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  • Eva Leberer

Der Nase nach

Richtung Süden und dann? - Mal schauen. Baca lagi
  • Istanbul - Ornekköy

    28 September 2024, Turki ⋅ ⛅ 22 °C

    Um mir Kilometer Stadtfahrt zu sparen, nehme ich direkt die Fähre nach Yavola. Außerdem trägt das eventuell noch ein bisschen zur Schonung bei, da die Erkältung der letzten Tage noch nicht so ganz verschwunden ist und mein Kopf sich noch etwas matschig anfühlt.

    Auf der anderen Seite des Wassers ist plötzlich alles ganz anders. Mit der Fähre lande ich mehr oder weniger direkt auf einem Basar. Touristen sind hier fast keine mehr unterwegs, es sieht deutlich weniger westlich aus und die Preisschilder der Döner- und Pideläden scheinen geringere Zahlen zu zeigen. Auch ziehe ich mit meinem Rad deutlich mehr Blicke auf mich, vermutlich gibt es hier sonst nicht so viele Radfahrende zu sehen – auf jeden Fall mal wieder etwas, woran man sich gewöhnen muss.
    Gleichzeitig steigt damit aber auch wieder die Gastfreundschaft. Erst werde ich von den Gemüse- und Obstverkäufern, bei denen ich mich mit Tomaten, Äpfeln und Nektarinen versorgt hatte, auf einen Tee eingeladen. Dann wird mir am Iznik-See von einer älteren Männergruppe ein Tee angeboten. Schließlich, als ich gerade am See mit dem Kochen anfange, kommt ein weiterer Mann mit seiner Familie vorbei, um mir etwas Brot, Kekse und einen Instantkaffee zu schenken und kurz seine eigene Radlererfahrung von der Türkei nach Griechenland und Georgien zu teilen. Ich denke, ich muss lernen, häufiger abzulehnen, um überhaupt noch ein paar Kilometer zu radeln!
    Am See campen übrigens etliche Einheimische. Es ist quasi ein kostenloser Camping- und Caravanplatz vorhanden, und nur für den Toilettengang werden ein paar Lira verlangt. Camping scheint hier fast Volkssport zu sein, etliche Familien, Männer- und Frauengruppen sind hier. Die meisten kochen mit kleinen Holzöfen oder auf dem Grill, manche mit dem Gaskocher. Obligatorisch scheinen aber für alle die Teekannen zur Çajzubereitung zu sein.


    Nachtrag zum letzten Tag in Istanbul:
    Mein letzter Abend in Istanbul barg dann noch eine Überraschung. Adrien hatte von der Oper erzählt, die er zusammen mit einer Kollegin und deren Bekannten besuchen wollte. Die Carmina Burana im Atatürk Kültür Merkezi. Leider waren die Tickets aber schon länger ausverkauft gewesen. Eine gute Stunde vor Beginn (20 Uhr) gab es dann aber noch eine schnelle Nachricht von Adrien, ich solle noch vorbeikommen. Ca. 19:45 Uhr stand ich dann vor dem Opernhaus, 19:58 Uhr bekam ich von Adrien ein Ticket per WhatsApp zugeschickt. Ich huschte noch schnell durch den Einlass und suchte meinen Platz, als auch schon fast die Oper, die sich als Ballett entpuppte, begann. Die Aufführung war unglaublich imposant und eindrucksvoll mit großem Orchester und etlichen TänzerInnen.
    Eine gute Stunde nahm sie in Anspruch und endete mit tosendem Applaus und Standing Ovations. In den hinausströmenden Massen fand ich dann auch Adrien und seine Gruppe wieder. Wie ich nun erfuhr, war eine Person krank geworden, sodass spontan ein Ticket frei wurde. Was für ein Zufall!
    Als es im Anschluss hieß, man würde noch etwas trinken gehen, schwante mir (und Adrien vermutlich auch) nichts Böses und wir fanden uns in einer luxuriösen Bar über der Oper wieder, wo ich wohl den teuersten Cocktail meines Lebens trank – na ja, da das Opernticket kostenlos war, alles in allem doch ein finanzierbarer Abend. Nur die Rechnung von einer der Begleiterinnen und ihrer Tochter hätte ich nicht bezahlen wollen, und ich fragte mich lediglich, mit wem wir hier gerade eigentlich unterwegs waren und was für Jobs die Leute hatten bzw. was sie verdienten.
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  • Müll, Gastfreundschaft, Müll

    29 September 2024, Turki ⋅ ☀️ 28 °C

    Orhangazi - Günyurdu

    Die Nacht war leider nicht ganz so erholsam, da einige Männer noch lange getrunken und Party gemacht haben. Die Überbleibsel sind traurigerweise noch als Müll- und Flaschenhaufen an einigen der Picknicktische zu finden.
    Erfreulicherweise kommen aber ein paar Mitarbeiter von der städtischen Müllabfuhr vorbei, die diese aufsammeln und das Ganze fotografisch dokumentieren, um es später über Social-Media-Kanäle öffentlich zu machen – schön zu sehen, dass sich hier etwas tut!

    Meine weitere Strecke führt mich zunächst entlang des Sees und dann über die Berge in die nächste Ebene. Die Gegend ist stark landwirtschaftlich geprägt. Walnussbäume, Pfirsichbäume, Mais- und Paprikafelder sowie Sonnenblumenfelder. Gleichzeitig scheint es sich aber auch um eine ärmliche Gegend zu handeln. Neben oder in den großen Feldern sind häufig kleine Container oder Zeltsiedlungen zu sehen, die die FeldarbeiterInnen zu beherbergen scheinen. Unter den Arbeitenden auf den Feldern sind leider auch sehr junge Kinder mit ihren Müttern. Kinderarbeit oder Arbeit mit "Kinderbetreuung"? Ich frage mich, ob die FeldarbeiterInnen aus der Türkei stammen oder aus ärmeren Ländern bzw. vielleicht sogar hierher geflohen sind.

    Bei der Weiterfahrt passiere ich viele kleine Dörfer. Es ist gar nicht so einfach, einen Supermarkt oder ein Bistro aufzutreiben. Nach einigen Durchfragen werde ich allerdings in Söylemis fündig. In einem Gebäude versteckt sich im Seiteneingang ein kleiner Lahmacun-Imbiss. Überraschung: Nuran, die Köchin, und ihr Bruder Emin waren beide einige Zeit in Deutschland und sprechen mal wieder Deutsch. Während auf der Straße Sonnenblumenkerne getrocknet werden und ein LKW mit Blumenkohl beladen wird, schaue ich zu, wie mein Lahmacun gemacht wird, und verspeise diesen. Beim Abschied bekomme ich dann sogar noch einen der Ayranbecher als Erinnerung geschenkt und kann einem der Dorfkinder noch die Bremse am Fahrrad einstellen. Wieder einmal ganz liebe Begegnungen!

    Der weitere Weg führt mich wieder in die Berge, wo ich eine Talsperre zum Übernachten ansteuern möchte. Kurz vor dem Dunkelwerden hält noch einmal ein kleiner Truck mit drei Männern neben mir. Auch wenn man zunächst immer ein mulmiges Gefühl hat, ist auch hier schnell klar, dass sie ihre Hilfe anbieten, mir mitteilen, dass es gleich dunkel wird, fragen, ob ich schon einen Schlafplatz und Essen habe, und mir noch Brot anbieten. Ich versichere mich nur, dass ich am See übernachten kann.
    Tatsächlich braucht es etwas länger bis zum See, und ich muss noch etwas weiter fahren, um Wasser zu holen. Dann finde ich jedoch einen guten Zeltplatz, wo bereits sechs Türken ein Lagerfeuer machen. Auch von ihnen bekomme ich noch Brot, Getränke und Snacks angeboten und unterhalte mich noch eine Weile (per Google-Übersetzer) mit ihnen. Leider ist Umweltbewusstsein bei ihnen nicht so ganz vorhanden, und die Hälfte ihrer Getränke und ihres Mülls wird liegengelassen, als sie aufbrechen.
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  • Matsche und Fahrradunterkunft

    30 Sep–6 Okt 2024, Turki ⋅ ⛅ 16 °C

    Günyurdu - Eskişehir

    Obwohl gestern noch sternklarer Himmel war, fängt es am frühen Morgen an zu regnen und leicht zu gewittern. Zunächst ist das Gewitter noch ein gutes Stück entfernt, als es dann näher kommt und heftig rummst, scheint mir Aussitzen doch keine Option zu sein. In Windeseile, die anderen möglicherweise wie Schneckentempo vorkommt, packe ich zusammen. Als ich fertig bin, ist das Gewitter dann auch vorüber und es regnet nur noch. Der Weg zurück auf die Straße nimmt dann – auch wenn es nur gute 50 m sind – fast eine Viertelstunde in Anspruch. Der Lehmboden ist so aufgeweicht und klebrig, dass das Rad nach 10 m komplett blockiert, weder Fahren noch Schieben geht. Alles ist mit Lehmschlamm voll und auch meine Sandalen haben jeweils ein Kilo Zusatzgewicht gewonnen.
    Fluchen und Tragen hilft und am Ende stehe ich wieder auf der Straße. Glücklicherweise war ich ja bereits gestern Abend auf Wassersuche. Also erst mal wieder zur Friedhofsquelle, Fahrrad putzen, frühstücken und warmen Tee kochen.

    Etwas fröstelnd geht es dann anderthalb Stunden später in Regenmontur los. Wie ich eine Weile später feststelle, scheinen meine Goretex-Schuhe und der Regenüberzieher bei ihrer langen Zeit im Packsack ihre Funktion vergessen zu haben. Zumindest fühlen sich meine Füße trotz der Kombination ungewöhnlich feucht an. Gibt es eigentlich wirklich zuverlässige Outdoor-Ausrüstung...? Natürlich nicht, denn sonst würde man viel seltener einen Grund finden, zur Mittagspause im Restaurant einzukehren oder andere Teepausen zu machen.
    Daher begebe ich mich nach gut 30 km, als ich Bozüyük erreiche, erst einmal in ein gut besuchtes Restaurant oder Lokantasi, ich weiß es nicht genau. Auf jeden Fall gibt es hier wieder sehr leckeres und preiswertes Essen und einen zuckerigen Çaj von super freundlichen und offenen Menschen :)

    Die restliche Strecke kann ich nach dem Mittagessen im Sonnenschein und mit Rückenwind zurücklegen und komme so schnell in der spendenbasierten Fahrradherberge in Eskişehir an (Empfehlung von Marcel, den ich in den Pyrenäen traf und der mir etwa zwei Wochen vorausradelt). Hier treffe ich auf einige andere Radreisende aus Deutschland (Antonia), Frankreich (Noé und Aude) und später der Schweiz (Chris und Oli). Ich beschließe ein paar Tage hier zu bleiben und mich auszukurieren. So haben wir eine schöne Zeit mit vielem Quatschen und gemeinsamem Kochen. Mit drei bis vier Kochern kann man schon einiges zaubern, was im kulinarischen Genuss von Milchreis, Rührei, Spiegelei, gekochten Eiern, Curry, Bulgursalat, Rahmsaucen und so weiter mündet.

    Neben dem gemeinsamen Kochen vergehen die Tage mit viel Schlafen, einem Ausflug nach Eskişehir, Routenplanung und einem kleinen Kunstprojekt (übriggebliebene Farbe des größeren Kunstprojektes der beiden französischen ArchitektInnen).
    Eskişehir überrascht zudem mit unerwarteter Größe (irgendwas zwischen einer halben und einer Million), einem westlich geprägten Stadtbild mit Venedig-gleichen Gondeln und fast durchgehend barrierefreien Fußwegen sowie Menschen mit Kameras, die uns (mit unseren Rädern) so interessant finden, dass sie Fotos von uns machen. Letztere Gelegenheit nutzen wir direkt für ein Gruppenfoto.

    Die einzige trübe Stimmung dieser Tage kommt beim Vorbeifahren an den Zeltunterkünften der Erntehelfer*innen bzw. Erntehelferfamilien auf. Von Einheimischen bekomme ich auf Nachfrage mitgeteilt, dass sie meistens aus dem Osten der Türkei stammen und vermutlich KurdInnen sind. Ich frage mich, wie die Menschen wohl bezahlt werden und wie die Arbeitsbedingungen sind. Die Zeltunterkünfte sehen zumindest schon krass aus.
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  • Ein kurzes Wiedersehen

    6 Oktober 2024, Turki ⋅ ☁️ 25 °C

    Eskişehir - ≈Yazılı

    Einen zusätzlichen Tag blieb ich am Ende doch noch in der Radlerunterkunft Velesbid Eskisehir Bisiklet Dernegi, um zwei bekannte Gesichter wiederzusehen. Ladina und Philipp, die Anna und ich in Bosnien bzw. Montenegro kennengelernt hatten, konnten mich durch meine vielen Pausentage einholen und der Empfehlung, in der Radlerunterkunft vorbeizuschauen, folgen (Mund-zu-Mund-Propaganda funktioniert bei Radreisenden immer noch sehr gut). Auch wenn es natürlich ein viel zu kurzes Wiedersehen war, waren es auf jeden Fall ein paar tolle Stunden und sehr schön. Vielleicht ist es aber auch ein Bis-bald, da unsere Routen doch ähnlich aussehen.

    Klischeemäßig spät – genau wie die beiden mich in Erinnerung hatten – breche ich um 13 Uhr nach Yazılı auf. Empfehlung von Locals: Dort soll es alte Tempel zu besichtigen geben.

    Die Strecke bis Seyitgazi ist relativ unspektakulär und führt auf einer großen Straße entlang. Highlight: Die erste Mülldeponie seit dem Balkan, die tatsächlich legal und professionell aussieht. Ich freue mich. Man kann sich scheinbar auch über Müll freuen, wenn er schön ordentlich entsorgt wird.

    Seyitgazi fällt mit einer riesigen Moschee auf, die auf einem Berg thront. Sie scheint eine etwas längere Geschichte zu haben, hinter der sich ein ganzer Gebäudekomplex verbirgt [1].
    Kurz hinter Seyitgazi verlasse ich die große Straße und es wird schnell deutlich einsamer. Leider wird es inzwischen schon um halb sieben dunkel und es scheint unrealistisch, mein heutiges Ziel noch zu erreichen. Gut 10 km vorher biege ich also in einen Feldweg ein und schlage mein Lager auf.

    [1] Auszug aus https://en.wikipedia.org/wiki/Seyitgazi?wprov=s…:
    "A complex (Turkish: külliye) dedicated to Battal Gazi and containing his tomb, a mosque, a medrese, cells and ceremonial rooms for dervishes as well as charitable services for the community such as kitchens and a bakery were built in 1208 on a hill overlooking the town by Ümmühan Hatun, wife of the Seljuk sultan Gıyaseddin Keyhüsrev I and further extended in 1511 by the Ottoman sultan Bayezid II. The shrine and the adjoining complex remain popular with local as well as foreign visitors."
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  • Von Zwiebeln überholt & ein paar Tempel

    7 Oktober 2024, Turki ⋅ ☁️ 25 °C

    Ein bisschen fühle ich mich heute Vormittag wie Indiana Jones. Links und rechts der Straße sind immer wieder alte Felsburgen, Tempel oder Höhlen zu sehen, sodass ich immer wieder anhalten muss. Das Highlight kommt dann aber erst noch in Yazılı. Das Midas Monument, eine alte Siedlung der Phrygier, die vor gut 3200 Jahren von Makedonien und Thrakien kamen und Anatolien besiedelten – zumindest sagen das die Infotafeln. Wenn es stimmt, auf jeden Fall beeindruckend, was mit den damaligen Werkzeugen so alles in den Stein gemeißelt wurde. An einem nicht fertiggestellten Tempel (oder so ähnlich) kann man noch das Vorgehen ableiten: Von oben nach unten und Form und Verzierungen in einem.

    Nach einer kurzen Kaffeepause im Café in Yazılı, das ansonsten nur aus Landwirtschaft und einer niedrigen zweistelligen Zahl an Einwohnern besteht, entscheide ich mich, nicht ganz den direkten Weg Richtung Salzsee einzuschlagen, sondern einen kostenlosen Campingplatz anzusteuern und vor allem mit dem Wind zu fahren. So habe ich zumindest heute Spaß, und morgen kann es ja sowieso regnen, stürmen oder schneien.

    Auf dem nun eingeschlagenen Weg riecht es kräftig nach Zwiebeln. Links und rechts von mir auf den Feldern ist Zwiebelerntezeit, und etliche rote Säcke wurden bereits abholbereit zusammengepackt. Ein paar LKWs, die aussehen, als kämen sie gerade von der Baustelle, transportieren die Zwiebelsäcke (vermutlich) in die nächste Stadt, Çifteler.
    In Çifteler kaufe ich zunächst Kekse und Nüsse, erkundige mich dann nach einem Markt und werde nach einem kurzen Gespräch mit einem Mann und nachdem sich etliche Kinder mit Fahrrädern oder Rollern um mich gesellt haben, von letzteren zum Supermarkt gelotst. Eine nette und freudige Schar Kinder, nur frage ich mich, wie sie mit ihren ca. 10 oder 12 Jahren schon einen Rollerführerschein gemacht haben können. ;)

    Der Einkauf dauerte länger als gedacht, sodass ich die restlichen 27 km bis zum Camping teilweise in der Dunkelheit fahre. Unterwegs fällt mir dann auf, dass ich vergessen habe, Zwiebeln zu kaufen. Wie konnte das nur passieren, wo ich doch heute sicher von über 100 Tonnen Zwiebeln überholt wurde? Na ja, das Abendessen wird dann ohne Zwiebeln zubereitet, denn die zwei Niederländer, die ich mit ihrem Landcruiser am Camping treffe, haben leider auch keine dabei.
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  • Pannekoken Geburtstagsfrüstück

    8 Oktober 2024, Turki ⋅ ☀️ 27 °C

    Bereits gestern Abend quatschte ich mit meinen Campingnachbarn, Jeffrey und Marit, aus den Niederlanden. Und weil man eben auch schnell mal nach dem Alter fragt, war mein Geburtstag heute kein Geheimnis mehr. So luden mich die beiden zum Frühstück auf Kaffee und Pannekoken ein – nicht aus dem Pannekoken-Haus, sondern aus dem Toyota Pannekoken-Landcruiser. Zwischenzeitlich gesellte sich noch eine große Schaf- und Ziegenherde dazu, die jedoch frühzeitig auf Futtersuche weiterzog. Wir hatten ein ausgedehntes, leckeres Frühstück mit tollen Gesprächen über das Reisen (die beiden waren auch schon in Marokko und der Vergleich mit der Türkei ist immer interessant) und die verschiedenen Arten zu reisen: Fahrrad, Motorrad, Van oder Jeep. Letztere sind bestimmt auch mal spannend, aber schon einfach deutlich teurer.

    Danach ging es für mich auf der quasi Autobahn bis nach Sivrihisar, wo ich in einem kleinen Café meine Mittagspause und etwas WLAN genoss. Wie ich hier herausfand, handelt es sich bei den Bergwerken, die ich gestern Abend passierte, um Goldminen – irgendwie spannend.

    Nach der Mittagspause ließen sich die letzten Kilometer auf der großen Straße noch gut mit Podcasts überbrücken, bevor ich in eine kleinere Nebenstraße abbog. Die Landschaft veränderte sich hier stark: ein nun kleineres Tal (immer noch groß), links von Hügeln und rechts von einer höheren Ebene und ein paar Bergen eingeschlossen. Noch immer war hier viel Landwirtschaft zu sehen, wenngleich ich mich fragte, wie auf den inzwischen abgeernteten, trockenen Feldern überhaupt irgendetwas wachsen kann. Bis auf die bewässerten Felder und einen Bach war kaum Grün zu sehen. Wo mag wohl das ganze Wasser für die Bewässerung herkommen und wie lange reicht es noch?

    Beim Wasserauffüllen in einem der nächsten Dörfer wurde ich von einem Mann angesprochen, der mich zu sich nach Hause auf Tee einlud. Er hatte bereits vorher erzählt, zumindest so gut es die Übersetzung zuließ, dass vor einiger Zeit Menschen mit dem Fahrrad vorbeigekommen waren. Nun zeigte er mir eine Postkarte, ein Bild mit ihm und zwei RadfahrerInnen, abgeschickt im Juli aus Georgien. Er hatte auch die Handynummer der beiden, die ich wählen sollte, um mich zu bedanken. Wie zu erwarten war, war jedoch niemand erreichbar – was er so gar nicht verstehen konnte.
    Warum tutete es? Warum antwortete keiner? Das einem älteren Menschen, der scheinbar kein Telefon besaß und wahrscheinlich auch nicht (so gut) lesen und schreiben konnte, zu erklären, war gar nicht so einfach. Auch die Sätze, die er in meine Übersetzungs-App sprach, waren so lang, dass immer nur die ersten Worte verarbeitet werden konnten. Was den Anrufversuch anging, erschien er mir ziemlich enttäuscht und es tat mir leid, dass er sich nicht bedanken konnte. Ich versprach, den beiden RadlerInnen eine Nachricht zu schreiben und ein Bild von ihm zu schicken, und verabschiedete mich dann, um weiterzufahren.

    Da es nun schon etwas später geworden war, radelte ich nur noch ein kurzes Stück weiter, um mir dann, etwas abseits der Dörfer und der Straße, einen kleinen Hügel zu suchen. Hier konnte ich kochen, den Sonnenuntergang genießen und noch etwas telefonieren.
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  • Kernig knusprige Einöde und Gastfreunds.

    9 Oktober 2024, Turki ⋅ ☀️ 28 °C

    ? - Kerpiç

    Obwohl es weder regnet noch windet, ist der Morgen bereits relativ frisch. Die Sonne braucht etwas, bis sie ihre volle Kraft entwickelt, was mich davon abhält, mich heute Morgen in irgendeiner Form zu beeilen.

    Als ich dann unterwegs bin, rolle ich im Fünf- bis Zehn-Kilometer-Takt durch kleine Dörfer. Eines, Yenice heißt es, fällt direkt stärker auf, da ich direkt zweimal auf Englisch angesprochen werde, gefragt werde, wie es mir geht, ob ich irgendetwas brauche (Wasser, Brot, Wegbeschreibung) bzw. zum Tee eingeladen werde. Ich bin eigentlich schon fast am Haus vorbeigefahren, als ich doch umdrehe und die (zweite) Teeeinladung annehme, vielleicht erfahre ich ja etwas über die Leute und die Gegend.
    Und tatsächlich folgt ein interessantes Gespräch mit Gökcen, der in jungen Jahren (19 oder war das die spätere Begegnung?) nach Kanada ging, zunächst Maurer war, sich hocharbeitete und nun mit seinem Bruder eine Baufirma besitzt. Sein Bruder ist noch dort, er inzwischen wieder zu Hause in seinem Dorf, weil ihm die Landwirtschaft Spaß macht, auch wenn die mit der Inflation (und der Regierung, die an dieser Schuld habe) nicht so leicht sei. Ich frage auch, wie das Bewässern der ganzen Pflanzen funktioniert, werde aus der Antwort aber nicht ganz so schlau. Alles werde bewässert, in drei Wochen, wenn gesät wird, fange man damit wieder an und es gäbe große Pumpen und ein Reservoir. Warum der Fluss dennoch so wenig Wasser führt und wie es um den Grundwasserspiegel steht, bleibt leider ungeklärt bzw. ich verstehe nicht ganz, ob der Wasserstand des Flusses für diese Jahreszeit wohl normal ist.
    Als ich mich verabschiede und noch ein Foto mache, werden mir noch Unmengen an Sonnenblumenkernen geschenkt, die ich erfolglos abzulehnen versuche. Die nächsten Kilometer habe ich ganz schön was zu knuspern.

    Den Rest des Tages geht es weiter durch trockene Landschaften entlang abgeernteter Felder. Schatten gibt es quasi keinen und auch Supermärkte finden sich nicht – das Angebot eines kleinen Ladens beschränkt sich quasi auf Schokoriegel und Softdrinks. So knuspere ich mich einfach von einer Handvoll Sonnenblumenkerne zur nächsten. Was ich unterwegs aber tatsächlich doch noch finde, sind einige Zwiebeln, die wohl vom LKW gefallen sind und von mir bis zur nächsten zu kochenden Mahlzeit adoptiert

    Zu jeder kommt es heute allerdings gar nicht mehr. Als ich durch das Dorf Kerpiç fahre, werde ich von einem jungen Mann, der gerade über Heuballen stapft, angesprochen. Ergün, wie ich später erfahre. Auch er erkundigt sich freundlich und hilfsbereit wie so viele andere, wohin es geht, ob ich etwas brauche und ob ich Hunger habe. Da ich seit dem Frühstück nur Sonnenblumenkerne geknackt habe, fällt meine Antwort auf die letzte Frage doch etwas stotternd aus, sodass ich kurzerhand zum Essen und Übernachten eingeladen werde. Überraschenderweise spricht Ergüns Vater, Osman, etwas Deutsch, weil er früher immer mal wieder in Europa und unter anderem in der Schweiz und Mannheim gearbeitet hat. Auch Ergün hat einige Zeit in Belgien und dann in Antalya gekellnert. Nun kümmern sie sich zusammen mit seinem Vater und Onkel um den Hof mit gut 200 Kühen (und ich weiß gar nicht, was noch so alles dazugehört). Während mir Essen gereicht wird (ich weiß gar nicht, wie ich mich für dieses spontane Festmahl dankbar zeigen kann), ist Osman die Freude anzusehen, sich ein bisschen auf Deutsch unterhalten und erzählen zu können.
    Im Anschluss geht es zum Çay ins Haus. Das Vorstellen seiner Frau, die ab Betreten der Türschwelle das Sagen zu haben scheint, fühlt sich fast wie ein zeremonieller Moment an. Im Wohnzimmer unterhalten wir uns noch eine Weile weiter über meine Reise, Essen, meine Familie (ob meine Mutter denn bei so einer Reise keine Sorge habe (kam von der Mutti)) und ihre Familie (der Bruder Ergüns, der in Mannheim arbeitet). Fotos zeigen ist dabei auch immer eine gute Sache, insbesondere dann, wenn die eigene Mutter zufälligerweise gerade in Deutschland ebenfalls mit Kurdinnen am Teetrinken ist!
    Im Hintergrund unserer Teezeremonie läuft der Fernseher mit ein paar Nachrichten (unter anderem wird über die Hundesteuerrekordeinnahmen in Deutschland berichtet) und später eine Kochshow. Ersteres bringt auch die Politik mit in die Gespräche, die in der Türkei ganz katastrophal, korrupt und diktatorisch sei. So klare Worte hatte bisher noch niemand über Erdoğan geäußert.
    Bevor ich mich ins Bett verabschiede, frage ich noch, wann Ergün morgen früh zu arbeiten bzw. Kühe zu melken beginnt (heute Abend hatte ich ihn nur einen Eimer Milch tragen sehen) und melde mich direkt zum Dienst. Osman muss direkt schmunzeln, da die Deutschen immer „schaffen“ (die Zeit in Süddeutschland hat ihren Dialekt hinterlassen) wollen.
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  • Ein ereignissreicher Tag

    10 Oktober 2024, Turki ⋅ ☁️ 24 °C

    Um sechs Uhr war ich wach, um bei der morgendlichen Farmarbeit zu helfen. Tatsächlich wusste ich aber nicht genau, wie ich mich als Gast im Haus bewegen sollte. Tatsächlich klopfte es dann aber kurz nach sechs an der Zimmertür. Ich machte mich schnell fertig und Osman brachte mich zum Stall, wo Ergün bereits mit der Arbeit begonnen hatte. Zunächst war Stallausmisten angesagt, danach Stroh und Futter in den Trögen verteilen und am Ende noch das Melken der Milchkuh. Letzteres ging mit Maschine und da es sich nur um eine Kuh handelte, tatsächlich sehr fix. Die Milch kam danach in die Kühltruhe, um später für den Eigenbedarf an Käse (und vielleicht noch anderen Produkten) zu dienen. Damit war die Morgenschicht getan und es ging zum Frühstücken in Ergüns Haus. Hier hatte Ergüns Frau schon aufgetischt. Interessanterweise scheint Gugelhupf hier ein Ding zu sein. Nach dem Frühstück werden die Kinder zur Schule gebracht – mit dem Auto, auch wenn es nur 500 Meter sind. Eine Gelegenheit, Status zu zeigen? Denn dafür sind Autos hier schon auch da (kann mir keiner erzählen, dass Limousinen praktisch sind).

    Als wir zurück sind, verabschiede ich mich, komme aber gar nicht weit, bis mich ein Hirte zum Tee einlädt. Er ist Afghane und scheint Tag und Nacht bei der Herde zu sein. Zum Schlafen dient eine Art schwerer Biwaksack, wenn man es so bezeichnen möchte, bestehend aus zusammengenähten Decken (glaube ich), die von außen etwas gegen Regen imprägniert zu sein scheinen. Zum Schutz gegen Wölfe gibt es den Schäferhund und eine Pistole. Schon krasse Bedingungen.
    Dummerweise gab ich, um Übersetzungsschwierigkeiten beizukommen, meine Nummer raus und bekam später weirde Nachrichten und Videos geschickt – man lernt ja schon als kleines Kind, dass man das nicht macht … naja.
    Auf der weiteren Strecke werde ich in
    Kozanli von der Polizei zur Seite gewunken. Das erste Mal überhaupt.
    Nun ich sah wohl durstig aus, denn man wollte mir einen Çay anbieten. Inzwischen habe ich aber gelernt auch mal abzulehnen, um auch etwas voran zu kommen.

    Das nächste Ereignis lässt dann auch nicht lange auf sich warten, als mich ein Transporter überholt, freundlich hupt und ein kleiner Junge auf dem Beifahrersitz irgendwelche freudigen Ansagen mit einem Mikrofon macht. Hinter der nächsten Kurve hält dann der Transporter und der kleine Junge kommt strahlend mit einer Melone entgegen, die er mir schenken (oder verkaufen?) möchte. Das Rad ist leider wirklich gut bepackt und so muss ich trotz der niedlichen Aktion und vielleicht auch zur kleinen Enttäuschung des Jungen ablehnen.

    Früh zum Mittagessen komme ich in Kulu an. Der Kontrast zwischen den Dörfern und den mittelgroßen Städten ist immer wieder erstaunlich. Hier steppt der Bär, und nicht nur die ganze Stadt scheint auf den Beinen zu sein, sondern gefühlt sind auch alle aus der näheren Umgebung hier. Ich suche einen Dönerimbiss auf und werde direkt zweimal überrascht: Zunächst spricht hier mal wieder jemand Deutsch, und als ich schließlich bezahlen möchte, heißt es erst, dass es schon passt, und als ich protestiere, dass die Leute vom Nachbartisch schon für mich bezahlt hätten. Die Gastfreundschaft und Freundlichkeit der Leute nehmen wilde Züge an, lassen mich etwas verlegen sein und ich fühle mich auch ein bisschen unwohl.

    Zuletzt erledige ich noch ein paar Einkäufe und radle noch ein paar Kilometer bis auf einen Hügel kurz vor dem Salzsee Tuz. Ruhe, ein Sonnenuntergang und auch sonst ein guter Ausblick beenden diesen ereignisreichen Tag.
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  • Weiter mit dem Esel

    11 Oktober 2024, Turki ⋅ ☀️ 25 °C

    Tuz Gölü - Balcı

    Ein toller Zeltspot auf dem Berg, eine ruhige Nacht, eigentlich passt alles. Dennoch habe ich nicht so gute Laune. Melancholische Stimmung. Wie weit soll ich fahren? Wann soll ich umdrehen?
    Erstmal losrollen, das lenkt ab. Nach kurzer Zeit treffe ich einen Hirten, bei dem ich mein Fahrrad gegen einen Esel eintausche. Scherz, der Esel schien kaputt gewesen zu sein, denn er hat sich gar nicht bewegt. Dementsprechend habe ich natürlich nicht getauscht! Nur ein paar Sonnenblumenkerne reiche ich ihm, als er mir die Hälfte eines Apfels anbietet. Dann muss er sich allerdings wieder seiner Arbeit widmen, da einige Schafe bereits auf das falsche Feld ausbüchsen.

    Kurze Zeit später treffe ich am Park4Night-Spot ein paar deutsche Aussteiger, Livi und Bernd, die mit einem Mercedes 4070D unterwegs sind. Sie haben in Deutschland alles aufgegeben und versuchen nun ihr Glück auf vier Rädern mit Social Media und Kryptohandel – oder haben es vielleicht schon gefunden. Viel Erfolg!

    Dann geht es über den Salzsee, der tatsächlich mehr Salz als See ist – zumindest auf der Nordseite. An der Ostseite passiere ich noch die Salzindustrieanlagen, bevor ich im nächsten Ort für ein zweites Frühstück bzw. vorgezogenes Mittagessen an einer Moschee halte (hier gibt es häufig Bänke, Schatten und vor allem fließendes Wasser, da sich vor den Gebeten immer gewaschen werden muss).
    Als ich gerade fertig bin und schon zusammenpacke, kommen einige Frauen aus der Moschee. Eine mümmelt etwas Brot, das sie mir schenken will. Aus Freundlichkeit nehme ich nach einem erfolglosen Ablehnversuch doch an. Leider werde ich diesmal jedoch keine Sonnenblumenkerne los, von denen ich immer noch ein Kilo oder so mit mir herumfahre.

    Der weitere Weg führt wieder durch triste, trostlose, bewirtschaftete Hügel. Ich stöpsele mir die Kopfhörer ins Ohr und starte ein Karl-May-Hörbuch. "Durch die Wüste" klang eigentlich ganz passend, ist aber von Wortwahl, Sprache und tatsächlichem Inhalt teilweise doch schwer zu ertragen, und ich frage mich, warum ich die Bücher als Kind so spannend fand. Auf das Hörbuch folgen Nachrichten, dann Musik, und schließlich komme ich gegen halb fünf in Ortaköy an, wo ich nun ein richtiges Mittagessen nachhole und noch ein paar Lebensmittel kaufe.
    Im Anschluss geht es weiter zu einem Stausee, den ich mir für heute Abend ausgesucht habe. Unterwegs halte ich noch einmal an einer Moschee, um Wasser aufzufüllen, was hier auch viele Einheimische tun und riesige Kanister in ihre Autos schleppen. Ich helfe beim Tragen und erkundige mich mäßig erfolgreich nach Zeltmöglichkeiten am Stausee. Schließlich steuere ich diesen einfach an und befinde ihn für gut – gute Nacht.
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  • Strom, Wasser und 50 % Sonnenuntergang

    12 Oktober 2024, Turki ⋅ ☀️ 25 °C

    Ich sitze irgendwo über meinem Nudeltopf. Eigentlich nicht irgendwo, sondern in Cappadocia, dem touristischen Cappadocia, wo die Heißluftballons aufsteigen sollen. Hoffentlich tun sie das morgen früh. Einen guten Ausblick sollte ich haben. Hinter mir stehen ein paar Camper. Es läuft orientalische Musik. Mein Versuch, Sonnenblumenkerne loszuwerden, war wenig erfolgreich – oder ziemlich erfolgreich, je nachdem, wie man es sieht. Zwei Hände voll Kerne bin ich losgeworden und habe mir stattdessen ein Stückchen Kuchen, einen Apfel und eine Apfelsine eingefangen.
    Ich sitze hier übrigens nur an diesem Platz, weil ich die drei Radreisenden aus der Radlerunterkunft in Eskişehir treffen wollte. Die sind allerdings zwischen irgendwelchen Felsen und Höhlen und der Weg dahin war mir im Dunkeln nicht ganz geheuer. Also werde ich hier mein Zelt aufschlagen, scheinbar darf man das ja.
    Den Sonnenuntergang habe ich übrigens auch verpasst, da ich in der vorletzten Stadt zu lange powerbankladend im Restaurant saß und in der letzten Stadt noch ins Tal fahren musste, um Wasser aufzufüllen. Nun habe ich also Wasser, Strom und einen halben Sonnenuntergang. Ach ja und natürlich ein Stück Kuchen, zwei Äpfel, eine Orange und zwei Hände Sonnenblumenkerne weniger. Eigentlich ganz okay, wenn morgen auch wirklich die Ballons zu sehen sind!

    Was passierte heute ansonsten noch? Ich traf einen Bauern, der zum Quatschen zu mir kam, als ich meine Kette putzte und der darauf wartete, dass Hilfe für den geplatzten Reifen seines Traktors (ja, die heißen tatsächlich häufig Türk Traktör hier) kam.

    Außerdem einen deutschen Taxifahrer aus Berlin, der zur Trauerfeier hier bei seinen Verwandten war, sich sehr gern unterhielt, begeistert von der Reise war und obwohl er immer los musste, doch noch ein neues Thema anschnitt.

    Und zuletzt einen Australier, der mein „Setup“ bewunderte und selbst wohl lange in einem Fahrradladen gearbeitet hatte und gerade auf Türkeireise ist.
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  • Cappadocia

    13 Oktober 2024, Turki ⋅ ☀️ 25 °C

    Heißluftballons gab es leider keine zu sehen – was für eine Enttäuschung. Tja, und auch sonst bin ich, was Cappadocia angeht, etwas zwiegespalten. Ja, die Felsformationen, die Höhlen, Häuser, Wohnungen und alten Kirchen, die in die Felsen gehauen wurden, sind schon klasse. Genauso wie die lange Geschichte, die dahintersteht, und was dieser Ort überhaupt für die kulturelle und gesellschaftliche Entwicklung bedeutete. Die Felskirchen, Kapellen und teils wohl auch Klöster sind Zeugen erster christlicher Gemeinschaften.

    Gleichzeitig wird die Gegend hier aber vollkommen vom Massentourismus und Angeboten, die nichts mehr mit der Geschichte zu tun haben, überschwemmt. Aus aller Herren Länder kommen nicht nur einzelne Menschen, sondern Reisegruppen, die mit dem Bus bis vor die Sehenswürdigkeiten gekarrt werden. Aber auch einzelne Reisende können mit ihrem Auto, egal wie schwer, durch die kleinen Wege mitten durch die Felsen fahren. Schade daran ist vor allem, dass viele von diesen Menschen absolut kein Natur-/Umweltbewusstsein und Kulturbewusstsein zu haben scheinen. Zwar liegt nicht übermäßig viel Müll herum, aber eben doch an Stellen, wo er eben wirklich nicht hingeraten sollte. Wundersam, bei den Preisen für Museen, der Hauptattraktion, Kamel-, Pferde- oder Quadtouren (ja, das trägt bestimmt zum Erhalt der Landschaft bei) oder einfach den Preisen für Essen oder Trinken, die ein Vielfaches (sechsfach für ein einfaches Bohnengericht) betragen. Da sollte doch eigentlich auch Geld für den Erhalt und die Sauberhaltung übrig bleiben. Absurd ist zudem, dass die VerkäuferInnen bzw. Anbieter dieser Attraktionen den Tag damit verbringen, so lange herumzusitzen und zu warten, bis ein paar Touristen mit zu viel Geld eines der überteuerten Angebote wahrnehmen. Krass, wenn man überlegt, dass wenige Kilometer weiter Menschen den ganzen Tag in praller Sonne auf den Feldern arbeiten, teilweise mit ihren Kindern, und dann noch in Zeltunterkünften ohne fließendes Wasser und mit provisorischen Toiletten leben.
    Es erinnert auch an die Touristenorte in Marokko, dort war es nicht anders: Wüstentouren, Kamel- und Pferderitte in den Sonnenuntergang usw.
    Ab einem bestimmten Punkt dreht sich eben alles nur noch ums Geld.
    Wie lange geht das hier wohl noch gut? Und wann hat sich der Ort selbst abgeschafft und zerstört?

    Wie dem auch sei, sehenswert ist es auf jeden Fall. Und wenn man sich etwas auf die einsameren Pfade konzentriert, kann man Quad- und Pferdekarawanen oder irgendwelche Limousinen, die sich in die Sandwege verirren, etwas ausblenden.
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  • Heiße Luft und klarer Fall

    14 Oktober 2024, Turki ⋅ ⛅ 25 °C

    Morgens werde ich von einem leisen Rauschen wach und schaue im Halbschlaf aus dem Zelt. Sollten tatsächlich die Heißluftballons aufsteigen? Ja! In Windeseile schnappe ich mir die Kamera, schlüpfe in die Sandalen und stolpere aus dem Zelt. In Boxershorts und Schlafshirt fange ich wild an, Fotos zu knipsen, bis mir doch etwas kalt wird und mir klar wird, dass ich vielleicht etwas komisch aussehe. Zum Glück ist ja niemand da.
    Beim anschließenden Frühstück sehe ich zu, wie die letzten Ballons herabsteigen, und mache mir Gedanken über die Route. Richtung Osten wird es immer bergiger, kälter und vermutlich auch regnerischer. Der Weg nach Hause wird ebenfalls länger. Wenn ich stattdessen nach Süden an die Küste fahre und dann irgendwie über Griechenland nach Italien, werde ich hingegen noch ganz ansehnliches Wetter haben. Außerdem ist es nicht mehr so weit zurück nach Hause. Der Fall ist also klar! Ich fahre Richtung Osten – vielleicht klappt Georgien ja noch (zumindest Nemrut und der Vansee, die mir sehr empfohlen wurden, sollten noch gut erreichbar sein)!

    Erster Stopp dahin ist Ürgüp, wo ich tatsächlich ein bis zwei Stunden damit beschäftigt bin, Postkarten aufzutreiben. Entweder gibt es nur Kühlschrankmagnete, irgendwelche komischen Glitzerpostkarten oder anderen Klimbim. Ansonsten ist Ürgüp aber tatsächlich etwas schöner als Göreme gestern. Es werden weniger Touren angeboten und alles ist irgendwie ein bisschen ruhiger und wirkt natürlicher (auch wenn es natürlich immer noch touristisch ist).

    Auf der weiteren Strecke ist vom Tourismus dann aber fast nichts mehr zu spüren. Ich komme noch durch ein paar Bergdörfer, die ebenfalls viele Höhlen(wohnungen) haben und steuere auf einen Pass zu, der mich den Erciyes, einen Vulkan mit fast 4.000 m Höhe erblicken lässt (leider ist es ziemlich diesig). Danach geht es noch eine Weile durch eine Ebene. Mit Rückenwind hole ich hier die vertrödelte Postkartenzeit wieder raus, beschließe dann aber vor dem nächsten Anstieg haltzumachen und kann gegen eine "Gebühr" von circa 5 Euro (die sehen sicherlich nicht das Finanzamt) in einer Art Naturpark übernachten.
    Beim Einkaufen im nächsten Dörfchen gesellt sich eine Schar Kinder mit Fahrrädern zu mir und beeindruckt mich mit verschiedenen Stunts. Trotz meines doch zeitlich ausgedehnten Einkaufs warten draußen alle auf mich und wollen mir dann unbedingt eine Tomate schenken – passend, denn Gemüse gibt es im Laden nicht und gleichzeitig kann ich wieder ein paar Hände Sonnenblumenkerne als Dankeschön loswerden. ;-)
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  • Doppelplatt

    15 Oktober 2024, Turki ⋅ ☁️ 19 °C

    Zunächst wollte ich heute Morgen noch die Vulkanumrundung vollenden. Darauf gab es in Develi dann erst einmal ein Stück Baklava und irgendein anderes süßes Gebäckstück. Im Anschluss suchte ich die Post auf, um eine in Auftrag gegebene Postkarte einzuwerfen.

    Als ich aus der Stadt hinausfuhr, kam ich leider nicht weit und hörte ein leises zischendes Luftentweichen. Immerhin ließ sich die Übeltäterglasscherbe so relativ leicht lokalisieren, und ich konnte auf das Ausbauen des Rades und das vollständige Abziehen des Mantels verzichten. Der Flicken ist schnell drauf, der Mantel ebenso schnell wieder an Ort und Stelle, nur das Pumpen mit der kleinen Pumpe braucht gefühlt eine Ewigkeit. Fast geschafft, denke ich, als ich wieder ein leises Zischen an derselben Stelle im Mantel vernehme. Hält der Flicken nicht? Also dasselbe Spiel von Neuem, doch der Flicken scheint zu sitzen. Tatsächlich finde ich nach kurzem Suchen ein zweites Loch an anderer Stelle. Hier hat ein Dorn sein Unwesen getrieben, steckte aber noch im Mantel, sodass die Luft an anderer Stelle entwichen ist. Schließlich ist auch hier ein Flicken drauf und auch das ewige Pumpen nimmt ein Ende, als ein Auto anhält und ein Mann mir seine Hilfe anbietet und mich auf einen Çaj einlädt. Das Haus sei direkt hinter dem Hügel links. Nach der Pumpaktion freue ich mich auf einen Tee, schlage aber die Idee aus, mich mit einem Spanngurt vom Auto ziehen zu lassen – keine Experimente heute (auch wenn’s bestimmt lustig gewesen wäre).

    Der Çay entpuppt sich als ganzes Mittagessen, als Aşık (wenn ich mich richtig erinnere) noch Brot, Tomaten, Weintrauben herbeiholt und beginnt, ein paar Stücke Fisch zu frittieren. Wieder einmal unglaublich diese Gastfreundschaft! Die Unterhaltung läuft mal wieder per Übersetzungs-App und kurz übers Telefon, als Aşık einen Verwandten in Deutschland anruft und mir das Telefon reicht. Nach dem Essen gibt es noch ein paar Gläser Çay. Dann verabschiede ich mich.

    Inzwischen ist es schon fast zwei Uhr und es stehen erst 20 km auf dem Tacho. Doch der Wind meint es gut mit mir und pustet mich erst durch die Ebene und dann den nächsten Berg hinauf. Diesen unterschätze ich etwas, da ich übersehen habe, dass er aus zwei Pässen besteht. Umso mehr ärgere ich mich, als ich das Angebot zweier Männer in einer Pritsche ausschlage, mich ein Stück mitzunehmen.

    In der Dunkelheit komme ich oben am Pass an. Gute Zeltplätze gibt es hier leider nicht und so rolle ich ins nächste Dorf, um mich zu erkundigen, ob ich irgendwo zelten darf. In Hanyeri ist es allerdings gar nicht so einfach, noch jemanden anzutreffen, es scheinen schon alle in ihren Häusern verschwunden zu sein. Wie es der Zufall will, kommt dann jedoch ein Auto mit deutschem Kennzeichen vorbeigefahren und hält an einem der Häuser – verrückt. Der Mann am Steuer kommt ursprünglich aus dem Dorf und besucht gerade Freunde. Er erkundigt sich kurz bei diesen und teilt mir dann mit, dass es kein Problem sei, drüben beim Dorfplatz (es scheint wie ein kleiner gemeinschaftlicher Treffpunkt zu sein) zu zelten. Foto folgt.
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  • Alle guten Platten sind drei

    16 Oktober 2024, Turki ⋅ ☀️ 12 °C

    Nach einer ruhigen Nacht unter dem Dach des Dorfplatzes (oder so ähnlich) gab es zunächst ein aufwärmendes Kaffee- und Porridge-Frühstück, denn morgens ist es draußen schon ziemlich frisch. Beim Zusammenpacken kam dann noch Ismael, den ich gestern fragte, ob ich hier übernachten könne, vorbei, um mir zwei Sandwiches und ein gekochtes Ei zu geben – wieder mal sehr lieb. Er erklärte mir noch, dass dieses Dorf kurdisch-alevitisch sei und es daher keine Moschee gebe, und wünschte mir dann eine gute Reise.

    Ich kam gut 20 km weit, als ich merkte, dass mein Vorderreifen Luft verlor. Damit hatte ich nun in zwei Tagen mehr Platten als in der ganzen Zeit zuvor – ich hoffe, es wird nicht zur neuen Normalität …
    Ich rollte noch bis ins nächste Dorf auf einen Kinderspielplatz, um mich an die Reparatur zu machen. Kurz darauf ertönte ein Pausengong, und der Kinderspielplatz entpuppte sich als Schulhof. Die gut 15 Kinder brauchten nicht lange, um mich zu entdecken und ihre frisch erworbenen Englischkenntnisse („What’s your name? How are you?“) an mir zu erproben. Auch alle beweglichen und Geräusche machenden Teile an meinem Fahrrad hatten sie schnell entdeckt und standen nun halb spielend, halb im Kreis und einer immer auf meine Hupe drückend um mich herum und schauten zu, wie ich den Schlauch flickte. Etwas später kam auch die Lehrerin dazu und bot mir einen Tee an. Eine lustige Situation. Kurz nach dem Gong war ich soweit fertig und wurde von einem etwas Deutsch sprechenden Mann direkt auf den nächsten Çay eingeladen.

    Diesmal in der originellen Dorfkneipe (falls es eine Çaystube auch als Kneipe bezeichnen kann). Hier saßen bereits einige ältere Herren, tranken fleißig Çay und spielten Karten. Eine sehr schöne, traditionelle Atmosphäre. Mit einem etwas Jüngeren kam ich ins Gespräch und wurde, nachdem ich von der Reise erzählte, wo ich hin will und dass ich Ingenieur sei, zunächst gefragt, ob ich hier Gold suche. Schade, dass ich darauf gar nicht mit „Ja“ antworten konnte, wäre bestimmt auch spannend gewesen! Wobei ich nicht ganz verstanden habe, wo es hier in der Gegend nun Gold geben soll und wie man überhaupt danach sucht.

    Im Anschluss ging es dann fix weiter durch schöne Berglandschaften und am Ende etwas über die Bundesstraße, bis ich in Göksun ankam. Hier erkundigte ich mich zunächst nach einem Fahrradladen, um den Luftdruck etwas zu erhöhen (nächstes Mal nehme ich Autoventile, dann geht das auch an jeder Tankstelle) und mich mit neuem Flickzeug einzudecken. Letzteres ging nämlich langsam zur Neige.
    Der Fahrradladenbesitzer empfahl mir dann direkt das Restaurant nebenan, das ich in der Hoffnung auf eine leckere Mahlzeit (und weil es dort eine Steckdose gab) ausprobierte. Allerdings entpuppte sich der Ort eher als Süßspeisenladen, was meinen hungrigen Radlermagen zunächst enttäuschte. Doch der Fahrradladenbesitzer hatte nicht zu viel versprochen, und ich erhielt einen kulinarischen Gaumenschmaus: Yari Yariya, was man sich etwa wie warmes Baklava mit ein bisschen Käse und einem Hauch Eiscreme vorstellen kann. Mit dem Namen bin ich mir allerdings nicht so sicher, weil dieser laut Übersetzung nur irgendetwas mit „halb und halb“ oder „zur Hälfte“ bedeutet … egal, lecker war’s.

    Nun war die Zeit schon etwas fortgeschritten, und ich musste mich beeilen, um noch den Stausee zu erreichen, den ich mir zum Übernachten ausgesucht hatte. Unterwegs dorthin wurden mir noch eine Handvoll Walnüsse in die Hand gedrückt. Und als ich mich am Stausee erkundigte, ob ich hier irgendwo zelten könne, wurde mir gesagt, dass ich mein Zelt in einem kleinen Rohbau aufschlagen könne (Foto folgt bei Tageslicht). Und wer hätte es geahnt, mir wurde noch ein Stück Fisch angeboten.
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  • Reihenhäuser, Herbsttäler und Sturm

    17 Oktober 2024, Turki ⋅ ⛅ 16 °C

    Gleich zu Beginn des Tages fielen mir etliche neu gebaute Einfamilienhäuser auf. Sie zogen sich entlang des Stausees und auch im Laufe des Tages gab es immer wieder Neubausiedlungen zu sehen. Gleichzeitig standen in einigen Dörfern und Städten noch viele Notfallzelte mit der Aufschrift AFAD, dem staatlichen Katastrophenschutz. Ich befand mich scheinbar in der Region, die vor gut zwei Jahren von einem der stärksten Erdbeben, das es jemals in der Türkei gab, getroffen wurde. Ich hatte den Eindruck, dass noch immer die Schwere und Betrübtheit dieses Ereignisses in der Luft lag und die Menschen ein bisschen weniger fröhlich und aufgeschlossen waren als in bisherigen Gegenden – kein Wunder bei circa 70.000 Toten.

    In Ekinözü machte ich Mittagspause. Ein großer Teil des Alltags schien sich hier noch in Containern abzuspielen, zum Beispiel der Imbiss, bei dem ich einen Döner bestellte, und ein paar andere Geschäfte nebenan. Nach dem Essen versammelte sich eine Gruppe Einheimischer um mich herum, und ich erklärte mit Händen und Füßen, woher ich kam und wohin ich wollte. Einer im Fall mir energisch, die Nordroute um den nächsten Berg herum nach Barış zu nehmen, da sie weniger bergig sei. Ich entschied mich allerdings dagegen, da heute der Wind eine viel wichtigere Rolle spielte. Eine gute Entscheidung, denn meine ursprünglich geplante Südroute entpuppte sich als wunderschönes herbstliches Tal.

    In Bares angekommen, hielt ein Auto neben mir. Der Fahrer sprach perfektes Englisch und besuchte jemanden in einer der provisorischen Containersiedlungen. Er empfahl mir eine günstige Unterkunft in Nurhak, der nächsten Stadt, und erklärte mir auf Nachfrage, dass die ganzen Neubauten von der Regierung gebaut würden und zur Erdbebensicherheit maximal zwei Stockwerke hätten.

    Den letzten Hügel nach Nurhak wurde ich durch den starken Wind fast ohne Treten hinaufgeschoben. Das Wetter wurde immer ungemütlicher und stürmischer, und ich war froh, dass ich die unscheinbare Unterkunft empfohlen bekommen hatte. Da ich auch mit dem Wissen, dass es sie gab, zunächst an ihr vorbeifuhr. Ich mietete mich in den jugendherbergsgleichen Bau für eine Nacht ein und war froh, bei dem nun wirklich stürmischen Wetter draußen ein Dach über dem Kopf zu haben. Im Zelt hätte ich sonst bestimmt kein Auge zugedrückt, außerdem fühlte ich mich nach dem ganzen Wind des heutigen Tages tatsächlich etwas schlapp.
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  • Herzlichste Menschen, harte Umstände

    18 Oktober 2024, Turki ⋅ ☀️ 12 °C

    Es klappt einfach nicht, mal einen kurzen FindPeguins zu schreiben, der Morgen reicht schon wieder für ein ganzes Buch.
    Zunächst gab es nämlich Frühstück im Gästehaus. Ein kleines Selbstbedienungsbuffet. In der angrenzenden Küche herrschte dennoch bereits hektisches Treiben. Zunächst werkelte nur ein Mann in der Küche, Säcke voll geschnittener Auberginen standen herum und eine Frau sortierte erst Besteck und schnitt dann Brot, welches sie in riesige Dosen packte und dann auf meinem Esstisch zu zwei Türmen stapelte. Kurze Zeit später trafen vier weitere Frauen ein. In der Küche ging es nun richtig rund und es wurde begonnen, in riesigen Töpfen zu kochen: Köfte, Hähnchenschenkel, Suppe, Bulgur usw. Wenn ich es richtig heraushörte, für 150 Personen. In einer kurzen Atempause zum Çaytrinken wollte ich eigentlich nur den Schlüssel abgeben, fand mich dann aber ebenso schnell am Tisch mit einem Tee wieder. Eine lustige Runde, die viel scherzte und lachte. Beim Selfie, das unbedingt gemacht werden sollte (nicht meins), hüpfte der „Tellerwäscher“ der Küchenchefin auf den Schoß – das hätte ich so nicht erwartet. 😄 Die hat übrigens vor oder träumt davon, mal nach Deutschland zu gehen. Wir unterhalten uns mal wieder per Übersetzungsapp (ein bisschen Türkischkenntnisse wären so schön) und neben Scherzen über Alkohol, Schweinefleisch und dass der Tellerwäscher nun mit mir beten wolle, erfahre ich, dass sie Personalmangel haben und werde gefragt, ob ich mitkellnern will.
    Nun wusste ich leider nicht, wie ernst die Frage gemeint war, ob das ohne Kellnererfahrung und Türkischkenntnisse eine gute Idee ist und gleichzeitig war das Wetter draußen ganz sonnig, sodass meine Antwort etwas zu zögerlich und überrascht in einer Gegenfrage endete. Im Nachhinein ärgere ich mich etwas, nicht mit einem klaren Ja der Begeisterung geantwortet zu haben. Es wäre bestimmt eine lustige Erfahrung gewesen!

    Auf dem Weg aus der Stadt werde ich kurz vor einer Polizeikontrolle fast von einem Auto angefahren, als es spontan nach rechts abbiegt. Ich frage mich, warum die sonst netten Polizisten den Fahrer nicht ordentlich zurechtweisen und stattdessen nur meinen Pass sehen (und sich ein bisschen mit mir unterhalten) wollen.

    Der weitere Weg verläuft dann durch eine ländliche Hügellandschaft, die von vielen kleinen Dörfern durchzogen ist. Auch hier sieht man noch einige Container als Hauserstatz und teils riesige Risse in den Gebäuden.

    Als ich in Sürgü ankomme, suche ich eine Lokanta auf. Es gibt wieder meinen Favoriten Reis und Bohnen (Pilav und Fasulye). Als ich im Anschluss dann noch gerade Wasser auffüllen möchte, kommt ein Ladenbesitzer von der anderen Straßenseite, spricht mich an und lädt mich auf einen Tee ein. Da es doch relativ kalt ist, sage ich nicht nein und will die Gelegenheit nutzen, mich zu erkundigen, ob ich irgendwo auf den nächsten Kilometern oder im nächsten Dorf zelten kann. Abuzer lädt mich darauf direkt ein, bei ihm zu Hause im Gästezimmer zu übernachten. Er muss allerdings noch bis sieben Uhr im Laden arbeiten. So schaue ich dem Treiben etwas zu und nutze die Gelegenheit, mit der großen Gemüsewaage mal mein Fahrrad und mich zu wiegen. Tatsächlich haben wir beide zugenommen, weil ich immer so gut gekocht habe, oder die Waage nicht so ganz stimmt, oder mein Fahrrad ist mit 56 kg inkl. Wasser einfach ein bisschen schwer …

    Bevor Abuzers Schichtwechsel stattfindet, essen wir noch Dürüm, der von irgendjemandem von nebenan vorbeigebracht wird. Dann soll ich noch ein paar Dinge als Abendsnack aus dem Laden aussuchen. Auf dem Weg nach Hause stoppen wir nochmals an und wärmen uns mit einem Çay auf.

    Bei Abuzer angekommen, bereitet er noch das Pendant zur deutschen Schnittchenplatte vor, schmeißt den Fernseher an und wir unterhalten uns eine Weile per Übersetzungs-App. Durch den Kontext kann man auch mehr oder weniger viele Übersetzungsfehler verstehen. Das es hier immer wieder Gehirnerschütterungen gäbe, meint wohl eher die Erdbeben.

    Die Gastfreundschaft ist mal wieder beeindruckend. Dabei ist es gar nicht so einfach und ziemlich berührend, hier Gast zu sein. Bei einem Menschen, der vor zwei Jahren sein Haus (und vielleicht auch noch viel mehr) verloren hat und den ganzen Tag (7 - 19 Uhr) über in seinem unbeheizten Containerladen arbeitet. Immerhin können zwei seiner Kinder studieren, eins besucht die Highschool und sein Bruder hat gerade eine Aufenthaltsgenehmigung in Deutschland erhalten – zumindest für einen Monat.

    Randnotiz: Es wäre doch schön, Türkisch zu sprechen (oder eigentlich Kurdisch), um sich ein bisschen besser unterhalten zu können mit den Menschen, die einen einladen.
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  • Alte Brücken

    19 Oktober 2024, Turki ⋅ 🌙 9 °C

    Hatte ich vor einer Woche noch Sandalen, kurze Hose und ein einfaches Shirt an, sind es nun plötzlich die festen Schuhe, lange Hose, Merino-Shirt, Pullover, Daunenjacke und Handschuhe. Gerade die morgendlichen Temperaturen sind enorm gefallen – um die 1 bis 2 Grad soll es gewesen sein. Die Höhenlage macht sich bemerkbar.

    Zusammen mit Abuzer gehe ich zu seinem Laden, der zunächst verkaufsbereit gemacht wird. Obst abdecken, fegen und wischen. Dann frühstücken wir. Brot und Käse werden wieder vom Laden auf der anderen Straßenseite geholt.
    Abuzer arbeitet hier von 7 Uhr bis 19 Uhr. Der Container hat keine Heizung. Ich frage mich, wie er das aushält, insbesondere in den kommenden Monaten.

    Nach dem Frühstück verabschiede ich mich und muss mich erst einmal warmradeln. Durch die stärker werdende Sonne geht es aber ganz schnell. Nach einem Stück auf der großen Straße biege ich in eine kleinere ab, passiere Tabakfelder und durchquere schließlich eine wunderschöne Schlucht.
    An einem höher gelegenen und vor allem sonnigen Punkt mache ich Tee-, Nuss- und Sonnenblumenkernpause – irgendwie müssen die ja mal weniger werden.

    Die Schlucht mündet in einen breiten Fluss, der ein paar Kilometer weiter von der Cendere-Brücke, einer alten Römerbrücke, überquert wird. Hier sind plötzlich auch wieder einige Touristen und Ausflügler anzutreffen. Absurderweise möchten einige (wie auch sonst nicht selten Leute auf der Straße, mit denen man nur kurz Smalltalk hält) Selfies oder Fotos mit mir machen. Im Nachhinein nicht unbedingt angenehm, aber anfangs sage ich schon häufig ja, da ich ja auch viele Fotos (mit Leuten) mache. Ein Mann stellt sich mir als Bürgermeister der Gegend vor, spricht mit mir, während ein anderer „heimlich“ mit dem Handy filmt – gewöhnungsbedürftig.
    Vor der Brücke kaufte ich noch in einem kleinen „Tante-Emma-Laden“ ein und aß im ebenso kleinen und einfachen Restaurant nebenan. Der Platz drumherum glich eher einem Baustofflager, hinter dem Hof stand ein kleiner Kuhstall, und Hühner liefen auf und ab. Während des Essens, das sie erst noch auftreiben mussten, unterhielt ich mich mit den netten Leuten. Zahlen sollte ich am Ende nicht, was mir wieder ziemlich unangenehm war. Soll man überhaupt noch in so kleine familiäre Restaurants gehen oder sich z. B. nach einem Ort zum (Wildcampen) erkundigen, wenn das häufig zu einer Einladung und großer Gastfreundschaft führt? Es ist natürlich schön, aber auch etwas unangenehm, weil die Menschen häufig ja selbst nicht so viel haben – zumindest nicht so viele Freiheiten und Möglichkeiten wie ich.

    Den Campingplatz nahe der Brücke finde ich etwas unsympathisch, weshalb ich dann noch etwas weiterfahre und auf der Suche nach Wasser und einem geeigneten Spot gehe. Ich sehe noch eine alte Brücke und werde dann in Eski Kağnı fündig. Wasser bei der Moschee, ein bereits geschlossenes Café, welches auch Zimmer anbietet, und bei dem ich, nachdem ein Nachbar ein Telefonat führt, mein Zelt aufschlage. Allerdings musste ich mich dann nochmal nach dem Preis versichern, da es erst hieß, es sei "tomorrow, not much". So ganz sympathisch klang der Mann am Telefon dabei nicht, eher sehr nach Verkäufer. Mal schauen, ob es morgen wirklich bei 100 Lira bleibt.
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  • Wucher und kurdische Hochzeit

    20 Oktober 2024, Turki ⋅ ☀️ 18 °C

    Tatsächlich hatte meine Intuition und mein erster Eindruck von der Stimme am Telefon nicht getrogen. Die Cafébesitzer waren mir sehr unsympathisch und hatten nur Geldverdienen im Kopf. Zwar blieb es für mich bei den 100 Lira für die Übernachtung, gleichzeitig zahlte ich aber viel zu viel für einen Kaffee, der weder mit Liebe zubereitet noch heiß war. Als drei Reisebusse hintereinander für 15 Minuten Leute auskippten, die in dieser Zeitspanne ein Getränk bestellen und runterkippen und dann noch Souvenirs kaufen sollten, sagte das eigentlich schon den Rest über den Laden aus. Zudem wurde mir, trotz etlicher Neins, auch noch versucht, den wunderbaren kurdischen Kaffee zu verkaufen, der 800 Lira (ca. 22 Euro) pro 250 g Paket kosten sollte (Nachtrag: Später finde ich heraus, dass die Kurden ihn hier für 300 Lira das Kilo handeln). Vielleicht ist es der Tourismus, der manche Leute verdirbt, wer weiß.

    Bevor ich den Aufstieg auf den Gipfel des Nemrut beginne, besichtige ich noch die alte Burg Yeni Kale. Was mir in Erinnerung bleibt: Sie soll Teil eines Tauben-Postnetzwerks gewesen sein.

    Auf dem Gipfel des Nemrut liegt die Grabstätte des hellenistischen Königs Antiochos I. Theos. Auf dem Weg dahin gibt es am Rand immer mal wieder griechische Ausgrabungsstätten. Griechische Inschriften, das Abbild eines „Handschlags mit Gott“ und einen 158 Meter langen, nicht fertiggestellten Tunnel, dessen Funktion nicht ganz klar ist.
    Für den Weg nach oben brauche ich ewig, da er unheimlich steil ist, durchgehend zwischen 10 und 20 %. Dementsprechend bin ich mittelmäßig erfreut, als ich oben angekommen feststelle, dass für die letzten 2 km zur Grabstätte 10 Euro Eintritt bezahlt werden müssen (für TürkInnen ist es nur ein Zehntel des Preises). Ich kaufe schließlich das Ticket und bin damit schon mal nicht umsonst hier hochgefahren - egal, ob es sich lohnt oder nicht - genial.
    Oben auf dem Gipfel ist es unglaublich windig und kalt. Ich schaue also lediglich die Grabfiguren an (die gar nicht so groß sind), mache ein paar Fotos und mache mich dann wieder auf den Weg nach unten. Zelten ist hier oben sowohl aufgrund des Windes keine Option, als auch, weil ich nicht wirklich an Wasser und Essen gedacht habe. Aber auch weiter im Tal ist es eher steinig oder leicht von der Straße einsehbar. Ich fahre also weiter bis ins nächste Dorf, kaufe noch etwas ein und brauche mir tatsächlich keine Gedanken mehr bezüglich der Übernachtung machen. Ein Mann, der Ladenbesitzer Mehmet, wie ich später erfahre, spricht mich an und sagt, ich könne gegenüber in der Bäckerei seines Bruders schlafen. Als ich mich noch nach einem Restaurant erkundigen will, sagt er irgendetwas von zwei Leuten, dort, wo die Musik herkommt, und sagt einem Jungen, dass er mich dorthin bringen soll.

    Es stellt sich heraus, dass hier im Dorf gerade eine Hochzeit stattfindet. Gefühlt ist das ganze Dorf anwesend oder vermutlich noch mehr, und es wird Musik gespielt und im Kreis getanzt (siehe Video). Essen gibt es en masse, und es scheint jeder eingeladen zu sein. Überhaupt geht es ziemlich lässig zu, alle Kleidungsstile sind vertreten, und Kinder laufen querbeet über den Platz oder durch die Tanzenden. Irgendwann lande ich selbstverständlich auch im Tanzkreis und soll ein kräftiges "Marşallah" auf das "Wallah" des Sängers ins Mikro brüllen. Teilweise tanzen Männer und Frauen auch im selben Kreis, allerdings nur, wenn der Übergang von der Männerreihe durch Ehefrau, Schwester oder Mutter überbrückt wird, denn ansonsten geben sich Männer und Frauen hier in den streng traditionel-konservstiven Regionen nicht die Hand.
    Als auffällige Bräuche, die scheinbar ebenfalls dazugehören, identifiziere ich das Geld fallenlassen während des Tanzes, was dann von Kindern aufgesammelt und zur Band gebracht wird, das Geldscheine zwischen die Lippen gesteckt bekommen und irgendwann fallenlassen und etwas später einen Tanz älterer Herren, der ziemlich anspruchsvoll und detailliert aussieht.
    Insgesamt geht der Abend tatsächlich gar nicht so lange. Gegen 21 Uhr haben sich schon viele verabschiedet, und auch ich mache mich auf den Weg in die Bäckerei.
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  • In der Bäckerei

    21–25 Okt 2024, Turki ⋅ ☁️ 10 °C

    Zwar ging die Hochzeit gar nicht ewig lange, dennoch wachte ich um 2 Uhr nachts in der Backstube auf. Wie das? Betrunken war ich nicht, was auch gar nicht möglich ist auf einer kurdischen Hochzeit – das ist übrigens allgemein sehr angenehm ohne Alkohol.
    Nun war ich allerdings trotzdem in der Backstube, weil diese dem Bruder des Mannes gehörte, der mich mit auf die Hochzeit genommen hatte. Wie ich später erfuhr, stand in einem Raum weiter hinten auch noch ein Hochbett, das ich hätte nutzen können. Ich hatte im Vorraum geschlafen, hinter den Schaufenstern, quasi als Ausstellungsstück.
    Nun kam also der Bäcker herein, der irgendetwas auf Kurdisch oder Türkisch sagte. Ob er Bescheid wusste, dass ich hier übernachtete? Er ließ sich auf jeden Fall nicht stören und begann mit der Arbeit. Ich war etwas verwirrt, ob ich nun einfach weiterschlafen sollte. Denn Müdigkeit und Kopfschmerzen, welche ich auf Schlaf- und Wassermangel, die Höhenmeter und den Wind von gestern zurückführte, saßen noch tief.
    Schlafen konnte ich aber sowieso nicht mehr und außerdem interessierte es mich, dem Treiben in der Bäckerei zuzuschauen. Vielleicht konnte ich ja auch etwas mithelfen.

    Der Bäcker hatte bereits den Holzofen angefeuert und den Teig zubereitet, der sich nun in einer riesigen Schüssel drehte und von einem entsprechend ebenso großen Mixer geknetet wurde. Nach einiger Zeit wurde er in große Stücke geschnitten und in eine Wanne zur Weiterverarbeitung geworfen.
    Dann kam Şener, Bäcker Nummer 2, dazu. Etwas Glut aus dem Ofen wurde abgenommen und in einem Eisengestell zur Teezubereitung genutzt (von nun an war der Teekessel den ganzen Tag in Betrieb). Dann ging es ans Brot (Ekmek) machen. Erst wurde der Teig portioniert und mithilfe einer Maschine in Brötchenform gebracht. Diese Rohlinge durften, mit viel Mehl drumherum, dann noch eine Weile gehen. Dann folgte Schritt zwei. Bäcker Nr. 1 formte die Brote mit einer Geschwindigkeit und einer Lautstärke, wie es keine Maschine hätte besser machen können. Die Routine und Fingerfertigkeit waren beeindruckend. Die nun geformten Rohlinge wurden zum weiteren Ruhen auf Bretter gelegt. Das Zusammen- und Festkleben wurde mit Tüchern, die auf den Brettern und deren Falten zwischen den Broten lagen, verhindert. Dann folgte eine Teepause und eine schnell zubereitete Pide im heißen Ofen als Frühstück. Im Anschluss ging es ans Brotbacken und in Kisten packen. Je Kiste jeweils 40 Brote.
    Der ganze Arbeitsprozess wurde immer wieder mal von Gesängen begleitet und man brachte mir mal wieder das islamische Glaubensbekenntnis bei, das ich nachsprechen sollte. Als Ausgleich dafür sang ich, nachdem ich aufgefordert wurde, ein deutsches Lied zu singen, einfach ein paar Weihnachtslieder – was anderes kann ich auch wirklich nicht singen.

    Die erste Fuhre Brote geht in Kisten scheinbar an verschiedene Läden. Als zweite Charge werden dann Pide gebacken. Die sind schon ein bisschen aufwendiger. Inzwischen kommen immer mehr Menschen in die Bäckerei, die irgendwie alle dazugehören, ein bisschen mitarbeiten, reden und Tee trinken. Irgendwann taucht auch Mehmet auf, der mich gestern eingeladen hatte und ein bisschen das Familienoberhaupt zu sein scheint.
    Es werden Kartoffeln, Auberginen, Paprika und Tomaten mit Knoblauch, Zwiebeln und Knoblauchknollen in den Ofen geschoben. Als diese gar sind, wird in zwei Schichten gemeinsam gefrühstückt. Neben dem Ofengemüse gibt es frische Pide, Käse und eine Art Oliventapenade. Das kurdische Gemeinschaftsfrühstück schmeckt nicht nur wahnsinnig gut, sondern gibt auch ein tolles Gemeinschaftsgefühl, da etliche Menschen hinzukommen und wieder verschwinden und es überhaupt normal zu sein scheint, dass immer mal Leute hereinkommen, sich setzen und einen Çaj trinken. Jener kocht auch den ganzen Tag auf einem Kohlestöfchen.

    Im Laufe des Tages beliefern wir noch die große Baustelle nebenan mit Waren aus dem Laden. Hier lande ich kurzzeitig im Büro der Ingenieure beziehungsweise der Bauleitung, trinke einen Çay mit ihnen und erfahre tatsächlich gar nicht so viel über das Straßenbauprojekt (Sprachbarriere), außer dass es für sieben Jahre angesetzt ist.

    Mehmet fragt mich direkt am ersten Tag, ob ich nicht eine Woche bleiben wolle. Ich gebe mein Ja für drei Tage, da ich so noch ein bisschen den Alltag beobachten kann und es (hoffentlich) noch nicht zu kalt in den Bergen wird. Am nächsten Tag kommt dann nochmal die Frage, ob ich nicht für einen Monat hier arbeiten wolle, er würde mich auch bezahlen. Das ist irgendwie schon lustig, es ist ja nicht so, dass ich irgendetwas Besonderes leisten würde. Ich vermute, dass ich einfach auch eine kleine Attraktion bin, Abwechslung für die Leute in der Bäckerei und interessant für alle, die hier Brot kaufen – der Deutsche, der Europäer, der ein paar Tage in der Bäckerei lebt.
    Tatsächlich wollen auch wirklich viele mit mir Çay trinken, Selfies machen, fragen, ob ich etwas brauche, oder schenken mir Essen. Das ist einerseits sehr nett und aufmerksam, aber auch ein bisschen sehr viel Aufmerksamkeit, in der ich mich nicht immer ganz wohlfühle. Drei Tage reichen da wirklich ...

    Es gibt übrigens fünf Bäckereien in dem Dorf, das ca. 1000 Einwohner hat. Ziemlich viele. Aber sie scheinen nicht nur zum Brotbacken genutzt zu werden. Häufig kommen Menschen (auch aus der näheren Umgebung) vorbei, um Paprika und Auberginen grillen zu lassen.
    Eigentlich alles ganz nett, bis auf die Hygienestandards. Beim Übernachten in der Bäckerei habe ich nachts schon die ein oder andere Katze und Kakerlake (glaube, dass es welche sind) in den hinteren Räumlichkeiten gesehen. Aber hey, haben sich nicht gerade ganz viele Amerikaner*innen E. coli bei McDonald's eingefangen?

    Was übrigens sonst noch interessant ist, ist das Hobby von Mehmets Bruder Dereli. Er fragte mich direkt am ersten Abend, als ich ihn traf, nach alten Bildern und Postkarten von (deutschen) Touristen. Ob ich welche hätte oder wüsste, wo man welche finden könnte. Ich war über dieses seltsame Sammelhobby zunächst etwas verwirrt. Was will man mit alten Fotos von deutschen Touristen? Zwei Tage später, als er mich zu sich nach Hause einlud, lüftete sich das Geheimnis. Dereli betreibt Ahnenforschung seiner Familie. Er ist hier auch schon viele Generationen weit zurückgekommen, doch gibt es nur wenige Fotos (seine und seines Vaters max. Großvatergeneration), da die Menschen hier kaum Kameras besaßen. Nun gab es aber sehr wohl Touristen und deutsche Archäologen (allen voran Otto Puchstein, den Namen, den er immer wieder nannte und auch seinen kleinen Sohn gelegentlich so rief), die hier aktiv waren und eben schon Kameras besaßen, auf deren Fotos teilweise auch Einheimische mit Namensvermerk abgebildet sind. So fand er bereits ein Foto eines seiner Vorfahren. Wahnsinn!
    Des Weiteren ist Dereli übrigens Landwirt und schwärmte von einer Tomatensorte, die kein Wasser benötigt. Er fragte mich zudem, welche Pflanzen es bei uns gäbe, die es hier nicht gibt, und ob ich ihm Samen von diesen zuschicken könnte. Tatsächlich fiel mir diesbezüglich nur Raps ein. Ansonsten scheint es hier doch eine sehr große Vielfalt an Nutzpflanzen zu geben. (Quizfragen sn alle die dies Lesen, welche Nutzpflanzen gibt es in Deutschland aber nicht in der Türkei?)

    Randnotiz:
    Bei ca. 10 bis 20 Çay am Tag mit jeweils ein bis zwei Würfel Zucker habe ich vermutlich spätestens jetzt Diabetes.
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  • Hybrides Fahren - Hauptstadt der Kurden

    24 Oktober 2024, Turki ⋅ ☀️ 22 °C

    Ein letztes Mal in der Backstube aufwachen, ein letztes Mal Brote verpacken und ein finales gemeinsames Frühstück. Ein bisschen bin ich auch froh, denn die Nächte in der Backstube waren kurz und ich freue mich auf den Ausschlaf. Zum Abschied erhalte ich von der Apotheke gegenüber eine Packung Schmerztabletten, obwohl ich selbst welche habe und sie bisher noch nie brauchte – das bisher sonderbarste Geschenk.

    Die ersten 50 km werde ich von Mehmet in seinem Transporter mitgenommen, der in der Stadt Mail und Gemüse von den Großhändlern kaufen muss. Die kommt ihm ganz gelegen, unter der Abschnitt nur auf der Bundesstraße wäre. Leider sehe ich so allerdings nicht ganz so viel vom beeindruckenden Euphrat. Tatsächlich ist das in Schluchten gefressene, teils sehr grüne und wasserreiche Flusstal eine biblische Landschaft.

    In Siverek angekommen, nimmt mich Mehmet noch zum Mehlhändler und Gemüsemarkt mit. Ich glaube nicht nur, um mir dies zu zeigen (denn es wird einfach nur viel herumgesessen, während andere die Arbeit machen), sondern vor allem, weil es vielleicht etwas Besonderes ist, jemanden aus Europa oder Deutschland zu Gast zu haben.

    Bevor ich aus der Stadt fahre, gönne ich mir noch ein zuckersüßes churrosähnliches Gebäck (Halka tatlı). Dann geht es einen stinkenden Hügel hinauf, der am Straßenrand vom umherfliegenden Müll der Müllhalde gesäumt ist – bessere Infrastruktur (geschlossene Müllhalden oder Müllverbrennungsanlagen) würden hier bestimmt schon einiges an umherfliegendem Müll reduzieren.

    Die Strecke von Siverek bis Diyarbakır fällt durch ungewöhnlich steinige und felsige Steppenlandschaften auf (Basalt?). Nach ein paar Kilometern überholt mich ein Mann mit seinem Zweitakter-Lieferwagen, hält an und fragt, ob er mich die nächsten 20 Kilometer mitnehmen soll. Da ich heute hier schon einmal geschummelt habe und es immer noch Bundesstraße ist, sage ich ja – was für eine nette Begegnung!

    Anders als geplant schaffe ich so heute mehr Kilometer und bin am Nachmittag in Diyarbakır. Eine ganz ungewöhnliche und interessante Stadt. Der Norden besteht aus großen neuen Wohnblöcken und wirkt ziemlich modern und westlich. Dann wird es plötzlich ärmlicher (ein paar bettelnde Menschen und auch Kinder, die in Mülltonnen wühlen), dreckiger und die Häuser sehen heruntergekommener aus. Irgendwann komme ich in der Altstadt, dem Viertel Sur, an. Es ist von einer Stadtmauer umschlossen und erinnert ein bisschen an die Medinas Marokkos, nur nicht mit ganz so schmalen Gassen (liegt vielleicht auch an den Zerstörungen vor einigen Jahren, siehe unten). Nur dass hier viele Autos fahren und es eine riesige Ringstraße und sehr viele neue Gebäude gibt.

    Eigentlich wollte ich in der Stadt nur schnell einkaufen und Wasser auffüllen. Doch da die Stadt so ein geschichtsträchtiger und historischer Ort zu sein scheint, erkundige ich mich bei einer Frau, die mich beim Wasserauffüllen anspricht, nach einer günstigen Unterkunft. Sie führt mich zu einem preiswerten, etwas sonderbaren Hotel (ein paar offene Zimmer sehen aus wie Wohnzimmer, in denen Familien sitzen und über Gaskochern kochen). Ich gönne mir den "Luxus" und mache direkt noch einen abendlichen Spaziergang.

    Ansonsten existieren aber auch viele kleine Läden, Schneider-, Textil-, Gewürz- und Nussgeschäfte und natürlich die Straßenverkäufer. Gleichzeitig gibt es auch eine Ecke mit sehr neuen Häusern und etwas "edleren" Cafés und Restaurants. Hier finde ich überraschenderweise auch ein paar christliche Kirchen, die inzwischen geschlossen sind und auf meine ToDo-Liste für morgen kommen.
    Als ich in eine Seitenstraße einbiegen will und auf einen der vielen Polizeiposten treffe, hält mich dieser freundlich davon ab, weiterzugehen. Es sei unsicher in manchen Straßen. Ein Zeichen der politischen Spannungen und der Armut hinter der Fassade neuer Häuser?
    Den Mischmasch an Neu- und Altbauten, die ungewöhnlich vielen Polizisten und die teilweise Armut sind Resultat der kriegsähnlichen Monate vor wenigen Jahren hier. Damals kam es zu Straßenschlachten in der Altstadt (Stadtteil Sur) zwischen Kurden und türkischen Polizeikräften und der Armee. Laut Wikipedia wurden bis zu 80 Prozent der Gebäude in der Altstadt zerstört – wirklich schade sowohl für die Menschen als auch um die zerstörten Teile der Altstadt.

    Mit diesen Eindrücken kehre ich zum Hotel zurück, schmeiße nun ebenfalls meinen Kocher an und falle nach dem Essen müde ins Bett.

    Randnotiz:
    Was immer wieder ein Witz ist, ist die Tatsache, dass es, anders als in Deutschland, etliche Läden mit unverpackten Lebensmitteln von Gewürzen über Tee, Kaffee bis zu Snacks und Süßigkeiten gibt, bei denen man genau die Menge kaufen kann, die man haben möchte. Mangelt es in Deutschland an solchen tollen Läden, so mangelt es hier an dem Wunsch, die Waren dann auch unverpackt zu kaufen bzw. zu verkaufen. Ganz im Gegenteil wird alles doppelt und dreifach in Tüten eingewickelt.

    Çaycounter: 2
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  • Und nochmal Diyarbakır

    25 Oktober 2024, Turki ⋅ ☀️ 22 °C

    Das Zimmer im Hotel nutze ich, um etwas Schlaf nachzuholen, etwas FindPenguins und ein paar Postkarten zu schreiben. Die Suche nach der Post dauert ein bisschen, weil einige Filialen geschlossen sind und ich quer durch die Stadt fahre. Auch jetzt fällt wieder auf, wie viel Militär unterwegs ist. Fünf Hubschrauber fliegen Schleifen, Wasserwerfer und an einem Ort Polizisten im 10-Meter-Abstand – als würden hier zehn Dynamospiele gleichzeitig stattfinden. Normal oder aufgrund des PKK-Anschlags in Ankara?
    An einer Kreuzung verkauft ein Mann, dessen Beine ungewöhnlich verdreht aussehen und ungleich lang sind, Taschentücher. Mir sind schon ein paar Menschen mit Gehbehinderung aufgefallen – überdurchschnittlich viele? Resultate der Auseinandersetzung mit Polizei und Militär vor ein paar Jahren?

    Bei der Post erkundige ich mich auch nach Paketkosten nach Deutschland und entscheide mich, noch ein paar Souvenirs zu kaufen und ein paar nicht benötigte Sachen zurückzuschicken. Ich drehe also noch einmal eine Runde durch die Stadt, schaue mir die armenische und katholische Kirche von innen an und verbringe sehr viel Zeit damit, Mokkakocher aus Kupfer auszuwählen und ein Kaffeeservice dann doch nicht zu kaufen. Auch der zweite Postbesuch benötigt noch etwas Zeit, sodass ich erst am Nachmittag aus der Stadt loskomme.

    Ich überquere den zweiten biblischen Fluss, den Tigris, und fahre dann auf der anderen Seite des Universitätsklinikums hinauf. Die Millionenstadt endet schnell, und ich finde mich in Wäldern und Feldern wieder.
    Aufgrund der fortgeschrittenen Stunde nehme ich mir vor, schon nach einem Übernachtungsplatz Ausschau zu halten. Die Gegend ist leider noch mit Schafen und Hirten belebt, und so frage ich einfach beim nächstbesten Haus nach. Statt eines Zeltplatzes gibt es sogar einen kleinen Container, in dem ich es mir bequem machen kann. Damit nicht genug, kümmern sich direkt zwei etwas jüngere Männer als ich um mich und rufen noch einen Verwandten aus Estland an, der fließend Englisch spricht. Sie wollen noch mit mir in die Stadt fahren und essen gehen.
    Die genaue Planung ist in solchen Situationen dann immer gar nicht so einfach nachzuvollziehen. Einmal aufgrund der Sprachbarriere, aber auch, weil Pläne nicht so ganz genau erklärt werden und Zeiten eher so grob der Orientierung zu dienen scheinen. Ich weiß also nicht ganz so genau, was nun los ist, als sich einer der beiden verabschiedet, um Freunde zu treffen, und der andere sagt, dass das Essen fertig sei und er es holen würde. Als nach einer halben Stunde nichts passiert, esse ich schon mal meine Reste von gestern auf.
    Dann fährt allerdings ein weißer BMW vor, in dem neben einem der Jungs noch zwei seiner Cousins sitzen. Die zweite Spritztour auf dieser Reise beginnt. Wir fahren wieder nach Diyarbakır, schauen uns noch eine alte Brücke an, tanzen Halay und essen – wohl für diese Gegend typisches – Leberschaschlik. Ohne dass ich es wirklich mitbekomme, wird für mich noch eine Portion Köfte zum Mitnehmen gekauft. Außerdem halten wir noch an einem Supermarkt, in dem Snacks und Getränke gekauft werden – ich habe keinen blassen Schimmer, was heute noch geplant ist.
    Schließlich fahren wir zum Container zurück, der mein Nachtquartier sein wird. Doch Schlafenszeit scheint noch nicht zu sein. Einer der Jungs bleibt da und packt die Snacks aus, und nun ist wohl Snacktime. Eigentlich bin ich ziemlich müde und würde gern schlafen. Aus Höflichkeit sage ich allerdings nichts, und so sitzen wir noch eine Weile da, essen vor uns hin und unterhalten uns per Übersetzungs-App.

    Etwas unwohl bzw. überrascht fühle ich mich, als Kadir plötzlich mir einer Pistole rumspielt, die er scheinbar dabeizuhaben pflegt. Dass er als Getränke Whiskey und Redbull trinkt, macht die Situation nicht sonderlich besser.
    In so einem Moment frage ich mich kurz, wie sicher das Ganze hier eigentlich ist, komme aber zu dem Schluss, dass man gerade mit mir durch die Stadt gefahren ist und Fotos, auf denen ich drauf bin, an sämtliche Verwandte und Social-Media-Kanäle geschickt wurden.
    Auf die Frage, warum er eine Pistole trägt, antwortet er, es sei zur Sicherheit. Man könne nie wissen, und tatsächlich wirkt er auch immer sehr schreckhaft, wenn er draußen Geräusche hört. Ich schaue mir die Pistole an und frage mich dann allerdings, was eine Pistole mit leerem Magazin zum Sicherheitsgefühl beitragen soll.🤔

    Die Geräusche, bei denen er hochschreckte – und schnell die Whiskyflasche versteckte –, waren übrigens noch zwei Cousins von ihm, die mit einem Trecker vorbeikamen und sich noch dazu gesellten. Mir wurde das schon fast zu viel (zumal der eine immer irgendwelche Fotos und Videos mit der Aufforderung, dass ich irgendetwas auf Kurdisch nachspreche, machen wollte). Das ist ja alles schön und nett, aber ich war eigentlich wirklich müde. Glücklicherweise war dann irgendwann Feierabend, und ich hatte den Container für mich allein und konnte ins Bett fallen.
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  • Baumwollmaschinerie im Tigristal

    26 Oktober 2024, Turki ⋅ ☀️ 18 °C

    Es gibt Kurzfrühstück in meiner Containerunterkunft, bestehend aus ein paar Resten von gestern. Dann geht es über kleine Dörfer mit etlichen Truthähnen zum Tigristal. An den Straßenrändern „klebt“ jede Menge weiße Wollfetzen von den etlichen Baumwollfeldern, die es hier gibt – Wasser ist vermutlich durch den Tigris genug vorhanden. Einige Felder werden maschinell geerntet, auf ein paar anderen sehe ich Leute, die per Hand pflücken.
    Nach gut dreißig Kilometern komme ich an einem Baumwolllager vorbei und werde auf einen Çay herangewunken. Da ich keine Ahnung von der Baumwollindustrie habe, drehe ich um, das könnte spannend werden. Ich werde von den Männern begrüßt und bekomme nach zwei Çay eine kleine Führung (Video auf Türkisch vorhanden, folgt irgendwann). Die Baumwolle kommt von den Feldern hierher und wird von Blättern, Samen und der Außenhülle befreit. Die Samen werden separat aussortiert und später noch zu Speiseöl verarbeitet (ich habe zwar noch nie davon gehört, hoffe aber, dass die Übersetzungs-App nicht gelogen hat). Aus der gereinigten Baumwolle (ein bisschen Kleinkram ist noch drin) werden 230 kg schwere Baumwollklötze gepresst und schließlich weirerverkauft.
    Obwohl ich bereits mehrfach sagte, dass ich bereits gegessen habe, endet meine Privatführung in der kleinen Kantine, und ich bekomme ein Essen vorgesetzt. Hier essen auch die 55 Beschäftigten – einige von ihnen aus Syrien.
    Ich unterhalte mich noch etwas mit Ayaz, der mir die Führung gegeben hatte, über meine Reise. Er fragt, wie das mit der Sicherheit ist und ob ich „Material“ hätte. Damit meint er tatsächlich Waffen und fragt auf meine verneinende Antwort, ob das nicht gefährlich sei und er mir eine besorgen solle. Ich bin überrascht, auch gestern machten sich die Leute Sorgen über ihre Sicherheit und trugen eine Waffe. Hier, wo sie Gastfreundschaft immer größer wurde. Auf meine Nachfrage, was denn gefährlich sei, heißt es, andere Stämme, die ihnen etwas wegnehmen wollten. Ich verstehe nicht wirklich, was oder wer gemeint ist (Sprachbarriere). Türken? Geflüchtete aus anderen Ländern? Andere Kurden? Andere Familien? Auf jeden Fall klingt es für mich so, als würde es eher die Menschen hier untereinander betreffen.
    Wir kehren zu den anderen Männern, ,die noch immer oder wieder Çay trinken, zurück. Es werden zwei weitere bevor die übrigens ziemlich lustige Runde mich gehen lassen will.

    Der weitere Weg bis nach Batman führt bald wieder auf der Bundesstraße entlang. Ich werde noch ein paar Mal gefragt, ob ich etwas benötige, Wasser brauche oder einen Çay möchte.
    Im Sonnenuntergang erreiche ich kurz vor Beşiri ein Restaurant, wo ich mich erkundige, ob ich hier zelten könne. Dies ist wieder einmal kein Problem und natürlich soll ich nach dem Zeltaufbau noch auf einen Çay vorbeikommen.

    Çaycounter: 6 & 1 Kaffee
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  • Hinauf auf die kalte Hochebene

    27 Oktober 2024, Turki ⋅ ☀️ 17 °C

    Bevor ich heute Morgen die Abfahrt herunter rolle, muss ich direkt für eine Fotopause stoppen: Das Tal voe mir liegt im Nebel, vorne schauen ein paar Dörfer, hinten die Berge heraus, in die ich heute rein fahre.
    Im Tal macht sich der Nebel direkt mit kälteren Temperaturen bemerkbar.

    Die heutige Strecke verläuft zur Hälfte auf einer kleineren Straße, die mal wieder durch Baumwoll- und Tabakfelder führt. Es sind auch sehr viele Hirten unterwegs. Die Herden sind deutlich größer, sodass teilweise bis zu drei Hirten pro Herde dabei sind. Einer hat sogar einen solarbetriebenen Esel;)

    Als ich wieder auf die Hauptstraße komme, sehe ich links und rechts kleine Becken, in denen Salz gewonnen wird. Entlang der Straße stehen etliche Stände, an denen große Salzpakete verkauft werden – häufig auch von Kindern, die ab und an unangenehm aggressiv irgendetwas rufen und „Money, Money“ betteln.
    Ich frage mich übrigens, woher das salzige Wasser kommt, da hier weit und breit kein See ist.

    Zur Abwechslung suche ich zur Mittagspause mal wieder ein Restaurant an einer Tankstelle auf – sehr lecker, wenn ich auch ein bisschen vom Preis überrascht war.

    Ziemlich vollgefuttert fahre ich auf der Hauptstraße weiter in die Berge. Landschaftlich sehr schön, aber viel Verkehr, insbesondere LKWs. Auffällig sind auch die vielen Militärposten. Entweder als kleine Burgen auf Hügeln neben der Straße oder als größere Kasernen, die mit Beton, Sandsäcken, Stacheldraht und Türmchen und gepanzerten Fahrzeugen davor kleinen Festungen gleichen. Ein bisschen wie man es in irgendeinem Nah-Ost-Actionfilm erwarten würde.

    Bis nach Tatvan schaffe ich es nicht ganz und frage vor der Dämmerung im nächsten Restaurant, ob ich mein Zelt hinter dem Gebäude aufstellen kann – wieder einmal kein Problem.
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  • 90 km vorwärts gebeamt

    28 Oktober 2024, Turki ⋅ ☀️ 11 °C

    Die Freundlichkeit kannte heute mal wieder keine Grenzen. Bereits gestern Abend redete der Restaurantbetreiber so lange auf mich ein, dass es doch zu kalt im Zelt sei, bis ich irgendwann aufgab zu sagen, dass es schon so passt, und eins der drei Betten in seiner Schlafkammer nahm. Das Zelt musste ich morgens trotzdem noch abbauen, da ich es schon aufgebaut hatte.

    Ich konnte so allerdings zeitnah starten, um früh in Bitlis anzukommen und zu frühstücken. Ich kaufte Brot und Teilchen beim Bäcker und sah dann einen Laden, der Aufstriche zu verkaufen schien. Nichtsahnend trat ich ein und merkte schnell, dass hier keine Aufstriche verkauft wurden. Es handelte sich um eines der in der Region traditionellen Frühstücksimbisse/Restaurants – auch gut, das Brot wird für später aufgeschoben. An der Theke konnte ich ein paar Aufstriche wählen (Nusscreme, Honig mit Rahm serviert, Walnussmarmelade und Käse) und erhielt eine Pide und selbstverständlich Çay dazu. Sehr kulinarisch und das für schlappe hundert Lira (ca. 2,50 Euro).

    Auch Bitlis selbst gefiel mir sehr gut und wirkte irgendwie ganz anders als die bisherigen türkischen Städte – ruhig und lebhaft zugleich. Vielleicht liegt es an der Lage in den Bergen. Die Straßen waren gut gefüllt von geschäftigen Leuten und etwas weniger geschäftigen älteren Männern in teils ganz modischen, schicken Anzügen mit Mützen auf dem Kopf. Diese füllten die Cafés, leerten die Çays und sorgten für ein stimmig traditionelles Gesamtstadtbild.

    Als ich Bitlis verlasse, sehe ich noch Kinder vor einer Schule singen. Sie sind komplett mit türkischen Flaggen und Türkei-T-Shirts ausgestattet. Ich überlege, zu welchen Schlagzeilen es wohl in Deutschland kommen würde, wenn man sich dies bei uns vorstellte?

    Der Weg nach Tatvan geht nun schnell. Dort angekommen, bin ich allerdings gar nicht so begeistert. Die Stadt wirkt wie ein 0815-Touristenort und der 2. Berg/Vulkan Nemrut sieht von hier sehr unspektakulär aus. Ich beschließe, den Weg hoch zum Krater nicht auf mich zu nehmen, mache nur kurz Pause und fahre dann weiter Richtung Van.
    Beim Wasserauffüllen wird mir zunächst ein Çay angeboten und dann hält noch ein Pritsche mit drei Bauarbeitern, die mich fragen, ob sie mich mitnehmen sollen. Da ich mich für die längere Route entschieden habe, klingt das gar nicht schlecht und so beame ich mich gute 90 km vorwärts. So ganz weiß ich noch nicht, was ich davon halten soll – einerseits war die Landschaft wirklich schön und ich hätte sie mit dem Fahrrad noch mehr genießen können, andererseits war es wieder nur Bundesstraße und auch schon relativ spät.

    Ich lasse mich an einer Tankstelle absetzen, wo ich nur Wasser zum Kochen auffüllen und etwas Käse kaufen möchte. Doch komme ich schnell mit den zwei jungen Männern ins Gespräch und werde direkt wieder eingeladen, im Nebenraum zu schlafen, statt mein Zelt irgendwo am Strand aufzubauen. Da die beiden sehr sympathisch wirken, sage ich ja, lade schon mal meine Sachen ab und fahre noch einmal Richtung See, um noch ein paar Fotos vom – leider schon sehr weit fortgeschrittenen – Sonnenuntergang zu schießen. Im Anschluss geht es zurück. Ich sitze noch eine Weile mit den beiden zusammen und nutze die Tankstellenküche, bevor ich mich in den Nebenraum zurückziehe und es mir auf einem Sofa bequem mache.

    Randnotiz:
    Schön in der Türkei ist übrigens die Normalität öffentliche (Trinkwasser) Brunnen für Allesmögliche zu nutzen. Ob zum Hände-, Arme-, Gesicht-, Füße- oder Gemüsewaschen oder zum Wasserauffüllen. Es ist ganz normal, weil es eben alle so machen. Und so werde ich auch nicht komisch angeschaut – oder eben genauso wie ein Europäer mit Fahrrad eben durchweg angeschaut wird –, wenn ich an einem dieser Brunnen Zähne putze.
    Auf der anderen Seite ist es hingegen wieder sonderbar, dass so viel Wert auf Waschmöglichkeiten (öffentliche Toiletten, Waschräume, Brunnen) gelegt wird und gleichzeitig so viel Müll in der Gegend und vor allem in Flüssen landet.

    Çaycounter : 6
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  • Am Vansee

    29 Oktober 2024, Turki ⋅ ☀️ 11 °C

    Nach einem morgendlichen Tankstellençay verabschiede ich mich und mache mich auf den Weg nach Edremit. Auf der Ruine (nun Aussichtspunkt) der Edremit Kız Kalesi (Edremit Mädchenburg) nehme ich einen kleinen Snack zu mir und genieße die morgendliche Stille und den Blick auf den Vansee.

    Dann geht es weiter nach Van. An der Stadteinfahrt fallen wieder die enormen Polizei- oder Militärkontrollen auf. Verrückt, was dies auch an Zeit kostet. Autos, LKWs und Betonmischer stehen in der Schlange und auch ich muss meinen Pass vorzeigen.

    Erster Stopp ist dann ein Supermarkt. Ich kaufe Oliven, Halva und fülle meinen Snackvorrat mit Nussmischungen, Kichererbsen und Mais von der verpackungsfreien "unverpackt"-Theke auf. Hier komme ich mit den bisherigen beiden netten Verkäuferinnen ins Gespräch und werde gefragt, wie man nach Deutschland einreisen könne und ob es stimme, dass das Visum kostenlos sei. Ich nehme an, dass die beiden es mit Asyl verwechseln und versuche, den Unterschied zu erklären. Wie viele andere wollen auch die beiden nach Deutschland. Manchmal glaube ich allerdings, dass einige es sich einfacher und vielleicht schöner ausmalen, als es ist – zumindest, wenn man zu den wirtschaftlichen Aspekten auch kulturelle Unterschiede und die Bürokratie mitdenkt.

    Als Nächstes schaue ich mir die Überbleibsel des alten Vans an. Diese bestehen eigentlich nur noch aus zwei bis drei Moscheen, wobei die Hüsrev Paşa Moschee sehr gut restauriert ist. Wie der Imam mir erklärt, wurde sie 1567 von einem Gouverneur des Osmanischen Reiches (Hüsrev Paşa) erbaut und ist eigentlich eine Külliye, d. h. ein Komplex aus Moschee, Brunnen und Medresse (islamische Schule). Der eigentlich sehr freundliche Imam erzählt mir auch noch, dass das alte Van während und nach des Ersten Weltkriegs durch die Armenier zerstört worden sei und diese den Türken immer einen Völkermord anhängen wollten und eigentlich selbst einen begangen hätten.
    Nun, da habe ich anderes gehört, und es zeigt mal wieder, dass man doch immer noch einmal prüfen sollte, was die Leute einem so alles erzählen. Tatsächlich war Van wohl im Ersten Weltkrieg (und bereits in vorherigen Jahrzehnten) umkämpft (Russland, Osmanisches Reich), und es gab auch Revolten der armenischen Bevölkerung. Nun wurden aber in der übrigen Türkei Hunderttausende bis Millionen Armenier deportiert und ermordet – die Revolte der Armenier hier kam also vielleicht nicht ganz ohne Grund …

    Nach meinem Moscheebesuch fahre ich noch kurz in die Stadt zum Bäcker. Das neue Viertel wirkt ziemlich modern, jung und westlich. Gleichzeitig haben die Geschäfte und das Treiben auf den Straßen ein typisch türkisches Flair.
    Von der Stadt aus fahre ich direkt ans Seeufer, um den Sonnenuntergang zu fotografieren.

    Im Anschluss begebe ich mich auf Schlafplatzsuche. Es ist schon dunkel und ich merke gar nicht richtig, was geschieht, als es einen Ruck gibt und ich mit meinem Fahrrad ins Schlingern gerate und rechts an einer Wand entlangschleife. Glück im Unglück: Ich kann mich halten und nur der rechte Handschuh hat etwas abbekommen. Doch wo ist eigentlich meine linke Vorderradtasche? Sie liegt ein paar Meter hinter mir auf der Straße und scheint die Ursache für die ganze Aktion gewesen zu sein. Beim Ausweichen vor einem der Geschwindigkeitshubbel habe ich scheinbar einen dicken Steinbrocken übersehen und mit der Tasche mitgenommen – wie auch immer das passieren konnte. Leider hat es auch die Befestigungshaken beschädigt, sodass die Tasche nicht mehr vollständig einzuklippen geht. Für die letzten paar Tausend Kilometer nach Deutschland sollte das aber kein Problem sein. ;)

    Nach dieser ungeplanten Unterbrechung steuere ich schnell den nächsten Strandpark an und frage beim Parkwächter, ob ich hier zelten könnte. Kein Problem, nur die Wiese ist nass, weshalb er mich auf den Basketballplatz verweist. Im Anschluss werde ich noch zum Tee und Grillen mit zwei weiteren Parkwächtern eingeladen. Von den Parkwächtern sind Nummer eins und zwei sehr nett. Der dritte ist leider krass antisemitisch drauf und findet Hitler gut. Was macht man in einer solchen Situation? Kontra geben, fragen, wie man einen Menschen gut finden kann, der Millionen umgebracht hat, und wie das als Muslim mit dem Koran (5:32) vereinbaren kann. Leider kann wieder mal nur mit Übersetzungs-App kommuniziert werden, doch ich hoffe, es hat irgendetwas gebracht.

    Çaycounter: ≈ 6
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