• Aaron Winkler
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Radreise Asien

Sebuah petualangan yang berakhiran terbuka oleh Aaron. Baca selengkapnya
  • Tbilisi

    14–19 Jul, Georgia ⛅ 31 °C

    Vom ersten Moment an zieht mich Tiflis in seinen Bann. Die georgische Hauptstadt präsentiert sich als eine faszinierende, facettenreiche Metropole, die mich direkt mit ihrer Lebendigkeit überrascht.
    Meine Unterkunft liegt an der monumentalen Schota Rustaveli Avenue, mitten im Herzen des Geschehens, von wo aus ich den Großteil des Zentrums wunderbar fußläufig erkunden kann.
    Das Stadtbild verströmt einen unerwartet modernes westeuropäisches Flair. Alles wirkt sehr hochwertig, sauber und elegant, was in reizvollem Kontrast zu den historischen Winkeln der Stadt steht.

    Ein Spaziergang durch die verwinkelte Altstadt führt mich auch in das geschichtsträchtige jüdische Viertel Abanotubani. Hier ragen die markanten Ziegelkuppeln der unterirdischen Schwefelbäder wie architektonische Wellen aus der Erde. Folgt man dem schmalen, felsigen Tal hinter den Bädern, stößt man überraschend auf einen hohen Wasserfall, der sich mitten im urbanen Raum in die Tiefe stürzt.
    Ein weiteres Highlight ist die Fahrt mit einer der drei städtischen Seilbahnen hinauf zur monumentalen Statue der Mutter Georgiens. Auch wenn der Berggipfel selbst fest in touristischer Hand ist, eröffnet sich von oben ein grandioser Blick über das schier endlose Häusermeer entlang der Kura.

    Die sakrale Architektur der Stadt beeindruckt mich auf ganz unterschiedliche Weise. Während die gigantische Sameba Kathedrale als eine der größten orthodoxen Kirchen der Welt prachtvoll und unübersehbar über der Stadt thront, sind es vor allem die kleinen, jahrhundertealten Steinkirchen in den ruhigen Gassen der Altstadt, die eine andächtige, fast mystische Atmosphäre verströmen.

    Die Tage der Ruhe geben mir auch den nötigen Raum, um auf die vergangenen Wochen im Sattel zurückzublicken. Der intensive Schlenker durch den Kaukasus war eine bewusste Entscheidung für einen massiven Umweg von über tausend Kilometern. Die direkte Strecke zwischen Batumi und Tbilisi wäre sonst wohl in fünf Tagen machbar gewesen wäre, aber ich nehme mir dafür einen Monat Zeit.
    Im Nachhinein erweist sich dieser Entschluss als goldrichtig, da die landschaftliche und kulturelle Vielfalt einzigartig waren. Dennoch hat dieser Umweg eine ganz neue mentale Dynamik mit sich gebracht. Wenn das große Endziel zwischenzeitlich als Motivation fehlt, braucht es an zähen Tagen, an denen die Strecke langweilig ist oder es mal nicht läuft, eine andere, tiefere Motivation, um sich jeden Morgen wieder auf das Rad zu setzen.

    Umso angenehmer fühlt sich das gelassene Treiben in Tiflis an, bei dem sich Sightseeing und praktische Erledigungen wie die Reparatur einer offenen Naht an der Rahmentasche unaufgeregt abwechseln.
    Das größte Projekt wartet schließlich ganz am Ende, denn von Georgien aus setze ich meinen Weg erst einmal nicht auf zwei Rädern, sondern per Flugzeug fort. Vor dem Abflug nach Usbekistan gilt es, eine passende Fahrradbox und weiteres Verpackungsmaterial zu organisieren. Es wird zu einem logistischen Geduldsspiel, das schwere Reiserad und die restlichen Taschen so kompakt, stabil und sicher zu verpacken, dass sie den Transport unbeschadet überstehen. Am Ende fügt sich aber alles perfekt zusammen.
    Auf dem Gepäckwagen am Flughafen steht die festgezurrte Box bereit für den Check-in und markiert den endgültigen Abschluss dieses intensiven Kapitels, bevor mich der Weg über das Kaspische Meer in ein völlig neues Abenteuer führt.
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  • Durch Armeniens bunte Vielfalt

    8–13 Jul, Armenia ☀️ 29 °C

    Meine ursprüngliche Idee war, von Yerevan aus direkt wieder nach Norden zu fahren. Spontan entscheide ich mich jedoch um und mache erst noch einen Schlenker weiter in den Süden Armeniens.

    Direkt nach der Hauptstadt folgt ein langer Anstieg, auf dem ich fasziniert die langsame Veränderung der Natur um mich herum beobachten kann. Die Landschaft ist zu Beginn noch trocken und erstrahlt in verschiedensten Gelbtönen, aber mit jedem Höhenmeter wird sie zunehmend grüner.
    Die anschließende, wunderschöne Abfahrt bringt mich in das Dorf Areni, das für einige bemerkenswerte archäologische Funde bekannt ist. Hier wurden unter anderem die älteste, vollständig erhaltene Weinproduktionsstätte sowie der älteste Lederschuh der Welt entdeckt.
    Die Strecke führt zwischen den steilen Felswänden im Tal des Flusses Arpa entlang, ist unheimlich sehenswert und bildet den südlichsten Punkt meiner Reise in Armenien.

    Von hier aus drehe ich wieder nach Norden ab und am Fuß des Selim Passes finde ich einen schönen Picknickplatz für mein Nachtlager.
    Hier erlebe ich eine dieser herrlichen Begegnungen, die mich sofort an die enorme Gastfreundschaft in der Türkei erinnern. Eine lokale Familie ist bereits vor Ort und lädt mich direkt zum gemeinsam Kaffeetrinken und anschließendem Grillen ein. Vollkommen unerwartet sprechen sie sogar ein bisschen Deutsch und wir verbringen einen sehr angenehmen Nachmittag zusammen.

    Am nächsten Morgen steht unmittelbar der steile Anstieg bis auf knapp über 2.400 Metern Höhe auf dem Programm. Nach den zahlreichen Serpentinen geht es entspannt bergab in Richtung des riesigen, tiefblauen Sewansees.
    Nach der langen Strecke durch das karge Hinterland wirkt dieser wie eine echte Oase. Er ist einer der am höchsten gelegenen Süßwasserseen der Welt und bietet mit den Bergen im Hintergrund eine beeindruckende Kulisse.
    Entlang seines Westufers besuche ich erst einen alten, faszinierenden Friedhof voller kunstvoller Kreuzsteine und besuche kurz darauf ein abgelegenes Kloster, das auf einer kleinen Klippe thront.
    Wenig später finde ich einen herrlichen Zeltplatz mit einem kleinen Kiesstrand, sodass ich direkt eine Runde schwimmen gehen kann.

    Generell sind diese Tage landschaftlich unglaublich abwechslungsreich, verlangen mir aber auch sehr viel ab. Die Etappen sind vor allem am Nachmittag extrem heiß und schweißtreibend und es gibt abseits der Seen und Flüsse kaum Bäume, sodass ich oft der prallen Sonne schutzlos ausgesetzt bin.

    Nach dem Sewansee nehme ich statt des Tunnels die alte Passstraße in Richtung Dilijan. Diese führt mich erst über eine weite, völlig friedliche Weidelandschaft komplett ohne Bäume, aber kurz nach der Passhöhe zeigt sich mir plötzlich ein ganz anderes Bild. Entlang einer scharfen Linie beginnt mit einem Schlag der Wald und während der gesamten langen Abfahrt hinein in den Dilijan Nationalpark wird dieser immer dichter.
    So grün und dicht bewaldet habe ich Armenien bisher überhaupt noch nicht gesehen, was für eine wunderschöne Abwechslung sorgt.

    Kurz danach folgt bereits das nächste landschaftliche Highlight. Auf meinem Weg in Richtung der georgischen Grenze fahre ich fast einen ganzen Tag lang durch den beeindruckenden Canyon des Flusses Debed.
    Die Etappe ist ein echter Genuss, denn bei bedecktem Himmel und angenehmen Temperaturen geht es permanent bergab.

    Nach einem ganz entspannten Grenzübergang zurück nach Georgien geht es schließlich in Richtung Tiflis. Die finale Etappe gestaltet sich jedoch ziemlich chaotisch.
    Schon nach den ersten zehn Kilometern merke ich, dass ich mein Handy nicht bei mir habe, aber ich bin mir direkt recht sicher, dass es mir auf dem unebenen Feldweg am Zeltplatz aus der Tasche gerutscht sein muss. Weil ich keine Lust habe, den ganzen Weg mit dem schweren Rad zurückzufahren, lasse ich es stehen und trampe die paar Kilometer hin und zurück. Das klappt zum Glück recht schnell und unkompliziert und tatsächlich liegt das Handy weitestgehend unbeschadet im Dreck, dort wo ich es vermutet habe.
    Später am Tag finde ich mich in einer Sackgasse wieder und statt in aller Ruhe querfeldein über eine unbefestigte Schotterstraße nach Tiflis zu fahren, muss ich mit der sehr stark befahrenen Schnellstraße vorlieb nehmen. Aber die Aussicht auf eine kalte Dusche und ein weiches Bett lässt mich die Zähne zusammenbeißen und die stressigen Kilometer durchstehen.

    Nachdem ich nun fast zwei Monate ohne nennenswerte Unterbrechung unterwegs war und nur kurze, eher pragmatische Pausen zur oberflächlichen Regeneration eingelegt habe, spüre ich jetzt deutlich, dass ich eine echte Pause brauche. Mein Körper und auch mein Kopf verlangen nach einer längeren Auszeit, um einfach mal richtig zur Ruhe zu kommen. Tiflis scheint mir dafür genau der richtige Ort zu sein und ich freue mich sehr auf die entspannten Tage hier.
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  • Yerevan

    5–8 Jul, Armenia ☀️ 28 °C

    Yerevan ist erst die zweite Hauptstadt auf meiner Reise und im Vorfeld habe ich überhaupt keine Vorstellung von der ihr. Das ändert sich während der recht kurzen Zeit, die ich hier verbringe auch kaum, denn die Stadt ist irgendwie schwer zu greifen.
    Trotz des dichten Verkehrs und der vielen Menschen ist die Atmosphäre relativ entspannt und unaufgeregt. Das Zentrum ist überraschend grün, überall gibt es kleine Parks und schattenspendende Bäume an den Straßen, was das Spazierengehen sehr angenehm macht. Angesichts des trockenen, kargen Umlandes ist das umso erstaunlicher und eine willkommene Abwechslung.

    Ein echtes landschaftsarchitektonisches Highlight ist die Kaskade, eine monumentale Treppe aus hellem Travertin, die sich über 572 Stufen und 120 Höhenmeter den Hang hinaufzieht. Jede Ebene ist wie ein kleiner Garten mit moderner Kunst gestaltet und mit individuellen Wasserspielen ausgestattet. Allerdings fehlt es komplett an Schatten, so dass der Aufstieg zu einer schweißtreibenden Angelegenheit wird, die jedoch mit einem tollen Blick über die Stadt und bis zum Ararat belohnt wird.

    Das Zentrum rund um den riesigen Republikplatz beeindruckt mich mit seinen wuchtigen Gebäuden aus dem typischen, rötlichen Tuffstein.
    Eine richtige historische Altstadt suche ich hier allerdings vergeblich. Die Stadt wurde in den 1920er Jahren komplett neu entworfen, weshalb die alten Viertel damals weichen mussten. Die allgegenwärtige Mischung aus dem markanten Naturstein und den grauen sozialistischen Plattenbauten direkt daneben ist auf jeden Fall ein ganz eigener, spannender Kontrast.

    Am zweiten Tag zieht es mich dann noch einmal raus aus der Stadt für einen Ausflug nach Garni. Der dortige Tempel ist das östlichste erhaltene Bauwerk der griechisch-römischen Antike und der einzige heidnische Tempel in der gesamten ehemaligen Sowjetunion.
    Er steht markant auf einem Felsplateau mit schönem Ausblick in die umliegenden Täler und ist sehr gut besucht.
    Direkt unterhalb des Tempels liegt die tiefe Schlucht des Flusses Azat. Ich steige hinab, um mir hier die sogenannte Symphonie der Steine anzusehen. Das ist eine riesige Basaltformation, die mich völlig sprachlos zurücklässt. An den steilen Klippen hängen gewaltige, bis zu 50 Meter hohe Basaltsäulen herab, die durch das langsame Abkühlen von Lava entstanden sind. Die Steine sind so perfekt fünf- und sechseckig geformt, dass sie fast künstlich wirken, wie riesige Orgelpfeifen aus Stein.

    Zudem erreiche ich einen weiteren Meilenstein, denn ich bin nun bereits 100 Tage unterwegs. Das nehme ich zum Anlass für einen Rückblick auf all die großen und kleinen Abenteuer, die ich auf der Reise erlebt habe.
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  • Kontrastreicher Auftakt in Armenien

    3–5 Jul, Armenia 🌩️ 25 °C

    Nach der kräftezehrenden Etappe zum Madatapa-See gewöhne ich mich so langsam an die Leere der Steppe. Zum Glück wird es ab der armenischen Grenze deutlich entspannter für die Beine, weil es erst mal viel bergab geht. So kann ich die ersten Kilometer in Land Nummer 10 auf meiner Reise richtig genießen.

    Mein erster größerer Stopp ist Gyumri, die zweitgrößte Stadt Armeniens. Die historische Altstadt besteht fast vollständig aus schwarzem und dunkelorangem vulkanischem Tuffstein, was der Stadt ein ganz eigenes Gesicht verleiht.

    Schon direkt ab der Grenze zeichnet sich ein treuer Begleiter am Horizont ab, der Aragaz. Mit seinen 4.090 Metern ist er der höchste Berg des Landes. Es handelt sich um ein gewaltiges, erloschenes Vulkanmassiv mit vier markanten Gipfelspitzen.
    Ich fahre lange direkt auf ihn zu und umrunde ihn schließlich in einem riesigen Viertelkreis, während seine schneebedeckten Hänge langsam ihre Form verändern.

    Die Fahrt durch die kleineren Dörfer hier in Armenien ist allerdings von einer ganz eigenen Atmosphäre geprägt. Wo ich sonst mit einem Lächeln empfangen wurde, ernte ich hier vor allem ungläubiges Starren und die Dorfbewohner grüßen kaum. Auf Dauer erzeugt das ein gewisses Unbehagen in mir.

    Dazu kommt, dass mich das Wetter in den ersten beiden Nächten in Armenien eiskalt erwischt. Jeweils am Abend und in der Nacht entladen sich heftige Gewitter, aber vor allem der zweite Abend brennt sich tief in mein Gedächtnis ein.
    Eigentlich habe ich mir einen absolut epischen Schlafplatz ausgesucht, direkt an einer steilen Klippe der Kasagh-Schlucht unweit des Klosters Saghmosawank. Doch die Idylle trügt, denn schon beim Aufbauen sehe ich aus Richtung der Berge eine dunkle Wolkenfront aufziehen.
    Ich schaffe es gerade noch, im Windschatten hektisch mein Abendessen zu kochen und zu essen, bevor ich mich ins Zelt flüchte.
    Im Nachhinein vielleicht nicht die beste Entscheidung, denn hier oben auf der exponierten Klippe bin ich den Elementen schutzlos ausgeliefert und im Zelt gefangen. Das heftige Unwetter zieht direkt über mich hinweg, Blitz und Donner entladen sich fast im Sekundentakt. Dazu peitscht ein brutaler Regen gegen die Zeltwand, der die Wassersäule des Materials irgendwann übersteigt, sodass es anfängt, ins Innere zu tropfen. Schwere Sturmböen packen das Zelt mit einer Wucht, die mich dazu zwingt, das Aluminiumgestänge von innen festzuhalten, um ein Kollabieren zu verhindern. Am Ende verbiegen sich sogar einige der Stangen unter dem Druck.
    Eine knappe Stunde sitze ich so in der Falle, versuche krampfhaft ruhig zu bleiben und das Ganze einfach auszusitzen. Definitiv eine der längsten und furchteinflößendsten Stunden meines gesamten Lebens.

    Am nächsten Morgen hat sich die Natur wieder beruhigt, als wäre nichts gewesen. Bevor ich die letzten Kilometer in die Hauptstadt in Angriff nehme, genieße ich noch einmal die Ruhe am Kloster und den tiefen, beeindruckenden Blick in die steile Schlucht.
    Von hier sehe ich in der Ferne auch den Ararat, der mit seinen 5.137 Metern das heilige Symbol der Armenier ist, auch wenn er heute auf der anderen Seite der geschlossenen Grenze in der Türkei liegt und für sie unerreichbar bleibt.

    In Yerevan angekommen, fällt die ganze Anspannung der letzten Tage von mir ab. Ich bin unendlich froh, nach den Strapazen ein festes Dach über dem Kopf zu haben und nutze die nächsten Tage, um die Beine hochzulegen und die pulsierende Hauptstadt in aller Ruhe zu erkunden.
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  • Von Kutaisi durch den Kleinen Kaukasus

    27 Jun – 2 Jul, Georgia ⛅ 19 °C

    Nach den sehr anstrengenden Etappen im Großen Kaukasus brauche ich erst mal eine echte Atempause. Kutaisi erweist sich dafür als der perfekte Ort, um die leeren Speicher wieder aufzufüllen und zu regenerieren. Gleichzeitig kann ich so den Abschluss des dritten Monats der Reise angemessen wirken lassen.
    Die Stadt überrascht mich komplett positiv. Im Vergleich zum sehr touristischen Batumi erlebe ich hier ein authentisches Georgien. Die regionale Küche ist intensiv, Touristen sind Mangelware und das Leben pulsiert herrlich unaufgeregt.
    Ich lasse die Seele am Fluss Rioni mit seinen markanten Brücken baumeln und verbringe entspannte Stunden beim Eisessen und Leutebeobachten im neu angelegten zentralen Park.
    Auf dem schönen Markt koste ich mich durch alles Mögliche, kaufe frische Lebensmittel und genieße die Atmosphäre.
    Auch die Historie der Stadt ist faszinierend, denn Kutaisi ist uralt und eng mit der antiken Region Kolchis verknüpft. Hierher verschlug es laut der griechischen Mythologie schon Jason und seine Argonauten auf der Suche nach dem Goldenen Vlies. Ein Erbe, das die Stadt stolz auf ihrem prachtvollen Kolchis-Brunnen im Zentrum zeigt.

    Nach zwei Tagen Pause sitze ich wieder im Sattel und die Ausläufer des Kleinen Kaukasus stehen schon beim Losfahren als massive Silhouette am Horizont.
    Die Strecke führt mich zunächst flach und entspannt durch ein schönes Weinanbaugebiet, doch kaum zieht die Steigung an, erwartet mich ein ziemlicher Schreckmoment.
    Aus dem Nichts eskaliert eine Situation mit zwei mittelgroßen Hofhunden. Einer der beiden schießt ohne Vorwarnung auf mich zu, während ich langsam bergauf radele. Ich schaffe es zwar gerade noch anzuhalten, aber der Hund erwischt mich trotzdem am linken Fuß, bevor der Besitzer ihn wütend zurückpfeift. Zum Glück komme mit dem Schrecken und einer minimalen Hautabschürfung davon.

    Ich starte mit eher geringen Erwartungen in diesen Teil Georgiens, denn nach den überwältigenden Bildern des Großen Kaukasus habe ich die Befürchtung, dass der Kleine Kaukasus nur eine zähe Quälerei wird, die mich nicht mehr wirklich berührt.
    Doch die Strecke belehrt mich schnell eines Besseren. Hinter dem Kurort Sairme ist Schluss mit neuem Asphalt und die Straße verwandelt sich in recht groben Schotter.
    Nach dem langen Anstieg bin ich mental eigentlich schon durch mit dem Tag und halte nach einem Schlafplatz Ausschau, als plötzlich drei Ranger auf Kontrollfahrt neben mir stoppen. Sie bieten mir an, mich samt Ausrüstung in ihrem Landcruiser mitzunehmen und ersparen mir damit rund 600 Höhenmeter. Sie lassen mich auf einer wunderschönen, blühenden Bergwiese wieder raus und ich darf sogar die Nacht in ihrer nagelneuen, isolierten Schutzhütte verbringen.

    Am nächsten Morgen fehlen lediglich ein paar Höhenmeter bis zum Zekari-Pass, wo mich das Highlight dieses Abschnitts erwartet. Die Schotterstraße verläuft hier oben relativ flach entlang des Bergrückens und bietet herrliche Ausblicke in alle Richtungen.
    Die Landschaft strahlt hier eine raue, unberührte Einsamkeit aus, denn es gibt keine Touristen, sondern nur vereinzelte Höfe von Viehzüchtern, die weit verstreut auf sattgrünen Weideflächen liegen.
    Auf der anstrengenden Schotterabfahrt hinunter nach Abastumani fordert der ausgewaschene, grobe Untergrund im dichten Wald noch mal meine volle Konzentration.

    Kurz hinter dem Wald folgt ein echter Klimaschock. War Georgien für mich bisher feucht, grün und fast schon subtropisch, stehe ich hier plötzlich in einer trockenen, steppenartigen Hitze, in der nur vereinzelte Bäume etwas Schatten spenden.
    Am Ufer der Kura schlage ich mein Lager auf und feiere einen weiteren Meilenstein der gesamten Reise, denn heute fällt die 5.000-Kilometer-Marke. Nach einer schnellen Abkühlung im Fluss erlebe ich das erste Mal seit der Türkei wieder eine intensive Gastfreundschaft. Nicht weit von mir entfernt grillt eine Großfamilie und schickt ihren jüngsten Sohn zu mir herüber, um mich mit leckerem, hausgemachtem Essen zu versorgen.

    Die Fahrt hinauf zum Madatapa-See am Folgetag wird zum härtesten Kampf der bisherigen Tour. Der Vormittag in den engen, felsigen Flusstälern zieht sich zäh und es geht unbarmherzig und ohne jede Erholungspause permanent bergauf, während die Sonne den Asphalt aufheizt und Schatten kaum zu finden ist.
    Als ich am Nachmittag das Tal verlasse und sich die Landschaft öffnet, schlägt das Tief voll zu. Vor mir liegt nur noch die endlose, nackte Steppe. Diese totale Leere im krassen Kontrast zu den bildgewaltigen Bergen der Vortage schickt mich in ein brutales Motivationsloch, in dem jeder Kilometer ein echtes Stück mentale Anstrengung bedeutet.

    Auf etwa 2.100 Metern Höhe erreiche ich schließlich den Madatapa-See unweit der armenischen Grenze.
    Mein Zeltplatz an einem überdachten Picknickplatz bietet einen weiten Blick auf den See und entfernte Bergketten. Diese weite, einsame Stille ist fast schon unwirklich, aber ein wohltuender Abschluss für diesen harten Tag.
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  • Im Herzen des Großen Kaukasus

    23–27 Jun, Georgia ⛅ 21 °C

    Von meinem Zeltplatz am Enguri geht es direkt hinein in die Berge und stetig bergauf. Ich arbeite mich immer weiter nach oben und gleich zu Beginn stoße ich auf den ersten der historischen Wehrtürme.
    Diese markanten Bauwerke stammen aus dem elften bis dreizehnten Jahrhundert und dienen den svanetischen Familien als Wohnhaus, Schutz vor Lawinen und Festung bei Fehden. Sie prägen die winzigen, einfachen Dörfer und gelten als das absolute Markenzeichen dieser ungezähmten Region.

    Nur wenige Meter weiter mache ich einen kleinen Abstecher, um einen Blick auf die Enguri-Staumauer zu werfen. Mit ihren gewaltigen 271 Metern Höhe ist sie ein beeindruckendes Monument der Ingenieurskunst und galt bei ihrer Fertigstellung als höchste Bogenstaumauer der Welt.
    Dahinter zieht sich ein riesiger Stausee durch die Landschaft. Aktuell leuchtet das Wasser allerdings nicht türkis, sondern zeigt sich matschgrau, weil die intensive Schneeschmelze im Hochgebirge und die Regenfälle Unmengen an Sedimenten von den Gletschern ins Tal spülen.

    Je höher ich mich aus dem Tal schraube, desto dominanter und mächtiger wird die Bergwelt. Anfangs blitzt nur vereinzelt ein weißer Gipfel auf, doch bald stehe ich in einem monumentalen Panorama aus schneebedeckten Felsriesen, saftigen Bergweiden und bunten Blütenwiesen. Zahllose Gipfel mit über 4.000 und teils sogar über 5.000 Metern Höhe ragen steil in den Himmel und die brennenden Muskeln vergesse ich bei diesen Ausblicken sofort.

    Kulinarisch belohne ich mich in den kleinen Bergrestaurants mit frisch zubereiteten svanetischen Spezialitäten wie dem mit Käse gefüllten Fladenbrot Khachapuri oder der Fleischvariante namens Kubdari.

    Eine schöne Besonderheit auf dieser Etappe sind die vielen internationalen Kontakte. Über die Tage verteilt treffe ich immer wieder auf andere Radreisende aus Deutschland, Österreich, Slowenien und Russland, die für eine Urlaubsrunde in Georgien unterwegs sind.
    Manchmal begegne ich ihnen einzeln, manchmal ergeben sich Gespräche zu zweit oder in kleinen Dreiergruppen, was eine willkommene Abwechslung auf dem Rad bedeutet.

    Als ich Ushguli erreiche, stehe ich mitten in einer der am höchsten gelegenen dauerhaft bewohnten Siedlungen Europas auf rund 2.100 Metern Höhe. Direkt vor mir baut sich die gewaltige Südwand des Shkhara auf, der mit seinen 5.193 Metern der höchste Berg Georgiens ist.
    Am Nachmittag schlägt allerdings das Wetter radikal um und die Bergriesen hüllen sich in dichte Wolken.
    Ein grauer Nieselregen setzt ein, doch ich habe großes Glück, denn dank iOverlander weiß ich von einer offenen Holzhütte am Wegrand, die eigentlich als Schutzraum für Skilehrer dient. Ich kann mich dort unterstellen und mich aufwärmen, sodass ich trocken bleibe, während der Tag verregnet zu Ende geht.

    Am nächsten Morgen wartet der Zageri-Pass auf mich. Der letzte Anstieg auf knapp über 2.600 Meter ist zwar nicht allzu lang, aber ziemlich steil. In der Höhe merke ich zum ersten Mal deutlich, dass die Luft dünner wird, und ich komme ordentlich ins Schnaufen.
    Das grandiose Panorama neben der Strecke und auch oben entschädigt aber für alles. Endlich angekommen, ziehe ich mich warm an, denn es folgt eine Abfahrt, die es in sich hat. Fast 2.000 Höhenmeter geht es am Stück bergab, was ein echter Ritt ist und volle Konzentration erfordert.
    Faszinierend ist dabei der Wandel der Natur, die mit jedem Kilometer nach unten dichter, grüner und vegetationsreicher wird, bis ich schließlich das Tal des Flusses Tskhenistskali erreiche.

    Diesem Fluss folge ich nun fast zwei Tage lang in Richtung Kutaisi. Das Tal ist unheimlich abwechslungsreich und verengt sich immer wieder zu spektakulären, nur wenige Meter breiten Schluchten, in denen die nackten Felswände direkt neben der Straße aufragen. Kurz darauf öffnet es sich wieder in eine weite, auenartige und besiedelte Landschaft.
    Durch das leichte Gefälle geht es zügig voran, auch wenn fiese Gegenanstiege das Höhenmeterkonto trotzdem füllen.

    Das Wetter bleibt jedoch unbeständig. Einen Nachmittag rettet mich ein kleiner Pavillon vor dem Regen, der direkt neben einer Mineralquelle steht. Hier sprudelt kohlensäurehaltiges Wasser direkt aus der Erde, das geschmacklich durch den hohen Eisengehalt extrem intensiv und gewöhnungsbedürftig ist, aber ein spannendes Naturphänomen darstellt.

    Der letzte Tag nach Kutaisi bricht trocken an und hält am späten Vormittag an einem größeren Anstieg den absoluten Knaller der Etappe bereit. Rund 100 Meter vor mir trottet plötzlich ein ausgewachsener Braunbär ganz entspannt über die Straße. Bis mein Gehirn realisiert, dass da kein riesiger Hund, sondern ein echter Kaukasus-Bär spazieren geht, ist er auch schon wieder im Dickicht verschwunden. Das Ganze geht zu schnell für ein Foto, bleibt aber ein absolut grandioser Abschluss für meine Zeit im Hochgebirge.
    Es zeigt sich aber auch eine gewisse Ironie, denn in Rumänien mit seiner riesigen Bärenpopulation bin ich wochenlang ziemlich angespannt und sehe keinen einzigen, während mir hier ein Exemplar vor die Nase läuft, wo ich überhaupt nicht damit rechne.

    Die letzten Kilometer nach Kutaisi fordern dann noch mal alles. Nach der Mittagspause bricht ein heftiger, langanhaltender Regen über mich herein. Ich werfe mich in sämtliche Regenklamotten, die ich besitze, aber der Guss ist so intensiv, dass meine Ausrüstung irgendwann kapituliert. Komplett durchnässt und ziemlich geschlaucht rolle ich schließlich in Kutaisi ein.
    Aber das ist völlig okay, denn das Wissen um eine warme Dusche, eine trockene Unterkunft und frische Kleidung lässt mich die letzten Kilometer problemlos durchziehen.

    Als ich am Abend im Trockenen sitze, wird mir erst richtig bewusst, dass diese Woche im Großen Kaukasus mich sportlich so hart gefordert hat wie keine andere Woche zuvor auf diesem Trip. Aber für diese Eindrücke und Erlebnisse war es das mehr als wert.
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  • Von Batumi bis vor die Tore des Großen Kaukasus

    17–22 Jun, Georgia ☀️ 29 °C

    Die Ankunft im neunten Land der Reise hält sofort eine große Überraschung bereit. Wer an Georgien denkt, hat nicht unbedingt das Bild vor Augen, das sich mir in Batumi präsentiert.
    Nach den letzten, eher naturnahen und eher einfach gestrickten Tagen in der türkischen Provinz bringt mich die Stadt in eine völlig andere Welt. Ich beziehe eine Unterkunft im 20. Stock eines der höchsten Gebäude und blicke fasziniert auf das weite Meer und die benachbarten Glasriesen.
    Batumi gefällt mir gut, auch wenn es extrem touristisch ist. Authentisches georgisches Flair sucht man hier zwar eher vergeblich und gefühlt sind mehr Urlauber und russische Auswanderer als Einheimische unterwegs, aber die Stadt hat trotzdem Charme.
    Ich schlendere durch die netten Ecken der Altstadt und genieße die riesige, extrem gut gepflegte und abwechslungsreiche Strandpromenade.
    Kulinarisch feiere ich hier meinen Einstand mit einer echten lokalen Spezialität: dem adscharischen Khachapuri, einer absolut köstlichen Käsebombe in Bootsform.

    Nach den entspannten Pausentagen bin ich extrem gespannt auf das eigentliche, unverfälschte Georgien. Mein erster Tag auf dem Rad in diesem neuen Land führt mich zunächst entlang der subtropischen Schwarzmeerküste nach Norden. Bei einer ausgiebigen Mittagspause genieße ich noch ein letztes Mal den Strand und die Wellen, bevor es für lange Zeit Abschied nehmen heißt vom Meer.

    Mein Weg führt mich landeinwärts über recht belebte Landstraßen und flach durch die weite Kolchische Tiefebene. Hier offenbart sich mir sofort das ländliche Gesicht des Landes, das sich vor allem durch eine intensive Nutztierhaltung auszeichnet. In diesem Ausmaß habe ich das noch nirgends erlebt: Unmengen an Kühen, Schweinen und Ziegen stehen nicht etwa auf eingezäunten Weiden, sondern bewegen sich völlig frei mitten auf den Straßen. Dementsprechend verschmutzt ist der Asphalt und sowohl die Autofahrer als auch ich müssen ständig Slalom fahren und den Tieren ausweichen. Es ist gewöhnungsbedürftig, aber man arrangiert sich schnell.

    Die erste Nacht verbringe ich noch einmal in einer festen Unterkunft im eher unbedeutenden Ort Senaki. Die Küstenregion rund um die Hafenstadt Poti gilt in einschlägigen Foren als berüchtigt für Diebstähle direkt aus dem Zelt, weshalb mein Bauchgefühl hier ganz klar gegen wildes Camping spricht.
    Die Entscheidung erweist sich als absoluter Glücksgriff in sozialer Hinsicht. Im Gästehaus lerne ich einen kroatischen Radreisenden kennen, mit dem ich mich stundenlang intensiv austauschen kann und treffe zudem auf eine deutsche Auswanderin. Nach der langen Zeit allein ist dieser gesellige Abend eine schöne Abwechslung.

    Von Senaki aus lasse ich die flache Ebene endgültig hinter mir und steuere auf die südlichen Ausläufer des Großen Kaukasus zu. Die Hügel werden merklich größer und schwingen sich langsam zu echten Bergen auf. Ich überquere auf ruhigen Straßen und ersten Schotterwegen zahllose kleine Brücken und passiere Flüsse, die alle aus den großen Tälern des Hochgebirges herabstürzen.
    Schließlich erreiche ich mein Tagesziel Jvari und schlage unterhalb der gewaltigen Enguri-Staumauer direkt am Flussufer mein allererstes Camp in Georgien auf.
    Der rauschende Enguri wird in den kommenden Tagen mein treuer und intensiver Begleiter durch das Gebirge werden.
    Als ich abends am Zelt sitze und in die heraufziehende Nacht blicke, liegt eine freudige Spannung in der Luft. Ich weiß, dass direkt vor mir das erste echte Bergkapitel dieser Reise wartet.
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  • Intensiver Abschied von der Türkei

    13–17 Jun, Turki ⛅ 26 °C

    ​Mit dem Aufbruch aus Divriği startet das letzte große Abenteuer auf türkischem Boden und es wird noch einmal ein echtes landschaftliches und emotionales Highlight.

    Ich nehme bewusst einen ziemlichen Umweg in Kauf, um tief in die raue Bergwelt Ostanatoliens einzutauchen. Mein Ziel ist der bekannte Karanlık Kanyon, der vom Euphrat geschaffen wurde. Hier wartet der Kemaliye Taş Yolu auf mich, eine berüchtigte Gebirgsstraße, die von manchen sogar als gefährlichste Straße der Welt betitelt wird.
    ​Diese Strecke ist mit das Spektakulärkste, was ich jemals befahren habe. Tief unten schlängelt sich der mächtige Euphrat durch die Schlucht, während rechts und links die Felswände hunderte Meter senkrecht in die Höhe ragen.
    Als die Einheimischen um 1870 mit dem Bau beginnen, treiben sie die ersten Abschnitte noch in mühsamer reiner Handarbeit mit Meißeln und Schwarzpulver in den harten Stein. Erst im späteren Verlauf des Projekts kommt schließlich schweres, modernes Gerät zum Einsatz, bis die Straße im Jahr 2002 nach unglaublichen 132 Jahren Bauzeit fertiggestellt wird.
    Fahrtechnisch ist der etwa neun Kilometer lange Weg heute eine echte Herausforderung. Der Untergrund besteht zum Teil aus losem Gestein und in den insgesamt 38 unbeleuchteten Tunneln stehen teilweise riesige Pfützen. Da die Tunnel stockdunkel sind, nützt meine Fahrradbeleuchtung nur für die nächsten Meter direkt vor mir etwas. Ich fahre minutenlang durch die absolute Finsternis und abgesehen von zwei Motorradfahrern bin ich komplett allein unterwegs. Für einen zusätzlichen Adrenalinkick sorgt das Wissen, dass andere Reisende in diesen Tunneln schon auf Bären getroffen sind. Das bleibt mir zum Glück erspart, aber der Nervenkitzel ist trotzdem allgegenwärtig.

    ​Nach diesem Highlight schlägt das Wetter um. Seit langem mal wieder setzt am Nachmittag ein langanhaltender Regen ein. Da ich für die letzten Tage in der Türkei einen recht konkreten Zeitplan im Kopf habe, entscheide ich mich für eine strategische Abkürzung und lege einige Kilometer und Höhenmeter entspannt im Zug zurück.
    Das beweist mir einmal mehr, wie sehr sich meine Prioritäten auf dieser Reise verschoben haben. Ich muss nicht mehr jeden Meter verbissen mit dem Rad erzwingen. Wenn es das Bauchgefühl verlangt, nutze ich flexibel andere Transportmittel, um meine Energie und Vorfreude für die Abschnitte aufzusparen, die mich wirklich faszinieren.

    ​Diese intuitive Flexibilität rettet mich auch kurz darauf vor einem ungemütlichen, langen Tunnel, der steil bergauf führt. Ich entscheide mich spontan zum ersten Mal fürs Trampen. An der Kreuzung angekommen, wird das Ganze zu einem absoluten Selbstläufer. Bevor ich überhaupt den Daumen rausstrecken kann, laden mich ältere Herren im Dorf erst einmal zum Tee ein und ablehnen ist hier unmöglich. Als wir danach gemeinsam zurück zur Straße laufen, dauert es keine Minute, bis das erste Auto hält. Ein Pickup-Fahrer versteht sofort, wo ich hinwill, lädt mein Rad auf und lässt mich direkt nach dem Tunnel am Beginn einer gigantischen Abfahrt wieder raus.

    ​Diese Abfahrt wird zu einer berauschenden, zweitägigen Reise durch verschiedene Klimazonen. Ich vernichte innerhalb kürzester Zeit rund 2.000 Höhenmeter von den Bergspitzen hinab bis auf Meeresniveau. Dabei verändert sich die Landschaft radikal. Die karge Steppe weicht steilen, saftig grünen Hängen und dichten Wäldern in allen erdenklichen Grüntönen. Ich beobachte fasziniert, wie aus einem winzigen Bach am Gipfel durch unzählige zuströmende Wasserfälle an den Seiten ein reißender, mächtiger Fluss wird, der mich bis ans Schwarze Meer begleitet.

    ​Auch die Zeltplätze an diesen Tagen bescheren mir wieder die gewohnte, fast schon vorhersehbare Gastfreundschaft an lokalen Picknickplätzen. Ich werde wieder mit köstlichem Grillgut überhäuft und zudem mache ich Bekanntschaft mit einer Männergruppe aus Saudi-Arabien, die gerade Urlaub macht. Bei Kaffee, Tee und Datteln lerne ich eine ganz neue, sehr herzliche Mentalität kennen, die sich noch einmal von der türkischen unterscheidet.

    An meinem letzten Tag in der Türkei ​werde ich noch einmal von einem logistischen Chaos überrascht. Ich habe im Voraus beschlossen, die Schwarzmeerküste nicht mit dem Rad zu fahren, da dort nur eine stark befahrene, tunnelreiche Schnellstraße wartet. Mein Plan, einen Bus bis zur Grenze zu nehmen, scheitert jedoch kläglich, denn der Bus ist zu klein für mein Fahrrad. Mein zweiter Tramp-Versuch an einer Tankstelle wird zu einer echten Geduldsprobe. Nach fünf Stunden und unzähligen Gesprächen nimmt mich schlichtweg niemand mit. Ich stehe kurz davor, doch loszuradeln, finde dann aber spätabends glücklicherweise noch einen großen Fernbus. Nach zähen Verhandlungen am Busbahnhof, Verspätung und einer zusätzlichen Stunde Zeitverschiebung spuckt mich der Bus schließlich um 4:00 Uhr morgens an meinem Ziel im georgischen Batumi aus. Ein anstrengendes, maximal chaotisches Finale.

    ​Und genau dieses Finale passt perfekt zu meinem Resümee nach anderthalb Monaten in der Türkei. Dieses Land war kein bloßes Transitland, sondern ein riesiges, intensives Kapitel der Reise. Ich habe hier viel über Vertrauen gelernt. Egal ob man im Stadtpark oder am einsamen Flussufer zeltet, man begegnet den Menschen ohne Angst und wird mit einer Herzlichkeit belohnt, die selbst jede Sprachbarriere mühelos zum Schmelzen bringt. Die Türkei hat mich sportlich gefordert, mir landschaftlich alles geboten und mich vor allem gelehrt, auf mein Bauchgefühl zu hören. Ich verlasse dieses großartige Land nicht mehr nur als Radfahrer, sondern als erprobter Radreisender. Georgien kann kommen.
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  • Durch die Anatolische Steppe

    7–13 Jun, Turki ☀️ 26 °C

    ​Bevor ich die Kernzone Kappadokiens endgültig hinter mir lasse, nehme ich auf dem Weg nach Ürgüp noch einen letzten, tiefen Eindruck dieser einzigartigen Region mit. Ich durchquere ein Tal mit besonders bildhaften Felsformationen, bevor sich die Kulisse schlagartig verändert.
    Die surrealen Tuffsteine weichen einer fast unendlichen, kargen Landschaft: der anatolischen Steppe.

    ​Doch die Verbindung zur Erdgeschichte der Region bleibt mir noch eine ganze Weile erhalten. Der knapp 4.000 Meter hohe, erloschene Vulkan Erciyes Dağı taucht im Blickfeld auf und beeindruckt mich zutiefst.
    Er ist einer der Hauptverantwortlichen dafür, dass die Landschaften in Kappadokien durch die Ascheausbrüche überhaupt entstehen konnten. Ich umrunde den majestätischen, schneebedeckten Riesen an seiner Südseite quasi im Halbkreis, sodass er mich über mehrere Tage hinweg am Horizont begleitet.

    Auch wenn die landwirtschaftlichen Flächen auf den ersten Blick monoton wirken, setzt nach ein paar Tagen im Sattel ein ganz eigener, faszinierender Modus ein. Die Reize sind stark reduziert, alles wird langsamer und das Radeln verwandelt sich in einen wunderbar ruhigen, fast kontemplativen Fluss.
    Ich rolle stundenlang durch diese riesige Weite und genieße einfach die absolute Stille, die abseits der Zivilisation über den baumlosen Hügeln liegt.

    ​Doch so einsam die Landschaft auch wirkt, man ist hier nie lange allein. Die legendäre türkische Gastfreundschaft überwältigt mich auch auf diesem Abschnitt wieder einmal. Gleich an den ersten beiden Abenden wiederholt sich ein Bild, das diese Reise so besonders macht. Nur wenige Meter von meinen idyllischen Zeltplätzen am Fluss entfernt machen lokale Familien Picknick und es dauert nicht lange, bis ich zu ihnen herübergewunken werde. Plötzlich sitzt man zusammen, teilt das Essen, trinkt heißen Tee und unterhält sich so gut es eben geht. Dank Übersetzer-App funktioniert das glücklicherweise ziemlich gut.
    Am zweiten Abend will die Familie mich sogar mit aller Macht überreden, mein Zelt einzupacken, mit in ihr Dorf zu kommen und bei ihnen zu Hause zu übernachten. Es ist jedes Mal eine echte Herausforderung, solche herzlichen Angebote dankend abzulehnen. Die Menschen sind unglaublich unnachgiebig in ihrem Wunsch, dir alles zu geben, was sie haben, aber die Idylle am Flussufer ist diesmal einfach zu verlockend.

    ​Ein weiteres großes Thema in diesem Teil des Landes sind die Hunde. Da ich mich mitten auf das Kernland der gewaltigen Kangal-Herdenschutzhunde zubewege, hatte ich im Vorfeld durchaus ein paar Bedenken und Respekt vor potenziell brenzligen Situationen.
    Diese Sorgen lösen sich jedoch komplett in Luft auf. In der Stadt Kangal selbst kann ich eine Zuchtstation besuchen und diese majestätischen Tiere aus nächster Nähe beobachten. Und auch die einzige Begegnung mit frei laufenden Exemplaren auf der Strecke, die ganz ohne Hirten unterwegs sind, verläuft auf beiden Seiten absolut entspannt.

    ​Kurz vor dem Ziel wird es dann noch einmal emotional und sportlich anspruchsvoll. Die sanften Wellen der Steppe bauen sich langsam zu massiven, rauen Bergen auf, was der unmissverständliche Beweis dafür ist, dass nun der wilde, bergige Osten der Türkei beginnt.
    Mitten in diesem traumhaften Bergpanorama ist es dann so weit, dass ich die Marke von 4.000 gefahrenen Kilometern knacke. Ein tolles Gefühl, diesen Meilenstein in einer so gewaltigen Kulisse zu erreichen.

    ​Das perfekte Finale dieser Etappe ist die Ankunft in Divriği. Die Stadt schmiegt sich dramatisch in die schroffen Bergzüge und atmet pure Geschichte. Schon beim Einfahren spürt man den tiefen Kontrast zu den christlichen Höhlenkirchen der letzten Etappe. Hier dominiert die monumentale, seldschukische Architektur aus dem 13. Jahrhundert. Die berühmte Große Moschee und das angeschlossene Krankenhaus, die zum UNESCO-Weltkulturerbe gehören, sind mit ihren berühmten, dreidimensionalen Steinreliefs an den Portalen ein absolut würdiger Ort, um die Beine hochzulegen und die letzten Tage Revue passieren zu lassen.
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  • Kappadokien Teil 2

    3–7 Jun, Turki ☀️ 26 °C

    ​Nachdem ich die unterirdische Welt von Derinkuyu hinter mir gelassen habe, führe ich meine Reise durch Kappadokien fort. Mein Weg führt mich weiter nach Soğanlı, wo sich mein neuer Rhythmus aus kürzeren Radetappen und kurzen Wanderungen fortsetzt.
    Ein absolutes Highlight ist hier die Erkundung der Avla-Schlucht. Ich lasse mein Gepäck an einer kleinen Hütte oben auf dem Plateau stehen und fahre ohne Ballast hinab ins Tal. Von hier laufe ich tief in den Canyon hinein. Der Weg wird immer anspruchsvoller, die Felswände rücken bis auf wenige Meter zusammen und das Gestein zeigt ein faszinierendes Spiel aus warmen Farben und fließenden Formen. Für mich ist das einer der faszinierendsten Orte, die ich je gesehen habe.

    ​Nach ein paar Tagen in diesen einsamen Tälern und ruhigen Orten erreiche ich schließlich über Mustafapaşa und die gigantische Burg von Uçhisar die Region um Göreme und damit das touristische Epizentrum Kappadokiens.
    Der Kontrast könnte nicht größer sein. Der Trubel und die Menschenmassen sind mir schnell zu viel und ich merke, dass ich keine Lust habe, für Orte Eintritt zu bezahlen, die ich zuvor in den untouristischen Tälern schon größtenteils umsonst und in aller Ruhe genießen durfte.
    Die Landschaft ist wunderschön, aber nach den einsamen Tagen im Westen wiederholt sich das Prinzip der Felsarchitektur irgendwann.

    ​Ich halte meinen Aufenthalt in Göreme daher bewusst kurz und konzentriere mich voll auf das eine, ganz große visuelle Highlight, wegen dem alle herkommen: die Heißluftballons. Auf einem Hügel direkt oberhalb von Göreme finde ich den perfekten Zeltplatz mitten im Geschehen mit freiem Blick auf das gesamte Tal.
    ​Morgens um 4:30 Uhr klingelt der Wecker. Ich krieche aus dem Zelt in die kühle Morgenluft und sehe im dunklen Tal zuerst nur das Aufleuchten der Gasbrenner, mit denen die riesigen Ballonhüllen aufgeblasen werden. Sie leuchten in der Dunkelheit wie gigantische Glühwürmchen.
    Nur wenige Minuten später, als das erste Licht der Dämmerung einsetzt und sich der Himmel in einem schönen Verlauf färbt, steigen die ersten Ballons lautlos in die Höhe. Etwa 150 Ballons schweben gleichzeitig im sanften Morgenlicht direkt an mir vorbei und der gesamte Himmel ist übersät mit bunten Punkten. Dieses majestätische, beeindruckende Gefühl lässt sich kaum in Worte fassen. Ich komme aus dem Staunen und Fotografieren überhaupt nicht mehr heraus.

    ​Nach diesen intensiven Erlebnissen kehre ich schließlich für zwei Nächte in Avanos ein. Obwohl die Kleinstadt nur knapp zehn Kilometer von der touristischen Kernzone entfernt liegt, versprüht sie einen völlig anderen, viel entspannteren und authentischeren Charme.
    Es ist der perfekte Ort für mich, um die Reizüberflutung der letzten Tage in Ruhe zu verarbeiten. Ich genieße ausgiebige Spaziergänge am Fluss, sitze in gemütlichen Cafés und lasse die Seele baumeln, bevor das Abenteuer auf zwei Rädern weitergeht.
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  • Kappadokien Teil 1

    1–3 Jun, Turki ☀️ 25 °C

    Kappadokien stand schon lange auf der Liste meiner Highlights dieser Reise. Als ich in Konya aufbreche, spüre ich eine gewisse Ungeduld und entscheide mich spontan, die monotone Strecke bis Aksaray im Bus zu überspringen.
    Ich will keine Zeit verlieren und wähle den entspannten Weg mitten hinein ins Abenteuer. Meine Route lege ich dabei bewusst so, dass ich mich von den eher untouristischen, einsamen Ecken Schritt für Schritt bis ins touristische Zentrum rund um Göreme vorarbeite.

    ​Landschaftlich und kulturell erinnert mich vieles an das Phrygische Tal, doch die Dimensionen hier sind noch einmal völlig andere. Auch diese Region ist vulkanischen Ursprungs. Über Jahrmillionen haben die Ascheausbrüche der umliegenden Vulkane wie dem majestätischen Erciyes Dağı oder dem Hasan Dağı dicke Tuffschichten abgelagert, aus denen Wind und Wetter diese surreale Landschaft geformt haben.

    Auf dem Fahrrad fasziniert mich dabei ein krasser Kontrast: Ich fahre kilometerlang über weite, fast flache Plateaus und plötzlich tauchen wie aus dem Nichts mehrere hundert Meter tiefe Täler auf. Das ist absolut spektakulär, bedeutet aber auch ein ständiges Auf und Ab und einige Höhenmeter, die es zu überwinden gilt, um vom einen Tal ins nächste zu gelangen. Das ist durch die grandiosen Ausblicke aber jeden einzelnen Schweißstropfen wert.

    ​Dadurch verändert sich auch mein Rhythmus komplett. Ich sitze in diesen Tagen deutlich weniger im Sattel, fahre kürzere Etappen und lasse das Fahrrad stattdessen regelmäßig stehen, um wandern zu gehen.
    Ich steige hinab ins idyllische Ihlara-Tal und wandere am Ufer des Melendiz entlang. Er wird flankiert von senkrecht aufragenden Felswänden, in die frühe Christen fantastische Felsenkirchen mit bunten Fresken geschlagen haben.
    ​Auf meinem Weg werde ich außerdem auch wieder von der türkischen Gastfreundschaft begleitet. Mehrfach bieten mir herzliche Restaurantbesitzer an, mein Zelt in ihren Gärten aufzuschlagen. Ich lehne jedoch dankend ab, denn mein Ziel für die Nächte sind die einsamen Plätze, am liebsten oben am Rand eines Plateaus mit traumhafter Aussicht.

    ​In Derinkuyu schlage ich mein Nachtlager ausnahmsweise mitten im Stadtpark auf, um am nächsten Morgen als einer der Ersten die beeindruckende Untergrundstadt besichtigen zu können. Diese liegt bis zu 85 Meter tief und erstreckt sich über 12 Ebenen, von denen die oberen 8 für Besucher zugänglich sind.
    Am Abend zuvor werde ich von einer Familie, die neben mir im Park grillt, verwöhnt. Erst bringen sie mir ein liebevoll belegtes Brötchen vorbei und überlassen mir zum Abschied sogar noch ihre Reste an gegrilltem Geflügel. Solche herzerwärmenden Begegnungen im Alltag sind einfach unbezahlbar.
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  • Über die Türkische Seenplatte nach Konya

    27 Mei – 1 Jun, Turki ☀️ 22 °C

    Als ich Isparta bei bestem Wetter verlasse, geht es seit längerem mal wieder Richtung Osten. Die darauffolgenden Tage werden landschaftlich von zwei großen Seen geprägt, die ich trotz ihrer geografischen Nähe als völlig unterschiedliche Welten wahrnehme.

    Der Eğirdir-See empfängt mich nach einer herrlichen Abfahrt mit traumhaften Ausblicken auf das türkisfarbene Wasser. Die kurvige Straße am Ostufer erweist sich als absoluter Traum für Radfahrer. Kaum Verkehr, ein wunderbares Auf und Ab und ständig neue Perspektiven auf die schneebedeckten Gipfel im Hintergrund.

    ​Der anschließende Weg zum Beyşehir-See zwingt mich erst einmal zu einem schweißtreibenden Anstieg auf fast 1.500 Meter Höhe.
    Dieser zweite große See zeigt mir dann ein völlig anderes Gesicht. Er wirkt wesentlich natürlicher und unberührter. Geprägt von einer ausgeprägten Ufervegetation und einer weitaus größeren, lebendigen Vogelwelt. Auch das Wasser schimmert hier witterungsbedingt in ganz anderen Nuancen.

    ​Genau in diese Tage fällt das islamische Opferfest Kurban Bayramı, das den Etappen eine ganz besondere Dynamik verleiht. Überall am Ufer des Eğirdir-Sees treffen sich Familien zum Picknicken und Grillen. Kaum habe ich mein Nachtlager an einem belebten Platz unweit des Wassers erreicht, holt mich die türkische Gastfreundschaft auch schon ein. Eine Familie holt mich kurzerhand zu sich herüber und lädt mich ganz selbstverständlich zum gemeinsamen Essen ein.

    Während dieser Tage im Seenland feiere ich außerdem ein kleines Jubiläum: Ich bin nun auf den Tag genau zwei Monate unterwegs und habe etwa 3.300 Kilometer zurückgelegt.

    ​Die letzten zwei Etappen bis Konya fordern mich dann eher wieder mental, da die Route über weite Strecken auf der Bundesstraße verläuft. Das monotone Dahinrollen im lauten Verkehr nervt zwar, doch selbst hier bricht die Herzlichkeit am Straßenrand nicht ab. Bei einer Pause an einer Raststätte werde ich prompt von einer weiteren Familie abgefangen, die dort ebenfalls kurz anhält. Sie packen ihre hausgemachten Spezialitäten aus und dazu kann ich natürlich unmöglich nein sagen.

    ​Die Ankunft Konya fühlt sich nach den langen Bundesstraßenkilometern gut an. Zum einen weil es sehr lange nur bergab geht und zum anderen wegen der echten Radwege im Stadtgebiet, die ich so schon lange nicht mehr gesehen habe.
    Die Stadt ist eine faszinierende Mischung aus tief verwurzelter Spiritualität und modernem anatolischen Alltag. Da ich am Samstagabend ankomme, nutze ich die Gelegenheit und besuche direkt eine Derwisch-Zeremonie. Das rituelle Drehen der Tänzer zu den traditionellen Klängen entfaltet eine einzigartige Wirkung. Es ist eine zutiefst beeindruckende, mystische und spirituelle Erfahrung.
    Ausefem besuche ich das Mevlana-Museum, das dem Sufi-Mystiker Rumi gewidmet ist und lasse mich treiben, um die architektonisch hochinteressanten und abwechslungsreichen Moscheen der Stadt zu besichtigen.

    ​Auch der weitläufige Bazar zieht mich an und erweist sich nebenbei auch als praktischer Stopp für die Wartung meiner Ausrüstung. Hier kann ich absolut unkompliziert meine kaputten Sandalen reparieren lassen und zudem finde ich Hilfe für mein Fahrrad. Da mir für eine spezielle Schraube das passende Werkzeug fehlt, lässt sich diese in einer der kleinen Werkstätten im Handumdrehen festziehen.

    ​Kulinarisch wird die Zeit in Konya zu einer echten Entdeckungsreise, bei der ich mich durch die lokalen Spezialitäten probiere. Besonders das traditionelle Tirit und der unglaublich zarte Fırın Kebap haben es mir angetan.
    Für den Aufenthalt habe ich mir ausnahmsweise ein Hotel direkt im Zentrum gegönnt. Das hervorragende, reichhaltige Frühstücksbuffet ist nach den anstrengenden Kilometern im Sattel genau das Richtige und ich schlage jeden Morgen ordentlich zu um die gestärkt in die nächste Etappe starten zu können.
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  • Durch das Phrygische Tal in die Stadt der Rosen

    20–26 Mei, Turki 🌧 15 °C

    Zum ersten Mal auf dieser Reise erlebe ich eine Phase, in der das Wetter unbarmherzig den Takt vorgibt. Tagelang bestimmt der Regen, von heftigen Güssen bis zu stundenlangem Niesel, meinen Rhythmus. Es nervt mich spürbar, nicht mehr selbstbestimmt fahren zu können, sondern mich von den Wolken abhängig zu machen.
    Auf Dauer kriecht die Feuchtigkeit in jede Ritze der Ausrüstung und das ständige An- und Ausziehen der Regenkleidung wird zur mentalen Probe. Geht es bergauf, schwitze ich in der Regenkleidung und bin am Ende genauso nass wie ohne Schutz.
    Zwar wärmt die Sonne zwischendurch alles wieder kurz auf, doch der nächste Guss lässt meist nicht lange auf sich warten. Es ist nicht allzu kalt, aber auf Dauer ungemütlich und emotional fordernd.

    ​Demgegenüber steht jedoch eine der bisher beeindruckendsten und einzigartigsten Landschaften der gesamten Tour: das Phrygische Tal. Die Natur entschädigt mich vollkommen für den Wetterfrust. Überall ragen monumentale, bizarre Felsformationen und monolithische Burgen empor.
    Es fasziniert mich, wie tief die Geschichte hier in den Stein gegraben ist. Die Phryger schufen hier bereits im 8. Jahrhundert v. Chr. ihre ersten monumentalen Kultstätten.
    Jahrhunderte später, in römischer und byzantinischer Zeit, wurden diese Monumente von frühen Christen weitergeprägt, die unzählige Wohnräume, Grabstätten und sogar ganze Kirchen direkt in den weichen Fels hieben.
    Im Dorf Ayazini wandert man so regelrecht durch die verschiedenen Epochen der Jahrtausende.

    ​Wegen des anhaltenden Regens flüchte ich mich in Inli spontan in ein kleines, dörfliches Gästehaus. Es erweist sich als absoluter Glücksgriff. Betrieben von einer unglaublich liebevollen jungen Familie mit zwei Kindern, werde ich sofort herzlich aufgenommen. Der Garten ist eine Oase und die Familie verwöhnt mich mit fantastischem, hausgemachtem Essen. Dabei servieren sie fast ausschließlich Produkte aus eigener Herstellung.
    Die gemütliche Unterkunft ermöglicht mir zudem eine warme Dusche und ein paar Stunden des tiefen Durchatmens inmitten der nassen Tage.

    ​Kurz vor dem Ziel knacke ich schließlich die 3.000 Kilometermarke, während am Horizont schneebedeckte Bergketten aufragen. Die letzten Kilometer rollen fast von allein, vorbei an den ersten großen Feldern mit intensiv duftenden Rosen, wofür die Region bekannt ist.
    Dann erreiche ich Isparta, meine Basis für eine verdiente Pause. Die Stadt liegt eingerahmt von mächtigen Bergen, auf deren Gipfeln jetzt im späten Mai noch Schnee liegt.

    ​Die Ankunft hält direkt die nächste Überraschung bereit. Über Warmshowers hatte ich eine Übernachtung bei Yunus vereinbart. Nach den harten Regentagen war ich mental eigentlich eher im Modus lieber meine Ruhe zu wollen und wollte schon absagen, doch er überzeugte mich trotzdem zu kommen. Als ich bei ihm eintreffe, stellt sich jedoch heraus, dass sein Bruder überraschend zu Besuch ist und der Platz nicht reicht.
    Nach einem gemeinsamen, gemütlichen Abendbrot bei ihm zu Hause folgt die unerwartete Wendung. Yunus begleitet mich kurzerhand zu einem nahegelegenen Hotel und spendiert mir dort ohne Zögern ein Zimmer für die Nacht.
    Diese selbstlose Gastfreundschaft erwischt mich völlig unvorbereitet und macht mich fast sprachlos.

    ​Die zwei Ruhetage in Isparta nutze ich für entspannte Kultur. Ich besuche das Duftmuseum, das die Tradition der Rosenstadt lebendig macht und das ethnografische Museum. Letzteres beeindruckt mich mit einer riesigen Teppichsammlung und von der Spitze des Museumsturms öffnet sich ein genialer Ausblick über die gesamte Stadt und die umliegenden Berge.

    ​Die intensivste Begegnung ergibt sich jedoch ganz ungeplant im Alltag. Ich mache mit meinem Rad gerade auf einem kleinen Platz an einer Moschee Pause, als mich ein älterer Herr anspricht. Mehmet ist selbst begeisterter Rennradfahrer und er fackelt nicht lange und nimmt mich mit in sein kleines Geschäft für handgemachten Schmuck, das in einem wunderschönen, historischen Trauben-Basar um die Ecke liegt. Bei etlichen Gläsern Tee tauschen wir Geschichten aus. Nach und nach gesellen sich noch zwei befreundete Radfahrer dazu. Aus dem kurzen Stopp wird eine intensive, stundenlange Runde. Sie laden mich spontan zum Mittagessen ein und zum Abschied schenkt mir Mehmet sogar noch eins seiner selbstgemachten Armbänder.
    ​Es sind genau diese unvorhersehbaren Erlebnisse, die das Reisen hier in der Türkei so besonders machen.
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  • Hinauf zur anatolischen Hochebene

    16–20 Mei, Turki ⛅ 24 °C

    ​Nach einer Woche des Stillstands in Istanbul fordert der Aufbruch vor allem eines: Geduld mit dem eigenen Körper. Meine Motivation ist sofort wieder da, doch meine vertraute Routine und die Gewöhnung an die tägliche Belastung brauchen etwas Zeit, um nach der Pause wieder ineinanderzugreifen.
    Schon der Start verlangt Improvisation. Ich verpasse meine geplante Fähre nach Yalova um ein paar Minuten und muss spontan auf das Boot nach Çınarcık ausweichen. Statt der gedachten Route führt mich dieser heiße Umweg unter brennender Sonne hinauf in die Hügel und vorbei an dichten Olivenhainen, bis schließlich der İznik-See vor mir auftaucht.

    ​Auf dem Rad erlebe ich oft diese kleinen, absurden Kontraste, die den Blick schärfen. Während meine Reifen nach Tausenden von Kilometern noch keinen einzigen Mangel aufweisen, schwächelt ausgerechnet mein wichtigstes Utensil für die Nachtruhe. Eine schleichend undichte Luftmatratze hat mir schon vor Istanbul die Nächte unbemerkt verkürzt. Die Rettung bringt schließlich das warme Wasser des Sees. Ich gehe kurzerhand mit der gesamten Isomatte baden und dabei offenbaren sich mir endlich die verräterischen Luftblasen. Es ist ein befreiender Moment der Reparatur in einer Kulisse, die ohnehin zum Verweilen einlädt.

    ​In İznik faszinieren mich vor allem die vielen gut erhaltenen, historischen Bauten und die mächtige alte Stadtmauer, die den Ort bis heute prägen. Hier haben auch die kunstvollen Fliesen ihren Ursprung, die mir schon in Istanbul aufgefallen sind.
    Dort zwingt mich auch der erste schwere Sommerregen zu einer langen Mittagspauseause, die ich bei reichlich Tee und einem Gespräch mit einem lokalen BMX-Fahrer verbringe.
    Die Natur ist zurzeit zwar wunderschön und unglaublich grün, aber der Preis dafür ist eben, dass ich ab und zu einen Schauer abwarten muss.

    ​Dem entspannten Reisen tut das jedoch keinen Abbruch, denn das Camping ist hier absolut unkompliziert und ich finde überall problemlos einen Platz. Besonders die großen Stauseen erweisen sich als perfekte Nachtlager. Sie sind momentan noch kaum besucht und es kommen lediglich ab und zu ein paar Tagesgäste vorbei, aber nachts habe ich diese idyllischen Orte meist völlig für mich allein.

    ​Das Phänomen der gedehnten Zeit begleitet mich auf dem gesamten Weg hinauf auf die anatolische Hochebene. Die Landschaft wird spürbar rauer, einsamer und monumentaler. So wie in İnönü, wo die Stadt regelrecht unter gewaltigen, mit Höhlen durchsetzten Felswänden klebt.
    Doch die größte Herausforderung für meinen Zeitplan sind nicht etwa die steilen Schotterpisten, sondern die unvorhersehbare Herzlichkeit am Straßenrand. Als ich beispielsweise an einer Tankstelle lediglich meinen Benzinkocher auffüllen will, lande ich prompt bei der nächsten Einladung zum Tee. Ich lerne schnell, dass ich in der Türkei keine starren Ankunftszeiten kalkulieren kann. Jede dieser kleinen Begegnungen fordert ihren Raum, bereichert meinen Tag aber umso mehr, wenn ich schließlich im letzten Dämmerlicht mein Zelt am Stausee von Sofca aufschlage.
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  • Istanbul Teil 2

    13–16 Mei, Turki ☀️ 22 °C

    Beim Erkunden der historischen Halbinsel Sultanahmet wird die jahrtausendealte Geschichte unter den Füßen spürbar. Die Schichten von Byzanz und Konstantinopel sind allgegenwärtig, eingebettet in das moderne Chaos.
    Doch die klassischen Sehenswürdigkeiten hinterlassen gemischte Gefühle bei mir. Auf den großen touristischen Achsen herrscht eine fast anstrengende Kommerzialisierung. Endlose Menschenströme werden an immer gleichen Verkaufsständen vorbeigeleitet, an denen Süßwaren und billige Kopien angeboten werden.

    ​Einen ruhigen Gegenpol dazu bieten die Moscheen, die eine willkommene Zuflucht vor dem Lärm bieten. Während die monumentalen Bauten wie die Süleymaniye-Moschee durch ihre schiere Größe beeindrucken, sind es oft die kleinen Details, die hängen bleiben. In der Rüstem-Paşa-Moschee verliere ich mich in den Mustern der tiefblauen Iznik-Fliesen, die den Raum in ein kühles, friedliches Licht tauchen.

    ​Ein ganz anderes, farbenfrohes Gesicht der Stadt zeigt sich mir beim Spaziergang durch das Viertel Fener. Die alten, dicht gedrängten und bunt bemalten Häuser in den steilen Gassen versprühen einen ganz eigenen, historischen Charme. Diese charakteristische Architektur schlägt auch einen schönen Bogen zur anderen Seite des Bosporus. Ähnliche Häuserreihen begegnen mir auch in bestimmten Ecken von Üsküdar auf der asiatischen Seite wieder.

    Diese Kontraste fordern jedoch ihren Tribut. Die Stadtwege sind steil, die Wege weit und nach einigen Tagen macht sich eine gewisse körperliche Erschöpfung bemerkbar.
    Der Spagat zwischen dem Drang alles sehen zu wollen und der Notwendigkeit sich zu erholen, prägt diese Woche. Ich entscheide mich deshalb auch für bewusste Tage des Nichtstuns. Zudem gönne ich mir eine intensive Massage, die zwar schmerzhaft, aber auch eine echte Wohltat für die beanspruchten Muskeln ist.

    ​Die Planung für die nächsten Etappen verliert in diesen Tagen spürbar an Bedeutung. Istanbul ist für mich kein Ort für schnelle Entscheidungen, sondern für eine tiefere Retrospektive. Die Woche des Stillstands gibt mir den nötigen Raum, um die vergangenen 2.500 Kilometer im Sattel zu verarbeiten.
    Ich blicke nun mit einer Mischung aus Respekt und großer Vorfreude auf die kommenden Wochen, wenn das Fahrrad wieder rollt und die ersten echten Kilometer auf dem neuen Kontinent beginnen.
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  • Istanbul Teil 1

    9–12 Mei, Turki ☁️ 24 °C

    Nach sechs Wochen der ständigen Bewegung steht das Fahrrad nun erst einmal still auf der Dachterrasse, während draußen die größte Stadt Europas pulsiert.
    Ich habe eine kleine Wohnung im Viertel Bülbül gemietet, nur wenige Schritte vom Taksim-Platz entfernt und doch in einer völlig anderen Welt. Hier zeigt sich Istanbul von seiner rauen, ungeschminkten Seite. Die steilen Gassen sind eng bebaut, Wäscheleinen spannen sich von Fenster zu Fenster und das Leben spielt sich laut und ungefiltert auf dem Asphalt ab.
    Von hier oben öffnet sich der Blick auf ein dichtes Labyrinth und es ist faszinierend zu sehen, wie sich Kinder, Autos und Händler durch die engen Räume drängen.
    Die Stadt verlangt sofort meine volle Aufmerksamkeit, sie überfordert und fasziniert mich zugleich.

    ​Diese Reizüberflutung findet am nächsten Morgen, auf dem sonntäglichen Tarlabaşı-Markt ihren Höhepunkt.
    Ein riesiges Meer aus Farben, Rufen und Gerüchen zieht sich durch die Straßen unweit meiner Unterkunft. Das überbordende Angebot an frischem Fisch, reifem Gemüse und Käse zu unglaublich günstigen Preisen zieht mich sofort an. Mit vollen Taschen kehre ich in die Küche zurück, um mich selbst an der türkischen Küche zu versuchen. Das Kochen mit den lokalen Zutaten wird zu einem ganz eigenen Abenteuer.
    Aber auch auf der Straße ist es spannend zu schmecken, wie sich vertraute Gerichte wie Döner hier in ihrer Heimat verändern und eine aromatische Tiefe entwickeln, die man aus Deutschland so nicht kennt.

    ​Nur ein paar Straßen von meiner Bleibe entfernt liegt Cihangir. Es hat einen ganz anderen Charakter und ist ein offenes, weitläufiges Viertel mit einer fast europäischen Leichtigkeit, kleinen Cafés und einem weiten Blick auf den Bosporus.
    Ähnlich entspannt ist es im weitläufigen Yıldız Park in Ortaköy und auch die nahegelegene Große Mecidiye Moschee direkt am Bosporus hat ein besonderes Flair.
    ​
    ​Den emotionalsten Moment dieser Woche erlebe ich auf der Fähre nach Üsküdar. Denn die Überquerung des Bosporus ist für mich mehr als nur eine Bootsfahrt. Als ich auf der anderen Seite an Land gehe, betrete ich zum ersten Mal überhaupt asiatischen Boden. Und auch für die Reise an sich hat dieser Schritt ein gewisses Gewicht. Ein langes Kapitel in Europa geht hier zu Ende und eine neue, noch unbekannte Tür öffnet sich.
    Die asiatische Seite empfängt mich mit einer wohltuenden Ruhe. In Vierteln wie Üsküdar oder dem entspannten Moda geht es geordneter und authentischer zu. Hier gibt es kaum touristische Inszenierungen, sondern echtes Stadtleben, das sich unaufgeregt am Ufer abspielt.
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  • Gastfreundschaft in Thrakien

    7–9 Mei, Turki ☀️ 24 °C

    Ein langer Anstieg am Morgen führt mich über die Grenze in die Türkei, das achte Land dieser Reise.
    Mit dem Grenzübertritt ändert sich nicht nur die Sprache, sondern auch das Gefühl auf der Straße. Die Landschaft in Thrakien zeigt sich unaufgeregt und entspannt, geprägt von sanften Hügeln und weiten Feldern unter einer warmen Sonne.
    Es ist eine Umgebung, die wenig Ablenkung bietet und den Blick für das Wesentliche schärft: den Umgang der Menschen miteinander.

    Schon auf den ersten Kilometern fällt mir die veränderte Atmosphäre im Verkehr auf. Die Autofahrer halten spürbar mehr Abstand, LKW-Fahrer grüßen mit einem kurzen Hupen und immer wieder schallt ein freundliches „Merhaba“ vom Straßenrand herüber.
    Es ist eine Form von Rücksichtnahme und Offenheit, die mir sofort ein tiefes Gefühl von Sicherheit gibt.

    Diese Freundlichkeit setzt sich bei jedem Stopp fort. In einem kleinen Dorf entscheide ich mich bewusst gegen das einsame Wildcampen und frage auf einem Platz neben der Moschee, ob ich mein Zelt aufschlagen darf. Die Reaktion ist entwaffnend herzlich. Ohne zu zögern, werde ich nicht nur willkommen geheißen, sondern direkt zum Tee eingeladen.
    Den Abend verbringe ich im Teehaus des Dorfes, umgeben von neugierigen und hilfsbereiten Menschen. Auch ohne viele Worte Türkisch zu beherrschen, entstehen Gespräche über die Herkunft, den Weg und das Ziel. Der schwarze Tee wird hier zu einem Symbol für Gemeinschaft und zum eigentlichen Türöffner in eine neue Kultur.

    Dieses Gefühl der Fürsorglichkeit begleitet mich auch am nächsten Tag. Während einer Mittagspause in einer Kleinstadt werde ich von jungen Leuten angesprochen, die mich am liebsten sofort zum Essen eingeladen hätten. Da ich bereits gegessen habe, bleibt es bei einem Dessert und gemeinsamen Tee auf dem Platz.
    Es sind diese ungeplanten, echten Begegnungen, die den Tag entschleunigen. Dass mir beim Abschied noch ungefragt Wasser für den Weg gekauft wird, unterstreicht eine Gastfreundschaft, die hier vollkommen selbstverständlich scheint.

    Die letzten Kilometer bis zum Rand von Istanbul vergehen wie im Flug. Da der Verkehr mit jedem Kilometer Richtung Stadtzentrum zunimmt, entscheide ich mich in Çerkezköy für den Wechsel in den Bus. Es ist eine komfortable Lösung, um das Rad und mich sicher durch die unübersichtlichen Autobahnkreuze der Megacity zu bringen.

    Anderthalb Stunden später stehe ich am großen Busbahnhof und tauche wenig später mit den öffentlichen Verkehrsmitteln tief in das lebendige Treiben Istanbuls ein. Nach den ruhigen Tagen auf dem Land fühlt sich die Ankunft in der Millionenmetropole fast surreal an.
    Für mich beginnt hier nun eine Zeit des Innehaltens. Die nächsten Tage gehören der Regeneration, dem Ankommen in dieser Stadt zwischen den Kontinenten und der Planung für den weiteren Weg Richtung Osten.
    Die Herzlichkeit der ersten türkischen Tage ist dabei ein schöner Begleiter für diese Pause, bevor die Reise bald wieder an Fahrt aufnimmt.
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  • Von der Donau ans Schwarze Meer

    1–7 Mei, Bulgaria 🌧 11 °C

    Mit der Ankunft in Russe verändert sich die Reise ein weiteres Mal. Nach der Fahrt mit dem Zug über die Grenze nutze ich den frühen Morgen für einen Spaziergang durch die Stadt, bevor ich wieder in den Sattel steige. Es ist ein interessantes Stadtbild, in dem die prachtvollen Fassaden des Neobarock unmittelbar auf die funktionalen Strukturen des sozialistischen Brutalismus treffen.

    Die weiten Ebenen im Norden wirken danach zunächst unspektakulär, fast karg, doch kleine Details markieren den kulturellen Übergang. Immer häufiger tauchen die schlanken Minarette der ersten Moscheen am Horizont auf und geben der Landschaft einen neuen Charakter.

    Kurz hinter der Grenze überschreite ich zudem die Marke von 2.000 Kilometern. Es ist ein Moment, in dem ich kurz innehalte. Die Zahl ist mehr als nur eine Statistik, sie ist das spürbare Gewicht der vergangenen Wochen in den Beinen.

    Doch der Weg an die Küste wird von einem Moment der Ernüchterung überschattet. Ein Augenblick der Unachtsamkeit während der Mittagspause genügt und ich verliere beide Kreditkarten sowie einen Teil meines Bargelds. Als ich den Verlust abends bemerke, ist die Leichtigkeit der Reise für einen Augenblick weg. Es ist ein Dämpfer, der mich zwingt, mich neu zu sortieren und die eigene Unachtsamkeit zu akzeptieren, während ich versuche, den Fokus wieder auf den Weg vor mir zu richten.

    Trotz der inneren Unruhe empfängt mich die Schwarzmeerküste schließlich mit einem Licht, das alles weicher erscheinen lässt. Das Tempo der Reise verlangsamt sich hier spürbar. Es ist ein bewusster Wechsel, weg von den langen Tagesetappen, hin zu mehr Zeit für die Umgebung. Das Meeresrauschen am Abend und die Schlafplätze direkt am Wasser sind Momente, die den Kopf zur Ruhe kommen lassen.

    Diese Ruhe ist jedoch brüchig, denn die Küste zeigt oft ein Gesicht, das schwer zu ertragen ist. Ganze Abschnitte sind so radikal mit Hotelkomplexen und Infrastruktur zugebaut, dass jede Maßstäblichkeit verloren geht. Es ist eine maximale touristische Verwertung der Natur, die kaum noch Raum für das Lokale lässt. In diesen Momenten empfinde ich eine gewisse Traurigkeit über den Verlust von Identität und die Hässlichkeit dieser Betonriegel, die so gar nicht zur Schönheit des Meeres passen wollen.

    Die technische Herausforderung der Strecke holt mich schließlich wieder in die Realität zurück. Besonders der Abschnitt über das Kap Emine verlangt mir alles ab. Achtzehn Kilometer führen über Offroad-Pfade, die diesen Namen kaum verdienen. Mit dem schweren, voll bepackten Rad stoße ich an meine Grenzen. Begegnungen mit Wildschweinen und freilaufenden Herdenschutzhunden gehören ebenso dazu wie die Herausforderung, das schwere Rad sicher über kleine Wasserläufe und durch matschigen Boden zu manövrieren. Die zwei leichten, aber zum Glück folgenlosen Stürze in diesem Abschnitt sind eine direkte Lehre darüber, wie sich das Fahrverhalten in schwierigem Gelände verändert. In diesem Moment fühlt sich das Radfahren nicht mehr leicht an, sondern wie harte Arbeit, bei der jeder Meter erkämpft werden muss.

    In den letzten Tagen wendet sich der Weg schließlich vom Meer ab und führt hinein in die Wälder des Strandzha-Gebirges. Die Welt wird sofort wieder einsam und leise. Auf rauen Waldwegen sammeln sich erneut reichlich Höhenmeter an, während die Luft kühler und würziger wird. Mein letzter Zeltplatz in Bulgarien liegt unweit der Grenze, umgeben von einer tiefen Stille, die nach den turbulenten Tagen gut tut. Es ist ein ruhiger, fast meditativer Abschluss, bevor mit dem Grenzübertritt ein neues Kapitel beginnt.
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  • Über die Südkarpaten nach Bulgarien

    27–30 Apr, Rumania ⛅ 16 °C

    Nach dem entspannten Wochenende in Sibiu geht es für mich wieder weiter Richtung Osten. Die nächsten Tage stehen ganz im Zeichen der Südkarpaten. Fast ständig begleiten mich die schneebedeckten Gipfel des Făgăraș-Gebirge am Horizont, während die Strecke über ruhige Nebenstraßen, durch kleine Dörfer und über weite Wiesenlandschaften führt. Immer wieder wechseln sich sanfte Hügel mit längeren Anstiegen ab und obwohl die Etappen erneut einige Höhenmeter mitbringen, fühlt sich das Fahren deutlich entspannter an als noch im wilden Apuseni-Gebirge.

    Gleichzeitig endet in diesen Tagen bereits der erste Monat der Reise.
    Seit dem Start in Glauchau liegen inzwischen über 1.800 Kilometer, unzählige Eindrücke und ganz unterschiedliche Landschaften hinter mir. Vom kalten Erzgebirge über die ruhigen Abschnitte entlang der Donau bis hinein in die wilden Berge Rumäniens verändert sich die Reise ständig und genau das macht sie bisher so besonders.

    Je weiter ich mich den Bergen nähere, desto beeindruckender wird die Landschaft. Besonders der Abschnitt rund um Bran bleibt mir in Erinnerung. Die Passstraße führt zwischen dem Bucegi- und dem Piatra-Craiului-Gebirge hindurch und eröffnet immer wieder spektakuläre Ausblicke auf die umliegenden Gipfel. Der lange Anstieg zieht sich zwar spürbar, doch der neue Asphalt und die Aussicht machen ihn fast angenehm.

    Mit einem Schlag verändert sich dort aber auch die Atmosphäre. Nach vielen ruhigen Tagen in kleinen Dörfern und einsamen Landschaften wirkt Bran beinahe überlaufen. Rund um das berühmte Schloss Bran, das oft mit der Dracula-Legende in Verbindung gebracht wird, drängen sich plötzlich Reisegruppen, Souvenirstände und Ausflugsbusse durch den kleinen Ort. Nach der Einsamkeit der vergangenen Tage fühlt sich dieser Kontrast fast unwirklich an.

    Hinter der Passhöhe folgt schließlich eine lange Abfahrt durch eine enge Schlucht. Nach den vielen Stunden bergauf ist es einer dieser Momente, in denen das Radfahren besonders leicht wirkt. Die Straße windet sich zwischen steilen Felsen talwärts und mit jedem Kilometer werden die Berge langsam flacher.

    Am folgenden Tag verlasse ich die Karpaten endgültig und rolle hinaus in die Walachei. Die Landschaft verändert sich erneut spürbar. Zwischen kleinen Dörfern und blühenden Obstplantagen geht es größtenteils bergab Richtung Süden. Gleichzeitig macht sich aber auch das Wetter bemerkbar. Starker Gegenwind kündigt bereits an, dass sich die Wetterlage verschlechtert.
    Eigentlich hatte ich geplant, weiter bis zur bulgarischen Grenze zu fahren. Doch der angekündigte Regen und die Aussicht auf lange, flache Kilometer bei schlechtem Wetter bringen mich spontan zum Umdenken. In der Nähe von Târgoviște nehme ich mir eine Unterkunft und entscheide mich am nächsten Morgen stattdessen für den Zug.

    Die Fahrt ist überraschend unkompliziert, günstig und entspannt. Während draußen graue Wolken und Regen vorbeiziehen, rolle ich diesmal nicht mit dem Fahrrad, sondern auf Schienen weiter Richtung Süden und erreiche wenig später bereits Bulgarien.
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  • Sibiu

    24–27 Apr, Rumania ☀️ 21 °C

    Nach den intensiven Tagen im Apuseni-Gebirge fühlt sich die Ankunft in Sibiu fast wie ein Übergang in eine andere Welt an. Die Stille der Wälder, die rauen Wege und die körperliche Anstrengung klingen noch nach, doch mit den ersten Straßen der Stadt kehrt wieder Struktur und Ruhe ein.

    Ich bleibe drei Nächte und habe erneut eine kleine Wohnung als Basis. Sie liegt in der Unterstadt, in einem alten Gebäude mit dicken Mauern und einfachen, aber gemütlichen Räumen. Gleich um die Ecke befindet sich der große Zibinsmarkt, auf dem ich frische, regionale Produkte kaufen und zu leckeren Speisen verarbeiten kann.

    Von hier aus ist es auch nicht weit in die Oberstadt. Schon nach wenigen Minuten verändern sich die Straßen, werden weiter, offener und führen auf große Plätze, die das Bild von Sibiu prägen. Die Stadt gehört zu den ältesten und historisch bedeutendsten Orten Rumäniens. Gegründet im 12. Jahrhundert von den Siebenbürger Sachsen, ist der deutsche Einfluss bis heute spürbar. Viele Gebäude, Namen und Strukturen erinnern an diese Zeit und geben der Stadt einen ganz eigenen Charakter.

    Im Vergleich zu Oradea wirkt Sibiu deutlich internationaler. Es sind mehr Besucher unterwegs, auf den Plätzen sitzen Menschen aus vielen verschiedenen Ländern und die Cafés und Restaurants sind gut gefüllt. Trotzdem bleibt die Atmosphäre entspannt. Die Stadt wirkt lebendig, ohne hektisch zu sein.

    Ich verbringe viel Zeit damit, durch die Gassen zu schlendern. Die Wege führen vorbei an kleinen Häusern, über Treppen und durch Torbögen, immer wieder öffnen sich neue Perspektiven. Besonders die großen Plätze wie der Piața Mare oder der Piața Mică laden zum Verweilen ein. Tagsüber ist hier viel Bewegung, am Abend wird es ruhiger und die beleuchteten Fassaden geben der Stadt eine fast ruhige, warme Stimmung.

    Was Sibiu zusätzlich besonders macht, ist die Lage. Am Horizont erheben sich die Berge der Făgăraș-Gebirge, deren Gipfel noch immer schneebedeckt sind. Sie wirken nah und gleichzeitig unerreichbar, ein ständiger Hinweis darauf, was landschaftlich noch vor mir liegt.

    Nach den Tagen in der Natur fühlt sich dieser Aufenthalt anders an als in Oradea. Weniger überraschend, vielleicht etwas geordneter, aber genau deshalb auch wohltuend. Sibiu ist ein Ort zum Ankommen, zum Durchatmen und um die Eindrücke der letzten Etappe ein Stück weit sacken zu lassen.
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  • Durch das raue Apuseni-Gebirge

    20–24 Apr, Rumania ⛅ 13 °C

    Mit dem Verlassen von Oradea beginnt ein völlig neuer Abschnitt der Reise. Die Leichtigkeit der Stadt liegt schnell hinter mir, und schon nach wenigen Kilometern verändert sich die Landschaft spürbar. Ich folge zunächst dem Crișul Repede flussaufwärts. Der Einstieg ist noch sanft, doch das täuscht. Es geht langsam, aber stetig bergauf und vor mir zeichnen sich bereits die ersten Ausläufer der Karpaten ab.

    Was folgt, sind Tage, die mich körperlich und mental deutlich mehr fordern als alles zuvor. Die Straßen werden schmaler, die Wege rauer und verschwinden stellenweise ganz. Aus Asphalt wird Schotter, später Waldwege und schließlich steile Pfade, auf denen ich das Rad schieben oder halb tragen muss. Wurzeln, große Steine und lose Erde machen jeden Meter mühsam. Dazu kommt die Abgeschiedenheit. Ich bin oft stundenlang allein unterwegs, tief im Wald, ohne einem Menschen zu begegnen.

    Zwei Tage verbringe ich im Apuseni-Naturpark, eine der wildesten Regionen West-Rumäniens. Dichte Wälder, verkarstete Landschaften, tiefe Täler und verstreute kleine Siedlungen prägen das Bild. Die Infrastruktur wird hier spürbar dünner, vieles wirkt ursprünglich und kaum erschlossen. Genau das macht den Reiz aus, gleichzeitig aber auch die Herausforderung.

    Hier unternehme ich auch eine kurze Wanderung zu den Cetățile Ponorului. Eine gewaltige Dolinenlandschaft, an deren Grund sich ein Höhleneingang öffnet. Der Weg dorthin führt durch dichten Wald und endet schließlich an einem Aussichtspunkt, der fast unwirklich wirkt. Steile Felswände, tiefe Einbrüche im Boden und diese rohe, unberührte Natur lassen erahnen, wie wenig der Mensch hier eingegriffen hat.

    Im Naturpark wird die Tour auch körperlich am anspruchsvollsten. Immer wieder stoße ich auf Schneereste in höheren Lagen. Gerade in schattigen Waldabschnitten bleibt der Schnee liegen und verwandelt die Wege in rutschige, schwer passierbare Abschnitte. Mehrfach muss ich das Rad durch matschigen, halb gefrorenen Untergrund schieben. Diese Momente erinnern mich stark an die ersten Tage im Erzgebirge, nur dass hier alles abgelegener und intensiver ist.

    Begleitet werden diese Tage von einem neuen, unterschwelligen Gefühl. Die Präsenz von Bären. Noch in Oradea habe ich mir ein Bärenspray gekauft, das nun griffbereit am Lenker hängt. Im Wald mache ich immer wieder auf mich aufmerksam, rede laut, rufe oder lasse das Rad klappern. Nicht aus Angst, sondern aus Respekt. Gesehen habe ich keinen, aber der Gedanke daran ist immer da.

    Deutlich unmittelbarer sind dagegen die Begegnungen mit Hunden. Gleich am ersten Tag werde ich mehrfach verfolgt. Sie kommen bellend auf die Straße geschossen und laufen neben mir her. Im Gebirge selbst wird es ruhiger, doch später, als ich die Berge wieder verlasse, stehe ich plötzlich vor einer Gruppe großer Herdenschutzhunde. Ich halte an, unsicher, wie ich reagieren soll. In diesem Moment kommt ein Pferdewagen vorbei und auch ohne viele Worte verstehen sie die Situation. Ich gehe neben ihnen her, geschützt durch ihre Präsenz, bis wir die Hunde hinter uns gelassen haben.

    Ein besonderer Kontrast zu den rauen Wegen zuvor ist die darauf folgende Transapuseana. Die noch junge Panoramastraße zieht sich mit perfektem Asphalt durch diese abgelegene Region. Kaum Verkehr, weite Ausblicke und immer wieder kleine Dörfer mit traditioneller Architektur. Es fühlt sich an wie eine Reise durch eine andere Zeit. Nach den anstrengenden Passagen zuvor ist es fast schon ein Genuss, hier unterwegs zu sein, auch wenn die Höhenmeter weiterhin fordern.

    Nach und nach lasse ich das Gebirge hinter mir. Die Landschaft öffnet sich, die Straßen werden breiter und die Dörfer häufiger. Langsam kehrt das Gefühl von Zivilisation zurück. Doch ein letzter Moment bleibt besonders hängen. In der Ferne tauchen die schneebedeckten Gipfel des Făgăraș-Gebirge auf. Hoch, massiv und noch einmal eine ganz andere Dimension.

    Schließlich erreiche ich Sibiu in Siebenbürgen. Erschöpft, aber mit dem guten Gefühl, den bisher intensivsten Abschnitte der Reise erlebt zu haben.
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  • Oradea

    17–20 Apr, Rumania ☀️ 22 °C

    Oradea ist mein erster Stopp im Land und zugleich mein erster wirklicher Eindruck von Rumänien. Ich bleibe drei Nächte und habe damit zum ersten Mal seit einiger Zeit wieder so etwas wie eine feste Basis. Die Wohnung liegt zentral, ist komfortabel und gibt mir die Möglichkeit, Wäsche zu waschen, abwechslungsreich zu kochen und einfach anzukommen.

    Die Tage verbringe ich größtenteils damit, durch die Stadt zu streifen. Das Zentrum ist nicht besonders groß, aber sehr kompakt und voller Details. Immer wieder stoße ich auf schön restaurierte Fassaden, kleine Plätze und ruhige Straßen. Oradea gilt als eine der bedeutendsten Jugendstilstädte Rumäniens, viele Gebäude stammen aus der Zeit um 1900 und wurden in den letzten Jahren aufwendig saniert.

    Trotz der überschaubaren Größe gibt es viel zu entdecken. Die Stadt wirkt lebendig, aber nie überlaufen. Touristen begegnen mir nur wenige, dafür ist vor allem am Wochenende spürbar mehr los. Auf dem Hauptplatz findet ein kleiner Markt statt, Menschen sitzen in Cafés, Kinder spielen und überall entsteht eine entspannte, fast sommerliche Atmosphäre.

    Besonders beeindruckt mich der Umgang mit dem Fluss Crișul Repede, der sich durch die Stadt zieht. Die Ufer sind unterschiedlich gestaltet und ergänzen sich auf angenehme Weise. Auf der einen Seite verläuft ein informeller Park mit viel Platz zum Sitzen und Verweilen, auf der anderen eine steinerne, klar strukturierte Uferpromenade. Es wirkt durchdacht, modern und gleichzeitig unaufgeregt. Die gesamte Innenstadt scheint in den letzten Jahren stark aufgewertet worden zu sein und hat auch in Sachen Landschaftsarchitektur viel zu bieten.

    Das Wetter trägt seinen Teil dazu bei. Bei Temperaturen von über 20 Grad fühlt sich alles leicht und fast schon sommerlich an. Ich sitze mit einem Eis in der Sonne, gehe abends essen und genieße die langen, milden Abende. Wenn die Altstadt beleuchtet ist, verändert sich die Stimmung noch einmal. Die Fassaden treten stärker hervor, die Plätze wirken ruhiger und die Stadt bekommt eine ganz eigene Atmosphäre.

    Nach den eher monotonen Tagen entlang der Donau und im ungarischen Flachland fühlt sich dieser Aufenthalt wie ein sehr gelungener Einstieg in ein neues Land an. Oradea überrascht mich, ohne sich aufzudrängen, und genau das macht den Reiz dieser ersten Tage in Rumänien aus.
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  • Donau, Mátra und Puszta

    9–17 Apr, Hungaria ⛅ 15 °C

    Knapp fünf weitere Tage lang bestimmt die Donau meinen Weg. Nach den abwechslungsreichen Tagen in Österreich hoffe ich zunächst, dass der Fluss auch weiter östlich die Richtung vorgibt. Stattdessen wird dieser Abschnitt überraschend eintönig. Oft verläuft der Radweg kilometerlang direkt neben einer Straße, immer geradeaus, meist ohne Aussicht und häufig sogar weit entfernt vom eigentlichen Fluss. Manchmal fahre ich stundenlang durchs Hinterland, ohne die Donau überhaupt zu sehen.
    Rückblickend würde ich mich wahrscheinlich nicht noch einmal für die ungarische Seite des Donauradweges entscheiden, denn es entsteht eine gewisse Monotonie. Die Landschaft verändert sich nur langsam, die Strecke bleibt flach und viele Kilometer ähneln sich. Es sind keine schlechten Tage, aber ich merke, dass mir nach den abwechslungsreichen Landschaften in Österreich und Böhmen etwas fehlt.

    Dafür sorgen die Städte immer wieder für kleine Höhepunkte. In Győr, einer der ältesten Städte Ungarns, verbringe ich den Morgen damit, durch die barocke Altstadt zu schlendern. Zwischen bunten Fassaden, Kirchen und kleinen Plätzen wirkt die Stadt deutlich lebendiger als die Orte zuvor. Kurz darauf führt mich die Strecke wieder zurück in die Slowakei. Das ständige Wechseln zwischen den beiden Ländern ist fast schon verwirrend. Mehrmals am Tag überquere ich unbemerkt eine Brücke oder eine kleine Grenze und bin plötzlich wieder in einem anderen Land.

    Auch das Wetter macht die Tage unterschiedlich. Nach dem sonnigen Abschnitt in Österreich wird es zunächst wieder kühler und wolkiger. Immer wieder ziehen dunkle Wolken auf und einmal überrascht mich sogar ein Regenschauer. Erst weiter östlich zeigt sich wieder häufiger die Sonne.

    Die Nächte verbringe ich fast immer im Zelt. Wildcamping fühlt sich in Ungarn erstaunlich unkompliziert an. Fast jeden Abend finde ich ohne große Mühe einen ruhigen Platz. Besonders schön ist eine Nacht an der Mosoni-Duna, wo ich mein Zelt direkt am Wasser zwischen hohen Weiden aufschlage. Auch später finde ich immer wieder idyllische Plätze, mal am Waldrand, mal zwischen Feldern oder in der Nähe kleiner Seen.

    Kurz vor Budapest verändert sich die Stimmung dann spürbar. Schon von weitem ist die riesige Basilika von Esztergom zu sehen, die hoch über der Donau aufragt. Die Stadt war über Jahrhunderte das religiöse Zentrum und sogar Hauptstadt Ungarns und die Basilika gilt bis heute als die größte Kirche des Landes. Von oben reicht der Blick weit über den Fluss bis in die Slowakei.

    Wenige Kilometer später erreiche ich Nagymaros. Dort finde ich zum ersten Mal über Warmshowers, einer Plattform, über die Radreisende kostenlose Schlafplätze bei anderen Radfahrern finden können, eine Unterkunft. Marci und Vero nehmen mich herzlich auf. Ich bekomme ein eigenes Zimmer und sogar ein eigenes Bad. Nach einigen Nächten im Zelt fühlt sich das richtig luxuriös an.
    Die beiden haben viele Jahre in Berlin gelebt und sprechen deshalb hervorragend Deutsch. Beim gemeinsamen Abendessen und später beim Frühstück erzählen sie von ihren Reisen, von ihrem Leben in Ungarn und geben mir viele Tipps für die nächsten Tage. Es ist eine dieser Begegnungen, die lange in Erinnerung bleiben.

    Von Nagymaros aus verlasse ich schließlich die Donau. Der Fluss macht hier das sogenannte Donauknie und wird von bewaldeten Bergen eingerahmt. Eigentlich gehört dieser Abschnitt zu den schönsten entlang des gesamten Flusses. Trotzdem bin ich fast ein wenig froh, mich nun von der Donau zu verabschieden. Nach vielen flachen und oft eintönigen Kilometern sehne ich mich nach Abwechslung, nach kleineren Straßen und auch nach ein paar Höhenmetern.

    Die nächsten Tage führen mich durch die Weinberge und kleinen Dörfer am Fuß des Mátra-Gebirges. Immer wieder geht es im ständigen Auf und Ab durch ruhige Landschaften und zum ersten Mal muss ich wieder etwas mehr treten und währenddessen, an Tag 17 der Reise, erreiche ich die Marke von 1.000 Kilometern seit dem Start in Glauchau.

    Schließlich lasse ich das ungarische Mittelgebirge hinter mir und rolle hinaus ins Flachland. Vor mir liegt die Puszta, die große ungarische Tiefebene. Die Landschaft wirkt plötzlich weit und offen. Kilometerlang geht es schnurgerade über vollkommen flache Straßen. Nach den Hügeln zuvor komme ich schnell voran.

    Ein besonderer Kontrast ist die Landschaft an der Tisza. Der zweitgrößte Fluss Ungarns durchzieht ein großes Feuchtgebiet mit Seen, Sümpfen und Auwäldern. Vor allem rund um Tiszafüred liegen zahlreiche kleine Wasserflächen und Schilfgürtel, in denen viele Vogelarten leben. Ich finde dort einen wunderschönen Platz direkt am Wasser, an dem ich mein Zelt aufschlage. Gerade als die Sonne langsam untergeht, reißt nach einem eher grauen Tag zum ersten Mal wieder die Wolkendecke auf.

    Die letzten Kilometer bis zur Grenze führen erneut durch die endlose Weite der Puszta. Kurz vor Oradea überquere ich schließlich die Grenze und erreiche mit Rumänien bereits das sechste Land meiner Reise.
    Wieder verändert sich die Umgebung spürbar und ich bin gespannt, was mich als Nächstes erwartet.
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  • Zwischen Waldviertel und Donau

    4–9 Apr, Austria ☀️ 20 °C

    Mit der Grenzüberquerung nach Österreich verändert sich die Reise spürbar. Hinter den letzten Orten in Tschechien wirken die Straßen plötzlich besser, die Häuser gepflegter und die Dörfer wohlhabender. Vieles erscheint ordentlicher und ruhiger, fast ein wenig geschniegelt.

    Gleichzeitig wird auch das Wetter immer freundlicher. Der Regen der vergangenen Tage verschwindet und stattdessen wird es von Tag zu Tag sonniger und wärmer. Bereits am ersten Tag steigen die Temperaturen deutlich an und wenig später ist es beinahe schon sommerlich.

    Die Strecke führt zunächst durch das Waldviertel. Die Landschaft ist weit und dünn besiedelt, geprägt von Wäldern, Feldern und kleinen Orten. Die Wege sind meist unspektakulär, aber angenehm zu fahren. Immer wieder geht es leicht bergauf und bergab, ohne dass die Anstiege besonders lang oder steil werden. Gerade diese ruhigen Abschnitte haben ihren eigenen Reiz. Nach den vielen Tagen auf dem Rad genieße ich es, einfach durch die Landschaft zu rollen und den Blick schweifen zu lassen.

    Später erreiche ich das Kamptal. Entlang des Flusses Kamp verändert sich die Umgebung erneut. Zwischen Burgen, Klöstern und kleinen Orten führt der Radweg durch Weinberge und vorbei an zahllosen blühenden Obstbäumen. Besonders im Frühling wirkt diese Gegend fast ein wenig unwirklich.
    In Kammern finde ich wieder über 1Nite Tent spontan eine Unterkunft bei dem sehr netten Imker Alex. Nach den Nächten allein im Zelt tut die Herzlichkeit besonders gut. Er nimmt mich freundlich auf und ich entscheide mich spontan, noch einen Tag zu bleiben.
    Nach dem gemeinsamen Frühstück nutze ich den zusätzlichen Tag für eine entspannte Wanderung durch die Umgebung. Von den Weinbergen geht es hinauf zur Kamptalwarte, von der sich ein weiter Blick über das Tal und die Landschaft ergibt. Später wandern wir gemütlich entlang des Kamp zurück. Am Abend sitzen wir noch zusammen und essen gemeinsam.

    Nach diesem Pausentag geht es weiter in Richtung Donau. Der Fluss begleitet mich nun über viele Kilometer. Zwischen Krems, dem Tor zur Wachau und Wien folge ich abwechselnd beiden Ufern des Donauradwegs. Immer wieder komme ich an kleinen Orten, Weinbergen und weiten Auenlandschaften vorbei. Bei Altenwörth ragt das gewaltige Wasserkraftwerk über den Fluss, später wirkt Tulln mit seiner Altstadt und den vielen Grünflächen deutlich ruhiger und freundlicher als die größeren Städte zuvor.

    Das Wetter zeigt sich jetzt von seiner besten Seite. Bei strahlendem Sonnenschein und kräftigem Rückenwind komme ich schnell voran. Nach den kalten und nassen Tagen zu Beginn der Reise fühlt es sich fast unwirklich an, plötzlich in kurzer Kleidung unterwegs zu sein.

    Schließlich erreiche ich Wien. Nach den vielen ruhigen Tagen auf dem Land wirkt die Stadt groß, lebendig und beinahe überwältigend. Gleichzeitig fühlt es sich schön an, wieder vertraute Gesichter zu sehen. Ich besuche meine Freundin Steffi, die in einer Wohnung mit tollem Blick über die Stadt lebt.
    Ich bleibe nicht nur eine Nacht, sondern entscheide mich auch hier spontan für einen zusätzlichen Tag.
    Als ich Wien schließlich wieder verlasse, fühlt sich vieles noch vertraut an. Die Stadt ist mir nicht fremd, ich war schon mehrmals hier und die Zeit mit Steffi lässt den Aufenthalt beinahe wie einen kurzen Abschnitt Alltag wirken.
    Gerade deshalb wird mir in diesem Moment umso deutlicher, dass sich nun etwas verändert. Mit jedem Kilometer, den ich mich von Wien entferne, lasse ich nicht nur die Stadt hinter mir, sondern auch ein Stück Vertrautheit. Die kommenden Länder, die Sprachen, die Landschaften, vieles davon ist neu für mich.
    Wien wird so rückblickend zu einem Ort des Innehaltens. Noch einmal durchatmen, Kraft sammeln und sich sortieren, bevor die Reise in eine Richtung weitergeht, die sich weniger bekannt anfühlt.

    Nach dem Aufenthalt in der Hauptstadt geht es weiter entlang der Donau in Richtung Osten. Kurz hinter Wien verändert sich die Landschaft noch einmal. Im Nationalpark Donau-Auen wird der Radweg wieder ruhiger und führt durch dichte Wälder und vorbei an alten Flussarmen. Mehrere Schlösser sorgen zwischendurch für Abwechslung, bevor ich schließlich die slowakische Grenze erreiche und mir wenig später wieder einen ruhigen Platz für die Nacht in einem kleinen Waldstück suche.
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  • Unterwegs in Böhmen

    31 Mar – 4 Apr, Republik Ceko ☁️ 6 °C

    Nach der Ankunft in Karlsbad fühlt sich am nächsten Morgen vieles noch ruhig und geordnet an. Die Eindrücke aus dem Erzgebirge wirken nach, doch gleichzeitig verändert sich die Reise spürbar. Der Schnee verschwindet, die Wege werden wieder besser befahrbar und ich lasse die winterlichen Bedingungen langsam hinter mir.
    Karlsbad selbst wirkt fast ein wenig unwirklich. Die pastellfarbenen Häuser, die eleganten Kolonnaden und die vielen heißen Quellen geben der Stadt eine besondere Atmosphäre. Zwischen Spaziergängern und Kurgästen fahre ich aus dem Tal hinaus und bin wenig später wieder für mich.

    Die folgenden Tage führen mich durch weite Teile West- und Südböhmens. Die Landschaft ist geprägt von Wäldern, sanften Hügeln und immer wieder kleinen Orten, die ruhig und oft etwas verschlafen wirken.
    Zu den kulturellen Highlights entlang der Strecke zählen die zahlreichen Burgen und Schlösser, etwa in Manětín und Blatná, sowie die historischen Kerne der Städte Vodňany und Budweis. Immer wieder ergeben sich kleine Abstecher oder kurze Stopps, bei denen sich ein Blick auf diese Orte lohnt, bevor es weitergeht.

    Das Wetter zeigt sich in diesen Tagen von ganz unterschiedlichen Seiten. Phasen mit Sonne wechseln sich mit dichten Wolken und einzelnen Schauern ab. Manchmal bleibt es für einige Stunden trocken, dann ziehen wieder dunklere Wolken auf. Es ist dieses wechselhafte Wetter, das den Rhythmus der Tage mitbestimmt.

    Die ersten Nächte verbringe ich noch bewusst in festen Unterkünften. Nach den kalten und nassen Bedingungen im Erzgebirge fühlt es sich richtig an, es zunächst etwas ruhiger angehen zu lassen und dem Körper Zeit zu geben, sich an die Belastung zu gewöhnen.
    In Karlsbad, Žlutice und später noch einmal in der Nähe von Pilsen habe ich jeweils ein Dach über dem Kopf.
    Erst danach beginne ich wieder zu zelten. Der Übergang kommt schnell und die erste Nacht draußen ist direkt eine Herausforderung. Die Temperaturen fallen bis auf minus vier Grad und am Morgen liegt eine spürbare Kälte über der Landschaft. Es ist ein Moment, in dem mir noch einmal bewusst wird, dass die Reise gerade erst begonnen hat.

    Unterwegs begegnen mir immer wieder Menschen, doch Gespräche bleiben meist kurz. Die Sprachbarriere ist deutlich spürbar, vieles beschränkt sich auf einfache Worte oder Gesten. Trotzdem sind die Begegnungen freundlich. Oft sind es kurze, ruhige Momente, ein Nicken, ein Lächeln oder eine kleine Hilfe am Wegesrand.

    An einigen Tagen gönne ich mir zur Mittagszeit eine Pause in einem der kleinen Restaurants entlang der Strecke. Die Küche ist herzhaft und einfach. Immer wieder stehen Knödel in verschiedenen Varianten auf dem Tisch, oft kombiniert mit Fleisch und kräftigen Soßen. Es sind diese warmen Mahlzeiten, die an kühleren Tagen besonders guttun und für eine Weile neue Energie geben.

    Mit jedem Kilometer wird das Fahren vertrauter. Die Abläufe stellen sich ein, die Tage bekommen eine klare Struktur und vieles passiert inzwischen ganz automatisch.
    Je näher ich der österreichischen Grenze komme, desto ruhiger wird die Umgebung. Die Orte liegen weiter auseinander, die Landschaft wirkt weiter und offener.
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