen, schlafen, essen, lesen, kniffeln wir in den kommenden Stunden. Wie schon in den letzten Tagen zieht es uns am Abend noch einmal hinauf in die Altstadt, wo wir bei Kaffee und Kuchen der Sonne beim Untergehen zuschauen. Ein letztes Mal nehmen wir schließlich den Abstieg über die etwa 200 Steinstufen zurück zum Hotel in Angriff. Hier angekommen steht Packen auf dem Programm, denn bevor die Fahrräder endgültig einstauben, soll unsere Reise morgen endlich weitergehen. Claudias Antibiotika-Therapie ist abgeschlossen, die Haut hat noch einen Ruhetag erhalten, nun werden wir es wagen. Um nicht gleich in der Hitze loszuradeln, stellen wir den Wecker auf halb fünf, also Zeit zu schlafen: Gute Nacht!
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  • Es geht endlich weiter, auf nach Midyat

    20 Jun 2025, Turki ⋅ ☀️ 28 °C

    Es sind wieder hohe Temperaturen für den Tag angesagt, weshalb wir um halb fünf das Bett verlassen. Eine Kleinigkeit frühstücken wir noch und dann ist es soweit: nach fünf Tagen in Mardin verabschieden wir uns in aller Frühe von unserem Hotelgastgeber und rollen um viertel vor sechs aus der Stadt. Wir dürfen mit einer entspannten Abfahrt in die Etappe starten, so dass wir den Hügel mit der historischen Hangbebauung und der Festung schon bald nur noch aus der Ferne sehen. Und obwohl uns Mardin sehr gut gefallen hat, tut es gut, die Stadt hinter sich zu lassen und endlich wieder auf den Fahrrädern zu sitzen. Vor lauter Euphorie schaffen wir dann wohl auch den ersten Anstieg mit 400 zu bewältigenden Höhenmetern schneller als gedacht. Es ist erst acht Uhr, als wir kurz hinter dem Gipfelschild in einer Höhe von 1160m ein Päuschen einlegen und den ersten Tee bzw. Kaffee des Tages genießen. Insgesamt ist recht viel Polizei/Militär in dieser Gegend präsent, möglicherweise hat dieser Umstand mit der Nähe zur syrischen Grenze zu tun. Wir zumindest werden im Rahmen der Straßenkontrollen allenfalls mit interessierten Fragen konfrontiert. Wir kommen sehr gut voran und so verzeichnen unsere Tachos bereits 50 geradelte Kilometer und 650 erklommene Höhenmeter, als wir gegen 11 Uhr die nächste Pause einlegen. Eine köstliche Melone, die sogar stellenweise noch etwas kühl ist, löffeln wir aus und natürlich vergeht auch keine Rast ohne einen Tee. Die zwanzig Restkilometer bis zu unserem heutigen Zielort Midyat, der sich deutlich größer als von uns erwartet zeigt, sind schließlich flott abgeradelt. Midyat soll sich durch eine der schönsten historischen Altstädte der Region auszeichnen, was für uns Anlass genug ist, hier den Rest des Tages und auch die Nacht zu verbringen. Mitten in der Altstadt beziehen wir ein riesiges Gewölbezimmer mit zusätzlichem großem Vorraum. Wie es auch beim letzten Hotel in Mardin der Fall war, handelt es sich bei unserer Unterkunft um ein altes Steinhaus ohne Fenster. Wir erreichen unser Zimmer über einen großzügigen Innenhof, die Räder können direkt vor der Tür parken, was für ein Luxus. Dusche und ausruhen, soviel Zeit muss sein, dann rüsten wir uns für eine Erkundung der Altstadt. Auf relativ kleiner Fläche findet sich hier eine Vielzahl sehr schöner, safranfarbener Häuser mit aufwändig verzierten Fassaden. Midyat ist eine der ersten Städte des Tur-Abdin Plateaus gewesen, in der sich christliche Siedler niederließen. Und auch wenn die Stadt seit dem Ende des Byzantinischen Reiches im 7. Jahrhundert unter muslimischer Herrschaft steht, sind Midyat und Umgebung doch vorrangig durch christliche Bauten geprägt. Die gepflasterten Straßen, die hohen Mauern und die alten massiven Holztore versprühen fast mittelalterlichen Charme. Sehr lebendig ist es vor allem um das Midyat Konuk Evi herum. Das ehemalige Gasthaus mit den vielen außenliegenden Treppen mit aufwändig gestalteten Geländern, verzierten Fensterbögen und kleinen Balkonen gilt als das schönste Gebäude der Stadt. Gegen einen geringen Eintrittspreis ist es möglich, sich überall in diesem beeindruckenden Gebäude frei zu bewegen. Nach einem Kaltgetränk auf einer benachbarten Dachterrase zahlen wir gerne die 100 Lira und besichtigen die eingerichteten Zimmer, klappern die verschiedenen Terrassen und Bslkone ab und nutzen natürlich die Gelegenheit, den Blick über die Dächer von Midyat schweifen zu lassen. Im Anschluss lassen wir uns noch etwas durch die Gassen der Altstadt treiben, erledigen in einem Supermarkt den Einkauf für unsere morgige Etappe und lassen uns im Innenhof eines netten Restaurants Pide und Lahmacun schmecken. Satt und zufrieden erfolgt der Rückzug in unser Steingewölbe, und zwar quasi auf direktem Wege ins Schlafgemach.Baca lagi

  • Campingplatz für uns allein

    21 Jun 2025, Turki ⋅ ☀️ 29 °C

    Es ist fünf Uhr, als wir aufstehen und etwas Obst mit Joghurt frühstücken. Um viertel nach sechs sind die Räder startklar und wir verlassen unser nettes Hotel und den hübschen Ort Midyat. Beide fühlen wir uns recht schlapp, als wir uns den etwa zehn Kilometer langen Anstieg hinaufarbeiten, immerhin ist die Steigung eher von der milden Sorte. Oben angekommen kaufen wir Gemüse für das heutige Abendessen sowie frisch gebackene Gözleme für die Pause ein. Genau diese genehmigen wir uns dann auch nach kurzer Abfahrt in unmittelbarer Nähe zu einem See. Im Schatten einiger verfallener Gebäude, man könnte eher von Mauerresten sprechen, gibt es Tee und Kaffee. Als uns wieder auf den Weg machen, dürfen wir uns zunächst noch über die Fortsetzung der Bergabfahrt freuen, bevor bald darauf der Startpunkt für einen 14 Kilometer langen Anstieg erreicht ist. Ein Stück des anstrengenden Weges legen wir noch zurück, dann heißt es: Siesta! Es ist wieder sehr warm heute, also streichen wir um die Mittagszeit erstmal die Segel und bauen unser Mobiliar für eine ausgedehnte Pause unter einigen Mandelbäumen auf. Wir genießen den Schatten und machen außer kniffeln und lesen lange einfach nix. Erst am Nachmittag schmeißt Heiko den Gaskocher an und zaubert ein leckeres Gemüsegericht, welches wir uns mit Gözleme schmecken lassen. 17 Uhr ist es, als wir uns wieder rüsten und auf die Fahrräder steigen. Unser Plan sieht vor, dass wir die restlichen zehn Bergaufkilometer noch irgendwie hinter uns bringen und dann einen Platz für unser Zelt suchen. Ja, tatsächlich, nach den diversen Hotelübernachtungen soll heute endlich das Zelt wieder zum Einsatz kommen. Mehrfach werden wir auf der kleinen Straße, auf der wir unterwegs sind, angesprochen. Ein Porschefahrer fragt, ob wir uns verfahren haben, diese Straße sei ungenutzt. Auf die Steigung werden wir hingewiesen und vor Hunden gewarnt. Wir erklären, dass wir die kleinen Straßen der befahrenen Hauptstraße vorziehen und lassen uns nicht beirren. Ein Mann möchte uns in "sein" Dorf einladen oder zumindest von dem Dorf Fotos mit uns machen. Dafür müssten wir jedoch ein Stück zurück, also abwärts, fahren und später wieder rauf. Auf keinen Fall! Fotos gerne, aber nur hier vor Ort. Der Mann erkundigt sich noch nach unserem Instagram-Account, über welchen er uns die Bilder später auf Heikos Anfrage hin zusenden wird. Die Zeit ist bjereits recht fortgeschritten, als wir den Gipfel im winzigen Ort Bağözü erklommen haben, viel Tageslicht für die Suche nach einem Schlafplatz werden wir nicht mehr haben. Eigentlich haben wir also gar keine Zeit dafür, mit dem älteren Ehepaar und dem jungen Mann an der Moschee zu quatschen und uns zu einem kalten Wasser einladen zu lassen. Wir tun es trotzdem und es soll sich lohnen. Während des Gespräches, in welchem wir unter anderem erfahren, dass der junge Mann als Krankenpfleger in der Stadt Batman arbeitet, werden wir schließlich auch nach unserem heutigen Übernachtungsort gefragt. "Wir wissen es noch nicht", erklärt Heiko. Der Mann weiß es! Er lotst uns abseits der Straße einen Hang hinauf, öffnet ein riesiges Tor und präsentiert uns ein großes ebenes Grundstück. Perfekt! Er signalisiert uns, dass wir hier unser Zelt aufschlagen dürfen und verabschiedet sich. Unser Lager ist schnell eingerichtet, mit Blick auf das grün beleuchtete Minarett der Moschee sitzen wir noch etwas auf den vorhandenen Gartenmöbeln im Abendlicht. Das kleine Haus, welches hier auf dem Grundstück steht, scheint derzeit nicht bewohnt zu sein so dass wir diesen "Campingplatz" ganz für uns allein haben. Müde und kaputt vom Tag liegen wir bereits in unseren Schlafsäcken, als wir das Öffnen des großen Tores hören. Der junge Mann taucht nochmal auf, bahnt sich mit einer Taschenlampe den Weg zu unserem Zelt und möchte uns zum Tee einladen. Wir sind froh, dass er Verständnis für unsere Müdigkeit zeigt und sich mit einem freundlichen "İyi geceler - Gute Nacht" verabschiedet.Baca lagi

  • Stoppelfeld mit Asphaltflair

    22 Jun 2025, Turki ⋅ ☀️ 33 °C

    Abermals stehen wir früh auf, unseren kleinen privaten Campingplatz verlassen wir durch das große Grundstückstor mit der Aufschrift "Qesra Dêxîr" noch vor dem Frühstück. Wir wollen dadurch einer möglichen und nach allen Erfahrungen sogar sehr wahrscheinlichen entsprechenden Einladung aus dem Weg gehen, um die noch nicht ganz so heißen morgendlichen Stunden zum Radeln nutzen zu können. Zum Etappenstart dürfen wir etwas bergab und in der Ebene fahren, die kleine kaum befahrene Straße führt uns durch eine herrliche Landschaft. Den ersten geeigneten Platz mit etwas Schatten nutzen wir direkt, um unser Frühstück nachzuholen. Auf der Weiterfahrt genießen den Anblick der spärlich mit kleinen Bäumen bewachsenen Berge und alten Dörfer mit ihren Moscheen, die sich in die Landschaft einpassen. Heiko nimmt sich noch die Zeit für einen Drohnenflug, bevor es mal wieder anstrengend wird. Ein fieser Anstieg steht uns bevor, die ziemlich steile Herausforderung haben wir nach reichlich Schwitzen und Schnaufen um neun Uhr bewältigt. Und da wir ja Urlaub haben, gönnen wir uns die nächste Pause. Wir teilen das Feld, auf dem wir unsere Picknickstühle aufbauen, mit Eseln und Pferden, auch zwei neugierig tobende Fohlen tummeln sich hier. Die Arbeit des Tages ist jedoch noch nicht getan, gerne wollen wir den nächsten Gipfel, den es zu bezwingen gilt, vor der schlimmsten Hitze des Tages erreichen. Nach einer kurzen Abfahrt sind also wieder die ganz kleinen Gänge gefragt. Mit vielen Verschnaufpausen unterwegs arbeiten wir uns langsam, aber sicher aufwärts. Der Blick zurück ist herrlich, von immer weiter oben schauen wir auf einen Fluss, den wir am Ende der Abfahrt, bzw. zu Beginn des Anstieges gequert haben. Die Gegend, die wir nun erreichen, hat fast Wüstencharakter. Insgesamt stellen wir in diesem Urlaub fest, dass wir trotz der vielen Wochen, die wir in den letzten Jahren durch die Türkei geradelt sind, nochmal ein ganz anderes Gesicht dieses Landes sehen. Um halb eins haben wir es tatsächlich geschafft, reichlich außer Atem stehen wir auf dem höchsten Punkt. Und dann passiert tatsächlich das Beste, was einem in dieser Situation passieren kann. Ein Auto hält an, drei Männer steigen aus und bieten uns kalte Cola an. Was für eine Wohltat! [Während ich zwei Tage später den letzten Satz während einer Pause schreibe, hält eine Traktor an und der Fahrer reicht uns zwei Becher kalte Cola - was für ein Zufall]. Eine Weile unterhalten wir uns mit den Dreien und erfahren, dass es sich bei der kleinen Truppe um Vater, Sohn und Onkel/Bruder handelt. Sie erzählen, dass sie kurdische Archäologen auf Schatz- bzw. Goldsuche suche seien. Schon vorher haben wir wahrgenommen, dass es den Menschen in dieser Region sehr wichtig zu sein scheint, auf ihre kurdische Zugehörigkeit hinzuweisen. Der älteste "Archäologe" verteilt noch leckere, den Gewürzen nach sehr weihnachtlich anmutende Plätzchen und zum Abschied wird uns noch eine Flasche mit eiskaltem Wasser für die Fahrt gereicht. Auch das ist uns in den letzten Tagen schon öfter passiert. Scheinbar frieren viele Leute hier Wasserflaschen ein, um über den Tag kaltes Wasser zu haben. Wir begeben uns auf die verdiente Abfahrt, finden aber leider keinen mindestens ebenso verdienten (finden wir jedenfalls...) schattigen Pausenplatz. Also radeln wir notgedrungen weiter abwärts, in der Ferne ist bereits die Stadt Batman zu sehen und die Bebauung nimmt merklich zu. Erst als wir Batman erreichen, bietet sich endlich die Möglichkeit, der Sonne zu entfliehen. Neben dem Schulhof eines Gymnasiums entdecken wir überdachte Holzbänke und nehmen diese sofort in Beschlag. Wir schaffen es gerade so, unsere Tüte Chips allein und ungestört zu vertilgen, dass gesellt sich Mathelehrer Murat zu uns. Er stellt die üblichen interessierten Fragen, immerhin spricht er sogar ein bisschen englisch. Wir verweilen am Ende nicht sehr lange an diesem Ort, da wir quasi auf dem Präsentierteller sitzen und die Wahrscheinlichkeit weiterer Besuche sehr hoch wäre. Wir fänden gerade etwas Ein- bzw. Zweisamkeit aber auch mal ganz schön. Wir folgen der Hauptstraße entlang der Stadt Batman in der Hoffnung, noch etwas Nahrhaftes und danach einen guten Schlafplatz zu finden. Diese Hoffnung wird leider nur sehr mittelmäßig erfüllt. Wir fahren durch kilometerlange Industrie- und Gewerbegebiete, Supermärkte oder andere Lebensmittelhändler: Fehlanzeige. Wir geben uns am Ende mit Wasser und einem indonesisches Fertignudelgericht von der Tankstelle zufrieden. Für die Nacht finden wir ein Stoppelfeld inmitten der Industrieanlagen. Am Rande dieses Feldes schlagen wir an einer Mauer das Zelt auf, auf der anderen Mauerseite wird noch in der Asphaltfabrik gearbeitet..., und so riecht es auch.Baca lagi

  • Mais- und Tabakstraße

    23 Jun 2025, Turki ⋅ ☀️ 33 °C

    Wer kennt sie nicht, die böse Radel-Weisheit: "Wer am Abend auf einen bevorstehenden Anstieg verzichtet, darf sich nicht darüber wundern, dass es am nächsten Morgen anstrengend wird." Diese leidvolle Erfahrung dürfen wir dann auch heute in den frühen Morgenstunden machen. Nach Frühstück und Lagerräumung führt unser Weg direkt bergauf. Es ist bereits zu dieser Tageszeit sehr warm und wir sind extrem nassgeschwitzt, als wir irgendwann den höchsten Punkt erreichen. So richtig wildromantisch ist es hier allerdings nicht, vielmehr sind wir auf einem Erdölfeld gelandet. Obwohl der Panoramablick großartig ist, lassen sich die Ölfördertürme um uns herum nicht gänzlich ausblenden.
    Da es aber auch ohnehin kaum ein Fleckchen Schatten hier oben gibt, begeben wir uns ohne Pause abwärts. Einen sehr freundlichen Empfang erfahren wir, als das steilste Stück der Abfahrt hinter uns liegt. Ein paar Bauarbeiter winken uns heran und bitten uns an ihren Tisch. Mundgerecht geschnittene Wassermelone liegt schon bereit, dazu bekommen wir noch Brot, Käse und natürlich Tee serviert. Als die Jungs wieder ihrer Arbeit nachgehen müssen, rollen wir weiter, erst noch ein Stück bergab, dann eine Weile auf recht ebener Strecke. Im kleinen Ort İkiköprü erledigen wir einen Einkauf und wollen dann zur Abwechslung mal einen Pausenplatz finden. Wie schon des öfteren gestaltet sich die Suche nicht ganz einfach angesichts der Tatsache, dass große Bäume und somit auch Schatten sehr, sehr rar sind in dieser Gegend. Irgendwann entdecken wir aber am Straßenrand dann doch noch ein paar Bäumchen, die uns Sonnenschutz bieten. Die Aussicht ist toll: Die Flußnähe ermöglicht rege landwirtschaftliche Nutzung, so dass anders als sonst viel sattes Grün zu sehen ist. Im Hintergrund heben sich die beige-braunen, von der Sonne angestrahlten Berge ab, weiter entfernt am Horizont lässt sich eine weitere, höhere Bergkette erahnen. Schön! Gerne hätten wir etwas abseits der Straße pausiert, um etwas Ruhe vor Autos und Menschen zu haben, aber man muss es wohl nehmen, wie es kommt. Und wie sollte es anders sein: Da kommt so Einiges. Nicht gerechnet hatten wir damit, dass drei Wasserbüffel auf der Straße herangetrottet kommen. Mindestens genauso wenig haben die Tiere ganz offensichtlich mit uns gerechnet, ziemlich verdutzt schauen sie uns an, bleiben stehen und trauen sich scheinbar nicht vorbei. Nach einigem Zögern entscheiden die drei Büffel sich für einen Umweg durch das gegenüberliegende Maisfeld. Sie verschwinden in dem hochgewachsenen Mais, nur noch das eine oder andere brummende Muhen hören wir. Einer der drei Büffel steckt noch zweimal den Kopf durch die Halme und späht zu uns hinüber, dann verschwindet auch er raschelnd im Feld. Die nächste Begegnung ist ein freundlicher Herr, der mit seinem Auto anhält und uns eine riesige Wassermelone schenkt. Das Auto ist schon wieder in Bewegung, da hält er erneut an und schenkt uns eine zweite, ebenso große Melone. Das ist natürlich total nett und Melonen sind ja auch ausgesprochen köstlich, aber die eingeschränkte Transportkapazität auf einem Fahrrad scheint den Einheimischen nicht wirklich bewusst zu sein. Eine der Melonen "schlachten" wir einfach sofort und löffeln jeder eine Hälfte aus. Ein weiterer Mann parkt sein Auto am Straßenrand und zeigt sich sehr gesprächsfreudig. Unter anderem berichtet er, dass er vor dreißig Jahren in Deutschland in Garmisch-Partenkirchen gearbeitet habe. Mehrfach verabschiedet er sich von uns und geht zu seinem Auto, kommt aber jedes Mal wieder zurück, weil er noch etwas erzählen oder uns noch einen guten Rat geben möchte. Parallel gesellt sich ein weiterer Mann zu uns, der sich partout nicht damit zufrieden geben möchte, dass wir mit allem versorgt sind und nichts brauchen. Als er erfährt, dass sich kein Käse in unseren Packtaschen befindet, ist sein Auftrag klar und er setzt sich in sein Auto und düst davon. Der erste Besucher ist derweil immer noch da und erzählt, der er in der Textilbranche tätig sei. Er öffnet den Kofferraum seines Transporters, der bis unter das Dach mit Kleidung gefüllt ist. Nach einigem Suchen in diversen großen Tüten hält er drei T-Shirts in den Händen, die er uns schenken möchte. Die Kleidungsstücke sehen eher nach Kindergröße aus, aber er präsentiert uns eindrücklich, wie dehnbar das Material ist. Nun gut, vielleicht können wir die neuen Klamotten ja neben der Wassermelone verstauen, wir haben ja Platz...! Apropos Wassermelone: Der Mann, der mit dem Auto weggefahren ist, kommt zurück und übergibt uns Brot, reichlich Käse uuuund eine halbe Wassermelone. Als wir (endlich) wieder zu zweit sind, hoffen wir inständig, dass weitere Besuche (und Wassermelonen) erstmal ausbleiben. Wir haben Glück, es wird allenfalls noch aus vorbeifahrenden Autos gewunken. Die einzigen Lebewesen, die erneut auftauchen, diesmal aus der anderen Richtung, sind die drei Wasserbüffel. Auch aus dieser Richtung sind wir ihnen nicht geheuer. Mit gehörigem Abstand bleiben sie am Straßenrand stehen, bis sie dann doch noch von einem Bauern "abgeholt" werden. Beladen mit neuer Kleidung und 1,5 Wassermelonen fahren wir nach unserer ausgedehnten Rast nicht mehr weit. Der Weg führt durch ein großes Anbaugebiet für Mais und Tabak. Die Pflanzen werden ausgiebig bewässert, die Felder werden regelrecht von extra angelegten Wassergräben umspült. Dieser Umstand macht die Zeltplatzsuche nicht einfacher, wollen wir doch gerne trocken bleiben. Am Ende verschlägt es uns auf der langen Mais- und Tabakstraße wie schon so oft auf ein Stoppelfeld. Sobald das Zelt steht, verkriechen wir uns, um vor den penetranten Mücken sicher zu sein, geschätzt sind es Millionen...
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  • Im Schatten der Aleppo-Eiche

    24 Jun 2025, Turki ⋅ ☀️ 33 °C

    Als wir wie üblich um fünf Uhr aufstehen, wird auf den umliegenden Feldern bereits gearbeitet. Mit Spaten wird an den Bewässerungsgräben dafür gesorgt, dass alle Bereiche des Feldes gleichermaßen mit Wasser versorgt werden. Wir beginnen unsere heutige Fahrt in der Ebene durch die landwirtschaftlich genutzte Region. Lange dauert es aber nicht, dann heißt es wieder: Gang runter, Berg rauf! Zu Beginn des Anstieges kommt es zu einer unschönen Situation. Während Claudia von einigen Kindern auf den Feldern und von einem entgegenkommenden Hirtenjungen mit ein paar Kühen lediglich gegrüßt wird, ergeht es Heiko ein gutes Stück dahinter leider anders.
    Eines der Kinder kommt direkt auf ihn zu: "Money, money", wird immer wiederholt. Als der Hirtenjunge noch dazukommt, ebenfalls um Geld bettelt und sich zudem sehr aufdringlich zeigt und fast ans Fahhrad greift, nimmt die Situation einen eher unheimlichen bis bedrohlichen Charakter an. So etwas haben wir in den gesamten Reisen durch die Türkei in den letzten Jahren nicht erlebt. Wir haben gemischte Gefühle, die von Mitleid mit diesen Kindern in ihrer Lebenssituation, Unsicherheit bezüglich des Umgangs mit derartigen Szenen bis hin zu einer Sorge, dass das dank der unzähligen großartigen Erfahrungen gewachsense Vertrauen in die so wahnsinnig gastfreundliche Bevölkerung einen kleinen Riss bekommt. Die Gedanken um dieses Thema fahren eine Weile mit.
    Als wir auf der ersten Bergkuppe ankommen, genießen wir die herrliche Aussicht in die Weite, welche sich hier offenbart, bei einer kleinen Pause im Schatten. Hier kommen wir auch tatsächlich wieder in den Genuss eines sehr positiven Erlebnisses: Ein LKW-Fahrer sieht uns, hält an und reicht uns eine große Flasche Eiswasser. Ja, es sind diese freundlichen, warmen, herzlichen Momente, die bei weitem überwiegen! Dieses Plätzchen wäre auch ein herrlicher Ort zum Zelten, dafür ist aber dann doch noch etwas zu früh am Tage und wir möchten noch etwas vorankommen. Unsere Hoffnung ruht stattdessen auf dem nächsten, noch höher gelegenen Gipfel. Wir nehmen die folgende, fünf Kilometer lange Abfahrt in Angriff, bevor es über eine Strecke von neun Kilometern rauf auf 1100m zu strampeln gilt. Heiko gehört an dieser Stelle ein Extra-Orden verliehen, schließlich fährt er zusätzlich zum regulären Gepäck und reichlich Wasservorräten auch noch eine diverse Kilogramm schwere Wassermelone den Berg hinauf. Man kann sich natürlich fragen: Ist das nötig? Da es uns ein großes Anliegen ist, sehr respektvoll und dankbar mit den Dingen umzugehen, die uns unterwegs aus Gastfreundschaft geschenkt werden, lautet die Antwort: Ja! Ja, auch wenn es zu noch mehr Schweiß und etwas Schlagseite führt.
    Der Wunsch nach einem tollen Campingplatz in luftiger Höhe erfüllt sich nach der Anstrengung aber leider nicht. Nicht einen halben Quadratmeter Schatten finden wir vor, so dass an ein längeres Verweilen auf dem Gipfel nicht zu denken ist. So bedauerlich es auch ist, begeben wir uns also direkt wieder auf den Weg nach unten. Sehr steil windet sich die Straße anfangs vom Berg und wird, speziell bei Claudia, zur Belastungsprobe für Bremsen und Handgelenke. Einige Kilometer müssen wir noch suchen, bevor wir endlich den ersehnten Schattenfleck unter einem großen, alleinstehenden Baum auf einem Stoppelfeld finden. Unsere kleinen, aber sehr feinen Möbel sind schnell aufgebaut, wir knabbern Chips, kniffeln (inzwischen steht es 6:1 für Heiko...), löffeln Wassermelone, lesen, schreiben und lassen es uns gut gehen. Traktoren und andere Erntefahrzeuge fahren mehrfach hin und her, jedesmal werden wir auf's Neue mit einem freundlichen Hupen und Winken bedacht. Ein Auto hält an und der Beifahrer, ein vielleicht zehnjähriger Junge, winkt uns heran und überreicht uns zwei Becher kalte Cola [...während ich gerade den Beticht von vor zwei Tagen verfasse, als wir von drei "Archäologen" kalte Cola eingeschenkt bekommen]. Viele Schwalben sind über unseren Köpfen unterwegs und ein großer Vogel, den wir bei erstem Hinsehen kurz für einen Storch halten, zieht etwas höher seine Kreise. Heiko schafft es, den Vogel mit der Kamera einzufangen, was uns ermöglicht, ihn zu bestimmen. Wir kommen zu dem Ergebnis, dass es sich um einen Schmutzgeier, der sich von Aas aller Art ernährt, handelt. Ist das ein Zeichen? Sollten wir möglicherweise mal wieder duschen? In Berlin wird derweil eine Bestimmungs-App bemüht, damit wir Botanikbanausen wissen, unter welcher Art von Baum wir eigentlich hocken. Die Quercus infectoria oder auch Aleppo-Eiche ist es wohl, die uns so wunderbaren Schatten spendet. Diesem Schatten wandern wir während unserer langen Pause gerne hinterher, sitzen erst hinter und inzwischen vor dem Baum. Das bedeutet auch, dass der Tag bereits recht fortgeschritten ist. In dem Wissen, dass wir bei Weiterfahrt in Kürze wieder auf die Hauptstraße stoßen würden, entscheiden wir kurzerhand, die Pause bis morgen auszudehnen. Am frühen Abend ziehen wir uns lediglich ein paar Meter bis zum Feldrand zurück uns errichten unser Nachtlager. Es bleibt zu hoffen, dass der Schmutzgeier uns nicht im Schlaf damit überrascht, dass er uns für eine Aas-Delikatesse hält.
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